Die Gesten der Kolkraben

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Wissenswertes aus der Vogelwelt
Der Nesthocker

Sie gehören nicht gerade zu den exotischsten Vertretern der Singvögel und als Laie käme man wohl auch kaum auf die Idee, sie zu dieser Ordnung zu zählen. Doch nicht nur ihr untypisches Aussehen macht die Raben und Krähen zu ganz besonderen Vögeln. Sie gelten heute neben den Papageien und den Spechten als die intelligentesten Vögel überhaupt und sind dem Menschen schon seit langer Zeit bestens bekannt. Sie sind klassische Kulturfolger und eine nicht besonders spezialisierte Gruppe von Vögeln, weshalb sie so gut wie überall auf der Welt vorkommen. Nur in Südamerika findet man keine der 42 heute bekannten Arten. Bild: Kolkrabe, Accipiter (CC BY-SA 3.0)

Bekannt sind Raben und Krähen vor allem für ihr besonders schnelles Lernverhalten. Sie erkennen sich selbst im Spiegel, können Menschen anhand ihrer Gesichtsstruktur unterscheiden und sind in der Lage Werkzeuge zu gebrauchen.

Simone Pika vom Max Planck Institut für Ornithologie in Seewiesen und Thomas Bugnyar von der Universität Wien haben nun einen weiteren erstaunlichen Beweis für die hohe Intelligenz der Vögel gefunden: Kolkraben (Corvus Corax) verwenden Gesten um untereinander zu kommunizieren, ein Verhalten, das sonst nur bei Hominiden beobachtbar ist. Die Fähigkeit zu gestikulieren, also einen Artgenossen mittels Gesten auf etwas hinzuweisen bzw. aufmerksam zu machen gilt bei Menschenaffen als eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung von vokaler Sprache. „Gestenstudien haben sich viel zu lange nur auf Primaten beschränkt. Das Geheimnis um den Ursprung menschlicher Sprache kann aber nur gelöst werden, wenn wir über den Tellerrand hinausschauen und die Komplexität von Kommunikationssystemen anderer Tiergruppen mit einbeziehen und ergründen“, sagt Simone Pika und man kann ihr bei dieser Feststellung eigentlich nur zustimmen.

Der niederländische Primatologe und Ethologe Frans de Waal vertritt die Meinung, dass Menschen und Affen die einzigen Tiere sind, die Gesten zielgerichtet einsetzen. Doch es scheint so, als wären auch die Kolkraben dazu in der Lage.

Natürlich handelt es sich dabei nur um referentielle Gesten, also Gesten die auf einen real vorhandenen Referenten verweisen. Diese Gesten lassen sich auch bei Kindern im Alter von 9-12 Monaten beobachten. Mit sogenannten Protogesten machen Kinder auf sich aufmerksam und verweisen z.B. durch Blick- und Greifgesten auf von ihnen begehrte Objekte hin. Bevor ein Kind die ersten Worte spricht spielen Zeigegesten eine wichtige Rolle. Der Referent ist in diesem Stadium meistens ein Objekt der Begierde, für welches das Kind noch keine verbale Bezeichnung kennt bzw. gelernt hat. Symbolische Gesten werden für gewöhnlich erst nach Vollendigung des ersten Lebensjahres entwickelt. Sie gelten neben der Produktion der ersten Worte als Meilensteine im Spracherwerb. Diese symbolischen Gesten werden mit der Zeit immer abstrakter, distanzieren sich zunehmend vom Referenten und werden auch für Objekte verwendet, die momentan abwesend sind.

Symbolische Gesten sind also typisch menschlich, während sich referentielle Zeigegesten (Pointing bzw. Deixis) neben Primaten anscheinend auch bei Kolkraben entwickelt haben. Bei den Raben haben sie eine wichtige Funktion in der paar-spezifischen Kommunikation. Sie dienen nicht der Gewinnung parentaler Aufmerksamkeit, sondern richten sich an den Geschlechtspartner. Auf diese hinweisenden Gesten folgt meistens eine gemeinsame Interaktion mit dem Referenzobjekt. Im Vordergrund steht dabei aber nicht das Objekt selbst, sondern die Interaktion zwischen den Vögeln.

Die Gesten der Kolkraben scheinen also eine wichtige soziale Funktion zu haben. Es geht darum mit anderen Artgenossen in Kontakt zu treten bzw. eine bestehende Beziehung zu vertiefen. So ähnlich ist das auch bei Kleinkindern: Bei ihren Zeigegesten geht es im Grunde genommen auch eher um die Interaktion bzw. Aufmerksamkeit der Eltern, als um das Objekt an sich.

