Avantgarde und Nationalismus

Das Aquarell von Carl Philipp Fohr zeigt drei kleine blaue Wasserfälle zwischen leuchtend grünem Buschwerk und Wiesen in einem lieblichen Tal. Kein dramatisches Naturspektakel, sondern ein morgendlich frisches Idyll, in dessen Kern ein kleiner Junge sein Schaf an einem Strick zum Weiden führt. Ein romantisches Bild des Friedens und der Harmlosigkeit, wie es neben Omas Sessel hängen könnte.

Carl Philipp Fohr, Die Wasserfälle am Steinwäldchen,

Carl Philipp Fohr, Die Wasserfälle am Steinwäldchen, Aquarell, 1814/15 Credit: Wolfgang Fuhrmannek, HLMD Die Graphische Sammlung des Hessischen Landesmuseums Darmstadt hat 354 Zeichnungen – etwa die Hälfte des Gesamtwerks des Künstlers – in ihrem Bestand. Noch bis zum 26. August zeigt sie eine Sonderausstellung zum 200. Todestag des Künstlers.

Der Künstler war damals gerade einmal 20 Jahre alt. Für den heutigen Betracher ist es schwer vorstellbar, dass der Maler eines solchen Idylls mit der Verwirklichung einer neuen Kunst rang, eine radikale politische Haltung vertrat und das auch in seiner Kunst zum Ausdruck bringen wollte. Oder besser: Der seine Kunst auch als Mittel sah, eine Ideologie zu verwirklichen.

“Seine pedantische verderbte Ansicht von Kunst und ihrer Vollkommenheit ist in ihm zur weit fixeren Idee geworden, als ich befürchtete, und wehe dem Land, in dem er früher oder später auf Kunstkultur einen Einfluss wird äußern dürfen”,

schrieb empört sein Entdecker und einstiger Förderer Georg Wilhelm Issel, selbst Maler und ein Mitglied des großherzoglichen Hofs in Darmstadt, der später zum wichtigsten Sammler der Werke Fohrs werden sollte.

Ertrunken im Tiber

Carl Philipp Fohr, geboren 1795 in Heidelberg in einer kleinbürgerlichen Familie, brachte sich zunächst als Autodidakt das Malen bei, hatte später auch Unterricht bei Friedrich Rottmann in Heidelberg. Er wurde früh vom Darmstädter Hof entdeckt und gefördert: Wilhelmine von Baden ermöglichte ihm als Schwiegertochter des hessischen Großherzogs die Aufnahme an der Münchener Akademie – von der er allerdings bald verwiesen wurde. Fohr erweiterte seinen künstlerischen Horizont durch Reisen zu Fuß, sowohl durch heimatliche Landschaften als auch nach Italien. In Rom, wo er im November 1816 eintraf, suchte er Kontakt zur dortigen deutschen Künstlergemeinde – sowohl zu den älteren klassischen Malern wie dem Landschaftsmaler  Joseph Anton Koch als auch zu den um eine neue Kunst bemühten jungen Nazarenern. Fohr kehrte nicht mehr nach Deutschland zurück: Im Juni 1818 ertrank er in Rom im Tiber, gerade einmal 22 Jahre alt.

Nach dem frühen Tod des Künstlers als Gedächtnisblatt erschienener Kupferstich von Samuel Amsler Schinznach mit dem Bildnis Carl Philipp Fohrs , 1818, Foto Wolfgang Fuhrmannek

 

Ein früher Influencer

Obwohl er noch so jung war galt der Künstler als einer der begabtesten seiner Zeit, der andere beeindruckte und Einfluss auf sie ausübte. Zum Beispiel war offenbar er es, der die Tracht des “deutschen Rocks” unter der deutschen Künstlergemeinde in Rom populär gemacht hat. Das war ein den halben Oberschenkel bedeckendes, schlichtes, meist schwarzes Oberbekleidungsstück ohne Verzierungen, das einem kurzen Mantel ähnelt und an historische Uniformen erinnert – in Wirklichkeit ein Fantasiegebilde, eine Verklärung des als ursprünglich und wahrhaftig deutsch empfundenen 16. und 17. Jahrhunderts.

