Philosophie: Zwischen Wissenschaft und Realität

BLOG: Feuerwerk der Neuronen

Eintritt frei!
Feuerwerk der Neuronen

Um 15.30 war der Termin mit Julian Nida-Rümelin vereinbart. Drei Minuten nach halb vier eilt seine Pressesprecherin den großzügigen Treppenverlauf in der Aula der Ludwigs-Maximilian-Universität hinunter. Als ich das Sprechzimmer betrete, verlässt gerade ein Kamerateam des WDR den Raum. Ein paar italienische Floskeln schwirren durch die Luft, der Philosoph wirkt zufrieden und gelassen. Nida-Rümelin begrüßt mich freundlich, obwohl er einen regelrechten Interview-Marathon hinter sich hat: Bereits den ganzen Nachmittag lang gab er Interviews im Akkord, rutschte von einem Termin in den nächsten. Solche Tätigkeiten fallen ihm nicht schwer, erklärt er im Laufe des Gesprächs. Allerdings seien sie nicht ausreichend für seine ausgeglichene Seele – ob die Autorisierung des Interviews auch deshalb bis heute gedauert hat?

Nun aber lesen Sie selbst:

 

Als letzter Präsident der Deutschen Gesellschaft für Philosophie (DGfP) waren Sie in diesem Jahr der Veranstalter des Deutschen Kongresses für Philosophie (DKfP). Wie hat Ihnen der Kongress gefallen?

Julian Nida-Rümelin: Leider konnte ich nur einen kleinen Teil der Vorträge persönlich besuchen. Aber das Feedback war absolut positiv. Die Anzahl der Teilnehmer ist die höchste seit es den DKfP gibt.

 

Einige Besucher beklagten die Komplexität und Unverständlichkeit der Vorträge. Glauben Sie, dass dies Eigenschaften sind, die der Philosophie notwendigerweise anhaften?

Julian Nida-Rümelin: Das ist immerhin ein wissenschaftlicher Kongress. Und als Wissenschaftler greifen die Referenten in ihren Vorträgen natürlich auf Terminologien zurück, die in ihren Fachgebieten entstanden sind. In anderen Wissenschaften ist das ganz genau so. Hier verstehen Sie vielleicht noch die Hälfte, bei einem Physiker-Kongress verstehen Sie gar nichts! Dennoch hat die Philosophie eine besondere Vermittlungsaufgabe – und als solche sollte sie sich natürlich verständlich machen können.

 

Bologna

Können Sie diese Aufgabe genauer beschreiben?

Die Aufgabe der Philosophie ist es, sowohl zwischen dem Fach Philosophie und einer philosophisch interessierten Öffentlichkeit zu vermitteln, als auch zwischen den Wissenschaften allgemein und der Alltagswelt. Die einzelnen Fachgebiete sind oft zu stark spezialisiert und können daher die wissenschaftlichen Ergebnisse nicht mit der Realität vereinbaren. Die Philosophie ist jedoch eine Wissenschaft, die Brücken schlagen kann und wissenschaftliche Befunde in ein Gesamtbild zusammenzuführen vermag.

 

Glauben Sie tatsächlich, dass die Rolle der Philosophie im Kontext der anderen Wissenschaften so groß ist?

Julian Nida-Rümelin: Ich neige nicht dazu, die Philosophie zu überschätzen. Sie ist definitiv keine Königswissenschaft – auch wenn das für manche Philosophen zunächst enttäuschend klingen mag. Zwar hat die Philosophie nicht die Aufgabe, anderen Wissenschaften Inhalte oder Methoden zu diktieren, dennoch gibt es zahlreiche Disziplinen wie die Neurowissenschaften oder die Soziologie, in denen philosophische Fragestellungen eine wichtige Rolle spielen. In vielen Wissenschaften wird philosophiert, ohne eine besondere Ausbildung in diesem Fach. Die Philosophie darf und kann sich also nicht isolieren.

 

Sie meinen zum Beispiel die Frage der Willensfreiheit?

Julian Nida-Rümelin: Zum Beispiel, ebenso wie Determinismus. Normative Fragen wie die nach Rationalität und Vernunft, die beispielsweise in der Ökonomie wichtig sind, lassen sich nicht statistisch klären. Ohne Philosophie kommt man in den einzelnen Wissenschaften nicht aus. Manche Stellungnahmen in den Neurowissenschaften sind beispielsweise philosophische Stellungnahmen unter Bezug auf neurologische Befunde. Man muss aufpassen, dass die Debatten dann nicht unseriös werden.

