Die Affäre Avocado – mit Update: Killer-Bagels

Bekanntermaßen passieren die meisten Unfälle im Haushalt. Das jüngste Beispiel für diese alte Weisheit betrifft die Avocado, die anscheinend Reihenweise Hobbyköche ins Krankenhaus befördert. Das hätte man der Beere eher nicht zugetraut. Sie gehört nicht nur zu den wenigen Lebensmitteln, die nicht unter Krebsverdacht stehen[1], sondern gilt wegen der ganzen ungesättigten Fettsäuren als ganz besonders gesund.

Allerdings hat sie auch eine heimtückische Seite[2], sie leistet nämlich sehr effektiv passiven Widerstand. Das Resultat sind tiefe Schnittwunden in Fingern und Handflächen, ein Verletzungsmuster, das jetzt unter der Bezeichnung Avocado-Hand die Runde macht. Die Details erkläre ich in der neuesten Folge von WWAS.

Leider sind die konkreten Zahlen zu Handverletzungen durch Gemüse etwas dünn gesät. Die im Video zitierte Studie befasst sich wieder einmal mit den Fällen, die in den US-amerikanischen Emergency Rooms landen, und da geht man dem Vernehmen nach nur hin, wenn man wirklich keine Wahl hat. Insofern dürften die tatsächlichen Fallzahlen deutlich höher liegen.

In den meisten Presseberichten machen sich die Leute über diese Art von Verletzungen ein bisschen lustig. Das liegt natürlich auch daran, dass die meisten Opfer aus einem ziemlich spezifischen sozialen Kontext kommen. Dass diese Verletzungen so häufig geworden sind, dass sogar die Fachgesellschaft der plastischen Chirurgen darauf aufmerksam macht[3], ist im Wesentlichen ein Modephänomen der gut ausgebildeten, gesundheitsbewussten Milieus. Der durchschnittliche Kommentar geht in Richtung Mittelschicht-Problem, das Schlimmste daran sei die Demütigung.

Das allerdings stimmt so nicht. Ein kurzer Blick auf die Anatomie der Hand zeigt, was ein tiefer Schnitt über die Handinnenseite so alles an Nerven und Sehnen kaputt machen kann. Da läuft alles lang, was die Finger ansteuert – heutzutage kann man das alles wieder zusammenflicken, aber trotzdem ist die Hand dann für eine ganze Weile unbrauchbar.

Insofern hier noch mal eine Erinnerung an das, was wir eigentlich alle als Kinder mit unserem ersten Taschenmesser mit auf den Weg bekommen haben sollten: Man schneidet immer vom Körper weg. Und wenn ihr mit einem großen Messer in den Avocadokern reinhacken müsst, macht das auf einem Brett.

Update:
Via Twitter wies man mich auf ein Lebensmittel hin, das sogar noch gefährlicher ist als Avocados. Nämlich Bagels. Das Problem ist hier sehr ähnlich gelagert: Die Leute nehmen den Bagel zwischen Daumen und Finger und säbeln dann fleißig auf ihre Handfläche zu. Und hier ist nicht mal ein Stein in der Mitte, der das Verhängnis aufhalten könnte – im Gegenteil.

Eine Besonderheit scheint zu sein, dass die Leute versuchen, noch gefrorene Bagels zu schneiden. Dabei wenden sie mehr Kraft auf und verpassen sich tiefere Schnitte. Laut L.A. Times sind Bagelschäden mit die häufigsten Gründe für behandlungsbedürftige Schnittverletzungen. Entsprechend gibt es auch inzwischen diverse Gadgets zum Bagel schneiden Die Leute bei Freakonomics haben ausgerechnet, dass Bagel schneiden die fünftgefährlichste Aktivität in der Küche sei. Ob die Avocados davor landen, ist nicht überliefert.
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[1] Angeblich sogar das Gegenteil, aber da würde ich auch nicht so viel drauf geben.

[2] Wir hätten gewarnt sein können. Die gängigste Avocadosorte auf dem Markt heißt “Hass”.

[3] Ich habe vergeblich versucht, das Original der Mitteilung im Netz ausfindig zu machen. Vermutlich hat der Verein eine Pressemitteilung per Fax rausgeschickt oder an einen E-Mail-Verteiler. Die letzte Pressemitteilung auf der Webseite ist von Oktober 2016, insofern ist es nicht sooo überraschend, dass man da nichts findet. Dass, wie oft berichtet, der ehemalige Vorsitzende den Spruch mit den Warnhinweisen wirklich ernst meinte, glaube ich übrigens beim besten Willen nicht.