Diese Ähnlichkeit im Verhalten von Kleinkindern und Raben belegen die hohe soziale Intelligenz der Vögel und könnten zu einem besseren Verständnis der Entwicklung von Sprache und Kommunikationsformen im Tierreich allgemein führen. Es lohnt sich also, bei der Untersuchung typisch menschlicher Merkmale auch mal das Verhalten von Tieren zu beobachten, die uns auf den ersten Blick gar nicht ähnlich sind.

 

Links:

Artikel: "Schau Dir das an!" – Auch Raben verwenden Gesten (MPI)

Studie (Abstract): The use of referential gestures in ravens (Corvus corax) in the wild (nature communications)

 

Philipp Wagner

Veröffentlicht von

Ich studiere Biologie in Wien und bin ein leidenschaftlicher Vogelbeobachter und Hobbyornithologe.

14 Kommentare

  1. Sehe ich auch so. Ich gehe aber davon aus, dass sich das ändern wird. Dahinter versteckt sich mMn eine anthropozentrische Haltung, die zunehmend Ablehnung erfährt.

  2. Toller, spannender Artikel

    Ich wusste gar nicht, dass Spechte auch so schlau sind. Wie auch immer man das messen kann:-) Ich hatte immer ein leises Vorurteil, dass das Leben in einer Gruppe mit sozialem Gefüge das entstehen einer hohen Intelligenz begünstigt, wenn nicht gar bedingt. Das scheint ja beim Specht nicht der Fall zu sein.

  3. @Andreas Schön, dass Dir der Beitrag gefallen hat. Ich glaube es gibt noch viel, was wir über diese Tiere lernen können und werde auf jeden Fall über neue Erkenntnisse bezüglich der Intelligenz der Rabenvögel bloggen. 😉

    @RD Dieses Vorurteil ist durchaus berechtigt. Spechte zeichnen sich nicht gerade durch eine hoch entwickelte soziale Intelligenz aus, werden aber trotzdem häufig zu den intelligentesten Vögeln gezählt. Zumindest habe ich das in einigen Büchern gelesen. Vor allem der Schwarzspecht gilt als besonders intelligenter und auch sozialer Vertreter unter den Spechten. Auch der Eichelspecht lebt in sozialen Verbänden mit bis zu 15 Mitgliedern. Das gilt auch für den Kokardenspecht, der gemeinsam mit anderen Artgenossen rastet. Gesamtheitlich betrachtet sind die Spechte in ihrer Eigenschaft als intelligente Vögel aber nicht mit Papageien und Rabenvögeln vergleichbar. An Stelle der Spechte hätte ich genauso die Tauben anführen können, über deren Intelligenz wir um einiges mehr wissen. Eine soziale Lebensweise steht auch oft im Zusammenhang mit der Verfügbarkeit von Ressourcen und deren bestmögliche Nutzung. Inwieweit diese Lebensweise eine Voraussetzung für die Entwicklung höherer Intelligenz ist, wage ich kaum zu beurteilen. Tatsache ist aber, dass die intelligentesten Lebewesen allesamt ein sehr ausgeprägtes Sozialverhalten an den Tag legen. Dass ein ausgeprägtes soziales Gefüge bzw. innerartliche soziale Beziehungen die Entstehung höherer Intelligent begünstigen, würde ich aber sofort unterschreiben.

    Dankbar für die sehr interessante Fragestellung, die sich aus Ihrem Kommentar ergibt, verbleibe ich mit dem Verweis auf meine Unwissenheit in diesem Punkt mit der Phrase „Further research/knowledge is needed“ 😉

    LG, Philipp

  4. Rabenvögel

    Intelligenz wird immer mit dem Cortex in Verbindung gebracht, der fehlt aber den Rabenvögeln und trotzdem stehen sie z.B. Menschenaffen in nichts nach.

    http://www.fr-online.de/…id,1472788,3270912.html

    http://www.spiegel.de/…tur/0,1518,786030,00.html

    Leider wird das sinnlose Abschießen dieser intelligenten Tiere von vielen Jägern als Freizeitvergnügen angesehen. Auf verschiedenen Tierschutzforen läuft gerade einen Kampagne dagegen.

    http://www.ticker4press.de/…er-jaeger-12558.html

  5. Rabenvögel

    @Mona Neben dem Nidopallium caudolaterale, das Teil des Neostriatum ist, vermutet man auch das Hyperstriatum als Äquivalent zum mammalen Neocortex. Unter Neurobiologen herrscht (noch) kein Konsens, welcher Teil nun wirklich für die Funktionen verantwortlich ist, die wir bei Säugetieren mit dem Neocortex verbinden. Dementsprechend gibt es dazu verschiedene Hypothesen (Cortex-Layered Hypothese, Claustrum-Amygdala Hypothese, etc.). Auf jeden Fall sollte man das Neostriatum der Vögel nicht mit dem der Säugetiere gleichsetzen. Vielleicht lohnt es sich, darüber mal einen Blogbeitrag zu schreiben.