 

Sie haben immer viel zu tun als ehemaliger Kulturstaatsminister und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Philosophie (DGfP), jetzt Lehrstuhlinhaber der Philosophischen Fakultät an der Ludwig-Maximilians-Universität und Leiter des Studiengangs „Philosophie, Politik und Wirtschaft“. Welche Ihrer Tätigkeiten macht Ihnen am meisten Spaß?

Julian Nida-Rümelin: Ich sage ganz unbescheiden: Organisieren, die Arbeit als Kulturreferent, die Leitung einer Fakultät oder die Präsidentschaft der DGfP fallen mir nicht schwer. Aber wenn diese Tätigkeiten ganz im Mittelpunkt stehen, dann fehlt mir etwas für meinen seelischen Ausgleich: Das eigene Nachdenken und Produzieren von Texten. Das habe ich in den fünf Jahren Politik vermisst, dafür bedaure ich jetzt manchmal, dass ich mich nicht mehr in politische Entscheidungen einmischen kann. Ich empfinde es ähnlich wie Aristoteles, der das Leben einst unterteilte in bios praktikos – das praktische Leben – und bios theoretikos – das theoretische, betrachtende Leben. Wenn eine Seite ganz überwiegt, ist das nicht gut.

 

Sie kritisieren die derzeitige Studienstruktur sehr. Was stört Sie am meisten?

Julian Nida-Rümelin: Die größte Fehlentwicklung momentan ist, dass die Vielfalt der Fächerkulturen gelitten hat. Die Geisteswissenschaften hängen nun mal davon ab, dass die Studierenden Zeit haben, Bücher zu lesen, in der Bibliothek zu sitzen und Hausarbeiten zu schreiben. Wenn die Struktur und Zeitpläne es nicht mehr zulassen, große Klassiker zu lesen, sondern Inhalte stattdessen auf PDF-Häppchen oder Sekundärliteratur reduziert werden, dann ist das kein Philosophiestudium mehr. Heute werden häufig nur noch die Lehrbuchzusammenstellungen gelernt, die zumal oft auch noch falsch sind. Im Gegensatz zur Physik tut den Geisteswissenschaften diese Verschulung nicht gut. Denn ohne die großen Texte – mögen sie noch so sperrig sein – findet man keinen Zugang zum Fach.

 

Welches Studium würden Sie ihren Töchtern und der gesamten kommenden Generation wünschen?

Julian Nida-Rümelin: Die Ziele des Bologna-Prozesses wurden in keinem Punkt erreicht: Weder die Schaffung einer Europäischen Identität, noch die Erhöhung der Mobilität, noch höhere Studierquoten – falls man das überhaupt als Ziel nehmen sollte. Ich denke, dass man diesen Prozess nicht mehr rückgängig machen kann. Wir können nicht so tun, als wäre nichts gewesen und einfach wieder von vorn anfangen. Stattdessen sollte man die schlimmsten Fehler korrigieren und die positiven Seiten sehen wie die Interdisziplinarität in den neuen Studiengängen. Man sollte im Rahmen von Bologna der Fächervielfalt mehr Respekt geben.

 

Sind Sie zuversichtlich, dass sich das ändert?

Julian Nida-Rümelin: Ich glaube, dass man inzwischen zu der Einsicht gekommen ist, dass weder die Lehrenden noch die Studierenden momentan zufrieden sind. Darüber kann man nicht einfach hinweggehen. Ich würde sehr davor warnen, so zu tun, als ob alles unproblematisch wäre, wie es die Bundesbildungsministerin derzeit macht – das grenzt an Realitätsverweigerung. Dennoch kann sich Deutschland innerhalb von Europa nicht isolieren. In den nächsten Jahren sollte behutsam und Schritt für Schritt reformiert werden. Aber das wird dauern, man kann nicht schon wieder die nächste Generation in so einen Prozess hineinjagen. Zum Beispiel sollten die einzelnen Studienfächer wieder mehr Gestaltungsspielraum bekommen, sodass am Ende doch noch ein Gutteil von Humboldt gerettet werden kann.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

Aufgezeichnet in München, am 15.09.2011. 

 

Zur Homepage von Herrn Julian Nida-Rümelin.

Siehe auch Michael Blumes Blogeintrag zum Rationalitätsbegriff vom 10.10.2011.

 

Leonie Seng

Bachelor-Studium "Philosophie, Neurowissenschaften und Kognition" in Magdeburg. Master-Studium "Philosophie" und "Ethik der Textkulturen" in Erlangen. Freie Kultur- und Wissenschaftsjournalistin: Hörfunk, Print, Online. Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Abteilung Philosophie, Fachbereich Medienethik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg.

