Vom (Mis-)Marketing der Wissenschaft I – Einführung

BLOG: Feuerwerk der Neuronen

Eintritt frei!
Feuerwerk der Neuronen

Bühne frei

Was passiert, wenn eine Wissenschaft mit ihrem Eingemachten in die Öffentlichkeit tritt? Erst blinzelt sie ein bisschen, wie ein Maulwurf in der Sonne, der lange unter der Erde war. Dann mag sie erkennen: oha, da ist ja noch eine andere Welt, der man irgendwie auch ein bisschen angehört. Womöglich kommt sie zu dem Schluss, dass es doch ganz spannend wäre, sich mit dieser anderen Welt zu synchronisieren. Schließlich wird Wissenschaft ja nicht nur fürs Kämmerlein betrieben, sondern gehört wie jeder ordentliche Bass oder Schlagzeug auch mal auf die Bühne. Da stellt sich die heikle Frage: wie wissenschaftlich sollten wissenschaftliche Ergebnisse präsentiert werden? Worauf sollte man achten, wenn das Ziel eine gelungene Informationsübertragung ist – auf den möglichst vollständigen, exakten wissenschaftlichen Gehalt oder auf das Verständnis der Leser, Hörer usw.? Widerspricht das eine überhaupt dem anderen?

 

Das Spiel mit dem Kunden

Daraus ergibt sich eine neue Frage: welches Ziel verfolgt der Tritt in die Öffentlichkeit und welches Auditorium (in welchem Medium) wird angesprochen? Dies betrifft vor allem Wissenschaftsjournalisten oder Wissenschaftler, die ihr Fachgebiet erklären wollen. Dabei hilft es, sich einen potenziellen Zuhörer oder Leser als Konsumenten eines Produkts vorzustellen. Wer würde schon 1000 Euro für einen grauen Karton hinblättern, von dem er noch nicht einmal weiß, was darin steckt? Wer den Karton dennoch verkaufen will, muss einem Interessenten so genau wie möglich beschreiben, was sich im Karton befindet und gute Gründe nennen, was das Produkt so wertvoll macht. Wenn der Karton dabei nicht mal grau, sondern kunterbunt ist – umso besser.

 

Warum Journalisten Fotorafen sind

Dabei muss der Verkäufer genau darauf achten, welche Sprache ein Kunde spricht. Seine Ausführung kann in perfektem Klingonisch erfolgen und wird jenen Kunden doch nicht erreichen, der absolut kein Klingonisch versteht. Zunächst gilt es also zu prüfen, wo (auf welcher Verständnisebene) sich der andere befindet (man spricht in diesem Zusammenhang auch gern vom thematischem “Abholen” einer Person).

Das Problem mit dem Vrständnis lässt sich auch mit der Brennweite beim Fotografieren ausdrücken: je kürzer die Brennweite, desto umfassender kann ein großer Motivausschnitt abgebildet werden, beispielsweise ein Fahrrad in voller Größe. Bei langer Brennweite beschränkt sich der Fokus auf ein bestimmtes Motivdetail, beispielsweise die Rillen im Hebel einer Fahrradklingel. Kleine Details sehen dabei – aus ihrem Kontext entoben – oft abstrakt aus. Nur ein Betrachter mit entsprechendem Hintergrundwissen von Fahrrädern und Erfahrung hat eine Chance, das Detail richtig einordnen zu können.

 

Hardcore- oder Warmduscher-Wissenschaft?

Konkret: In den Redaktionssitzungen von spektrumdirekt, denen ich bis vor kurzem beiwohnen durfte, wird täglich diskutiert, welche Themen ins Programm aufgenommen werden sollen. Die harten Biologen plädieren dabei regelmäßig für Themen, die meist irgendein Wort mit “ase” beinhalten und hochkomplexe Details der Zelldynamik beschreiben. Dem stimmen dann die anderen Biologen entweder heimlich grinsend zu oder erklären das Thema für völlig absurd; alle anderen Autoren blicken sich derweil etwas ratlos im Raum um, sortieren ihren Papierstapel oder erkunden das Innenleben eines Kugelschreibers. Potenziellen Lesern wird es ähnlich gehen: während die Biologenherzen hüpfen, schalten alle anderen nach zwei Sätzen ab, weil sie kein Wort mehr verstehen.

