30 Billionen Tonnen Technik: Ausmaß und Diversität der Technosphäre – eine neue Publikation der Anthropocene Working Group

Vor wenigen Tagen erschien unsere neue Arbeit „Scale and diversity of the physical technosphere: A geological perspective“ vorab als online-first Publikation im Wissenschaftsjournal The Anthropocene Review. Die 25 Autoren, darunter auch ich, sind überwiegend Mitglieder der „Working Group on the ‚Anthropocene‘ der Internationalen Stratigraphischen Kommission. Die Mehrheit der Autoren sind Geologen (darunter die „Lead Autoren“ der Universität Leicester), aber auch Erdsystemwissenschaftler, Archäologen, Umwelthistoriker und andere sind dabei.

Abb. 1: Mit den von uns produzierten Technomaterialien könnten wir die Erde nicht nur komplett in Plastik- oder Alufolie einwicheln, sondern tatsächlich 50 Kilogramm Material auf jedem Quadratmeter dieser Erde platzieren. (Abb. von Univ. Leicester zur Verfügung gestellt)

Abb. 1: Mit den von uns produzierten Technomaterialien könnten wir die Erde nicht nur komplett in Plastik- oder Alufolie einwicheln, sondern tatsächlich 50 Kilogramm Material auf jedem Quadratmeter dieser Erde platzieren. (Abb. von Univ. Leicester zur Verfügung gestellt)

Wir versuchten erstmalig, die Masse und Vielfalt aller vom Menschen produzierten technologischen Dinge, vom Bleistift bis zum Atomkraftwerk quantitativ abzuschätzen, um daraus ein weiteres Kriterium für den Eingriff des Menschen ins Erdsystem zu erhalten. Unter den in der Arbeit angegebenen Prämissen und Vorbehalten kamen wir auf ein Gesamtgewicht aller von Menschen generierten Dinge von rund 30 Billionen Tonnen. Dies entspricht einer Belastung von 50 Kilogramm pro Quadratmeter Erdoberfläche. Zur physischen Technosphäre zählen wir alles, was von Menschenhand generiert ist, beispielsweise Gebäude, Straßen, Kraftwerke, Leitungen, Werkzeuge, Maschinen, alle Konsumgüter  wie Bleistifte, Smartphones, Computer, Fernseher,  Autos und nicht zuletzt Müll, genauso wie  modifizierte Böden und prinzipiell auch Nutzpflanzen und Nutztiere. Nicht alles davon ist allerdings ohne weiteres quantifizierbar. Unser erster Quantifizierungsversuch ergab bei den aufgeführten Hauptkategorien die erwähnten 30 Billionen Tonnen (Tab. 1).

 

Ungefähre Masse der Hauptmaterialien der physischen Technosphäre (1 Tt entspricht 10hoch12 metrischen Tonnen, d.h. 1 Billion Tonnen. Aus Zalasiewicz et al. 2016

Tab. 1: Ungefähre Masse der Hauptmaterialien der physischen Technosphäre (1 Tt entspricht 10hoch12 metrischen Tonnen, d.h. 1 Billion Tonnen. Aus Zalasiewicz et al. 2016

 

Auch der Berliner Teufelsberg ging übrigens in die Untersuchungen ein. Dort wurden von 1950, dem von der Arbeitsgruppe favorisierten Beginn des Anthropozäns bis ins Jahr 1972 insgesamt 26 Millionen Kubikmeter Trümmerschutt abgeladen. Mit einer Höhe von 120 m NN erhebt sich der Teufelsberg bis zu 80 Meter über seinen natürlichen Untergrund. Das Kriegsschuttmaterial der “Teufelsberg-Formation” besteht insbesondere aus Resten von Beton, Ziegelsteinen, Klinker, Flugasche, Schlacken, Metallen und festen chemischen Abfällen.

Schnitt durch den Berliner Teufelsberg, der von 1950 bis 1972 aus Kriegsschutt aufgeschüttet wurde, siehe Text. Aus Zalasiewicz et al. 2016

Abb. 2: Schnitt durch den Berliner Teufelsberg, der von 1950 bis 1972 aus Kriegsschutt aufgeschüttet wurde, siehe Text. Aus Zalasiewicz et al. 2016 basierend auf Scheffold 2014.

 

Geologisch ist die Technosphäre noch sehr jung, aber sie entwickelt sich in rasender Geschwindigkeit. Aufgehalten werden könnte ihr Wachstum aber möglicherweise von der – bislang allerdings vergleichsweise schwach ausgeprägten – Fähigkeit des Recycelns. Auch in der fernen Zukunft könnten viele der menschengemachten Strukturen noch von der einstigen Größe der Menschheit zeugen. Denn im Gegensatz zu vielen biologischen Relikten sind viele Objekte der Technosphäre kaum abbaubar und werden daher noch Jahrmillionen als Technofossilien zu überdauern, welche uns die Datierung des Anthropozäns ermöglichen.