Altdeutsche Werte

Zwar hatte Fohr in Rom zum Teil engen Kontakt mit dem Kreis der Nazarener um Peter von Cornelius, Philipp Veit und Friedrich Overbeck. Deren christlichen, genauer gesagt katholischen Eifer teilte der evangelische Fohr jedoch ganz offenbar nicht. In seinen Arbeiten sind nur wenige christliche Themen zu finden. Es war vor allem die Darstellung der Landschaft und mittelalterlicher Legenden, was ihn bewegte. Ein gemeinsames Anliegen mit den Nazarenern war ihm jedoch – wie der Romantik überhaupt – die Abwendung von den klassischen, der Antike zugewandten Formen und Themen. Die eigene Kultur und Geschichte sollte im Vordergrund stehen – Echo eines nationalrevolutionären Geistes, wie er von den sich damals gründenden Burschenschaften vertreten wurde. Solche Deutschtümelei muss nach den Erfahrungen der späteren deutschen Geschichte im Rückblick problematisch erscheinen. Damals waren die altdeutschen Werte auch eine Reaktion auf die Jahre der napoleonischen Fremdherrschaft. Und auch in anderen Ländern machte der neue Begriff der Nation und die Möglichkeit der Identifizierung der Bürger mit ihr (und nicht mit einem Monarchen) seit dem 19. Jahrhundert die Herausbildung der europäischen Demokratien möglich.

Schaf statt Nymphe

Am Anfang des 19. Jahrhunderts  wurde die Betonung nationaler Werte von weiten Kreisen noch als krankhaft und provozierend empfunden und löste heftige Debatten aus. Carl Philipp Fohr hatte erst als Student der Akademie Zugang zu Heidelberger radikalen Studentengruppen. Sein Aquarell malte er schon zuvor. Doch seine Gestatung legt nahe, dass er schon damals aufrührerische Gedanken hegte. Eine Federzeichnung, die der Künstler in der Umgebung von Baden-Baden machte, geht dem hier besprochenen Aquarell voraus. Sie zeigt topografisch genau die Situation mit den kleinen Wasserfällen. Im Aquarell fügt Fohr jedoch Staffagefiguren hinzu. Soweit ein übliches künstlerisches Verfahren. Dass er aber statt etwa einer antiken Nymphe einen Schwarzwaldbuben mit seinem Schaf wählt (in anderen Fällen ist es etwa eine weiße Kuh, die er vor das Heidelberger Schloss stellt) – das ist neu.

“Und das soll Kunst sein?”,

könnte damals so mancher entrüstet gefragt haben. Inzwischen hat die Erde sich weiter gedreht. Was zunächst revolutionäres Potenzial hatte, wurde zum Mainstream und Inbegriff der Biederkeit. Aber nach wie vor ist das kleine, detailreiche Bild mit seiner klaren Struktur und seiner raffinierten farblichen Gestaltung ein Meisterwerk der Landschaftsdarstellung.

 

 

 

Ich arbeite als Kunsthistorikerin freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

21 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Na gut. Es gab also auch früher schon deutschnationale Kurpfälzer (Künstler).
    Aber was hat das damit zu tun, dass man heute sich Gedanken darüber macht, ob man zuerst die globale Kultur verbessern soll oder doch beim Verbessern unhumaner und ungerechter Verhältnisse da anfangen soll, wo man jemnd abwählen kann?

    Nämlich in der Heimat. Denn auf kosmopolitischen Ebenen mächtig sind heute zwar die Konzerne, kaum aber diejenigen, die (nur z. B. ) eine ökonomisch und machtpolitisch “gerechtere Welt” durchsetzen wollen.
    (Neo-) linksliberale Intellektuelle gibt es in den Mainsteammedien schon lange. Allerdings nur als Alibi hinten auf den “Kulturseiten” und zum Plaudern in der Talkshow . Aber im Wirtschaftsteil wurde dann Tacheles geredet.

    Also: Nur weil man als Weltbürger engstirnige Heimattümler verachtet, wird man noch lange nicht zu einem in sozialem und humanem Sinne fortschrittlichen Menschen. Oft ist sogar das Gegenteil der Fall.
    Warum also jetzt gerade dieser Artikel aus Heidelberg: Nachtigall, ick hör dir trapsen.

  2. Fohr gelang es scheinbar mühelos, sich die damal üblichen Kunsstile anzueignen und sie umzuinterpretieren oder damit zu spielen. So liest man: In Fohrs Entwurf für das “Gruppenbild der deutschen Künstler in Rom”, das an Raffaels Fresko “Die Schule von Athen” anknüpft, platziert der Künstler gar seinen Hund Grimsel an die Stelle, die Raffael dem antiken Philosophen Diogenes vorbehalten hatte.

  3. @little Louis
    Der Artikel kommt nicht aus Heidelberg. Und es geht nicht um eine politische Stellungnahme. Nur über die Veränderung der Wahrnehung und Bewertung im zeitlichen Abstand.

