Schnell nochmal Tanken

Die Dinge kommen und gehen. Gehen sie, so vermisst man sie zunächst meist auch erstmal nicht. Oft ist man sogar froh, wenn sie verschwinden. Sie tauchen erst viel wieder auf, wenn die Oma von früher erzählt und die Zuhörer sich so gar nicht vorstellen können, wie das damals gewesen sein könnte.

Tankstellensterben

So könnte es mit unseren Tankanlagen gehen. Immer weniger Tankstellen gibt es hierzulande (dafür allerdings größere). Seit den 1970er-Jahren beobachtet man ein “Tankstellensterben” – seit Ende der 1990er-Jahre durch schärfere Umweltschutzauflagen verstärkt -, das die Schließung kleiner Anlagen und die Erweiterung der größeren mit sich brachte. Wer heute eine Tankstelle führen möchte, muss anständig investieren. Eine einzige Zapfsäule pumpt heute sowohl Diesel als auch Super E10, Super E5 und Super Plus in den Tank. Dafür lagern unter der Tankstelle verschiedene Tanks, die über ein langes Leitungsnetz mit jeder Säule verbunden sind. Jeder Tank ist zehn bis zwölf Meter lang und fasst 60.000 bis 90.000 Liter. Sowohl die unterirdischen Lagertanks als auch die Leitungen zu den Zapfsäulen sind doppelwandig konstruiert und werden elektronisch auf Lecks überwacht. Zudem sind heute spezielle Zapfpistolen vorgeschrieben, die giftige Gase absaugen, die aus den individuellen Autotanks steigen, und  in unterirdische Tanks leiten.

Moderne Zeiten

Es gibt heute noch knapp 15 000 Tankstellen in Deutschland. 1935 waren es, bei erheblich geringerem Treibstoffverbrauch, rund viermal so viele. Das Auto mit Verbrennungsmotor verzeichnete in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ein rasantes Wachstum. Von 98 000 PKW im Deutschen Reich des Jahres 1925 stieg das Aufkommen an Personenkraftwagen auf 441 000 zehn Jahre später – und mit dem Benzinverkauf ließen sich gute Geschäfte machen, zumal für die damals viel wartungsanfälligeren Autos bald auch ein erweiterter Service an den Tankstellen angeboten wurden.

Während die ersten deutschen Kraftfahrer noch in Drogerien und Kolonialwaren- oder Fahrradhandlungen tankten (oder in Hotels und Gaststätten, die Benzin in Kanistern bereithielten), gab es später Handpumpen-Säulen mit unter der Straßen- oder Bürgersteigdecke eingelassenen Benzintanks. Mit ins Repertoire kamen Motoröl, Pressluft und Wasser. Und kleine technische Probleme konnte der Tankwart auch beheben, ein Beruf, der schließlich eine dreijährige Lehrzeit voraussetzte.

Nachtrag am 2. März 2021: Dank für den Hinweis in den Kommentaren, siehe unten – im Tankstellenmuseum gibt es viel zum Thema zu entdecken, unter anderem viele, viele Bilder online.

Im Stil der Zwanziger

Optisch ähnelten die ersten Tankstellen schon verblüffend dem, was wir heute sehen – nur eben im kleineren Maßstab. Wohl aus den USA kam der Trend des hohen, frei stehenden Dachs  mit einem rundum verglasten Kassenhäuschen und einem Schildermast, der weithin sichtbar mit Benzinmarke und Preisen wirbt. Der futuristische Touch fand auch in Deutschland Gefallen und die Aufgabe des großen Flugdachs reizte viele namhafte Architekten. Auch schon früh wurde die großzügige elektrische Beleuchtung ein Merkmal der Tankstelle.

Im Nationalsozialismus, der modernen Bauformen ja nicht generell abgeneigt war (zumindest, was Industriegebäude betraf), kam es jedoch bald zu einer Umorientierung. Der Straßenbau beförderte zusammen mit der Aufhebung der Kfz-Steuer den Motorisierungsgrad in Deutschland erheblich – und trug dazu bei, dass Deutschland zum weltweit führenden Land der Autoindustrie wurde. Im Sinne einer Ästhetisierung und propagandistischen Aufladung des Straßenbaus forcierten die Nazis etwa für die Autobahnen Landschafts- und Naturschutzmaßnahmen. Brücken wurden mit steinmetzmäßig bearbeiteten Natursteinen verkleidet. Für die Tank- und Rastanlagen bevorzugte der Nationalsozialismus den Heimatstil, unter anderem mit der  Verwendung von heimischen Materialien, handwerklicher Technik und einer harmonischen Eingliederung in die Landschaft. Typisch dafür waren schwere, auf Mauerwerkspfeilern abgestützte Dächer mit Holzdachstühlen. Seit 1937 gab es für die Baugenehmigung von Raststätten an der Autobahn  ein  Gesetz: Die Tankanlagen sollten “Ausdruck anständiger Baugesinnung und werkgerechter Durchbildung sein”.



