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Die großen Fragen: Der Trojanische Friede

„Fad ist das“, sprach Achill und warf seinen Schild, den silberschweren, den inhaltsschweren, achtlos in den Staub. In einen Staub, der blutgetränkt war von zahllosen Kämpfen, die seit Jahren um den Burgberg von Troja wogten. „Wo bleibt denn da der Kick?“ greinte der Peleiade, „wo die Spannung, wenn man weiß, dass man immer siegt?“ Er machte eine wegwerfende Gebärde, als wollte er seinen Schild noch einmal in den Staub schleudern. „Weil man unverwundbar ist.“

„Sei jetzt kein Kriegsverderber!“ schnauzte Agamemnon. „Jetzt, wo wir so nah daran sind, Troja zu zeigen, wer wirklich die Herren in der Ägäis sind.“

„Geschätzter Stratege“, hob nun Menelaos an. „Werter Bruder! Ist es nicht so, dass wir seit zig Jahren kämpfen und nicht mal den kleinsten Landgewinn erzielt haben? Dass wir auf verlorenem Posten stehen?“

„Hmhh. Ähem.“ Odysseus suchte angestrengt nach Worten, die dereinst als geflügelte Ewigkeitswert haben sollten. „Lassen wir mal die blumigen Durchhalteparolen und sind wir ehrlich“, fuhr Menelaos fort und zog den Eberzahnhelm vom Kopfe, damit er besser zu verstehen war. „Wir, unsere Leute, die paar, die all die Gemetzel überlebt haben, sind kampfesmüde. Alle wollen heim. Wollen ihre Liebsten wiedersehen, seien es Männer oder Frauen. Wollen sehen, wie ihre Kinder aufwachsen.“

„Manno!“ begehrte Odysseus auf. „ Das Pferd, das Pferd ist bald fertig. Dieses Pferd, das uns zum Sieg tragen wird!“

„Bah!“ Menelaos bohrte seinen Finger in Odysseus‘ Brustpanzer, den feingewirkten aus Bronze. „Was ist das für ein Sieg, der mit einer List und nicht im Kampfe errungen wurde?“ Er schaute in die Runde.

„Wegen dir und deiner ungetreuen Helena sind wir doch hier, Bruderherz“, zürnte Agamemnon.

„Deswegen bin ich es, der sagen kann: Brechen wir unsere Zelte und den Krieg ab“, warf sich Menelaos in die Brust, die geharnischte. „So kommen wir ohne Lorbeer, aber glimpflich davon. Die Welt wird davon kaum Notiz nehmen. Wer will schon von einem Krieg wissen wollen, der ohne Ausgang war.“

„Fad ist das“, hätte Homer befunden, wäre diese Geschichte von einem halben Krieg ihm zu Ohren gekommen. Um überhaupt zu ihm vorzudringen, hätte es der mündlichen Überlieferung bedurft. Vieler Generationen, vieler Menschen, die in dieser schriftlosen Zeit diese Geschichte 400 Jahre weiter und weiter erzählten. Was aber nur spannenden Geschichten widerfährt. Troja wäre vergangen und vergessen, hätte es da nicht diesen Krieg gegeben, den ganzen, den großen, den allerersten Weltkrieg. Krieg macht Geschichte. Krieg liefert den Stoff für Geschichten. Frieden ist eher langweilig.

Zurück zum Schlachtfeld vor Troja. Achill fischt seinen Schild aus dem Staub, säubert die meisterliche Schmiedearbeit, von einem Gott geschaffen. Und sieht die gepunzten Bilder darauf mit anderen Augen. Krieg und Frieden sind auf dem Schild dargestellt, hie eine belagerte Stadt, deren Bewohner gezeichnet sind vom Elend der Entbehrungen; da eine liebliche Stadt, wo der Frieden gefeiert, wo getanzt und gesungen wird. Achill, dem eigentlich das Denken fern liegt, kommt ins Philosophieren: Was, wenn es Frieden nur im Doppelpack mit Krieg gibt? Wie die Wonnen des Friedens erkennen, wenn man vorher nicht die Pein der Auseinandersetzungen durchlebt hat?

Die alten Griechen und die Kriege. Im Land der Stadtstaaten ist jedes der kleinen Dominiums mit jedem mal über Kreuz. Was Heraklit – einer der allerersten Philosophen, als die Griechen nach- und vorzudenken begannen – bereits im 6.Jahrhundert v. Chr. zu seinem Fazit veranlasste: „Krieg ist aller Dinge Vater, aller Dinge König. Die einen macht er zu Göttern, die anderen zu Menschen, die einen zu Sklaven, die anderen zu Freien.“

Krieg tat den notorisch Zerstrittenen sogar gut, vermochte doch nur der Krieg die alten Griechen zu einen. Wie der Krieg gegen die Perser, die drohten, das kleine Hellas zu überrennen, es niederzumachen. Gegen diese außergriechische Übermacht kämpften selbst die Spartaner und Athener Seite an Seite.