    Die Sache mit der Jagd auf Rabenvögel ist natürlich wirklich ungut. Zuletzt wurden bei uns in der Steiermark Krähen, Elstern und Eichelhäher zum Abschuss freigegeben. Angeblich verursachen sie große Schäden in der Landwirtschaft. Ich glaube eigentlich nicht, dass die Vögel zum Spaß vom Himmel geschossen werden, will es aber trotzdem nicht gutheißen. Das mit den Eichehähern hat mich besonders aufgeregt. Hier ein kurzer Zeitungsartikel über die Abschussfreigabe, die zu Recht von Tierschützern und Ornithologen heftig kritisiert wurde:

    http://derstandard.at/…-zum-Abschuss-freigegeben

    LG, Philipp

  6. ‘Schützophrenie’

    Bezüglich der koknitiven Fähigkeiten von Rabenvögeln erlaube ich mir auf meinen folgenden Beitrag hinzuweisen:

    http://www.kritische-naturgeschichte.de/…bestien

    Was die Jägerschaft betrifft, so muss man vermuten, dass sie unter ‘Schützophrenie’ leiden, und alles erbarmungslos verfolgen, was ihre hegerischen Erwartungen beeinträchtigt. In der verharmlosenden Jägersprache heißt dies ‘Jagdschutz’.

  7. Gesten der Kolkraben

    Hervorragende Gestenversteher sind übrigens Hunde. Aber das nur nebenbei.

    Ich frage mich, ob es sich bei den “Gesten” der Kolkraben nicht schlicht um eine menschliche Zuschreibung handelt. Woraus folgt zwingend, dass ein bestimmtes Verhalten als “Geste” gewertet werden muss? Gerade Vögel sind doch Meister im Präsentieren von Bewegungsritualen, wenn es um den Geschlechtspartner geht. Der Pfau präsentiert sein Gefieder, Laubenvögel bauen prächtige Lauben, Kraniche führen ganze Tänze auf und so weiter und so fort (wem erzähle ich das hier? 😉 ).

  8. Schäden durch Vogelfraß

    Zum einen werden die Schäden in der Landwirtschaft oft übertrieben und zum anderen stellt sich natürlich die Frage: Wie viel Einwirkung von Wildtieren ist der Mensch bereit zu akzeptieren?
    Leider wird bei dieser Frage häufig eine willkürliche Einteilung der Wildtiere in nützliche oder schädliche vorgenommen, die vom Bauchgefühl bestimmt wird. Rabenvögel haben von Hause aus einen schlechten Ruf, zwar galten sie bei den alten Germanen noch als heilig, aber in Zusammenhang mit den Hexenverfolgungen glaubte mach Einfältiger, dass Raben Unglück brächten, weil sie Tiere des Satans seien und mit den Hexen in Verbindung stünden.
    Auch wenn Rabenvögel einige Schäden in der Landwirtschaft verursachen, so darf nicht vergessen werden, dass diese Tiere Aasfresser sind und von daher auch als Nützlinge agieren. Näheres siehe hier:

    http://www.adikom.ch/…_in_der_landwirtschaft.pdf

    Obwohl der Biolandanbau am stärksten betroffen ist, da auch Vögel wählerisch sind, so hat man sich dort einige Maßnahmen zu Abwehr der Vögel einfallen lassen:

    https://www.fibl-shop.org/shop/pdf/mb-1550-kraehenabwehr.pdf

    Und aus Österreich gibt es hier noch einen leicht galligen Beitrag, der die ganze Problematik auf den Punkt bringt:

    http://www.landwirt.com/…s-Kraehenschiessen.html

  9. @Geoman Sehr interessanter Beitrag! “Schützophrenie” find ich übrigens super 😉