Zu einer Tankstelle der späten 1930er-Jahre gehörte  dieses Walmdach an der Bundestraße 3 in Bensheim.  Das einstige Kassenhäuschen wurde 1989 abgerissen. Der kleine Anbau beherbergt aktuell einen Blumenladen. Man kann sogar noch die einstige Zapfsäuleninsel entdecken, auf der heute die Pflanzen drapiert werden. Früher schützte das große Dach den Autofahrer wie den Tankwart, der das Auto nicht nur mit Benzin befüllte, sondern auch den Ölstand maß und den Reifendruck prüfte.
Foto: Eva Bambach

Nach 1945 knüpfte der Tankstellenbau wieder an die Ästhetik und Funktionalität der früheren Bauten an und hatte einen Höhepunkt Ende der 1950er-Jahre. Einige der damals erbauten Tankstellen mit ihren betont filigranen Konstruktionen stehen inzwischen unter Denkmalschutz.

Zukunft der Tankstelle

Heute gibt es fast ausschließlich Selbstbedienungstankstellen ohne Serviceangebot, die den Tankstellen früher oft angeschlossenen Werkstätten wurden vielfach zu automatischen Waschanlagen. Statt Angeboten für das Automobil bekommt der Fahrer an der Tankstelle heute immer mehr Produkte für sein eigenes leibliches Wohl.

Falls die E-Mobilität boomt, wie es viele erwarten, könnte es sein, dass sich die Verhältnisse nun wieder umkehren und es mehr und dafür kleinere “Tankstellen” gibt, die überall verteilt stehen und dort Energie anbieten, wo der Mensch sich mit anderem eindeckt. Ladestationen brauchen nämlich keine großen unterirdischen Tanks und könnten im Prinzip an jeder Straßenecke aufgestellt werden, so wie das in der Anfangszeit der Benzinzapfstellen war. Schon werben die  Energieversorger um Geschäfte, die als Verteilstationen in Frage kommen. So etwa  ein Stromanbieter, der Ladesäulen verkauft und vermietet: “Eine E-Tankstelle vor Ihrem Geschäft ist ein nachhaltiges Aushängeschild, das doppelt gut wirkt: Es zeigt Stammkunden Ihr Interesse an Nachhaltigkeit und zieht gleichzeitig neue Kunden an, die eigentlich nur schnell ihr Elektrofahrzeug aufladen wollen – und dann auch gleich für Kaffee, Gebäck und Co. bei Ihnen vorbeischauen. Mit einer Lademöglichkeit machen Sie also mehr Umsatz und sich gleichzeitig zum Wegbereiter der Energiewende”. Nicht nur ALDI ist schon auf diese Idee aufgesprungen.

Schon möglich also, dass die großen, hell beleuchteten Vorposten von Ansiedlungen fast jeglicher Größe, postiert an den Zufahrtsstraßen, bald anderem, vielleicht ja sogar vernünftigem Wohnraum Platz gemacht haben werden und spurlos verschwinden – je nach dem auch, wie andere alternative Energiekonzepte wie etwa die Brennstoffzelle sich entwickeln.

Nach wie vor mit großem Flugdach stellt sich die ARAL AG eine Tankstelle im Jahr 2040 vor. Verblüffend die Anzahl porscheartiger PKW, die dann offenbar die SUVs abgelöst haben … Quelle: Aral AG

“Tankstelle der Zukunft”

Die Mineralölkonzerne jedenfalls feilen an Ideen für ihre Zukunft und sind schon derzeit bei einem stetigen Ausbau des Zusatzangebots. Sie sehen die Tankstellen,  wenn man einer Studie der ARAL-AG aus dem Jahr 2019 folgt,  immer stärker in der Rolle des Grundversorgers. Die Stationen werden zunehmend mit To-Go-Shops ausgestattet, mit einem Angebot an frischen Snacks und warmen Speisen. Sie sind Umsteigestellen zum ÖPNV und bieten Paketabholstationen und Landeplätze für Lufttaxis – alles in allem sind sie “noch stärker als heute integraler Bestandteil des Mobilitätssystems in Deutschland”.  Wir werden sehen.

