Blogs als wissenschaftliches Kontrollinstrument

Formbar

Anfang Dezember letzten Jahres gab es reichlich viel Aufregung um ein kleines Arsen-Bakterium und die Veröffentlichung, in der dieses Bakterium vorgestellt wurde. Die Details kann man schöner im Fischblog nachlesen, als ich sie jetzt wiedergeben könnte. Auf einen Satz reduzierend, rührte die Aufregung zunächst daher, dass man bisher annahm, sechs Bausteine seien essenziell für die Entwicklung von biologischem Leben: Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff, Schwefel und Phosphor. Einer Gruppe von Wissenschaftlern war es gelungen, den Phosphor durch Arsen zu ersetzen und so gewissermaßen eine neue Vorstellung von biologischem Leben zu erzwingen. Die Tragweite dieser Entdeckung rechtfertigt auch die Publikation in dem Science-Magazin. Die NASA veranstaltete eigens eine Pressekonferenz, da außerirdisches Leben nun ganz andere Formen annehmen könnte, als wir es erwarten würden. Diese Publicity sorgte dafür, dass ich morgens von meinem Radiosender mit der Meldung geweckt wurde, dass die NASA außerirdisches Leben entdeckt hätte. Nun, außerirdisches Leben wurde zwar leider nicht entdeckt, aber es wurde reichlich darüber diskutiert, ob die Forschungsergebnisse auf außerirdisches Leben übertragen werden könnten. Eine umfangreiche Link-Liste zu solchen Diskussionen findet sich beispielsweise hier.

Bei dieser ersten Aufregung blieb es allerdings nicht: Eine kanadische Mikrobiologin nahm das Science-Paper in ihrem blog nach Strich und Faden auseinander. Im Kern geht es darum, dass wohl keine ausreichenden Kontrollexperimente durchgeführt wurden, um sicherzustellen, dass das Arsen auch wirklich in den Stoffwechsel eingebaut und nicht bloß in der Zelle eingelagert wurde. Die etwas sachlichere Kritik eines deutschen Mikrobiologen dazu kann man beim Deutschlandfunk nachlesen.

Ich schreibe diesen Beitrag nicht, um auf das paper und dessen (fragwürdigen) Forschungsergebnisse hinzuweisen. Vielmehr möchte ich auf die Tatsache hinweisen, dass hier durch Diskussion und wissenschaftliche Analyse in blogs auf Unstimmigkeiten in einer Forschungsarbeit hingewiesen wurde, die in einer der wissenschaftlichen Fachzeitschriften schlechthin veröffentlicht wurde. Veröffentlichen müssen wir Wissenschaftler alle, darin werden wir gemessen, bewertet oder “gerankt”. Als bisheriger Kontrollmechanismus für wissenschaftliche Veröffentlichungen fungiert der sogenannte peer-review-process: Man reicht seine Arbeit eine, die wird von einigen Kollegen irgendwo auf der Welt anonym bewertet und kritisch analysiert und nach einigen Korrekturen dann entweder gedruckt oder eben nicht. Sollte sich hier tatsächlich ein anderer Kontroll- oder Bewertungsmechanismus etablieren, der in der Lage ist, wissenschaftliche Arbeiten auf hohem Niveau zu analysieren? Die Süddeutsche Zeitung berichtete entsprechend auch mit der Überschrift “Kontrolle aus dem Netz” über die ganze Geschichte. Die Web-Seite Research Blogging bietet im Grunde eine solche Plattform an, in der Blogger über wissenschaftliche Veröffentlichungen schreiben. Ich bin mir allerdings nicht sicher, wie viele Autoren mitbekommen, dass jemand ihr paper analysiert und kommentiert. Würde man als Autor es mitbekommen, könnte man auf die Kommentare reagieren und eventuelle Missverständnisse aus dem Weg räumen oder Verbesserungsvorschläge aufgreifen, auf die man selbst bisher noch nicht gekommen ist. Mit anderen Worten, man könnte Wissenschaft betreiben.

In meinem speziellen Fachgebiet habe ich bisher noch keine Erfahrungen mit stichhaltigen wissenschaftlichen Argumenten im Netz gemacht, was aber natürlich an mir selber liegen kann. Ich habe mir jedenfalls für 2011 vorgenommen für die Plattform Research Blogging mehr Werbung unter meinen Kollegen zu machen und auch das eine oder andere paper meines Fachgebietes zu analysieren.

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern ein frohes und erfolgreiches 2011!

Alf Köhn

Veröffentlicht von

Alf Köhn hat in Kiel Physik studiert und an der Uni Stuttgart am Institut für Plasmaforschung promoviert. Momentan ist er als Post-Doc am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Garching tätig und beschäftigt sich dort überwiegend mit der Wechselwirkung von Plasmen und elektromagnetischen Wellen.

8 Kommentare

  1. Beim Klima seit Jahren üblich…

    … ist die kritische Diskussion von Fachpublikationen in Blogs. Den peer review ersetzt das natürlich nicht, sondern es bietet ein zusätzliches Forum. Eine etwas tiefere Reflektion dazu anhand des Arsen-Beispiels haben wir auf Realclimate publiziert: http://www.realclimate.org/…arsenic-controversy/

  2. Klima

    Beim Klima wird in der Tat viel im Internet diskutiert. Jetzt interessiert es mich, ob Sie sagen würden, dass Sie, wissenschaftlich gesehen, etwas aus dieser Diskussion mitnehmen?

