Randnotiz: Quatsch mit Keramikperlen zur Wasseraufbereitung

Es kam die Frage auf, was es mit den Keramikperlen “Ceramic Pearls For Carafes” von Les Vert Moutons auf sich hat, die Kalkablagerungen und unangenehmen Geschmack von Trinkwasser reduzieren sollen. Die kurze Antwort lautet, dass es sich um ein Quatschprodukt handelt, das nicht halten kann, was es verspricht.

Die lange Antwort hier unten hilft vielleicht jenen weiter, die sich über die fantastischen Versprechen des französischen Herstellers oder von Händlern  wie dem Berliner Laden „Original Unverpackt“ wundern. Oder jenen, deren Kommentare unter dem folgenden Instagram-Post auf wundersame Weise verschwinden oder vor anderen Usern verborgen werden.

Screenshot: So werden die Keramik-“Perlen” auf Instagram angepriesen. Auf Seite zwei im verlinkten Post werden die unten zitierten Behauptungen aufgestellt.

Bei den “Ceramic Pearls” handelt es sich um gebrannte Tonröhrchen, von denen einige in der Wasserkaraffe platziert werden sollen, um dort ihre Wirkung zu entfalten. Offenbar ist dem Ton ein nicht weiter aufgeschlüsselter Mix aus Mikroben zugesetzt worden, der als “Effektive Mikroorganismen” bezeichnet wird. 

Da sich beim Brennen bei 800-1200°C jeder Organismus in seine molekularen Bestandteile zerlegt, bleibt davon im fertigen Produkt nicht viel übrig – auf jeden Fall nichts lebendes oder aktives. Das Phänomen kann jeder mit einer Zimmerpflanze auf dem heimischen Holzkohlegrill selbst nachvollziehen. 

Auf seiner Website behauptet der Hersteller weiter, dass die Keramikperlen „durch eine biologische Reaktion direkt in die Struktur des Wasserseingreifen würden. Was diese ominöse Wasserstruktur sein soll, verrät er indes nicht. Verantwortlich dafür seien „positive Mikroorganismen“, die aber nirgendwo erklärt oder definiert werden. So weit, so unklar. 

„[Behauptung:] Die Wirkung der hauptsächlich in den Perlen vorhandenen positiven Mikroorganismen überträgt ihre Wirkung auf diese neutralen Wassermikroorganismen.“

… und das, obwohl die Mikroben ja im Ton totgebacken wurden, wie funktioniert das also? Aluhüte aufgepasst! Der Ton hätte angeblich “elektrische Informationen” der Organismen aufgenommen und würde diese in Form von “elektrischen Wellen” wieder abgeben. Also eine Art SD-Karte mit WLAN, nur ohne Stromversorgung? Nobelpreisverdächtig oder einfach Nonsens – ich tippe auf Letzteres. 

„Das Wasser wird dynamisch, regeneriert sich selbst und neutralisiert nach und nach seine eigenen Ablagerungen.“

Wer “dynamisch”, “regenerieren” oder “neutralisieren” im Duden nachschlägt, wird die Bedeutung der Vokabeln nicht mit diesen Erklärungsversuchen vereinbaren können. Es ist eine Ansammlung von klug und wichtig klingenden Begriffen, die aber in Zusammenhang mit Wasser keinen rechten Sinn ergeben. 

Wie “dynamisch“, also bewegungs- oder schwungvoll Wasser ist, hängt davon ab, wie sehr man es schüttelt. Flüssiges Wasser “regeneriert” oder erneuert sich vielleicht mit viel Vorstellungskraft, wenn es aus Wasserdampf kondensiert – Karaffe also immer gut verschließen! Die Ablagerungen, die nach dem Verdunsten oder beim Kochen zurückbleiben, sind ohnehin neutral, das heißt, sie sind weder elektrisch geladen noch sauer oder basisch. Mehr dazu im folgenden Abschnitt. 

„Dank der Keramikperlen verflüchtigt sich das Chlor und der Kalkgehalt wird stark reduziert.“

Gechlortes Trinkwasser verliert übrigens auch ohne Keramikperlen seinen unangenehmen Geruch, da sich das Chlor von selbst verflüchtigt. Man soll die Perlen ins Wasser werfen und dann dreißig Minuten warten. Vermutlich dauert es ohne die Perlen eine halbe Stunde, um den selben Effekt zu erzielen. 

Und was hier “Kalk” genannt wird, ist eigentlich Kesselstein. Es handelt sich um schwerlösliche Salze aus Kalzium-, Magnesium-, und Karbonat-Ionen, die in Rohrleitungen, an Wasserkochern und sonstwo im Haushalt unschöne Ablagerungen hinterlassen. Mit Essig oder Zitronensäure bekommt man den Kesselstein aufgelöst. 

Mit Tonperlen bekommt man diese Salze jedoch sicher nicht aus dem Wasser heraus. Dafür benötigt man zum Beispiel einen Ionenaustauscher oder einen Verfahren wie die Umkehrosmose, das Ionen aus dem Wasser herausfiltert. 

