Erbarmungsloser Kosmos, hilflose Planeten: kaputte Biosphären und siegreiche Wasserbären

Wie schon öfters erwähnt, eines der (auch klicktechnisch) beliebtesten Themen in der Planetologie ist es, wenn es so richtig kracht. Dazu gehören Einschläge von Kometen, Asteroiden und so weiter. Eine Rolle für diese Faszination dabei spielt natürlich die ganz direkte, existenzielle  Gefahr die von solchen Ereignissen ausgehen könnte. Denn je größer der Einschlag, desto größer der Schaden für die Biosphäre und damit letztendlich für uns.

So haben sich Sloan et al. in einem Paper mit dem vielversprechenden Titel The Resilience of Life to Astrophysical Events mal Gedanken darum gemacht, was eigentlich nötig wäre, dem Leben auf dieser Erdkugel komplett den Garaus zu machen. Also keine post-apokalyptische Mad-Max Szenarien, nicht mal Kakerlaken oder vielleicht noch Bazillen. Sondern Totalschaden. Veröffentlich wurde das Ganze in Scientific Reports, einem Open-Source Ableger von Nature – weshalb es das Teil doppelt für Lau gibt, nämlich auch auf ArXiv.

Da das menschliche Leben in den Worten der Autoren “somewhat fragile to nearby events” ist (jetzt nicht sonderlich überraschend) muss eine andere Spezies als Bannerhalter unserer Biosphäre herhalten – die Ecdysozoa, auch als Häutungstiere bekannt. Mir allerdings nicht, weshalb ich auch erst mal nachschlagen musste: es geht im speziellen um die Tardigrada,  auch Wasserbären genannt. Und die höchstens um einen Millimeter großen Gesellen sind in der Tat zähe Tierchen – sie überstehen Vakuum und Hochdruckbedingungen (auf jeden Fall bis zum Druck in den tiefsten Tiefseegräben), überleben zumindest kurzfristig im Temperaturbereich von -273°C ( also 0 Kelvin !) bis zu 150°C. Ach ja, sie überleben sogar in flüssigem Helium… Strahlung ? Die Kerlchen überleben Strahlendosen, die einem Menschen den Garaus machen würden. In anderen Worten, gegen die Tierchen sehen selbst Kakerlaken ziemlich alt aus.

Was für Apokalypsen haben die Autoren denn an der Startlinie? Da wären Supernovas (immer gut), die mysteriösen Gammablitze (Gamma Ray Bursts), vorbeirauschende Sterne (etwas exotischer) und die guten, alten Impakte.  Berechnet wurden die Auswirkungen für Planeten in der Größenordnung und der Bewohnbarkeit unserer Erde. Ungeschützt auf der Oberfläche herumkrabbelnden Spezies ist natürlich leichter der Garaus zu machen. Wasser hingegen kann ziemlich viel absorbieren, so daß das Leben in selbigem generell bessere Überlebenschancen hat. Generell wird in der Studie Tod durch Sterilisation des Planten mittels Hitze oder Strahlung modelliert.

Um jetzt die Ozeane derart aufzuheizen, dass es für unsere tapferen Freunde ungemütlich wird, da wäre zum Beispiel ein Impaktor mit einer Masse in der Größenordnung von 10 hoch 18 kg nötig – deutlich weniger als Vesta oder Ceres (10 hoch 20 kg) , aber es gibt in unserem Sonnensystem nicht sonderlich viele Körper in der Größenklasse, nur 17 Asteroide (Kometen sind sowieso leichter). Die Wahrscheinlichkeit, mit solchen Brocken zu kollidieren ist laut den Modellen über die Lebensdauer des Sonnensystems ohnehin sehr gering. 1:0 für Team Wasserbär.

Dann also die Supernovae. Hier wird angenommen, dass die Schockwelle den meisten Schaden anrichtet, und die maximale Entfernung für eine Supernova, um es unseren Freunden ungemütlich zu machen, ist schlappe 0.04 Parsec (1 Parsec = 3.26 Lichtjahre). Das ist weit näher als das nächste Sonnensystem (Alpha Centauri), und das ist ohnehin zu massenarm um als Supernova abzurauchen. Und selbst in dichteren Ecken einer Galaxis, näher am Kern, ist die Wahrscheinlichkeit für einen terrestrischen Planeten, während seiner habitablen Phase von einer Supernova sterilisiert zu werden, nur um die 1%. 2:0 für unsere wackeren Kollegen.

Größere Geschütze werden aufgefahren – Gammablitze. Hier ist die Energie in Jets konzentriert – die aber erst mal zufällig in Richtung Erde zeigen sollten. Auch hier müssten die Dinger erstaunlich nahe sein, um Totalschaden anzurichten – laut Modell knapp 14 Parsec. Die Wahrscheinlichkeit für so ein Ereignis ist wieder sehr, sehr unwahrscheinlich, sowohl für die Erde wie auch generell für Analog-Planeten. 3:0 also.