Ich bin Kunsthistorikerin und arbeite freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

13 Kommentare

  1. Schnell nochmal Tanken – bevors vorbei ist. Tönt fast etwas nostalgisch.

    Aus Nostalgiegründen könnte man ja auch Brennstoffzellenfahrzeuge einführen, denn bei denen ähnelt der Tankvorgang noch am ehesten dem von Benzinern. Zudem kann man Brennstoffzellenfahrzeuge nicht zu Hause auftanken/aufladen, womit es mehr Tankstellen braucht als bei Elektrofahrzeugen. Tankstellen von Brennstoffzellfahrzeugen brauchen zudem sogar mindestens das 3-fache Tankvolumen verglichen mit Benzinern/Dieselfahrzeugen, denn Wasserstoff nimmt selbst unter 700 bar Druck ein deutlich grösseres Volumen ein. Das verspricht eher grössere Tankstellen, die zudem häufiger von imposant grossen Wasserstofflastern angefahren werden – zum Nachfüllen.

    Wasserstofftankstellen versprechen auch mehr Spannung und Action als sowohl Ladestationen als auch Benzintankstellen. Das zeigt ein Vorfall in Norwegen, wo eine Wasserstofftankstelle in die Luft ging, also explodierte. Und hier der Hintergrund dazu:

    Wasserstoff besitzt nach NFPA 704 die höchste Einstufung von 4 auf der Entflammbarkeitsskala, da er schon in kleinen Mengen in Verbindung mit gewöhnlicher Luft entflammbar ist; eine Entzündung kann bereits bei einem volumetrischen Verhältnis von Wasserstoff zu Luft von nur 4 % aufgrund des Sauerstoffs in der Luft und der Einfachheit und der chemischen Eigenschaften der Reaktion auftreten.

    Vieles spricht also für das Brennstoffzellenfahrzeug, am meisten aber das im Vergleich zum Batterieauto viel erfüllendere Tankerlebnis, muss man/frau doch wirklich tanken und kann nicht einfach zu Hause aufladen. Da – beim Tanken – trifft man/frau dann andere Wasserstoff Tankende und kann sich mit ihnen austauschen und beispielsweise über die Tankstellenexplosionen der letzten paar Wochen reden. Das ist doch interessanter Gesprächsstoff der BrennstoffzellenfahrzeufahrerInnen zusammenschweisst und sie davon abhält über polarisierende Themen wie Politik zu reden oder über langweilige, beliebige wie das Wetter.

    Das Leben kann so spannend und aufregend sein. Es braucht so wenig dafür. Es genügt schon ein anderer Treibstoff.

  2. @Martin Holzherr: Danke für die holzherrliche Wasserstoffglosse! Ich bin nun 20 Jahre mit “Auto-summ-summ” (für meine Tochter erfunden, im Unterschied von “Auto-brumm-brumm” ihrer Mutter) unterwegs und habe die gewaltigen Fortschritte in der Akkutechnologie in diesem Zeitraum im wahrsten Sinne des Wortes “erfahren”. Wieviel Energie haben die Konzerne in dieser Zeit aufgewendet, den Konsumenten die “Ölquelle” auf dem eigenen Dach auszureden! Und Politiker fast jeder Farbe, die Solarnutzung zu begrenzen, zu gängeln und zu verhindern. Die aktuelle Variante: Akkus sind nur Brückentechnologie in das Schlaraffenland des Wasserstoffs, drum kauf nochmal einen Verbrenner! Und möglichst einen Großen! Damit jeder sieht, dass du unser Knecht bist. Und wenn alle Knechte sind, denken sie dann, dass sie besonders frei sind.

  3. Schöne Reminiszenz. Ich kann mich noch an die Zeiten erinnern, als man längere Autofahrten gut planen musste. Wenn ich nachts von Stuttgart Richtung Bodensee fuhr, musste ich machmal durch Ulm – weil da die letzte Nachttankstelle vor der Schweizer Grenze lag (100 km!).

    Damals fuhren viele Leute ja noch 5-Liter-Spritkanister im Kofferraum durch die Landschaft.