War dann der Feind zurückgeschlagen, die Gefahr gebannt, wurde das Stadtstaatenbündnis schnell aufgekündigt und man zog munter gegen die jüngst noch Waffenbrüder ins Felde. Wie Athen gegen Sparta, Sparta gegen Athen im großen Peloponnesischen Krieg.

Alte Geschichte ist eine Abfolge von Kriegen, so man den zeitgenössischen Geschichtsschreibern Glauben schenkt. Wie auch Neuere Geschichte sich als Chronik von Kriegen liest, weil für Historiker wohl Konflikte nun mal der Stoff ist, die Geschichte ausmachen. Vom Frieden erzählt uns keiner. Frieden ist allenfalls eine Fußnote wert. Es braucht wohl den Krieg, um den Frieden zu wollen, ihn bewahren zu wollen, ihn wertzuschätzen.

Krieg ist der Vater aller Dinge. Auch des Friedens.

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Geboren in Deutschland; Vater und Mutter – der eine klassischer Archäologe, die andere Altphilologin – brainwashten ihr einziges Kind bereits im zarten Alter, lasen ihr z. B. als Gute-Nacht-Geschichte die „Odyssee“ vor – auf Altgriechisch. Studium der Vor- und Frühgeschichte und Alter Geschichte in Tübingen, Oxford und Athen. Weil es ihr die alten Griechen angetan haben, zog sie nach ihrem Examen in deren Land; und lebt gern hier, auch wenn die neuen Griechen nichts unversucht lassen, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Sie arbeitet hier als Archäologin; flüchtet mitunter – wenn Abstand von Griechenland angeraten ist – in ihren Blog und zu Grabungen in die Türkei, den Vorderen Orient, Mittleren und Hinteren Orient. Nera Ide

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Krieg war der Vater aller Dinge, bis vor ganz kurzer Zeit. 1945 ist eine historische Zäsur, die bisher noch weitgehend unbemerkt ist und die die eigentliche Sensation des 20.Jahrhunderts darstellt.
    Mit Europa hat sich erstmals in der Geschichte ein ganzer Kontinent glaubhaft vom Krieg abgewandt, in jener Form, die ganze Länder und Regionen verwüstet.
    Vergleichbar ist das nur mit dem Westfälischen Frieden, der Schluß gemacht hat mit religiösen Kriegen auf europäischem Boden.

    Neuere Geschichte liest sich bei weitem nicht mehr so wie in früheren Zeiten als “Chronik des Krieges”, vor allem im Westen hat sich die Einstellung zum Krieg in dramatischster Weise verändert.
    Heute ist es kaum noch möglich, ein paar popelige Auslandseinsätze durchzuführen, ohne dafür massiven Widerstand in der Bevölkerung zu ernten.
    Europa hat bereits einmal bewiesen, daß es die Abkehr vom Krieg ernst meint, im Jugoslawienkonflikt, der oft fälschlicherweise als Kriegstreiberei betrachtet wird.
    In jedem früheren Jhd. hätte sich Europa begierig auf diesen Konflikt gestürzt und ihn als Anlaß für den dritten Weltkrieg genutzt, Gründe dafür hätten sich dann schon gefunden. Stattdessen wurde eindämmend eingegriffen, sehr minimal, mit starkem Widerwillen, vom früheren Heroismus keine Spur mehr.

    • Die Angst vor der Anwendung der Nuklearwaffen hat sogar den Politikern zu denken gegeben.
      Alfred Nobel sagte: “Ich würde gerne ein Mittel oder eine Maschine von so schrecklicher massenvernichtender Wirkung erfinden, dass Krieg dadurch für immer unmöglich gemacht würde.”
      Nobels Dynamit war noch zu schwach dafür, um die Politiker zum Denken zu bringen, aber mit Plutonium scheint das zu funktionieren.

      • Vorausschauend, der Mann…
        Ich glaube schon, daß es auch eine allgemeine Entwicklung war, es gab ja schon vor und im ersten Weltkrieg bemerkenswerte pazifistische Bestrebungen.
        Aber die Atombombe spielt keine unwesentliche Rolle, sehe ich auch so.