„Ihre Wirkung [die der Mikroben] ermöglicht es dem Körper, die Übersäuerung zu bekämpfen und so eine gesunde Darmflora zu erhalten. Sie haben eine energetisierende Wirkung auf das Wasser, indem sie es in seine ursprüngliche Struktur zurückführen.“

Es gibt keine Übersäuerung im Körper, zumindest nicht so, wie es hier gemeint ist. Im Magen ist höllisch was los, was Säure angeht (Hallo, Sodbrennen!) und unser Körper hat keine Probleme, diese Säuren im Dünndarm wieder zu neutralisieren. 

Außerdem kann man mit Wasser zwar Energie speichern (zum Beispiel kinetische Energie im Form von Wärme in der Heizung oder potenzielle Energie in einem Pumpspeicherkraftwerk), aber beides hat für eine Wasserkaraffe keine Bedeutung. 

Eine permanente Struktur hat Wasser nur in der Form von Eis, durch die (energetisierende?) Zufuhr von Wärme taut es aber eher auf. Wie Tonröhrchen dabei helfen sollen, Wasser aufzutauen oder zu gefrieren bleibt unklar. 

„Dank der höheren Durchdringungskraft der kleineren Wassermoleküle hydratisiert dieses Wasser das Gewebe besser und beseitigt schneller die in den Zellen eingelagerten Giftstoffe und Stoffwechselabfälle.“

Abermals viel Wortgeklingel ohne Sinn. Bei der Hydratation wirken zwar tatsächlich elektrostatischen Anziehungskäfte zwischen den Wassermolekülen und anderen geladene Teilchen. (Klingt komplizierter, als es ist. Am ehesten ist das mit dem Effekt vergleichbar, wenn man einen Ballon am Pullover reibt, der daraufhin wie von Geisterhand die Haare anzieht.) Und ja, auch an die Biomoleküle in den Geweben des Körpers lagert sich das Wasser an. Ohne diese Hydrathülle würden viele Proteine ihre Form und Funktion einfach verlieren. Aber Wasser bleibt Wasser und Tonröhrchen können diese Wechselwirkungen nicht “verbessern”. 

Mir fällt nur eine einzige Möglichkeit ein, die “Durchdringungskraft” von Wassermolekülen zu erhöhen, nämlich sie zu erhitzen. Auch dafür braucht niemand französische Zauberperlen. 

Für die Entsorgung von Giftstoffen ist die Leber zuständig, Stoffwechselprodukte beseitigt in erster Linie die Niere. In den Zellen lagern sich keine “Abfälle” ab, vielleicht könnte man noch die Einschlusskörperchen neurodegenerativer Erkrankungen gelten lassen. Aber als Kur gegen Alzheimer und Parkinson sind die Tonteilchen auch nicht besonders glaubwürdig. 

„[Die] Perlen speichern keine Schadstoffe, daher benötigen sie keine besondere Pflege. Nur die Behälter müssen regelmäßig gereinigt werden.“

Ganz im Gegenteil werden sich über kurz oder lang auf den Tonkügelchen Mikroorganismen ansiedeln. Die raue Oberfläche und das Loch in der Mitte sollten einen idealen Platz für einen Biofilm bieten. Solche Bakterienrasen gelten als “hartnäckiges Reservoir an krankheitserregenden Mikroorganismen, die für verschiedene durch Wasser übertragene Krankheiten verantwortlich sind“. 

Bekämpft werden diese Bakterien in Trinkwassersystem zum Beispiel durch Chlorung. Zu so einer Chemiekeule müssen die Nutzer:innen der Keramikperlen vielleicht nicht greifen, regelmäßiges abkochen reicht.

Wer Wert auf Nachhaltigkeit und einen ressourcenschonenden Lebenswandel legt, übt sich auch hier am besten in Verzicht. Denn “grün” ist an einem solchen Unsinnsprodukt gar nichts.

Darauf ein Glas Berliner Rohrperle. Prost!

Martin Ballaschk ist promovierter Biologe, aber an vielen anderen Naturwissenschaften interessiert. Das Blog dient ihm als Verdauungsorgan für seine Gedanken. Beruflich ist er als Wissenschaftskommunikator, hier rein privat unterwegs.

2 Kommentare

  1. Naja, im Wasserkessel mag die Wirkung von EM-Keramik zweifelhaft sein. Schadet aber nix, denn bei der grossen Anwendungsbreite dieser Wunderperlen findet sich sicher ein anderer Anwendungsbereich:

    Als Anti-Zecken-Halsband für den Hund, für die beschleunigte Aushärtung von Beton, zum Schutz des Baustahls vor Korrosion, als Nackenrolle zur Entspannung, als Verhütungsmittel gegen unerwünschte Schwangerschaft, für die Förderung der Fruchtbarkeit bei unerfülltem Kinderwunsch, als Vergilbungsschutz bei Farben, gegen elektromagnetische Störstrahlung, als Schutz der Gartenbäume gegen Wildverbiss, gegen Chlor und Pisse im öffentlichen Schwimmbad, für goldgelbere Fritten, für weichergekochten Reis, Verbesserung des Handyempfangs…

    Okay, eine der genannten Indikationen habe ich frei erfunden. Ich vermute jedoch, dass die Hersteller dieser Kristallperlen meine Anregung gerne aufgreifen werden.

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