  3. Die Diskussion ist nicht neu …

    Die Diskussion um eine “offene(re) Peer Review”, um das mal so zu umschreiben, gibt es schon seit vielen Jahren – insbesondere als Folge des vor 20 Jahren(!) ins Leben gerufenen Preprint-Servers arxiv.org: In machen Fachbereichen (v.a. der Physik) gehört es längst zum guten Ton, Papers dort relativ bis extrem frisch verfügbar zu machen. Was dazu führen kann, dass Gegen- und Gegengegenpapers bereits online sind, bevor die ursprüngliche Arbeit überhaupt formell publiziert ist, aber das gab es sogar schon vor 1991, als man tonnenweise ungedruckte Arbeiten als Papierpreprints an alle relevanten Bibliotheken schickte.

    Die explodierende arxiv-Kultur hat immer wieder (z.B. 2002 vom arxiv-Erfinder selbst) zu dem Vorschlag geführt, die klassische Peer Review durch solch eine offene Debatte zu ergänzen oder ganz zu ersetzen. Blogs (Redfield) oder persönliche Webseiten (Iron Lisa) sind dafür vielleicht nicht das beste Medium, aber mangels einer formellen Alternative waren sie in Sachen Arsen-Bakterien halt das Mittel der Wahl, um Detailkritik an den Methoden los zu werden, ohne gleich ein ganzes eigenes Paper zu verfassen.

  4. peer-review

    @Daniel
    arxiv.org wird in meinem direkten Umfeld fast gar nicht genutzt, aber Sie haben schon recht, diese Plattform bietet eine gute Möglichkeit zu schnelleren Kommunikation. Bei meinem nächsten paper werde ich daran denken, danke für die Erinnerung.
    Verwenden Sie arxiv.org so, dass Sie Ihre paper dort hochladen, sobald sie den peer-review-process durchlaufen haben oder sobald Sie Ihre Arbeiten bei einem Journal eingereicht haben? Und bekommen Sie dort Feedback auf Ihre Artikel, so dass Sie sagen, es hat sich für Sie wirklich gelohnt, dort etwas hochzuladen?

    @Markus:
    interessanter Link, ich werde mal versuchen, an den Artikel heranzukommen.

  5. Herr Woker ich stimme ihnen vollkommen zu was die Schaffung eines gesellschaftlichen Klimas/Bewusstein für ehrliche Arbeit in der Wissenschaft angeht. Nur, das ist ein sehr abstrakter Vorschlag/Ziel, wer/wie soll das umsetzen, wir alle natürlich und gerade Blogs wie dieser oder scienceblogs.de tun dies ja eigentlich um Kommunikation und Kritieren von wiss. Arbeit und Methodik in der breiten Bevölkerung aufzuklären. Ich glaube ehrlich gesagt das Potential ist hier weitestgehend ausgeschöpft.

    Ihre Aussage, dass Wissenschaften nicht gegenseitig in ihre Bewertugssysteme in Frage stellen sollten, kann ich nicht nachvollziehen, denn die Juristen streben nunmal den Dr. Titel an, der m.M. aufgrund des Bewertungssystemes in den harten Wissenschaften eben diese Auszeichung/Ruf garantiert und damit auch höheren Lohn oft rechtfertigt. Nicht umsonst haben sich Ghostwriter Unternehmen auf die Geisteswissenschaften spezialisiert, man kann die Frage um den Dr m.M. daher nicht ausklammern bzw. ist deswegen der gesellschaftlich bessere Ansatzpunkt.

    Es geht um Qualität, und ein Titel MUSS wie die Unterscheidung zwischen physikalisch-technisch Angestellter, Diplom Physiker, Professor einen Unterschied im Anspruch und Härte der Prüfung für diese Titel leisten. Wer die Nachrichten verfolgt, sieht dass in Medizin und Juristik teilweise Leute ohne Abitur erfolgreich gefälscht haben und erst nach Jahren als arbeitende Chirurgen zufällig enttarnt wurden! Ich bezweifle, dass solch ein Betrug in dieser Häufigkeit z.B. in der Physik möglich ist, liegt auch am Inhalt des Faches natürlich.

    Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass manch Geisteswissenschaft dieses Kriterium der höheren Härte/Schwere im Vergleich Magister – Dissertation aufweisen können bzw. der Unterschied eindeutig objektiv feststellbar ist. Während viele Naturwissenschaftler auch nach Promotion in Wissenschaft & Forschung arbeiten, ist dies bei den Geisteswissenschaften eher selten die Regel, der ganze Sinn der Promotion ist hier in Frage zu stellen bzw. muss ähnlich bei Ausbldungsberufen eben ein Titel/Zertifikat ausgegeben werden, dass objektiv widerspiegelt was jemand geleistet hat. Dann findet auch keine gesellschaftliche Geringschätzung bzw. Falscheinschätzung von wiss. Arbeit statt, wie sie jetzt seitens der Wiss. befürchtet wird, in einigen Bereichen ist die Geringschätzung wohl leider zu Recht vorhanden, diesen Spiegel will sich natürlich aber niemand vorhalten lassen und alle halten an ihren jetztigen Titeln und Besitzständen fest. Man wird sehen ob diese Diskussion verpufft oder wirklich ein Umdenken seitens der Wiss. gewollt ist, billige Titel werden gegenpolig dazu natürlich gesellschaftlich nachgefragt. Ich bin da eher pessimistisch wenn man Titelsystem nicht ändert bwz. die Naturwissenschaften den Geisteswissenschaften gegenüber keinen Druck machen. Der Ruf des Dr. rerum naturum steht auf dem Spiel, nicht der des Dr jur oder med 😉

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