Team Apokalypse fährt in aller Verzweiflung dann noch vorbeirrauschende Sonnen auf – das ist schon sehr Hollywood-mäßig (erinnert sich noch jemand an diesen Epos aus den 1950ern?). Ergebnis: noch unwahrscheinlicher als obige Szenarien. Also Kantersieg für Team Wasserbär, 4:0.

Bleibt halt noch die Frage, was die lieben Tierchen nach der Apokalypse so anstellen könnten – die Erde hat sicher noch einige Zeit als bewohnbarer Planet vor sich, bis zum Roten Riesen dauert es noch ein paar Milliarden Jahre. Aber das ist sicher noch einen weiteren Beitrag wert.

 

 

 

Mein Interesse an Planetologie und Raumforschung begann schon recht früh. Entweder mit der Apollo/Sojus Mission 1975. Spätestens aber mit dem Start der Voyager-Sonden 1977, ich erinnere mich noch wie ich mir mein Leben in der fernen Zukunft des Jahres 1989 vorzustellen versuchte, wenn eine der Sonden an Neptun vorbeifliegen würde.Studiert habe ich dann Mineralogie in Tübingen (gibt es nicht mehr als eigenständiges Studienfach). Anstatt meinen Kommilitonen in die gängigen Richtungen wie Keramikforschung zu folgen, nahm ich meinen Mut zusammen und organisierte eine Diplomarbeit über Isotopenanalysen von Impaktgestein aus dem Nördlinger Ries Einschlagkrater. Dem folgte dann eine Doktorarbeit über primitive Meteorite in Münster.Nach 10 Jahren als PostDoc in verschiedenen Ecken der Welt arbeite wieder am Institut für Planetologie in Münster, an Labormessungen für die ESA/JAXA Raumsonde BepiColombo, die demnächst zum Merkur aufbrechen wird.Mein ganzes Arbeitsleben drehte sich bisher um die Untersuchung extraterrestrischer (und damit verwandter) Materialien: Gesteine aus Impaktkratern, die ganze Bandbreite Meteoriten (von den ganz primitiven Chondriten bis hin zu Marsmeteoriten). Zu meiner Forschung gehören auch Laborexperimente, in denen Vorgänge im frühen Sonnensystem nachgestellt wurden.Mein besonderes Interesse ist, die Laboruntersuchungen von extraterrestrischem Material mit Fernerkundungsdaten (im Infrarot) zu verknüpfen. Das vor allem mit Daten aus der planetaren Fernerkundung durch Raumsonden, aber auch mit Beobachtungen junger Sonnensysteme durch Teleskope.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Aber dass die Bärtierchen (das ist der geläufigere Name) bis zum Roten Riesen Stadium aushalten, ist wohl auch sehr unwahrscheinlich. Schon in etwa zwei Milliarden jahre wird die Oberflächentempratur 100°C übersteigen. Etwa zur gleichen Zeit wird Magnetfeld, aufgrund der Abkühlung der Erde, zusammenbrechen, die Atmosphäre recht schnell abgetragen werden.

    Lange davor, wird durch den unterbrochenen Silikatkreislauf immer weniger CO2 in der Atmospähre sein, wodurch Photosynthese bei Pflanzen nicht mehr funktionieren kann. Das schätzt man auf 500 Mio. bis 1 Mrd. Jahre. Von diesen Zusammenbruch der nahrungskette werden auch die Bärtierchen betroffen sein. Ab etwa 1,5 Mrd. jahre reicht das CO2 auch nicht mehr für Bakterien. Da sich Bärtierchen von Bakterien ernähren, schaffen sie es vielleicht genau bis dahin.

    Abgesehen davon, dass Bärtierchen zwar in ein Resistenzstadium verfallen können, wo sie eine Menge aushalten, aber sich dann nicht fortpflanzen können. ZB. Anoxybiose überleben sie bis zu 6 Monate, aber das wars dann. Also alle Ideen, sie könnten aus Meteroiten sogar andere Sternsysteme erreichen und kolonialisieren, sind absurd. Tatsächlich sind sie auch sehr empfindlich gegenüber dem Salzgehalt, überleben auch diese Schwankungens ehr lange, aber eben nicht dauerhaft. Die Versuche mit UV-Strahlung und Kälte des Alls dauerten auch nur 10 tage und da überlebten die allermeisten nicht. Also unwahrscheinlich, dass sie die bedingungen des Alls lange überstehen.

    Bärtierchen sind irgendwie cool, aber da waren die Autoren ein wenig zu optimistisch, mit der Prognose Bärtierchen überleben bis zum Roten-Riesen-Stadium oder gar Allbedingungen.

  2. Hat schon einmal jemand versucht, so ein Bärtierchen zu dressieren? (Kein Witz!)
    Sogar bei Regenwürmern funktioniert das.
    Überhaupt erfährt man sehr wenig über diese Tiere. Was macht sie so widerstandsfähig?

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