Hayabusa 2 noch näher am Ziel: Noch mehr (wohl haltlose) Spekulationen

Und ein neues Bild von Ryugu ist da. Aus knapp 6 km Entfernung. Und da sieht man schon einiges mehr. Und das ist nur ein Bild der Navigationskamera  – es gibt wohl noch viel bessere Aufnahmen, die dann für die Zielauswahl verwendet werden.

Zum Beispiel also der große Krater so bei 10 Uhr nicht ganz im Zentrum des Bildes. Der mit dem – wie es  scheint – etwas dunkleren Boden. Wie schon im vorhergehenden Eintrag erwähnt, mit Helligkeiten und Kontrast muss man momentan aber noch vorsichtig sein. Aber wenn wir das jetzt mal so akzeptieren, würde das vielleicht auf eine weitere Lithologie hindeuten. Könnte Impaktschmelze sein – poröses Material wie die kohligen Chondrite schmilzt auch bei relativ niedrigen Kollisionsgeschwindigkeiten. Interessanterweise gibt es in den entsprechenden Meteoriten aber kaum Anzeichen von solchen Schmelzen (hier ein Abstrakt zum Thema). Möglicherweise zerlegt es Mutterkörper mit wasserhaltigen Mineralen schon bei recht niedrigen impaktbedingten Drücken.

Credit:  JAXA, University of Tokyo, Kochi University, Rikkyo University, Nagoya University, Chiba Institute of Technology, Meiji University, University of Aizu, AIST. Asteroid Ryugu aus 6 km Entfernung, aufgenommen mit der Navigationskamera von Hayabusa2.

 

Oder hat der Einschlag tieferliegende Schichten freigelegt? Ist dies gar das ‚Grundgebirge‘ unterhalb des Regoliths, der ‚wahre‘ Ryugu? Gar das tiefdunkle Material so typisch für kohlige Chondrite in unseren Sammlungen? Wie auch immer, dann hätten wir schon drei Lithologien – das hellere Material der großen Blöcke, dunkles (Kern?) Material, und den bröseligen Regolith, der wohl aus beidem besteht, durchgemixt, verbacken, wieder durchgerührt und vom Space Weathering gegrillt, über Jahrmilliarden, wie in einer Endlosschleife in einem alten BASIC Programm*. Und wenn man genau hinsieht, scheinen auch die großen Blöcke nicht ganz homogen zu sein. Das passt gut zu den Gedanken über Brekzien im ersten Beitrag.

Und da sind wir dann wieder bei den Meteoriten, die ja von eben solchen Mutterkörpern stammen. Dazu werden sie wohl bei Impakten freigesetzt. Und wenn ich mir so die Bilder anschaue, dürften da nicht eher die großen Blöcke das ganz heil überstehen? Der Meteor Tschelyabinsk (hier ein schönes Paper vom Kollegen Kohout et al. aus Finnland auf arXiv) war bei Eintritt in die Atmosphäre etwa 20 Meter groß, Almahata-Sitta in Form von Asteroid 2008TC3 vor deutlich unter 10 Meter (auch hier was auf arXiv) (Es handelte sich allerdings bei beiden Fällen um anderes Material als man bei Ryugu erwartet). Die Größe der beiden Meteore entspricht zwar nicht den ganz großen auf der Oberfläche sichtbaren Felsen, aber dafür schon den mittelgroßen. Würden die viel kleineren Brösel des Regoliths in erkennbarem Zustand einen Atmosphäreneintritt überleben? Das Material ist recht porös und feinkörnig. Mit anderen Worten, was wir so von kohligen Chondriten (nicht nur) in den Sammlungen haben, könnte nur ein Teil des eigentlichen Asteroiden-Materials sein – eben die größeren Brocken.

