Ein Europapark für Huawei

Seit einigen Jahren werden überall in China Kopien von historischen westlichen Architekturensembles erstellt. Der jüngste Fall ist der neue, zum Teil noch im Bau befindliche Campus von Huawei. Dort werden zwölf europäische Regionen nachgebildet. Aber warum?

In der hiesigen Presse sieht man die Nachbauten als Bestätigung des Rufs der Chinesen als fleißige Kopierer westlicher Genialität. ” Alles nur geklaut: Wie China sich die Welt nachbaut” lautete eine Schlagzeile im Stern und die Bild-Zeitung schrie vor ein paar Tagen auf: “Huawei baut Europa nach”.

Das kurze Video gibt einen Überblick über den neuen Campus von Huawei, auf dem nicht nur das Heidelberger Schloss, sondern unter anderem auch die Sorbonne und Teile von Verona nachgebaut werden.

Was ist passiert? Im südchinesischen Dongguan etwa 50 km außerhalb der Riesen-Metropole Shenzhen baut der Technologiekonzern Huawei ein Forschungszentrum für etwa 25.000 seiner weltweit derzeit etwa 180.000 Mitarbeiter. Die Menschen sollten dort nicht nur arbeiten, sondern auch wohnen, unter anderem, um die weite Anreise von Shenzhen zu ersparen.

In der fast 8 Kilometer langen Straßenbahn – eine restaurierte Schweizer Bahn – auf dem Gelände hört man Violinenklänge aus dem Lautsprecher. Sie verbindet das in zwölf Bereiche unterteilte Gelände, das zwölf bekannte europäische Landschaften oder besser Architekturen nachbildet – allesamt weltbekannte Touristenmagneten.

  • Paris (Frankreich)
  • Burgund (Frankreich)
  • Luxemburg (Luxemburg)
  • Brügge (Belgien)
  • Oxford (England)
  • Windermere (England)
  • Bologna (Italien)
  • Verona (Italien)
  • Granada (Spanien)
  • Heidelberg (Deutschland)
  • Freiburg (Deutschland)
  • Krumau an der Moldau (Tschechien)

Das europäische Umfeld soll nach Aussagen der Konzernleitung die Kreativität der Mitarbeiter fördern. Dabei werden die historischen Bauten durchaus auch zweckentfremdet – im Heidelberger Schloss sind vor allem Büros untergebracht.

Monumentale Treppenanlagen und Skulpturen, die Kopien von historischen europäischen Figuren sind – die wiederum selbst stark von den Römern inspiriert sind. Und die hatten ihrerseits schon bei den Griechen abgekupfert … (Foto: Huawei)

All das erscheint auf den ersten Blick bizarr. Aber – wenn auch nicht in diesem geigantischen Ausmaß – ist auch uns Europäern das Bedürfnis nicht fremd, sich die attraktive Ferne nach Hause zu holen und damit im wörtlichen Sinn auch anzueignen. Das reicht von der Begeisterung für chinesisches Porzellan im 16. Jahrhundert (und dessen spätere Nachahmung) über den Exotismus des 19. Jahrhunderts irgendwie auch bis zu den aktuell beliebten Fernreisen in beliebige Ecken der Erde, je nachdem, wie die Flugangebote gerade so sind.

Und was die Architektur betrifft, so sind die Nachbauten verlorener Altstädte wie etwa in Frankfurt wohl zwar in der eigenen Tradition begründet, aber auf ihre Weise ebenso Fake wie ein Gebäude der Sorbonne in China.

Zu den Gründen für die chinesischen Kopien gibt es verschiedene Überlegungen. Bianca Bosker, die einen ganzen Bildband zu dem Phänomen herausgegeben hat (“Original Copies: Architectural Mimicry in Contemporary China”, 2013) erinnert daran, dass das Kopieren in China keinen schlechten Ruf habe, sondern im Gegenteil als etwas angesehen werde, das Meisterschaft erfordere. Sie sieht das von ihr als “duplitecture” beschriebene Phänomen aber auch als eine Form der Machtbehauptung an.

