Blick zurück im Zorn ? Oder: Gab es Bazillen auf dem Mars? Ein Rückblick.

Is there Life on Mars ?, das fragten sich schon David Bowie und sein Produzent Tony Visconti Anno 1973. Ein paar Jahrzehnte später sah es dann so aus, als ob darauf tatsächlich eine Antwort gefunden wurde.

20 Jahre ist es also her. Damals, in der fernen Vergangenheit der 90er also (Himmel, dieses Jahr ist das 25te Abitreffen. Alt, ich bin wirklich alt). Flauschige Schul-, Zivi-, Studenten-, und sogar erste Doktorandenjahre (persönlich wahrlich ein bewegtes Jahrzehnt). Der Durchbruch für Internet,  Handys, Grunge (erinnert sich wer ?) und Pokemon (ja, alles schon mal dagewesen).
Und am 7.August 1996 hielt der Präsident der USA, Bill Clinton (irgendwie auch verwandt mit der Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton) eine Fernsehansprache. Und zwar über einen Meteoriten. Kommt auch nicht alle Tage vor – außer in Filmen, wenn was Größeres von oben droht… Impakt-Filme waren übrigens auch in Mode in den 90ern, Deep Impact und Armageddon (bäh).

Um was ging es denn? Erst mal um einen Meteoriten, ALH 84001. Hier zeitgenössische Artikel im Spektrum, Bild der Wissenschaft, und dem Spiegel. Prima Zusammenfassung vom wie immer zuverlässigen PSRD auf Hawaii hier, und hier vom Lunar and Planetary Institute LPI in Houston. ALH heißt: Kommt von den Alan Hills in der Antarktis. Da kommen bekanntlich viele Meteorite her. ALH 84001 ist ein SNC-Meteorit, wie die Marsmeteorite auch genannt werden. SNC steht für die drei grundlegenden Typen: Shergotitte, Nakhlite und Cassignite. Aber ALH84001 passt nicht ganz ins Schema, weshalb er auch als SNC-Orthopyroxenit bezeichnet wird (hier der Eintrag im Katalog der Meteoritical Society). Der Meteorit besteht also vor allem aus dem gängigen Eisen-Magnesiumsilikat Orthopyroxen. Das hat jetzt aber erst mal nichts mit den Lebenspuren zu tun.

Interessant wird es bei den weiteren Mineralen. Denn darunter findet sich ein eisenreiches Karbonat, Siderit. Zu den Karbonaten gehört auch der Kalzit, gemeinhin als Kalkstein bekannt. Das ist schon mal interessant, weil sich dieser gerne in Wasser bildet. Das alleine hat aber immer noch nichts direkt mit Leben zu tun, aber halt schon eine wichtige Grundlage. Dann waren da die PAH – Polyzyklisches Hydrokarbon. Das kann schon was mit Leben zu tun haben, nämlich als Zerfallsprodukt (z.B. in Kohle). Das wäre dann doch schon mal was. Eine weitere mineralogische Spur waren dann spezielle, längliche Anordnungen und Formen von Eisenoxid (Magnetit) und Eisensulfiden, die an Überbleibsel irdischer Bakterien erinnern – Nanofossilien. Diese wurden zusammen mit den Karbonaten gefunden. Diese wurmartigen Objekte waren allerdings deutlich kleiner (ein paar hundert Nanometer) denn die Überreste ihrer potentiellen irdischen Kollegen (im Mikrometer-Bereich). Das alles Zussammen war die Grundlage für die These, dass es sich um extraterrestrische Fossilien handelte.

