Der Fiat-Arbeiter und die wahre Liebe zur Kunst

Was für eine wundervolle Weihnachtsgeschichte:

Auf dem Heimweg von seiner Nachtschicht in den Fiat-Werken nimmt ein aus Sizilien stammender Arbeiter in Turin an einer Fundsachen-Versteigerung der Bahn teil. Unter den Losen sind auch zwei Gemälde, die mit 60 000 Lire eingestellt wurden (das waren damals umgerechnet etwa 230 DM). Niemand bietet. Der Ausruf wird auf 40 000 Lire reduziert. Weil ihm die Bilder irgendwie gefallen, fängt der Arbeiter an zu bieten – und mit ihm ein weiterer Interessent. In Schritten von 100 und 500 Lire klettert der Preis auf 45 000 Lire – da steigt der andere aus. Für etwa 170 DM – immerhin wohl etwa ein Viertel seines Monatslohns ­– bekommt der Arbeiter und begeisterte Flohmarktgänger den Zuschlag für zwei Bilder, denen vom Auktionator kein großer künstlerischer Wert beigemessen wurde.

Daheim im Museum

In der Wohnung des Arbeiters finden die beiden Bilder ihren Platz, auch als die Familie wieder nach Sizilien zurückkehrt. Mehr als vier Jahrzehnte erfreut sich der Fiat-Arbeiter an seinen Bildern, vor allem an dem einen, das ein schönes Früchte-Stillleben auf einem Tisch mit einem kleinen Hündchen im Hintergrund zeigt.

Immer, wenn er erschöpft von der Nachtschicht bei Fiat gekommen sei, sei er in einen Sessel im Wohnzimmer gesunken und habe dieses schöne Bild betrachtet, erzählt der Mann heute. Von wem die beiden Bilder gemalt worden seien, sei ihm lange egal gewesen. Erst sein Sohn, der Architektur studiert, fing eine systematische Recherche zu den Bildern an. Bald waren sich Vater und Sohn ziemlich sicher: Es handelt sich um Bilder von den beiden postimpressionistischen Malern Paul Gauguin und Pierre Bonnard.

Gauguin, Bonnard und die Ignoranz der Experten

Die Familie wandte sich im Frühjahr 2014 mit ihrem Verdacht an die Soprintendenza, eine Behörde für Kulturgüter, aber dort wurden sie weggeschickt – man wolle mit ihnen keine Zeit verschwenden, hieß es. Daraufhin riefen die beiden die für Kunst-und Antiquitätenraub zuständige Abteilung der Carabinieri an. Dort fand die Familie Gehör – und wurde ihre Bilder erstmal wieder los, weil diese beschlagnahmt und untersucht wurden. Bald stand fest: Es handelt sich tatsächlich um Werke von Gauguin und Bonnard, nämlich um das Stillleben „Fruits sur une table ou nature au petit chien“ von Paul Gauguin aus dem Jahr 1889 und um Pierre Bonnards „Femme aux deux fauteuils“.

Die beiden Bilder waren im Juni 1970 in London einer Erbin der Gründer der Handelskette Marks & Spencer gestohlen worden, die später ohne Nachkommen verstarb. Inzwischen wurden die Bilder dem ehemaligen Fiat-Arbeiter, der anonym bleiben möchte, als sein rechtmäßiges Eigentum zurückgegeben – der Wert wird auf 35 Millionen Euro für den Gauguin und 600 000 Euro für den Bonnard geschätzt.

Kunst für Kenner

Das Fesselnde an der Geschichte ist, dass da jemand – offenbar ganz ohne entsprechende Vorbildung – einfach aus Interesse am Schönen auf so einen ungeheuren Kunstschatz gestoßen ist – und dabei einen ideellen Wert lange vor dem materiellen erkannt hat.

Karikatur von Fritz Koch-Gotha zu Kunstausstellungen, 1907

Karikatur von Fritz Koch-Gotha, 1907

Selbst wenn manches an der Geschichte im Nachhinein schöner erzählt worden sein sollte, als es war (zum Beispiel, was die jahrzehntelange innige Beziehung betrifft) – es bleibt, dass der Arbeiter einen erklecklichen Teil seines Lohns für etwas eingesetzt hat, das für ihn ganz persönlich einfach schön war, ganz unabhängig von der “offiziellen” Beurteilung.

Ja, daran möchte ich gern glauben: Dass, wer nur richtig hinschaut, die Schönheit (den “Wert”, die “Bedeutung”, die “Einzigartigkeit”) eines Kunstwerkes selbst erkennen kann.

Per Nachhilfe massenkompatibel zum Kunstgenuss

Unsere kulturelle Prägung sagt es uns anders. Von Kunst “muss man etwas verstehen”, heißt es oft, auch wenn die heute so gut vermarkteten Kunstausstellungen der Superlative sich als Publikumsmagneten erweisen. Nur wenn durch Presse, Funk und Fernsehen die Relevanz eines Kulturguts bestätigt wurde, findet es auch Beachtung. Und vor Ort wird der Betrachter dann ncht allein gelassen, sondern er begibt sich in die Obhut professioneller Kunsterklärer, sei es in der Gruppenführung oder ferngesteuert per Audio-Guide.

Die Unsicherheit über die eigene Kompetenz in Sachen Kunstgenuss ist groß. Und das liegt nicht an einer eventuellen Kommentarbedürftigkeit der modernen Kunst, sondern es ist Tradition.

Winckelmann und die Kunst der Betrachtung

In seiner „Abhandlung von der Fähigkeit der Empfindung des Schönen in der Kunst und dem Unterrichte in derselben“ aus dem Jahr 1763 behauptet Johann Joachim Winckelmann, die Erkenntnis des Schönen bilde sich nicht „von sich selbst und würde ohne Lehre und Unterricht leer und tot bleiben“.

Winckelmann ist nicht nur für die Rezeption der Antike („Edle Einfalt, stille Größe“), sondern auch für seine Vorstellung vom Schönen bis heute zwar vielfach in Frage gestellt worden, aber ich glaube, noch immer prägender als uns oft bewusst ist. Unter Berufung auf die Antike schreibt er in seiner Abhandlung über die Erkenntnis des Schönen weiter:

Unterricht darin sei „nicht für junge Leute, welche nur um ihr notdürftiges Brot lernen und weiter nicht hinausdenken können, welches sich von selbst versteht, sondern für die, welche, nebst der Fähigkeit, Mittel, Gelegenheit und Muße haben, und diese ist sonderlich nötig. Denn die Betrachtung der Werke der Kunst ist, wie Plinius sagt, für müßige Menschen, das ist, die nicht den ganzen Tag ein schweres und unfruchtbares Feld zu bauen verdammt sind.“

Kunst wurde damit auch zum Mitttel, sich als Elite von der arbeitenden Masse abzuheben. Wenn nun der von der Nachtschicht erschöpfte Fiat-Arbeiter im eigenständigen Kunstgenuss seine Erholung findet – dann ist das doch einfach zu schön, um wahr zu sein.

Ich arbeite als Kunsthistorikerin freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

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