Damit schließt sie an Thesen an, die der britische Archäologe Jack Carlson in seiner Dissertation über “Images, objects and imperial power in the Roman and Qin-Han Empires” (noch nicht erschienen) aufstellt: Er verweist auf den chinesischen Historiker Sima Qian, der meinte, schon die chinesische Qin-Dynastie habe in ihren Städten Kopien von Palästen und Gebäuden eroberter Gebiete errichtet. Das allerdings ist mehr als 2000 Jahre her.

Schon 2016 wurde in der südchinesischen Stadt Changde eine neue Straße der Innenstadt von Hannover nachempfunden – gebaut von einem deutschen Architekten, der seit einigen Jahren in China lebt. Außerdem waren mehrere deutsche Zulieferer und Ingenieurbüros beteiligt. Und es gab auch deutsche Inverstoren. Ist es Zufall, das in Hannover bis 2018 jährlich die Cebit stattfand, eine der weltweit größten Messen für Telekommunikation?

In einem dieser im Hannover-Stil gebauten Häuser wird ein Kaufhaus für deutsche Produkte betrieben, die Zielgruppe sind Käufer aus der Mittelschicht, die mit ihrem Geld am Luxus teilhaben möchten. Dafür wurde von einer deutschen GmbH ein Erlebniskaufhaus mit Online-Bestellsystem entwickelt – ein Modell, das auch europäischen Kaufhäusern aus der Krise helfen soll.

All das zeugt doch mehr von einer gewissen Aufgeschlossenheit und von einem Interesse der chinesischen Bevölkerung an europäischen Einflüssen als von plumpem Machtgehabe. Ein Indiz dafür ist auch eine 2016 schon zum dritten Mal von Huawei veröffentlichte Studie über „Deutschland und China – Wahrnehmung und Realität“ (in Deutschland sitzt die Europazentrale von Huwai). Die  Studie vergleicht das Deutschlandbild von Chinesen mit dem Chinabild von Deutschen. 45 % der befragten Chinesen sagten dabei: “Ich kann mir vorstellen, ganz oder auf Zeit in Deutschland zu leben: “Umgekehrt sagten das nur 16 % der Deutschen über die Vorstellung, in China zu leben. 65 % der befragten Chinesen gaben an, die deutsche Kultur zu lieben – umgekehrt waren es nur 37 %.

Europäer und Asiaten beim Meeting unter europäischen Prinklüstern mitten in China, in einem der neuen Gebäude des Huawei-Konzerns in Dongguan nahe Shenzhen (Foto: Huawei)
Eva Bambach

Ich arbeite als Kunsthistorikerin freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

2 Kommentare

  1. Ist natürlich ein wundervoller Vertrauensbeweis und eine ebenso bedeutsame Respektbekundung, Frau Dr. Eva Bambach, vielen Dank für Ihre Nachricht!

    Vgl. auch mit :

    -> http://www.spiegel.de/reise/aktuell/hallstatt-kopie-china-eroeffnet-nachbau-eines-oesterreichischen-dorfs-a-836618.html

    Der Schreiber dieser Zeilen hatte mal chinesische Mitarbeiter und diese dann auch ein wenig “abgefragt” und die Interviews, das Kulturelle meinend, bestätigten seinen Anfangsverdacht auf chinesische Offenheit und Weisheit.
    Aus Südkorea könnte ähnlich berichtet werden und Japan sieht sich ohnehin im übertragenden Sinne als ein wenig deutsch sozusagen, im fernöstlichen Raum.

    MFG
    Dr. Webbaer

  2. Etwa im Jahr 2005 hatte mich bereits der Nachbau eines französischen Schlosses (Chateau Lafitte) am damaligen Stadtrand Beijings phasziniert. Damals nahm man eine gewundene Straße abseits der Autobahn, bog um ein kleines Waldstück und stand plötzlich in einer anderen Welt, die wie vom Himmel gefallen schien inmitten der ländlichen Region mit seinen einfachen Häusern. Wenig später gab es dann in der Nähe des Schlosses teure Wohnanlagen mit wohlkingenden Namen wie “Eastern Provence” oder “Vittel”.

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