Die sozialen Folgen der Krise in Ostasien

BLOG: GEO-LOG

Die Welt im Blog
GEO-LOG

WanderarbeiterDie Weltwirtschaft erholt sich langsam von der schlimmsten Krise der letzten Jahre. Viel ist bereits über die Ursachen und die Vergleiche zu früheren Krisen geschrieben worden. Es bleibt allerdings die Frage offen, welche sozialen Folgen diese Krise für Schwellen- und Entwicklungsländer in Ostasien haben wird. Zehn Jahre nach der Asienkrise wird die Region erneut von einer schweren Finanzkrise erschüttert. Konnten die betroffenen Länder aus der vorherigen Krise hilfreiche Schlüsse ziehen, um harte soziale Schnitte zu vermeiden?

Zeichen der Entspannung in Ostasien
Aus den Ländern Ostasiens sind Zeichen der Erholung zu vernehmen. Angeführt von der wirtschaftlichen Erholung der Volksrepublik China senden auch Vietnam und Südkorea positive Signale aus. In den letzten Monaten konnten diese Länder wieder steigende Wachstumsraten in der Wirtschaftsleistung und bei den Exporten verbuchen. Die wirtschaftlichen Einschnitte, die die weltweite Finanzkrise brachte waren groß, vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländern. Durch schnelles Handeln vieler Regierungen konnte jedoch das schlimmste verhindert werden. Fast jedes Land in Ostasien schnürte relativ schnell Konjunkturpakete, die den wirtschaftliche Abschwung bremsten. Vor allem die Volksrepublik China handelte beherzt und zügig, und verabschiedete ein Konjunkturpaket welches vom Umfang her ca. 12% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) entsprach. Andere Länder in Ostasien folgten diesem Beispiel. Insgesamt schnürten die Länder Ostasiens Konjunkturpakete in Höhe von ca. 9% des BIP.

Dennoch kam es zu starken wirtschaftlichen Einschnitten. Die Weltbank schätzt, dass die globale Wirtschaftsleistung im Jahr 2009 um ca. 2,3% sinken wird. Dies ist der stärkste Rückgang in der Weltwirtschaft seit 1982. Die Länder Ostasiens konnten sich vor diesen Abwärtstrend relativ gut schützen. Die Wirtschaftsleistung der Region wird im Jahr 2009 um ca. 6,7% wachsen. Ein beeindruckender Wert, mag der Europäer denken. Allerdings lagen die Wachstumsraten der vergangenen Jahre um einiges höher. 2008 wuchs die Wirtschaftsleistung um 8% und im Jahr 2007 sogar um 11,4%. Den Löwenanteil des Wachstums in Ostasien konnte, wie auch in den vergangenen Jahren, die Volksrepublik China einfahren. Ohne die Volksrepublik, würde Ostasien ähnlich wie der Nahe Osten oder die Länder Afrikas südlich der Sahara wachsen. Thailand, Malaysia und Kambodscha erleben 2009 sogar einen wirtschaftlichen Abschwung.

Die sozialen Folgen der Krise
Nach den oben beschriebenen Wachstumsraten scheint ja wieder alles in Ordnung in der Region zu sein. Die Zeichen stehen auf Erholung, die Wachstumsraten ziehen wieder an und erreichen wahrscheinlich im nächsten Jahr wieder die Werte, die mit denen vor der Krise vergleichbar sind. Die ökonomische Erholung der Region scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein.
Doch es bleibt die Frage, welche sozialen Verwerfungen die Krise hervorgerufen hat. Trotz der Hochhauswelten in den Metropolen Ostasiens, leben nach wie vor viele Millionen Menschen im Hinterland in absoluter Armut. Wie haben diese Menschen die Krise erlebt? Bisher ist nur sehr wenig über diese Bevölkerungsgruppen bekannt.
Die Finanzkrise hat die Menschen in Schwellen- und Entwicklungsländern besonders hart getroffen, da in diesen Ländern nur wenige soziale Sicherungssysteme vorhanden sind. Sinkende Wachstumszahlen können in diesen Ländern dramatische Auswirkungen haben. Die Weltbank schätzt, dass durch das verlangsamte Wirtschaftswachstum bis Ende 2010 global mehr als 89 Millionen Menschen in absoluter Armut verweilen werden als prognostiziert. Die Grenze zur absoluten Armut wird von der Weltbank mit $ 1,25 Dollar angegeben. Für Ostasien bedeutet dies, dass mehr als zehn Millionen Menschen nicht in der Lage sein werden, der absoluten Armut zu entkommen.  