12 Kommentare

  1. Schönes Interview!

    Danke für das Bloggen!

    Witzigerweise hatte ich gerade erst gestern Abend zum ersten Mal in all den Jahren Julian Nida-Rümelin in einem Blogpost zitiert, und zwar zum Thema Rationalität-Ökonomie, dass er auch in Deinem Interview ansprach.
    https://scilogs.spektrum.de/chrono/blog/natur-des-glaubens/fa-von-hayek/2011-10-10/hayeks-kritik-an-der-rationalit-tsannahme-und-seine-alternative-konzeption-von-christoph-sprich

    Zufälle gibt es… 😉

    Auf jeden Fall ist es ein Fortschritt, wenn auch Blog-Interviews stattfinden und so ein wichtiger Teil neuer (Wissenschafts-)Öffentlichkeit erreicht wird.

  2. Es freut mich, dass das Interview offenbar Anklang gefunden hat. Der Interview-Termin ist mir quasi zugeflogen, ich hatte nicht von Anfang an vor, mit Herrn Nida-Rümelin zu sprechen.
    @ Stephan Schleim: Der Vortrag klingt ja sehr spannend – wird er denn eventuell live übertragen oder ist er nachträglich abrufbar? Das würde sich meiner Ansicht nach unbedingt lohnen. Schon beim Kongress war die Anfrage nach Viedo-Mitschnitten sehr groß.
    @ Michael Blume: Das Zitat hatte ich in der Tat übersehen. Lässt sich ja nachträglich noch als Verlinkung einbauen 🙂

  3. Königswissenschaft

    Ich neige nicht dazu, die Philosophie zu überschätzen. Sie ist definitiv keine Königswissenschaft – auch wenn das für manche Philosophen zunächst enttäuschend klingen mag.

    Die Philosophie (“Liebe zum Denken”) ist insofern Königswissenschaft, weil alle anderen Wissenschaften von ihr (sinnhafterweise) abgeleitet worden sind.

    Nur ein Detail, fürwahr!

    MFG
    Dr. Webbaer (der sich das über Nida-Rümelin denkt, was von ihm erwartet werden darf – und dem sogar Richard David Precht oder Roger Willemsen im Zweifel lieber wären)

  4. grausam

    Sie meinen zum Beispiel die Frage der Willensfreiheit?

    Julian Nida-Rümelin: Zum Beispiel, ebenso wie Determinismus. Normative Fragen wie die nach Rationalität und Vernunft, die beispielsweise in der Ökonomie wichtig sind, lassen sich nicht statistisch klären. Ohne Philosophie kommt man in den einzelnen Wissenschaften nicht aus. Manche Stellungnahmen in den Neurowissenschaften sind beispielsweise philosophische Stellungnahmen unter Bezug auf neurologische Befunde. Man muss aufpassen, dass die Debatten dann nicht unseriös werden.

    Solche Antworten sind z.B. grausam, kA warum sich hier niemand über dieses Niveau erregt.

    MFG
    Dr. Webbaer

  5. Interview Julian Nida-Rümelin

    Können Sie konkretisieren, was genau Sie aufregt?

    Ja. Würde Sie das interessieren? – Ist Ihnen nicht selbst das eine oder andere aufgefallen?

    MFG
    Dr. Webbaer (der es nicht vertiefen muss, sondern nur bei Interesse vertiefen würde)

  6. @ Dr. Webbaer

    Ja, es interessiert mich. Ich kann mir auch vorstellen, dass ich da nicht die einzige bin.
    Im Übrigen habe ich natürlich meine eigenen Ansichten zu den Antworten Nida-Rümelins, die nicht unbedingt mit seinen übereinstimmen. Deshalb habe ich an den ensprechenden Stellen im Gespräch versucht, nachzuhaken.

  7. TV-Philosophen

    Ein etwas böses Wort, aber es gibt TV-Philosophen (Sloterdijk ist ganz OK) und Philosophen, wobei sich hier Schnittmengen bilden.

    Erst einmal war die Sache mit der Nicht-Königswissenschaft eine üble, die Philosophie ist historisch Mutterwissenschaft, das hätte erwähnt werden müssen.