  2. Alte Geschichte ist eine Abfolge von Kriegen, so man den zeitgenössischen Geschichtsschreibern Glauben schenkt. Wie auch Neuere Geschichte sich als Chronik von Kriegen liest, weil für Historiker wohl Konflikte nun mal der Stoff ist, die Geschichte ausmachen. Vom Frieden erzählt uns keiner. Frieden ist allenfalls eine Fußnote wert.

    Hier die ‘Fußnote’ :
    -> https://de.wikipedia.org/wiki/Demokratischer_Frieden

    Es entstehen in aufklärerischen Gesellschaftssystemen zu hohe prohibitive Kosten, um sich dann von Aussagen der Art, dass die Völker für alle Zeiten zum Krieg verdammt wären, so womöglich Hegel, sinngemäß, begründet absetzen zu können.

    Gerechte Kriege sind natürlich so eine Sache, sie können nur gerecht sein, wenn anderswo andere Kultur gepflegt wird und diese als minderwertig beachtet wird, auch weil sie selbst aggressiv ist.

    Hegel (sofern der es war, der dbzgl. wie zitiert angeführt worden ist) lag natürlich richtig in der Annahme, dass die Kompetitivität von Staaten, die gerne auch Nationalstaaten sein dürfen, letztlich und unter Umständen auch im Krieg geprüft wird.
    Anders anzunehmen würde bedeuten global-gesellschaftliche Stagnation zu bewerben.

    Besonders bellizistisch will der Schreiber dieser Zeilen aber nicht klingen, weil er es nicht ist, der Pazifismus ist abär jedenfalls sittlich ungeeignet, auch um eigenen Zivilisationsstand aufrecht zu erhalten.
    Viel mehr sollte nicht kommentarisch beigetragen werden.

    Der Antagonismus “Krieg-Frieden” wird heutzutage also meist nicht benötigt, insbesondere sind auch bestimmte europäische Sezessionsbewegungen, wie bspw. aktuell in Schottland und in Katalonien zu beobachten und nicht vor möglichem kriegerischen Hintergrund zu bearbeiten.

    Auch das Gerede von Dr. Angela Dorothea Merkel, die meint, dass wenn der Euro oder die EU scheitert, irgendwie Kriegsgefahr aufkommen könnte, bleibt als dull zu erkennen und dem (eher sittlich niedrigen) politischen Tagesgeschäft geschuldet :
    -> http://www.focus.de/politik/videos/eine-frage-von-krieg-und-frieden-fuer-merkel-steht-die-zukunft-europas-auf-dem-spiel_id_5346817.html

    MFG + schönes Wochenende schon mal,
    Dr. Webbaer

  3. Dieser Beitrag reflektiert doch eher die von den meist vermögenden oder adligen Historikern niedergeschriebenen Ansichten als die tatsächliche Faktenlage.
    Wenn der Krieg bei den Griechen so hoch angesehen war: warum ist in der Mythologie dann ausgerechnet der Kriegsgott Ares ein unbedarfter, verächtlicher Haudrauf und so ziemlich der unsympathischste unter den olympischen Göttern? In der ursprünglichen römischen Mythologie scheint Mars zwar eine deutlich bessere Reputation gehabt zu haben, aber dass auch hier der Frieden als der erstrebenswerte Zustand galt, zeigt u.a. die Selbstbeschreibung des Augustus, der sich das Schliessen der Tore des Janustempels als besonderen Verdienst anrechnet.
    Dass der Krieg kulturelle Leistungen inspiriert gehört ebenfalls ins Reich der Legenden. Die Blütezeit der athenischen Klassik liegt ziemlich genau zwischen den Kriegen gegen die Perser und den peloponnesischen Bund, wie auch die Hochzeit der römischen Literatur erst mit dem Ende der Bürgerkriege beginnt. Am frappierendsten offenbart sich der grundsätzlich kulturfeindliche Charakter des Krieges übrigens in Sparta. Bis ins 6. Jahrhundert hinein war Sparta auch kulturell die bedeutendste Stadt Griechenlands, bis die Eroberung Messeniens Sparta in eine Art ständigen Kriegszustand versetzte. Da war dann ziemlich schlagartig Schluss mit Poesie und Tanz.
    Bleibt also nur der angeblich einigende Charakter des Krieges. Stimmt auch nicht wirklich: an dem Kampf gegen das Perserreich hat nur eine Minderheit der hellenischen Stadtstaaten teilgenommen (allerdings die grössten unter ihnen), andere wie etwa Theben oder Argos waren sogar im Bündnis mit den Persern.
    Krieg war und ist nur in den Augen seiner Profiteure der Vater aller Dinge, für alle anderen ist er bestenfalls ein unvermeidbares Übel -und wir scheinen auf einem guten Wege, auch das unvermeidbar streichen zu können.