Durch die Krise und den wirtschaftlichen Abschwung kommt es vielerorts zudem zu einem starken Arbeitsplatzverlust. In fast allen Ländern Ostasiens ist die Arbeitslosenquote im zweiten Halbjahr 2008 und 2009 stark angestiegen. Der Arbeitsplatzverlust ist besonders stark in Industrien die eine hohe Exportorientierung aufweisen. Den freigesetzten Arbeitern bleibt nur die Möglichkeit im informellen Sektor der Städte Arbeit zu finden. Arbeitsmigranten kehren in großem Ausmaß zurück in die ländlichen Regionen aus der sie stammen und erhöhen dort zudem den Bevölkerungsdruck. In vielen Ländern Ostasiens waren Wanderarbeiter bisher eine wichtige Finanzquelle für den ländlichen Raum. Das erwirtschaftete Gehalt aus den Wachstumsregionen wurde von ihnen zurück in die ländlichen Regionen transferiert. Diese Geldströme versiegen nun.
Genaue Statistiken sind bisher nicht verfügbar. In China sind als Folge der Finanzkrise schätzungsweise eine Millionen formale Arbeitsplätze im produzierenden Gewerbe verloren gegangen. Diese Meldung erzählt allerdings nur die halbe Wahrheit. Da viele Wanderarbeiter nicht offiziell registriert sind, tauchen diese in der offiziellen Statistik gar nicht auf. Die Weltbank vermutet, dass alleine in China ca. 20 Millionen Arbeitsplätze im produzierenden Gewerbe verloren gegangen sind. Die geschnürten Konjunkturpakte konnten diese Entwicklung nicht ausgleichen. Das Konjunkturpaket der Volksrepublik schuf etwa zwei Millionen Arbeitsplätze, vor allem im Baugewerbe und im öffentlichen Sektor. Ähnliche Entwicklungen sind auch in Thailand und Vietnam zu beobachten. Die Konjunkturpakete konnten den absoluten Arbeitsplatzverlust nicht vollends ausgleichen.
Vergangene Krisen können viel davon berichten, mit welchen langfristigen Folgen zu rechnen sind. Während der Asienkrise 1997 konnten in den betroffenen Ländern negative Effekte auf Einschulungsraten, Ernährung und im Gesundheitssystem beobachtet werden. Benachteiligt sind in den ländlichen Regionen vor allem Mädchen, die eine schwächere Förderung erfahren. Die Weltbank schätzt, dass in den Ländern Ostasiens in diesem Jahr $12 Mrd. Dollar weniger für Bildung, Gesundheit und soziale Sicherung bereitstehen wird, als vor der Krise. Ein Großteil der Konjunkturpakete wurde durch neue Schulden finanziert. Geld für eine Stärkung der sozialen Sicherungssysteme ist in vielen Ländern kaum vorhanden. Viele Regierungen hoffen darauf, dass die Menschen in den betroffenen Regionen privat vorgesorgt haben. In der Tat ist die Sparquote in diesen Ländern traditionell sehr hoch. Ob dies jedoch ausreicht, um die Löcher, die die Finanzkrise gerissen hat, zu stopfen ist fraglich.

Quellen

1.    East Asia: After the crisis: Rede von Jim Adams, Vice President, East Asia and Pacific Region, World Bank zum Annual General Meeting in Seoul, Korea am 14 Oktober 2009

2.    Thailand Says Economy Won’t Fall as Much as Forecast

3.    China’s Export Decline Slows as Global Recovery Strengthens

4.    Hunger serious

5.    Vietnam’s economy bottoms out of crisis

  • Veröffentlicht in: KuSo

Veröffentlicht von

www.geographieblog.de

Meine Name ist Stefan Ohm und ich bin Geograph. Vor meinem Studium habe ich eine Ausbildung zum Fachinformatiker absolviert und danach bei Electronic Data Systems (EDS) als Lotus Notes Entwickler gearbeitet. Während meines Studiums in Hannover führte mich mein Weg zur Texas State University in San Marcos (USA) sowie zur University of Bristol (UK). Darüber hinaus absolvierte ich zwei Praktika bei NGO’s in Neu Delhi (Indien), mit dem Ziel Entwicklungsprozesse vor Ort genauer zu betrachten und damit ein besseres Verständnis über diese zu erhalten. Promoviert habe ich über den Strukturwandel im Perlflussdelta und Hongkong (China) an der Justus Liebig Universität in Gießen.

2 Kommentare

  1. Armut

    “Die Weltbank schätzt, dass durch das verlangsamte Wirtschaftswachstum bis Ende 2010 global mehr als 89 Millionen Menschen in absoluter Armut verweilen werden als prognostiziert. Die Grenze zur absoluten Armut wird von der Weltbank mit $ 1,25 Dollar angegeben.”

    Was heißt das? Daß sie verhungern werden? Weißt Du das zufällig?

    Hüben wie drüben das gleiche Bild. Die Schere zwischen arm und reich wird immer größer.

  2. @Martin

    Die Grenze von $1,25 ist so festgelegt, da unter dieser Grenze nicht alle fundamentalen Grundbedürfnisse des Menschen gedeckt werden können. Steht einem Menschen weniger als diese $1,25 zur Verfügung, dann leidet er Mangel. Bis zum Hungertod ist es zwar noch weit, allerdings leidet die Gesundheit, Bildung etc. stark. Vor allem Kinder bekommen dies relativ schnell zu spüren, da diese anfälliger gegenüber Unterernährung sind.
    Allerdings darf nicht vergessen werden, dass weltweit mehrere hundert Millionen Menschen in absoluter Armut leben.

    Das streben nach Wirtschaftswachstum mag man zwar zu recht kritisieren, allerdings hat der weltweite wirtschaftliche Aufschwung der letzten zwanzig Jahre Millionen Menschen in Asien aus der absoluten Armut befreit.

Schreibe einen Kommentar