Die Vielfalt der verschiedenen Arten technischer Gegenstände übersteigt  vermutlich inzwischen die Zahl der Arten von Lebewesen und Pflanzen auf der Erde. Nach unseren Schätzungen könnte es schon heute mehr als eine Milliarde verschiedener Arten solcher Technofossilien geben – das ist mehr als heute Organismenarten auf der Erde leben. “Wenn wir die Technofossilien nach paläontologischen Kriterien klassifizieren, dann übertrifft ihre Vielfalt den heutigen Artenreichtum und geht weit über die Vielfalt der geologischen Fossilien hinaus und könnte sogar die biologische Vielfalt der gesamten Erdgeschichte noch übertreffen”, so Lead-Autor und Vorsitzender der Arbeitsgruppe, Jan Zalasiewicz von der Universität Leicester.

Zugrundeliegende Publikation:
Jan Zalasiewicz, Mark Williams, Colin N Waters, Anthony D Barnosky, John Palmesino, Ann-Sofi Rönnskog, Matt Edgeworth, Cath Neal, Alejandro Cearreta, Erle C Ellis, Jacques Grinevald, Peter Haff, Juliana A Ivar do Sul, Catherine Jeandel, Reinhold Leinfelder, John R McNeill, Eric Odada, Naomi Oreskes,Simon James Price, Andrew Revkin, Will Steffen, Colin Summerhayes, Davor Vidas, Scott Wing, Alexander P Wolfe  (2016, online first): Scale and diversity of the physical technosphere: A geological perspective.- The Anthropocene Review, doi: 10.1177/2053019616677743

Weiterhin zitiert: Maike Scheffold (2014): Der Berliner Teufelsberg – Typuslokalität einer neuen stratigraphischen Einheit des Anthropozäns? – unveröff. BSc-Arbeit, Institut für geologische Wissenschaften, Freie Universität Berlin, 48 S. (Publikation in Vorb.).

Diese Meldung wurde unter Verwendung der Pressemeldung der Universität Leicester sowie der darauf basierenden Scinexx-Meldung sowie einer dpa-Meldung (u.a. hier) erstellt.


Nachtrag vom 27.4.2017: Wegen der Nachfrage einer Berliner Boulevardzeitung zum Gewicht von Berlin und meiner Antwort darauf, habe ich nun einen weiteren Scilog-Anthropozäniker-Beitrag zum Thema geschrieben, der die Berechnungsweise für unser Technosphere Paper sowie dann für Berlin und den Teufelsberg noch näher erläutert.

Reinhold Leinfelder ist Geologe, Geobiologe und Paläontologe. Er ist Professor an der Freien Universität zu Berlin (Leiter der Arbeitsgruppe Geobiologie und Anthropozänforschung) sowie Principal Investigator des Basisprojekts "Die Anthropozän-Küche. Das Labor der Verknüpfung von Haus und Welt" am Exzellenzcluster "Bild-Wissen-Gestaltung" der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2012 ist er Mitglied der internationalen Anthropocene Working Group der International Stratigraphic Commission. Von 2006-2010 war er Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin, von 2008-2013 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), von 2011-2014 Research Fellow und affiliate Carson Professor am Rachel Carson Center an der LMU, München, von 1. Sept. 2014 bis 15. Sept. 2016 Gründungsdirektor der Futurium gGmbH in Berlin. Seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte liegen beim Anthropozän, Korallenriffen, neuen Methoden und Herausforderungen des Wissenstransfers und Museologie.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

    • Einerseits recht viele und v.a in extrem hoher Konzentration: Beton, anderer Bauschutt, Schlacken, auch Kunststoffe, also alles charakteristische Technofossilien nach unserer Definition. Andererseits wird der Teufelsberg nun (trotz meines 1. April-Beitrags in diesem Blog) wohl nicht zur Global Stratigraphic Section and Point werden, denn der Kontakt zur Unterlage ist durch einen Hiatus charakterisiert, die Teufelsberg-Sedimente liegen überwiegend direkt auf Pleistozän. Die Teufelsberg-Sedimente können jedoch zumindest als eine charakteristische, kartierbare lithostratigraphische Formation (Teufelsberg-Formation) charakterisiert werden, die die Basis des Anthropozäns (sofern diese global auf etwa 1950 zu liegen käme) im Berliner Raum fleckenhaft (d.h. mit den anderen Kriegsschuttbergen Berlins) charakterisieren.

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