  4. Die Tankstelle als moderne Metapher: ja wir müssen auftanken!

    Tankstelle : ein Ort zum Träumen | Planen | Handeln | Feiern
    So wirbt die Literaturtankstelle auf tankstellebregenz.org und dann liest man:

    Liebe Literaturliebhaber und -liebhaberinnen,
    wir gehen ins Finale dieses Bücherjahres und beschäftigen uns beim nächsten Mal mit zwei – schmalen – Werken.
    – In Martin Walsers „Ein fliehendes Pferd“ treffen sich zwei ungleiche Studienfreunde zufällig im Urlaub am Bodensee. „Diese Geschichte könnte einmal zu dem gehören, was übrigbleibt von einem Jahrhundert“, schwärmte die Stuttgarter Zeitung.
    – „Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden“ ist der Titel einer Sammlung von lakonischen Kurzgeschichten aus der Feder von Raymond Carver. Diese Erzählungen haben es in sich.

    Hey, bei dieser Literaturtankstelle kann man für ein ganzes Jahrhundert auftanken, alles was es dazu braucht ist, Martin Walsers „Ein fliehendes Pferd“ zu lesen.
    Oder wie wärs zum Auftanken mit „Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden“.

    Auftanken, abfackeln
    Die Tankstelle ist ein Mythos, ein Sehnsuchtsort, eine explosive Begegnungszone. Und Symbol für unser Leben im Anthropozän.

    erfährt man auf https://www.republik.ch/2020/04/25/auftanken-abfackeln.
    Dort liest man etwa:

    Davon, was das Leben im sogenannten Anthropozän ausmacht, erzählen Tankstellen, wann immer sie in der Literatur, im Film oder in der Kunst auftauchen. In ihnen konkretisiert sich die ökologische, ökonomische und soziale Schwellen­situation, die unsere Gegenwart bestimmt.

    Und ja, Literatur und Kunst „feiern“ die Tankstelle in unzähligen Büchern, Filmen, Fotos und Inszenierungen. Beispiele bitte:
    – in Dürrenmatts „Versprechen“ soll der Serienmörder an einer Tankstelle in die Falle gehen
    – in unzähligen US- Filmen spielen Tankstellen eine Rolle als Orte des Umbruchs, auch der Gefahr. In Hitchcocks Birds (die Vögel) geht eine Tankstelle infolge eines Vogelangriffs in Flammen auf.
    – Edward Hoppers Bild „Gas“ zeigt eine Tankstelle in der Melancholie verbreitenden Stimmung des Dämmerlichts

    Vor etwa 3 Wochen hab ich selber ein Buch gelesen in der eine Tankstelle eine zentrale Rolle spielt: Arno Camenisch‘s „Goldene Jahre“, das aus der Ichperspektive das ganze Leben zweier Tankstellenbetreiberinnen erzählt: ein Tankstellenleben in dem alles was passiert an der Tankstelle passiert – doch wo denn passiert mehr?

  5. Die Realität sieht nüchterner aus. Tankstellenpächter bekommen von ihrem Konzern so wenig bezahlt, dass sie gezwungen sind Zeitungen zu verkaufen, Snacks bereit zu halten, obwohl es nachgewiesenermaßen ungesund ist. Die Benzindämpfe dringen in die Snacks ein, wenn sie Fett enthalten. Benzol ist krebserregend. Wann hört dieser Unsinn auf.
    Wer redet hier von der Brennstoffzelle. Dazu muss Wasserstoffgas in Druckbehältern gelagert werden. Und das an einer belebten Einfahrtstraße.!!

    Die Elektroladesäulen, die sind sinnvoll insbesondere in Innenstädten. Da muss ein Ruck durch die Gemeinden gehen.
    Ein ungelöstes Problem ist der Lieferverkehr. Schauen Sie sich mal die Fahrzeuge an, viele überaltert mit Dieselmotor. Die Lieferanten können nicht einfach ihre Fahrzeuge wechseln, dafür reichen die Gewinne nicht aus.

    Die Zukunft bestimmt der Käufer. Noch ist der Anteil an Elektroautos gering.

  6. , dass sich die Verhältnisse nun wieder umkehren und es mehr und dafür kleinere “Tankstellen” gibt, die überall verteilt stehen

    Ich habe Anfang des Jahrtausends einen auf LPG umgerüsteten PKW gefahren. Die Tankstellen waren oft auf Firmengeländen und nur vor 18 Uhr erreichbar. Glücklicherweise war das Internet schon so weit, dass man sich für weite Fahrten in unbekannten Regionen einen Tankplan erstellen konnte.
    Das sehe ich jetzt auch bei Ladesäulen: sie sind auf abgeschlossen Kundenparkplätzen.
    Einen weiteee Feature teil(t)en sich gas- mit batteriebetriebene PKWs: Parkhäuser sind nur teilweise erlaubt.

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