    • Krieg ist aller Dinge Vater, aller Dinge König. Die einen macht er zu Göttern, die anderen zu Menschen, die einen zu Sklaven, die anderen zu Freien.

      So heißt es doch und diese Beobachtung scheint trefflich zu sein.

      Der Krieg hat insofern bestimmte ‘kulturelle Leistungen’, äh, evoziert, weil die Alternative darin bestanden hätte im Krieg derart nicht zu entwickeln und womöglich in der Folge zu unterliegen, unfrei zu werden.
      Gar ‘Sklaven’, über die andere personalisierte ‘Götter’ in der Folge herrschten.

      Frank Miller und in der Folge cineastisch Zack Snyder haben sich hier einen Spaß daraus gemacht und hier monetär und die Menge meinend Honig gesogen, was nicht möglich gewesen wäre, wenn am Satz von Heraklit nichts dran gewesen wäre.

      Auch die Doitschen (vs. Deutschen) sind in der letzten großen kriegerischen Unternehmung belehrt worden, sie haben als geborene Kollektivisten nicht alleine zu aufklärerisch-demokratischen Systemen gefunden, und die US-Amerikaner sind letztlich, auch dank Wernher, auf dem Mond gelandet, sofern sie dort wirklich gelandet sind, womöglich hegen hier einige noch Zweifel, “Aristius Fuscus”?!

      Es macht ja auch Sinn den Krieg einerseits als besonderen Motor kultureller Entwicklung zu verstehen und andererseits den einigenden Charakter kriegerischer Ereignisse, sofern sie eine Entscheidung gefunden haben, zumindest zu bemerken.

      Die Altvorderen haben sich nicht ohne Grund “gekabbelt” und bspw. der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg ist auch heute noch in seinen Folgen zentral zivilisatorisch normierend.


      Klar, in unaufklärischen Gesellschaftssystemen, wobei der Schreiber dieser Zeilen partiell dem “alten Griechenland” Aufklärung zuschreibt, bedeute(te)n Kriege meist nur Verbrechen, Sklaverei und nacktes Sich-Gegenseitiges-Umbringen, ohne Sinn und Verstand sozusagen.
      Womöglich geht Ihre Kritik, werter “Aristius Fuscus” primär in diese Richtung und dagegen wäre dann auch kaum etwas zu sagen.

      MFG + schönes Wochenende!
      Dr. Webbaer (der gerne bei Gelegenheit mal den Militärhistoriker Martin van Creveld liest, vielleicht auch eine Idee für Sie in die dortig bereitgestellten Texte über das Wesen des Krieges mal reinzuschauen)

      • Frank Miller und in der Folge cineastisch Zack Snyder haben sich hier einen Spaß daraus gemacht und hier monetär und die Menge meinend Honig gesogen, was nicht möglich gewesen wäre, wenn am Satz von Heraklit nichts dran gewesen wäre.

        Die Logik dieser Aussage erschliesst sich nun wirklich nicht, vielleicht ordnen Sie erst mal Ihre Gedanken und versuchen es dann nochmal mit mit einer Antwort. Sie können dazu gerne auch Argumente aus der Geschichte bringen, an Meinungen bin ich generell nicht interessiert -und etwas anderes habe ich bei Ihnen nicht gefunden. Dabei sollten Sie davon absehen, den Namen des Gesprächspartners in Anführungszeichen zu setzen, das ist schlechter Stil und ein untrügliches Zeichen für mangelnde Gesprächskultur. Dass ich unter einem Pseudonym diskutiere, dürfte einen “Dr. Webbaer” ja nicht stören.

        • Klang jetzt ein wenig “verschnupft”, werter Herr Aristius Fuscus.
          Die Sicht auf historische Ereignisse basiert auf Fakten (über die schlecht gestritten werden kann) und ‘Meinungen’.
          Die geschichtliche Nachbetrachtung hat insofern etwas feuil­le­ton-haftes, “Dr. Webbaer” hat sich dies von Historikern so versichern lassen, auch sie ist Veranstaltung.
          Mit Meinungen im Zentrum.

          Mit dem Verweis auf den Film “300” waren insofern Frank Miller und in der Folge cineastisch Zack Snyder adressiert, weil sie so eine Nachbereitung schafften, die zumindest irgendwie in der Menge auf Rückhall gestoßen ist (und sich eben auch auszahlte).
          “Dr. Webbaer” hat keine grundsätzlichen Probleme mit der Bearbeitung historischer Ereignisse durch die Menge.


          Gerne demnächst wieder substantiierter, Ihre historischen Meinungen betreffend.

          MFG + schönes Wochenende noch,
          Dr. Webbaer

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