Särge und Urnen immer unbeliebter …

BLOG: Denkmale

Es gibt etwas zu sehen
Denkmale

…, so lautete, wohl inspiriert durch das Herannahen des heutigenTotensonntags, neulich eine Überschrift im Lokalblättchen. Zunächst mal war ich irritiert von der Vorstellung, bei solchen Dingen überhaupt von Beliebtheit zu sprechen. Aber klar, wenn’s denn sein muss!

Im Artikel ging es dann darum, dass heute nur noch 49 % der Bundesbürger eine traditionelle Urnen- oder Sargbeisetzung wünschen, meine kurze Recherche ergab, dass es 1998 noch 87 % waren. Ein beeindruckender Rückgang.

29 % votieren heute für den Sarg, 20 % für die Urne. Weitgehend durch ist also offenbar ein Thema, das noch vor einigen Jahrzehnten für Wallungen sorgte: die Feuerbestattung. Erst seit dem Jahr 1963 ist es Katholiken erlaubt, sich nach dem Tod verbrennen zu lassen. Verboten hatte das einst angeblich Karl der Große, unter Androhung der Todesstrafe (!?). Aber doch noch lange nach Aufhebung des Verbots, so erinnere ich mich, war es in katholischen Kreisen verpönt, sich verbrennen zu lassen. Wer das wünschte, galt als ketzerischer Auferstehungsleugner.

Pflegefreie Beisetzungsformen im Kommen

Ob Verwesen oder Verbrennen, ist heute nicht mehr die Kernfrage. Im Artikel mehrfach wiederholt wurde die schöne Formel vom Wunsch nach „pflegefreien Beisetzungsformen“. Gemeint ist das Versenken oder Verstreuen der Asche (vom Schiff oder Ballon aus), die anonyme Beisetzung im Friedwald, das Pressen zum Diamanten oder die Bestattung im eigenen Garten (verboten!), aber auch die Verwahrung der Urne in einer Urnenwand oder einem Gemeinschaftsgrab.

Grabstein mit Aufschrift Leich
Die Tage des individuellen Grabsteins sind offenbar gezählt …

Klar: Eine Beisetzung im Sarg kostet leicht mal 10 000 Euro und wer in Hamburg wohnt, möchte nicht dauernd Post von der süddeutschen Friedhofsverwaltung bekommen, weil Unkraut das elterliche Grab überwuchert. Aber erklären die Faktoren Kosten und Mobilität einen derart drastischen Umschwung, dass der Wunsch nach traditioneller Bestattung in noch nicht einmal 20 Jahren um fast die Hälfte zurückging?

Ich konnte das als Kind nicht verstehen, umso deutlicher erinnere ich mich daran: Mein Oma ist gern auf den Friedhof gegangen. Es war für sie ein Ort der schönen Erinnerungen.

In der christlichen Tradition (auch in der vorchristlichen, anders aber zum Beispiel im Islam) trachtete doch jeder, der es sich leisten konnte, nach einer präsentablen Grabstätte und damit letztlich auch nach bestmöglicher Vorbereitung für das Weiterleben. Na gut, wer nicht mehr an ein Jenseits glaubt, der braucht sich auch nicht um das zu scheren, was mit seiner Leiche angestellt wird. Tatsächlich korreliert die sinkende Beliebtheit von individuellen Grabstätten offenbar ungefähr mit Angaben der Befragten zur religiösen Orientierung : 43 % wünschen eine kirchliche Bestattung, 28 % ist es egal und 27 % wollen ausdrücklich keine kirchliche Bestattung.

Schlechte Zeiten für Friedhofsgärtner und Steinmetze

Das müsste ja nicht den Verzicht auf ein ordentliches Friedhofsgrab bedeuten. Wer das pflegefreie Grab sucht, an den erinnert jedoch höchstens noch eine Namenstafel, oft nicht einmal das. Wer sich zum Beispiel in einem Friedwald beisetzen lassen möchte, der verzichtet oft ganz bewusst auf die (auch dort meist mögliche) Anbringung seines Namens.

Archäologie und Kunstgeschichte beschäftigen sich zu großen Teilen mit den ambitionierten Grabgestaltungen der Vergangenheit und jeder normale Tourist verbringt viel Zeit mit deren Besichtigung. Für Ethnologen sind Gräber wichtige Forschungsquellen, die nicht zuletzt über gesellschaftliche Hierarchien Auskunft geben. Bei uns gilt das Grab offenbar nicht mehr als allgemeines Statussymbol.

Was bedeutet dieser neue Verzicht auf individuelle Gedenkmale? Gibt es andere Formen der Vergegenwärtigung, die die in Raum und Materie verankerte Form ersetzen werden? Oder spielt die persönliche Erinnerung künftig einfach eine kleinere Rolle? Die Beantwortung dieser Fragen ist durchaus keine Marginalie. Es handelt sich um einen bedeutenden Einschnitt in unserer kulturellen Entwicklung.