 

Medium und Redaktion entscheiden

Bei einer Zeitung oder Zeitschrift wird pragmatisch und meist nach Linie der Redaktion oder des Redaktionsleiters entschieden. Ein Medium gibt also einen bestimmten Rahmen der Brennweite vor, in dem man sich bewegt. Im Fall der Redaktion von spektrumdirekt, die verglichen mit der vorhandenen Produktpalette im Netz ja eher Hardcore-Wissenschaftsjournalismus betreibt, darf ruhig auch mal ein spezifisches, komplexes Nischenthema (mit langer Brennweite) „verwurstet“ werden, sofern es einen Experten gibt, der sich zu entsprechend tiefen Spatenstichen befähigt fühlt (denn für Halbgares erntet man bloß böse Leserbriefe). (Weiter geht’s in (Mis)Marketing II)

Leonie Seng

Bachelor-Studium "Philosophie, Neurowissenschaften und Kognition" in Magdeburg. Master-Studium "Philosophie" und "Ethik der Textkulturen" in Erlangen. Freie Kultur- und Wissenschaftsjournalistin: Hörfunk, Print, Online. Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Abteilung Philosophie, Fachbereich Medienethik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg.

6 Kommentare

  1. Arme vs Wahrheit

    Oh, viel zu lesen. Das braucht Zeit. Also erst mal ein ungelesenes Willkommen!

    Was ich las gefiel mir sehr gut:
    “Wer braucht schon Arme, wenn er Wahrheit haben kann!?”

    Auch im “zur Person” Dein “Werk bzw. Inhalt […] unter einer Creative Commons […] Lizenz” zu stellen fand ich interessant. Weißt Du, wie ohne so einen solchen Hinweis die Rechte per “default” gesetzt sind?

  2. @Markus: Defaultrechte

    Ist doch ganz einfach. Das Defaultrecht ist: “Alle Rechte liegen beim Autor.” Also einfach den Autor Fragen, wenn man einen Artikel kopieren will. Und Zitate sind sowieso erlaubt.

    Ich frage mich immer, warum ich Leuten eine Lizenz geben sollte, meine Meinung frei zu kopieren. Haben die denn keine eigene? 😉

  3. @ Markus und Joachim

    Hallo und Danke. Ich hab mich schon ganz gut eingelebt hier.
    Zu den Rechten: Ganz so einfach ist das nicht. Das Urheberrecht liegt und bleibt natürlich beim Autor. Vieles, gerade zur Weiterverarbeitung von Texten scheint aber noch nicht geklärt zu sein. Matthias Spielkamp hat die Internetseite iRights.info aufgezogen, die sachlich und gut erklärt, was bereits geklärt ist und was noch nicht. Denn ein Problem scheint zu sein, dass manche Dinge erst geklärt werden, wenn jemand eine Anklage erhebt. Erst dann kommt das Thema aufs Tapet und erst dann kann geklärt werden, was erlaubt ist, so Spielkamp.

    Interview mit Matthias Spielkamp

    Freilich ist korrektes Zitieren erlaubt. Neulich entbrannte zwischen Freunden aber auch die Diskussion, wie viel man überhaupt am Stück zitieren darf. Wäre eine Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft II möglich, die allein aus Zitaten der Artikel in Spektrum der Wissenschaft besteht?

  4. weil jeder glücklich sein will…

    Ja, das ist in der Tat eine Kunst. Und dabei ist es doch so einfach… jeder möchte glücklich sein und die Veröffentlichung muss einfach nur die Bedürfnisse der Leser erfüllen: Neugier, Erleben, Teilhaben, beachtet werden…

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