    Dazu kommen noch einige “Extras”, ‘Die Aufgabe der Philosophie ist es, sowohl zwischen dem Fach Philosophie und einer philosophisch interessierten Öffentlichkeit zu vermitteln, als auch zwischen den Wissenschaften allgemein und der Alltagswelt.’ ist sachlich falsch, die Aufgabe der Philosophie ist die Wissenschaft erkenntnistheoretisch zu unterstützen, ‘Die Philosophie ist jedoch eine Wissenschaft, die Brücken schlagen kann und wissenschaftliche Befunde in ein Gesamtbild zusammenzuführen vermag.’ ist problematisch, denn sowas kann die Philosophie eigentlich nicht, ‘Die Philosophie darf und kann sich also nicht isolieren.’ scheint Sozialverhalten zu sein, ‘Ohne Philosophie kommt man in den einzelnen Wissenschaften nicht aus.’ ist nicht richtig, ‘Manche Stellungnahmen in den Neurowissenschaften sind beispielsweise philosophische Stellungnahmen unter Bezug auf neurologische Befunde.’, jein, Stichwort: Epistemologie, ‘Man muss aufpassen, dass die Debatten dann nicht unseriös werden.’ – der Ton gefällt nicht.

    Hier ließe sich weiteres finden…

    MFG
    Dr. Webbaer (der nicht vor Wut im Dreieck springt, der aber “ein wenig” blass den Vorgang verfolgt hat)

  8. @ Dr. Webbaer:

    Danke, dass Sie kritischen Wind in diesen thread blasen. Das war ja bislang nicht der Fall und so gern ich auch Lob bekomme, Kritik halte ich für mindestens genauso wichtig.

    Zunächst stimme ich Ihnen zu: Es gibt bestimmt Philosophen, die (wie manche anderen Wissenschaftler auch) sich um die Verbreitung der Inhalte ihres Fachgebiets im polpulärwissenschaftlichen Sinn bemühen. Ist das verkehrt? Ich habe mich lange Zeit dagegen gesträubt, da ich versucht habe, Wissenschaft und Populärwissenschaft unter einen Hut zu bringen. Ich denke aber, solange man beide nicht vermischt, ist eigentlich nichts dabei. – Dabei würde ich mir neben Safranskis und Sloterdijks „Philosophischem Quartett“, (das im Herbst ja durch eine neue Sendung von Precht ersetzt werden soll) auch endlich mal eine zum Beispiel philosophiegeschichtliche TV-Sendung wünschen – oder analog dazu im Radio neben Jürgen Wiebickes „philosophischem Radio“ (, das m. E. ausschließlich ethische Themen behandelt) eine Sendung, die Themen wie Erkenntnistheorie und Sprachphilosophie behandelt…!

    „…die Philosophie ist historisch Mutterwissenschaft, das hätte erwähnt werden müssen.“, auch hier stimme ich Ihnen zu. Allerdings bin ich mir über die derzeitige Aufgabe der Philosophie nicht ganz sicher. Mein Anliegen war es, Nida-Rümelins Ansicht hierzu herauszuheben, nicht die meine.
    Was mich bei solchen Diskussionen vor allem stört und weswegen man das Interview glaube ich auch kritisieren kann ist, dass von „der Philosophie“ im Allgemeinen gesprochen wird. Ich denke, es wäre der Klarheit zuträglicher, wenn man die einzelnen Fachgebiete und deren Aufgaben genauer beschrieben hätte. Insofern sehe ich den Fehler mitunter in der Fragestellung. Nun könnte ich Ausreden wie Zeit anbringen und die Tatsache, dass ich das Interview verständlich halten wollte. In Zukunft aber würde ich versuchen, es zu vermeiden, von „der Philosophie“ zu sprechen. Das habe ich aus dem Interview gelernt.

  9. Kritik

    Das war ja bislang nicht der Fall und so gern ich auch Lob bekomme, Kritik halte ich für mindestens genauso wichtig.

    Sie sind nicht kritisiert worden, was wollen Sie denn tun, JNR gegenreden?

    Und fangen Sie bitte nicht an aufzuhören von “der Philosophie” zu schreiben!
    🙂

    MFG + weiterhin viel Erfolg!
    Dr. Webbaer (der diese Inhalteeinheit, Ihr Einverständnis vorausgesetzt, noch ein wenig weiter verfolgen wird)

  10. @ Dr. Webbaer

    “[…]Ihr Einverständnis vorausgesetzt[…]” – selbstverständlich!
    “Und fangen Sie bitte nicht an aufzuhören von ‘der Philosophie’ zu schreiben!” – Wie ich merke, komme ich nicht darum herum, erlaube mir aber trotzdem, das zumindest vorerst noch infrage zu stellen. 🙂
    Freundliche Grüße

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