Wissenschaft-in-Aktion-Dekade „Zukunftsfähigkeit 2030“?

Nein, leider gibt es diese Dekade noch nicht, aber immerhin gibt es die Scientists for Future, und vielleicht kommt ja eine entsprechende Dekade noch zustande?

English Version (via Google Translate)

Für die Tagesspiegelbeilage der Freien Universität Berlin vom 27. April 2019 wurde ich gebeten, einige Fragen hinsichtlich meiner Beteiligung bei Scientists For Future zu beantworten. Das kleine Interview erschien dann in der Printversion des Tagesspiegels sowie online auf den FU-Seiten unter dem Titel “Die Politik muss schnell handeln”, aus Platzgründen musste gekürzt werden. Meine ungekürzten Antworten poste ich nachstehend, insbesondere anlässlich der nationalen und internationalen Aktivitäten am 24.5.2018, zu denen Fridays For Future aufriefen und die auch von Scientists for Future (sowie vielen weiteren) unterstützt werden.

Herr Professor Leinfelder, Sie engagieren sich für Scientists for Future – wer hat die Initiative ins Leben gerufen, welche Ziele verfolgt sie?

Logo von Scientists for Future

Auch wenn es frühere konzertierte Aktivitäten aus den Wissenschaften gab – etwa die “World Scientists’ Warning to Humanity. A Second Notice”, bei denen über 15.000 Unterschriften zusammenkamen, entstanden die Scientists for Future ganz klar im Zusammenhang mit den Fridays for Future-Schulstreiks. Die Schülerinnen und Schüler haben ihre Statements selbständig erarbeitet, sich aber zur Abklärung auch an uns Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gewandt, um die Inhalte auf Richtigkeit überprüfen zu lassen. Dr. Gregor Hagedorn, Biodiversitätsinformatiker am Museum für Naturkunde in Berlin übernahm dann für Deutschland, Österreich und die Schweiz die Federführung, dies zu bündeln, und öffentlich als Scientists For Future sichtbar zu machen. Inzwischen hat sich auch diese Bewegung weltweit in vielen Ländern ausgebreitet.

Welche Rolle spielen Sie bei der Initiative?

Das hat eine persönliche Vorgeschichte: Seit fast 30 Jahren arbeite ich mit Schulen in Umweltprojekten zusammen, produziere Materialien für den Schulunterricht, bin in Schülerunis, aber auch der Fortbildung von Lehrer- und Lehrerinnen aktiv, trage auf pädagogischen Fachtagungen zur schulischen Wissenschaftskommunikation vor und betreue Master- und Doktorarbeiten zu solchen Themen. Aktuell traten Gregor Hagedorn und ich im Januar gemeinsam als Referenten in der ABV-Ringvorlesung „Transforming Our World: Nachhaltige Entwicklung als Herausforderung für Wissenschaft und Universität” der Freien Universität auf. Danach entwickelte sich ein reger Austausch zu den Schülerprotesten. Formal gehöre ich zum Gesamtteam, den Textautoren und den Erstunterzeichnern von Scientists For Future Deutschland-Österreich-Schweiz, also zu denen, die die wissenschaftlichen Daten zusammentrugen, überprüften und auf der Webseite scientists4future.org ihre Stellungnahme präsentierten. Es freut mich sehr, dass sich die Scientists For Future auch international gefunden haben und die Stellungnahme in der angesehenen Fachzeitschrift Science Magazine ebenfalls veröffentlicht haben.

Wer beteiligt sich, wer hat sich dem Aufruf angeschlossen? Auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Freien Universität sind dabei.

Bei der deutschsprachigen Initiative kamen nach den 700 Erstunterzeichnenden,  zu  denen u.a. Dr. Eckhardt von Hirschhausen (Mediziner und Fernsehmoderator), Prof. Stefan Rahmstorf (Potsdam Institut für Klimafolgenforschung), Prof. Karen Wiltshire (Alfred Wegener Institut), Prof. Quaschning (HTW-Berlin), Prof. Maja Göpel (Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen) und ich selbst gehören – sehr rasch über 26.000 unterstützende Unterschriften von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zusammen (> aktuelle Unterzeicherliste). Zur redaktionellen Gruppe der nun im Science Magazine veröffentlichten Stellungnahme gehören unter anderem die renommierten Klimaforscher Prof. Michael Mann (Penn State University), Prof. Helga Kromp-Kolb (Universität für Bodenkultur, Wien), Prof. Sonja Seneviratne (ETH-Zürich) und Dr. Peter Kalmus (NASA / University of California). Die dort ebenfalls publizierte Liste der Erstunterzeichner umfasst wiederum viele tausende, darunter auch Kolleginnen und Kollegen aus der Freien Universität, etwa Prof. Martina Bär (Kath. Theologie), Prof. Walter Berendsohn (Botanik/Botanischer Garten), Prof. Ulrike Langematz (Meteorologie), Prof. Jens Rolff (Zoologie), Prof. Peter Walschburger (Biopsychologie) und mich selbst (> List of Signatories)

Sie beschäftigen sich als Geologe mit der Bedrohung von Riffen durch den Klimawandel – warum sind Riffe wichtig, was lässt sich an ihrem Zustand ablesen?