 

 

 

Eva Bambach

Ich arbeite als Kunsthistorikerin freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

5 Kommentare

  1. Ich habe beruflich mit landwirtschaftlichen Hofübergaben zu tun. In denen sind natürlich das Wohnrecht der Altenteiler, die Verpflegung, die Altenpflege usw. geregelt. Auch die Grabpflege wird in der Regel in einem eigenen Abschnitt angesprochen, wobei hier standardmäßig von “ortsüblichen Gepflogenheiten” die Rede ist. Ich erinnere mich aber, dass in einem derartigen Vertrag der Passus enthalten war, “und eure Mutter wünscht, dass ihr das schön macht”. Auf dem Land ist das immer noch sehr wichtig.

  2. Was der Verzicht auf individuelle Grabmale für mich bedeutet, kann ich mitteilen: Mein Leben findet in einer Gesellschaft statt, der ich nicht wichtig bin bis auf meine Steuerpflichten, mein Leben ist unbedeutend ausser für ein paar wenige Leute, die ungefähr gleichen Alters sind, ich habe nie etwas besonderes vollbracht, weil ich weder Wissenschaftlerin noch Künstlerin bin, und gläubig bin ich auch nicht, glaube auch nicht an irgendeine Form von Wiederauferstehung oder Wiedergeburt, weil das völlig unlogisch ist, und meine Ursprungsfamilie ist in alle Welt verstreut, eine Beisetzung im Ursprungsland ist für alle unerschwinglich – warum also sollte ich mit einem teueren Grabmal beschäftigen, für dessen mögliche Pflege es auch keine Nachkommen gibt?
    Seltsamerweise gefällt mir der Freidwald vor Ort nicht, obwohl auch das egal sein könnte; die Bäume stehen hier sehr dicht beieinander, es sind viele Birken darunter, diese leben nicht lange, so dass aus Sicherheitsgründen vermutlich bald gefällt werden muss. Und dieser Friedwald macht es einer Gruppe von mehr als acht, neun Leuten schwer, die Beisetzung unter einem der Bäume ohne Gedränge durchzustehen – ich frage mich jetzt doch, warum mir die Architektur des Friedwaldes wichtig zu sein scheint, wenn mir meine Beisetzungsart angeblich keine Sorgen macht. Anscheinend sind mir die Gefühle der Hinterbliebenen wichtig. Wenn ich mir vorstelle, dass ich vor meinem Gefährten sterbe, will ich nicht, dass er, vielleicht in hohem Alter, einen beschwerlichen Weg zum Grabmal haben wird. Obwohl mir das eigentlich egal sein sollte – warum sollte er das Grabmal besuchen kommen?
    Ich mache gerne Spaziergänge auf großen alten Friedhöfen wie die in München, weil das Orte sind, an denen noch Ruhe herrscht, keine Radfahrerinnen oder Skater oder laut Telefonierende nerven. Tatsächlich wäre es schade, würden sie irgendwann eingeebnet. Denn damit würde der Tod noch mehr aus dem öffentlichen Leben verschwinden. Memento mori finde ich ohne Hintergedanken an Glaubensrichtungen tatsächlich einigermassen wichtig, vermutlich weil ich über div. Kunstformen immer wieder auf diese gestossen bin und sie stets interessant war, weil mich der Wandel der Gesellschaft auch in Hinsicht auf Sepulkralkultur interessiert. Memento mori in Form von Hinweistafeln auf Autobahnen oder Aufdrucken auf Zigarettenschachteln, auf denen vor riskantem Fahrverhalten oder Lebensstil gewarnt wird, sind offenbar eine neue Form der öffentlichen Todesmahnung.

  3. Gibt es andere Formen der Vergegenwärtigung, die die in Raum und Materie verankerte Form ersetzen werden?

    Gibt es, im Web oder Internet. Muss nicht schlecht sein, Helmut Markwort, der ewig Junge, mischte hier ein wenig mit, wenn sich der Schreiber dieser Zeilen korrekt erinnert.

    Das Web dürfte zukünftig in etwa so persistieren, wie es die (bekannte oder allseits anerkannte) Zivilisation tut.

    MFG
    Dr. W

  4. Grabstätten und Erinnerungsrituale die Verstorbenene betreffend gibt es auch in China obwohl die Mehrzahl der Chinesen keinen Glauben hat (am meisten Atheisten der Welt leben in China), jedenfalls nicht an eine Auferstehung glaubt. Damit wird folgender Text etwas relativiert:

    Vorbereitung für das Weiterleben. Na gut, wer nicht mehr an ein Jenseits glaubt, der braucht sich auch nicht um das zu scheren, was mit seiner Leiche angestellt wird. Tatsächlich korreliert die sinkende Beliebtheit von individuellen Grabstätten offenbar ungefähr mit Angaben der Befragten zur religiösen Orientierung : 43 % wünschen eine kirchliche Bestattung, 28 % ist es egal und 27 % wollen ausdrücklich keine kirchliche Bestattung.

    In China hat übrigens die Internetbestattung bereits einen grossen “Marktanteil” gewonnen.

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