Größer als das Leben – Picassos “Guernica”

Das Gemälde ist 80 Jahre alt und das vielleicht wichtigste des 20. Jahrhunderts. Pablo Picassos riesiges, fast acht Meter langes Anti-Kriegsbild wurde zum Inbegriff einer politischen Kunst. Jetzt ist das Bild in einer vorbildlichen, geradezu spektakulären Präsentation für jedermann zugänglich. Nach jahrelanger, aufwendiger Arbeit wird das Bild auf einer interaktiven Webseite des Museums Reina Sofia präsentiert, Projekttitel: “Repensar Guernica” oder “Rethinking Guernica“. Das Bild, das aus konservatorischen Gründen heute nicht mehr ausgeliehen und auch nur mit strikten Einschränkungen fotografiert darf, kann nun nach Herzenslust betrachtet werden. Per Zoom sogar sehr viel näher, als es in Natur je möglich wäre. 436 Gigabyte Daten umfasst das Projekt. Verlorene Pinselhaare und einzelne Farbtropfen, aber auch Vorzeichnungen und Beschädigungen sind im Detail zu erkennen, wahlweise bei Tageslicht, ultraviolettem oder infrarotem Licht sowie im Röntgenbild.

Screenshot einer Zoomansicht der Tageslichtaufnahme von Pablo Picassos Monumentalbild “Guernica” auf der Webseite “Rethinking Guernica”, die vom Museo Reina Sofia bereitgestellt wird.

 

Picassos Guernica: Peinliches Verstecken durch USA

Wie wichtig es ist, dass “Guernica” von jedem gesehen werden kann und wie stark das politische Potenzial des Bildes ist, zeigt ein Beispiel aus dem Jahr 2003, als man es für nötig hielt, das Bild vor dem Sitzungssaal des Sicherheitsrats der UN zu verhüllen: Anlässlich von Presseterminen des amerikanischen Außenministers Colin Powell und Vertretern der UN zu dem möglichen Krieg gegen den Irak empfand die US-Regierung das Bild als Hintergrund nicht angemessen. Die Öffentlichkeit sollte ganz offensichtlich in diesem Moment nicht an das durch den Krieg verursachte Leid erinnert werden, dem Picasso mit seinem Bild ein unauslöschliches Denkmal gesetzt hatte.

Es war nicht Picassos Original, das damals verhüllt wurde, sondern eine Reproduktion in Form eines Bildteppichs, den Nelson A. Rockefeller 1985 den Vereinten Nationen geschenkt hatte. Im Original hing “Guernica” damals schon im Museum Reina Sofía in Madrid, wo es am Ende einer langen Odysse angekommen war.

“Guernica” im Buch: So machte man das früher – aber auch nicht schlecht. Im Miniformat lassen sich Entstehungsphasen des Bildes simultan vergleichen (Publikation aus dem Taschen-Verlag, 1998).

Picassos Manifest gegen den Krieg

Im Jahr 1936 erhielt Picasso von der spanischen Regierung den Auftrag für ein Gemälde, das für den spanischen Pavillon bei der Weltausstellung in Paris 1937  bestimmt war. Als Motiv hatte sich der Künstler schon für “Maler und Modell” entschieden, ein Thema, das ihn im Lauf seines künstlerischen Lebens stets begleitete. Am 26. April 1937 bombadierten Flugzeuge der deutschen Fliegerabteilung Legion Condor und der italienischen Corpo Truppe Volontarie im spanischen Bürgerkrieg die baskische Stadt Gernika. Die Bomben sollten bewusst die Zivilbevölkerung  treffen und riefen ein zuvor ungekanntes Maß des Todes und der Verwüstung hervor.

Entsetzt verwarf Picasso seinen ursprünglichen Plan. Entgegen der üblichen starken Farbigkeit seiner Kompositionen schuf er ein schwarz-weißes Bild des Grauens, in dem er sich sowohl der Möglichkeiten der künstlerischen Verdichtung des Kubismus als auch christlicher ikonografischer Traditionen bediente.

Das Bild rief auf der Pariser Weltausstellung tiefen Eindruck hervor. Anschließend wurde es  in Oslo, Stockholm, Kopenhagen, London, Leeds, Liverpool und New York ausgestellt, um für die Republikaner im spanischen Bürgerkrieg zu werben. Picasso schenkte das Bild einer zukünftigen spanischen Republik – die jedoch lang keine Wirklichkeit wurde. “Guernica” wurde daher über Jahrzehnte im Museum of Modern Art in New York ausgestellt.

Dokumente zu Picassos “Guernica”

Die lange Geschichte des Bildes ist in vielen Fotos – darunter die beeindruckenden Aufnahmen von Pablo Picassos Lebensgefährtin Dora Maar – und Dokumenten nachzuverfolgen, die alle unter “Rethinking Guernica” abgerufen werden können und in einer intelligenten Struktur verfügbar gemacht sind, die sich ganz ausgezeichnet der intuitiven, eigenverantwortlichen Benutzung erschließt. Dazu wrid die Rezeptionsgeschichte des Bildes und damit auch die eigene Rolle der Präsentatoren reflektiert. Eine unzählige Fragen aufwerfende und beantwortende, virtuelle Sonderausstellung, kostenlos zu besuchen von den meisten Orten der Welt. Danke!

Rethinking Guernica – Screenshot: In Fotos, Briefen, Aufsätzen oder Presseartikel lässt sich leicht stöbern

Ich arbeite als Kunsthistorikerin freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hiermit erlaube ich mir, Sie auf den neuesten Stand der Forschung zu “Guernica” hinzuweisen:
    Jörg Martin Merz: Guernica – oder Picassos Abscheu vor der militärischen Kaste. Freiburg 2017

  2. Vielen Dank, Frau Bambach, für einen Blog über dieses großartige Bild.

    Und hier das Schicksal von zwei Menschen, die mir nahe stehen, und die ihr Leben lang das Trauma „Guernica“ in sich getragen haben –
    Weil bei mir auch Gedanken entstehen, die ich sonst kaum unterbringen kann. Die aber rauswollen. 😉

    Mein Vater

    Meine Oma

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