Die heutigen Riffe sind einerseits das Produkt einer hunderte von Millionen Jahren andauernden Evolution, andererseits aber auch ein Abbild so ziemlich aller menschlichen schädlichen Eingriffe, welche im neu postulierten geologischen Zeitalter des Anthropozäns immense Ausmaße erreicht haben. Riffe sind damit nicht nur ein faszinierendes Ökosystem mit immensem Wert für die Menschheit – etwa hinsichtlich Küstenschutz, Fischerei, pharmazeutischen Stoffen oder Tourismus – sondern auch ein hochauflösender Monitor für unsere Aktivitäten. Der extrem besorgniserregende Zustand heutiger Korallenriffe reflektiert nicht nur unsere Eingriffe ins Klimageschehen – Riffe bleichen bei hohen Temperaturspitzen aus und sterben ab, wenn sich dies wie derzeit häuft -, sie leiden auch unter Plastikmüll, zu hohem Nährstoffeintrag, der immensen Überfischung und vielem mehr. Darüber hinaus zeichnen aber Riffkorallen in ihren Kalkskeletten­­­ den jährlichen Temperaturverlauf sehr präzise und über Hunderte von Jahren auf, was wir durch Isotopenuntersuchungen wieder entschlüsseln können. Riffe sind damit auch Klima- und Umweltarchive, und deshalb von immenser Bedeutung für das wissenschaftliche Verständnis des Klimawandels, etwa auch hinsichtlich sogenannter Kipppunkte, die die negativen Entwicklungen noch weiter beschleunigen würden.

Um die Dringlichkeit des Handelns zu illustrieren, wird beim Klimaschutz gern auf die Uhrzeit verwiesen: fünf vor zwölf steht für höchste Zeit. Wie spät ist es Ihrer Auffassung nach?

Es ist fast schon müßig darüber zu diskutieren, ob es noch fünf vor zwölf oder schon fünf nach zwölf ist. Die wissenschaftlichen Befunde der Anthropozänforschung zeigen uns, dass wir das umweltstabile Erdsystem des Holozäns, welches für die kulturelle und gesellschaftliche Entwicklung der Menschheit so wesentlich war, bereits unwiderruflich verlassen haben. Das ist aber kein Grund zu fatalistischem Aufgeben, ganz im Gegenteil! Durch ein Weiter-Wie-Bisher in eine Klima-, Umwelt- und Gesellschaftskatastrophe auch wissenschaftlich unvorhersagbaren Ausmaßes zu treiben ist keine Alternative. Wir müssen dringend von fossilen Energien und vom katastrophalen Einweg-Ressourcenverbrauch weg, damit wir eine Chance haben, das Erdsystem noch so zu gestalten, dass es auch zukünftige Generationen noch dauerhaft mittragen kann. In diesem Sinne haben die Schülerinnen und Schüler jeden Grund, endlich das Umsetzen politisch beschlossener Ziele, wie das Pariser Abkommen nun dringend und mit Nachdruck einzufordern.

Welchen Einfluss erhoffen Sie sich von Scientists for Future auf die Politik und deren Handeln?

Bundeskanzlerin Angela Merkel 2012 zum 20-jährigen Jubiläums der Einrichtung des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen. Aus Hamann et al. 2013, Die Große Transformation. Klima – Kriegen wir die Kurve? (siehe hier)

Ich erinnere mich oft an eine Aussage von Bundeskanzlerin Merkel im Mai 2012 anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU). Sie gab uns Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern folgendes mit auf den Weg: „Bleiben Sie hartnäckig und – ich möchte es jetzt einmal etwas lax sagen – fallen Sie uns Politikern manchmal auch auf den Wecker“. Das nehmen wir gerne wieder wörtlich. Vielleicht haben die Wissenschaften zu selten oder zu wenig hartnäckig darauf hingewiesen, worum es geht – auch daran erinnern uns nun Greta Thunberg und alle streikenden Schülerinnen und Schüler zu Recht. Dass dies von den Scientists for Future unterstützt wird, dass sich die Wissenschaften auch ihrer gesellschaftlichen Verantwortung wieder stärker bewusst werden, dass sich Gruppen wie ParentsForFuture, EntrepreneursForFuture, ArtistsForFuture und weitere bilden, das alles gibt Hoffnung, dass die Politik nun endlich handelt. Erste Erfolge sehe ich bereits, es wird aber notwendig bleiben, dies aufmerksam und kritisch zu verfolgen. 

Sind weitere Aktionen geplant?