Und das führt uns zur Gretchenfrage: wo landen? Was wollen wir haben – Proben die den Ist-Zustand wiedergeben, gezeichnet von den Äonen? Oder halt das Ur-Material … Wie sich herausstellt, haben die Kollegen von der JAXA auch diesen Punkt in der Planung berücksichtigt. Anstatt nur an der Oberfläche Material abzuschnorcheln wie bei Hayabusa, wird es gleich zwei Versuche geben. Zuerst wird mit einem kleinen Projektil Oberflächenmaterial freigesetzt (also das nicht mehr ganz so ursprüngliche Material). Dann, während sich Hayabusa 2 wohlweislich auf der abgewandten Seite des Asteroiden verschanzt, wird ein zweiter Penetrator mittels einer Sprengladung in tiefere Regionen der Oberfläche gefeuert. Wenn sich Trümmer nach ein paar Wochen gelegt haben, werden dann Proben aus dem Krater genommen.

Interessanterweise hat Hayabusa 2 noch ein paar Lander: MASCOT (DLR und CNES) und die drei (!) MINERVA II. Mehr als genug Infos über die Sonden, Lander und Mission hier. Die Proben werden aber von der Sonde selber genommen, etwas riskant. Wo also würde ich die Proben nehmen (nicht das mich jemand fragen würde [/rumflenn]). Der Regolith sollte wohl einigermaßen homogen über die Oberfläche zusammengesetzt sein. Da wäre eine schöne, feinkörnige Fläche wohl am besten. Was den Vorstoß in die Tiefe angeht, da wäre natürlich auf den ersten Blick der Boden eines der Krater am interessanten. Nur besteht da halt die Gefahr, hochgradig von Impaktprozessen zerlegtes und verändertes Material einzusammeln. Nicht uninteressant, aber halt nicht das pristine Material, was man will. Andererseits dürfte Ryugu über die Jahrmilliarden so einiges abbekommen haben, da könnten lange vom Regolith begrabene Krater unter der Oberfläche lauern. Nicht so einfach – ich denke mal, man wird vor allem die großen Klötze an der Oberfläche vermeiden. Die Proben sollten dann, wenn alles klappt, Ende 2020 auf der Erde (Woomera, Australien) eintreffen. Hoffentlich eine ordentliche Menge diesesmal.

Mein Interesse an Planetologie und Raumforschung begann schon recht früh. Entweder mit der Apollo/Sojus Mission 1975. Spätestens aber mit dem Start der Voyager-Sonden 1977, ich erinnere mich noch wie ich mir mein Leben in der fernen Zukunft des Jahres 1989 vorzustellen versuchte, wenn eine der Sonden an Neptun vorbeifliegen würde. Studiert habe ich dann Mineralogie in Tübingen (gibt es nicht mehr als eigenständiges Studienfach). Anstatt meinen Kommilitonen in die gängigen Richtungen wie Keramikforschung zu folgen, nahm ich meinen Mut zusammen und organisierte eine Diplomarbeit über Isotopenanalysen von Impaktgestein aus dem Nördlinger Ries Einschlagkrater. Dem folgte dann eine Doktorarbeit über primitive Meteorite in Münster. Nach 10 Jahren als PostDoc in verschiedenen Ecken der Welt arbeite wieder am Institut für Planetologie in Münster, an Labormessungen für die ESA/JAXA Raumsonde BepiColombo, die demnächst zum Merkur aufbrechen wird. Mein ganzes Arbeitsleben drehte sich bisher um die Untersuchung extraterrestrischer (und damit verwandter) Materialien: Gesteine aus Impaktkratern, die ganze Bandbreite Meteoriten (von den ganz primitiven Chondriten bis hin zu Marsmeteoriten). Zu meiner Forschung gehören auch Laborexperimente, in denen Vorgänge im frühen Sonnensystem nachgestellt wurden. Mein besonderes Interesse ist, die Laboruntersuchungen von extraterrestrischem Material mit Fernerkundungsdaten (im Infrarot) zu verknüpfen. Das vor allem mit Daten aus der planetaren Fernerkundung durch Raumsonden, aber auch mit Beobachtungen junger Sonnensysteme durch Teleskope.

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