Das Gebiet  der Astrobiologie hat unter vielen Kollegen den Ruf des spekulativen, mit einem Hang zu Schnellschüssen. Vor 1996 war Astrobiologie eher untergeordnet. Die beiden Vikings in den 70ern hatten zwar Experimente an Bord, die Leben nachweisen sollten. Aber so richtig ernst wurde die Astrobiologie als Forschungsrichtung eigentlich nicht genommen. Die meisten Forscher auf dem Gebiet waren/sind Geowissenschaftler und Physiker, die sich an Gestein oder Eis abarbeiten. Mit der Entdeckung änderte sich dieses. Die Suche nach Leben (nicht nur) auf dem Mars trat in den Vordergrund in den Planetary Sciences, Gelder flossen plötzlich üppig für alles in dieser Richtung. Was natürlich bei denjenigen, die auf anderen Feldern forschten dann auch nicht so gut ankam. Zunächst überwog aber wohlwollendes Interesse, kein Wunder, war zunächst mal eine spektakuläre, fundamentale Entdeckung. Dann aber drehte sich Wind und Stimmung in der Branche ziemlich schnell.

Grund für den Rückschlag spielte war unter anderem, dass die NASA-Gruppe sich nicht richtig an die Gepflogenheiten in der Branche hielt. Anstatt erst das Ganze ‘seriös’ zu veröffentlichen, oder sich der wissenschaftlichen Öffentlichkeit generell zu stellen, wurden die Ergebnisse eben zuerst auf der Pressekonferenz verkündet. Dazu gab es nur wenige Wochen vorher auf der Meteoritical Society Conference damals in Berlin (wie auch dieses Jahr !) die Möglichkeit, oder Anfang des Jahres auf der LPSC. Das kam nicht so gut an. Wobei es durchaus Andeutungen gab, in welche Richtung die Forschung ging, siehe ein Tagungsabstrakt ein Jahr vorher.

Zunächst also wurde ordentlich geforscht. Ein Problem war der Mangel an brauchbaren Proben – Marsmeteorite sind und waren nicht so häufig. Schaut man sich die Veröffentlichungen zum Thema an, so scheint es dann zur LPSC 1997 so richtig losgegangen zu sein. Und zwar sprichwörtlich, die Stimmung in den Mars-Sessions zum Thema war so aufgeheizt, wie ich es mir in jüngeren Jahren vorgestellt habe.  Und noch 4 Jahre später haben sich die Vertreter beider Stämme gar übelst verbal während der speziellen Session angegangen, war für mich als kleinen Doktoranden damals schon beeindruckend. Der Split ging durch Familien, es gab mindestens einen Fall wo ein Familienmitglied auf der Pro, der andere auf der Gegen-Seite dabei war.

Ein Fokus der Forschung zum einen auf den Karbonaten – deren Aufbau und Zusammensetzung erlaubt Rückschlüsse auf die Entstehungsbedigungen. Dummerweise ergaben diverse Studien Temperaturen von knapp über Nullpunkt bis hin zu 700°C. Außerdem deutete einiges auf einen komplexen Entstehungsprozess in verschiedenen Stufen (ältere Papers in Meteoritics&Planetary Science sind tatsächlich frei zugänglich, lobenswert) hin, mit Anzeichen für eine chemische Verbindung zu anderen Verwitterungsprodukten wie Tonmineralen. Es gibt Anzeichen für Impaktschock in den Karbonaten – und die generierte Hitze konnte den eisenreichen Siderit zerlegen – und dabei kann Magnetit entstehen, in der Form, wie in ALH 84001 beobachtet. Die Magnetite können also generell auch mit anderen Prozessen erklärt werden, nicht nur biologischen. Wie man an dem Abstrakt sieht, war auch noch 2010 die Stimmung etwas … sagen wir mal angespannt. Hier das Gegenstück von der ‘Pro’ Seite.

Und dann das organische Material. Ein Paper von Mikhail Zolotov bringt alle drei Säulen der Argumentation in einem Modell zusammen – in dem das organische Material in einem Impakt (vielleicht mit vorhergehenden magmatischen Prozessen) abiotisch generiert wurde. Auch zeigten die PAH keine räumliche Korrelation mit den Karbonaten, was zu erwarten wäre – sie sind wohl terrestrische Kontamination z.B. durch die Treibstoffe der Fahrzeuge der Expedition, die die Proben einsammelte.