Die ScientistsForFuture wollen keinesfalls Trittbrettfahrer sein. Es gilt deshalb auch weiterhin, die FridaysForFuture-Bewegung zu unterstützen. Für mich ist aber insbesondere wichtig, dass sich einerseits die Kolleginnen und Kollegen daran erinnern, dass Wissenschaft nicht nur Freiheiten, sondern auch gesellschaftliche Verantwortung bedeutet. Manchmal müssen wir eben mehr als „ehrliche Makler“ sein, die nur dann antworten, wenn sie gefragt werden. Die Wissenschaften müssen forschen, untersuchen, analysieren, diagnostizieren und Lösungen anbieten. Aber eben auch die Anwendung dieser Lösungen analytisch und kritisch begleiten – als Advokat für eine Integration von Umwelt und Gesellschaft. In diesem Sinne hoffe ich auf viel persönliches Engagement an vielen Orten und auf vielen Ebenen. Und selbstverständlich steht es jedem von uns frei, sich auch an weiteren konzertierten Aktionen zu beteiligen. Wie wäre es denn mit einer umfassenden, auch hochschulübergreifenden Wissenschaft-in-Aktion-Dekade „Zukunftsfähigkeit 2030“?  

Vortragsfolie des Autors zum Thema (RL als Redner aus “Die Anthropozän-Küche“)

Nachtrag vom 20. Juni 2019: Unsere Scientists for Future Stellungnahme ist zwischenzeitlich in erweiterter Form (sowie mit Unterzeichnerliste ist nun im Fachjournal Gaia auf Deutsch und Englisch erschienen (Hagedorn et al. 2019, The concerns of the young protesters are justified – A statement by Scientists for Future concerning the protests for more climate protection.- GAIA – Ecological Perspectives for Science and Society, Vol. 28/2 (2019), 79-87, doi: 10.14512/gaia.28.2.3) und ist frei online verfügbar.

Reinhold Leinfelder ist Geologe, Geobiologe und Paläontologe. Er ist Professor an der Freien Universität zu Berlin (Leiter der Arbeitsgruppe Geobiologie und Anthropozänforschung) sowie (seit Okt 2018) zusätzlich Senior Lecturer am Institut Futur der FU. Seit 2012 ist er Mitglied der Anthropocene Working Group der International Stratigraphic Commission. Von 2006-2010 war er Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin, von 2008-2013 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), von 2011-2014 Research Fellow und affiliate Carson Professor am Rachel Carson Center an der LMU, München, von 2012-2018 Principal Investigator am Exzellenzcluster "Bild-Wissen-Gestaltung" der Humboldt-Universität zu Berlin, von 1. Sept. 2014 bis 15. Sept. 2016 Gründungsdirektor der Futurium gGmbH in Berlin. Seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte liegen beim Anthropozän, Korallenriffen, neuen Methoden und Herausforderungen des Wissenstransfers und Museologie | Homepage des Autors | blog in english, via google translate

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  1. Zitat: warum sind Riffe wichtig. Für viele Städter (>50% aller Menschen) sind Riffe, Urwälder, Wale und überhaupt das Artensterben nicht besonders wichtig.
    Zusammen mit dem vom Menschen verursachten Klimawandel, der ähnlich wie das Artensterben teilweise unumkehrbar ist (mindestens aber Jahrzehnte bis Jahrhunderte von “negativen Emissionen” nötig macht) steht die Menscheit an einer Schwelle zu einer Zeit, in der alles vom Menschen beeinflusst ist – nicht nur die von ihm bewohnte Welt (die Städte) sondern auch das übrige Erdsystem.
    Insoweit sind wir bereits 5 nach 12. Nur dass das nicht unbedingt eine Katastrophe in dem Sinn bedeuten muss, dass an den Folgen Millionen von Menschen sterben müssten. Es ist vielmehr insoweit eine Katstrophe, als dass der Mensch sein eigenes Erbe, die Welt, die ihn hervorgebracht hat, immer mehr zerstört so dass diese Welt irgendwann bleibend zerstört ist und er auf einem Art Restplaneten (einer Resterampe) weiterlebt wo nur noch das existiert was den Menschen überlebt hat und sich an die von ihm geformte Umwelt anpassen konnte.

    Das Leben der meisten Menschen hat sich seit der Industrialisierung gewaltig verbessert und das trotz all den Zerstörungen die damit einhergingen. Und es verbessert sich gerade für viele Menschen in sich entwickelnden Ländern aufs Stärkste (auch in Entwicklungsländern lebt man nun länger als 65 Jahre) und zwar auch dort wo diese Länder Urwald durch Palmölplantagen ersetzen und es verbessert sich selbst in der Sahelzone wo in einer 3 Millionen Quadratkilometer grossen Halbwüste heute 80 Millionen Menschen, im Jahr 2060 aber im “High”-Szenario 400 Millionen Menschen (~ EU-Bevölkerung) leben.
    Doch für die Umwelt, vor allem für naturnahe Räume ist diese Entwicklung eine Katastrophe.
    Doch nicht unbedingt für die meisten Menschen. Für sie ist nur das eine Katastrophe, was unmittelbar menschliches Leben bedroht, nicht aber das, was den Planeten irreversibel verändert und möglicherweise in eine Betonwüste mit eingesprenkelten Parklandschaften verwandelt.

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