    @Balanus Das Wort “Geste” passt mMn in diesem Fall, da auf ein bestimmtes Objekt hingewiesen wird. Im Zusammenhang mit dem Balzverhalten fehlt meistens dieses Referenzobjekt. Dabei machen die Tiere ihre Artgenossen hauptsächlich auf sich selbst bzw. ihre Fitness aufmerksam. Ich glaube das ist der wesentliche Unterschied. Die Art und Weise des Nestbaus, die auf den Geschlechtspartner anziehend wirkt kann man nicht als Geste interpretieren. Vergleich zum Mensch: Ein großes Haus/Nest und schönes Aussehen bzw. ein prächtiges Federkleid wirken möglicherweise ebenfalls anziehend auf das andere Geschlecht, stellen aber an sich keine Gesten dar. Das Besondere an den Gesten der Kolkraben ist, dass es sich dabei um Zeigegesten handelt. Deutet ein Vogel mit seinem Schnabel auf sein Nest hin, so könnte man das als Geste verstehen. Das gebaute Nest selbst aber nicht. In diesem Sinne verstehe ich eine Geste (im Tierreich) als eine nicht mit dem Paarungsvorspiel (Balzverhalten) in Zusammenhang stehende Körperbewegung, mit der ein anderes Tier auf eine Entität hingewiesen werden soll. Ich glaube also schon, dass man eine Geste von anderen Verhaltensweisen ganz gut unterscheiden kann. Vielen Dank für den interessanten Kommentar! 😉

    @Mona Da kann ich eigentlich nur zustimmen. Dass man Gasballone zur Abwehr von Krähen einsetzen kann, hab ich gar nicht gewusst. Aber wenn das die Herrschaften von der Vogelwarte Sempach empfehlen, so wird es wohl auch recht wirkungsvoll sein. Auf jeden Fall besser, als die armen Viecher einfach so abzuknallen. Mit Vogelabwehr habe ich mich bis jetzt eigentlich nur wenig beschäftigt und kenne deshalb auch nur die klasssischen Vogelscheuchen inklusive Klapotetz. Danke für die informativen Links!

    Grüße, Philipp

  10. @Philipp

    Danke für die ausführliche Antwort. Dass die Raben mit dem Schnabel auch bloß in Richtung Nest zeigen können, wusste ich nicht. In der Mitteilung des MPI (und im Abstract) ist ja nur vom Hochhalten und Zeigen von Objekten die Rede, um die Aufmerksamkeit potenzieller (oder bestehender) Partner zu erregen. Und da gibt es eben bei Vögeln die absonderlichsten Sachen.

    Gehört zur Geste nicht auch, dass sie erlernt werden muss? Die Protogesten der Kleinstkinder sind eben noch keine “echte” Gesten, sondern angeborene Verhaltensmuster.

    (Zu schade, dass die Autoren nicht woanders publiziert haben. Welche Bibliothek führt schon die brandneue Zeitschrift Nature Communications?)

  11. Erlernte Gesten

    @Balanus Das war jetzt eigentlich nur ein hypothetisches Beispiel, um klar zu machen, was ich unter einer Geste verstehe. Hat mit den Rabenvögeln bzw. der Studie selbst nichts zu tun. Da es sich bei Gesten um eine Form kommunikativen Verhaltens handelt, ist es naheliegend, dass die Fähigkeit zu “gestikulieren” nicht angeboren, sondern im Verlauf der Juvenilität erworben werden muss. Dafür spricht zumindest die Tatsache, dass bei Singvögeln auch der Gesang (ist ja auch kommunikatives Verhalten) nicht angeboren ist, und somit erlernt werden muss. Leider habe auch ich nicht die gesamte Studie gelesen, weshalb ich nur auf das Wesentlichste eingegangen bin. Auf jeden Fall gelten Zeigegesten (Pointing) im Gegensatz zu den Protogesten schon als “echte” Gesten und müssen genauso wie ikonische und abstrakte Gesten erlernt werden.

  12. @Philipp.

    Ja, Lernen von Verhaltensweisen spielt bei Vögeln eine ziemlich große Rolle. So wird z.B. Die Technik, von Milchflaschen den Stanniolverschluss zu entfernen, wird bei bestimmter Meisen auch durch Lernen weitergegeben.

    Zur Intelligenz von Hunden und Krähen gab es vor kurzem im Rundfunk einen schönen Kurzbericht (16 min), in dem es auch um Zeigegesten geht (menschliche, gegenüber Hunden).

    Hier ist der Podcast, falls es wen interessiert :-):

    http://www.hr-online.de/…ert_20111116&type=a

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