Alles also sehr, sehr kompliziert. Und es wird noch immer ordentlich geforscht. Aber die Sache war halt bei weitem nicht so Eindeutig, dass es zwingend auf Leben auf dem Mars hindeutet. Wobei mich rückblickend doch etwas erstaunt, was für Wellen die wenigen Indizien ausgelöst haben. Heute würde das (natürlich dank der Erfahrung damals) nicht wohl ganz so gehypt werden. Andererseits – die Mode, auch wackeligste Entdeckungen mit großen, laut angekündigten Pressekonferenzen in die Welt zu setzten, entstammt wohl auch aus dieser Zeit.

So was bleibt von dem Ganzen? Durchaus viel. Das der Mars heute ein derart gut erforschter Planet ist, dürfte auf die Sache zurückgehen. Wobei natürlich auch so der Mars wieder deutlicher ins Zentrum des Interesses geraten wäre, einige Raummissionen waren zum Zeitpunkt der Affäre schon in fortgeschrittenem Zustand. Aber heute ist der rote Planet der nach der Erde wohl am besten erkundete Himmelskörper. Die Wissenschaft ist inzwischen so weit, das hier nicht ein Körper einfach mal abfotografiert wurde und gut wars.  Heute haben wir eine praktisch kontinuierliche Beobachtung, so das auch aktive Prozesse auf dem Planeten recht zeitnah verfolgt werden können. Und dabei geht es nicht nur um einen Haufen Steine –  ein schönes Beispiel ist die Arbeit eines Kollegen hier in Münster, der an Staubteufeln,  Luftschwirbeln in der Marsatmosphäre forscht.

Und wie gesagt, geforscht wird an ALH 84001 nach wie vor ordentlich. Und die Arbeitsgruppe, die das ganze ins Rollen brachte, steht auch nach wie vor zu den Ergebnissen.

Und es wurde einiges an Grundlagenforschung betrieben. Zentraler Punkt war natürlich, wie überhaupt so ein Brocken von einer Planetenoberfläche in einer Art und Weise in den Weltraum geschleudert werden kann, so dass organisches Material in erkennbarer Form durchkommt. Ganz zu schweigen von der feindlichen Umgebung des Weltalls. Das inspirierte Studien in diese Richtung. Aber dazu mehr ein anderes Mal.

Fazit: Vielleicht nicht ganz ein Look back in Anger (obligatorische Bowie-Referenz zum Abrunden am Schluss, Meiner Meinung nach eines seiner besten Lieder).

Mein Interesse an Planetologie und Raumforschung begann schon recht früh. Entweder mit der Apollo/Sojus Mission 1975. Spätestens aber mit dem Start der Voyager-Sonden 1977, ich erinnere mich noch wie ich mir mein Leben in der fernen Zukunft des Jahres 1989 vorzustellen versuchte, wenn eine der Sonden an Neptun vorbeifliegen würde.Studiert habe ich dann Mineralogie in Tübingen (gibt es nicht mehr als eigenständiges Studienfach). Anstatt meinen Kommilitonen in die gängigen Richtungen wie Keramikforschung zu folgen, nahm ich meinen Mut zusammen und organisierte eine Diplomarbeit über Isotopenanalysen von Impaktgestein aus dem Nördlinger Ries Einschlagkrater. Dem folgte dann eine Doktorarbeit über primitive Meteorite in Münster.Nach 10 Jahren als PostDoc in verschiedenen Ecken der Welt arbeite wieder am Institut für Planetologie in Münster, an Labormessungen für die ESA/JAXA Raumsonde BepiColombo, die demnächst zum Merkur aufbrechen wird.Mein ganzes Arbeitsleben drehte sich bisher um die Untersuchung extraterrestrischer (und damit verwandter) Materialien: Gesteine aus Impaktkratern, die ganze Bandbreite Meteoriten (von den ganz primitiven Chondriten bis hin zu Marsmeteoriten). Zu meiner Forschung gehören auch Laborexperimente, in denen Vorgänge im frühen Sonnensystem nachgestellt wurden.Mein besonderes Interesse ist, die Laboruntersuchungen von extraterrestrischem Material mit Fernerkundungsdaten (im Infrarot) zu verknüpfen. Das vor allem mit Daten aus der planetaren Fernerkundung durch Raumsonden, aber auch mit Beobachtungen junger Sonnensysteme durch Teleskope.

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