Ich bin gelernter Chemielaborant und habe ab 1999 in diesem Beruf gearbeitet. Anschliessend habe ich an der Uni Hamburg Chemie studiert. Seit dem Abschluss Ende 2006 veröffentliche ich Beiträge in meinem Fischblog und verkaufe Artikel an andere Publikationen. Seit 2008 wohne ich im Raum Heidelberg und bin bei Spektrum der Wissenschaft für das Blogportal Scilogs verantwortlich. Daneben arbeite ich als freier Journalist und Redakteur unter anderem für die digitalen Angebote von Spektrum, veröffentliche auf verschiedenen Social-Media-Plattformen und experimentiere mit Mobile Reporting. Zu meiner Webseite

13 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Um das Abrutschen zu verhindern, wähle man ein Messer mit Sägeschliff.
    Das könnte man gleich als Avocado Messer mit vermarkten.
    Die ganz Cleveren verkaufen dazu Handschuhe aus Stahlgewebe und nehmen eine elektrische Avocadosäge.

    Gibt es brauchbare Zahlen über die Gefährlichkeit dieser Frucht?

  2. In den letzten zwei Jahren hat bei uns immer mein jetzt 10-jähriger Sohn die Avocadocreme gemacht. (Er vertilgt ja auch den größten Teil davon. ^^)
    Wenn das das Jugendamt erfährt! /o\

  3. Wie ist dies eigentlich mit Pfirsichen? Denn diese Frucht hat auch einen Stein in der Mitte. Und noch ein Hinweis: Wenn das Kerngehäuse aufbricht, dann sollte man des Samen besser nicht essen, weil er Cyanid enthält.

  4. Top Ratschläge. Auch das mit der Kraftaufwendung, die z.B. auch immer größer wird, je stumpfer die Messer sind. Und unter dem Kraftaufwand leidet die Feinmotorik.
    Also immer scharfe Messer verwenden, auch wenn es sich kontraproduktiv anhört, weil scharfe Messer auch tiefer ins eigene Fleisch schnitten.

    Ich schmeisse kein Schneidemesser ins Besteckfach. Könnt ichs ja gleich auf einem Eisenrohr “stumpfschmieden”.

  5. Die diversen Nahrungsmittel verantwortlich zu machen, ist meiner Meinung nach zu kurz gegriffen, denn der eigentliche Verursacher ist (auch nicht das Messer, sondern) die andere Hand. Man hat also keine Avocado-, sondern eine Hand-Hand.

  6. Da bin ich richtig froh, dass ich den Kern bisher immer mit einem Löffel herausgebohrt habe. Eventuell auch die kernhaltige Hälfte der Avocado von hinten her vorsichtig noch einmal geteilt, dann lässt sich der Kern sogar mit den bloßen Fingern fassen. Ich glaube, ich bleibe auch in Zukunft bei diesem Verfahren – jetzt mit noch größerer Überzeugung….Danke!

  7. Eine meiner Grundregeln beim Umgang mit scharfen Küchenmessern ist, dass sich zwischen dem Messer um dem Schneidbrett NIEMALS irgendein Körperteil befinden sollten. Wenn ich das gelegentlich nicht beachtet habe, aus Eifer beim Kochen oder Nachlässigkeit, dann führte das gelegentlich zu heftig blutenden Unfällen. Glücklicherweise habe ich dabei noch nie die Hilfe einer Notaufnahme benötigt.
    Mit Beachtung dieser Grundregel ist dann auch eine Avocado harmlos, und selbst das Hacken in den Kern völlig ungefährlich.

  8. Chris,
    …..scharfe Messer sind besser,
    das ist nur Gewohnheitssache. Ich bevorzuge die mittelscharfen, mit einer Rockwell Härte von 58.
    Mit einem Rasiermesser hätte ich Angst.
    Die Metzger müssen extra einen Lederschutz tragen, weil sie beim Ausbeinen auch mal in Richtung Körper schneiden können.
    Was noch wichtiger ist, niemals mit kalten Händen schneiden. Da ist der Finger ab und du merkst es gar nicht.

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