  4. An einem Bekenntnis zur eigen Nation ist so oder so nichts verkehrt.
    Nur der Extremismus im 2. Weltkrieg hat leider dazu geführt das wir heute umgekerhten Extremismus haben.
    Jedes Bekenntnis zum eigenen Volk wird als rechtsradikal hingestellt, während Verbrechen von Zuwanderern unter den Teppich gekehrt werden.
    So sehr der Extremismus während des 2. Weltkrieges abzulehnen ist so sehr ist auch der umgekehrte heutige linke Extremismus abzulehnen.

  5. @ Markweger und
    “..so sehr ist auch der umgekehrte heutige linke Extremismus abzulehnen…” (Zitatende)
    Linker Extremismus ???? Ich glaube, Sie sehen Geister. Oder Sie wollen, dass Andere Geister sehen. Oder Sie haben Koordinatenprobleme. Das kenn ich, denn meine Gattin weiß auch erst nach längerem Überlegen, wohin sie fahren soll, wenn ich sie nach links schicke. Aber ich glaube, das ist genetisch. Dafür kann sie halt nichts.

    Esoterisches Geistersehen halte ich übrigens für eine weitere Form des politischen Extremismus. Zudem erfüllt es fast alle aktuellen Kriterien eines verachtenswerten Populismus. Das kann ich beweisen:
    Ich, ein wahrer Fachmann für Geistliches, habe noch nie einen Geist gesehen, des sich ausschließlich am Rand das Seance- Tisches aufgehalten hat. Aber auch nicht immer in der Mitte. Obwohl eigentlich zunehmend häufiger.
    Und Verschwörer, die etwas anderes behaupten, sollten sich zum Faktencheck eines seriöseren Mediums trollen.

    (Sorry wegen der etwas mangelhaften Ernsthaftigkeit bei Themen von geradezu nationaler Bedeutung. Aber das Ganze hier soll ja auch Spaß machen. Wenns geht, sogar der ganzen badischen Nation. Oder etwa nicht? )

  6. @ Eva Bambach und:
    “..Der Artikel kommt nicht aus Heidelberg. Und es geht nicht um eine politische Stellungnahme. Nur über die Veränderung der Wahrnehung und Bewertung im zeitlichen Abstand…”
    Ach so. Na ja, mir gehts irgendwie halt wie Ihnen. Denn:

    “Ich arbeite als Pensionist freiberuflich als Kommentator. Mein Kommentar kommt auch nicht aus Heidelberg. Und auch er “enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.”
    Und so verhelfen wir beide fröhlich diesem Medium zu etwas höheren Klickzahlen.

    Wie Sie sehen, haben wir jede Menge gemeinsam. (-:

  7. @ Eva Bambach und:
    “..Der Artikel kommt nicht aus Heidelberg. Und es geht nicht um eine politische Stellungnahme. Nur über die Veränderung der Wahrnehung und Bewertung im zeitlichen Abstand…”
    Ach so. Na ja, mir gehts irgendwie halt wie Ihnen. Denn:

    “Ich arbeite als Pensionist freiberuflich als Kommentator. Mein Kommentar kommt auch nicht aus Heidelberg. Und auch er “enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.”
    Und so verhelfen wir beide fröhlich diesem Medium zu etwas höheren Klickzahlen.

    Wie Sie sehen, haben wir jede Menge gemeinsam. (-:

  8. Linker Extremismus? Sicher!
    Wenn man einmal eine Massenzuwanderung betreibt die man ja tatsächlich nur noch als Auslöschungspolitik gegen das bestehende Volk beschreiben kann, dann ist das selbstverständlich linker Extremismus.

  9. Was werfen sie einen Künstler vor ? Dass er mit seinen künstlerichen Mitteln eine Haltung/Ideologie transportieren will ? Gerade das ist Kunst ! Und wenn dieser junge Schwärmer(20 Jahre) von einem einheitlichen Deutschland (Nation) träumte, dann war er damit damals damit nicht allein: Siehe die Klassiker Goethe, Schiller etc…
    Leute, die ihm Nationalismus unterstellen, wissen nicht wo sie herkommen und halten ALDI/LIDL oder die Shoppingcenter für große nationale Kulturgüter. Allegorisch halte ich das Schaf auf dem Bild oben für den deutschen Michel, der alles mit sich machen läßt , wenn er nur gut gefüttert wird…

  10. Spannender Querverweis im Artikel.
    “machte der neue Begriff der Nation und die Möglichkeit der Identifizierung der Bürger mit ihr (und nicht mit einem Monarchen) seit dem 19. Jahrhundert die Herausbildung der europäischen Demokratien möglich.”
    Eben. Die Idee der Nation war zunächst eine der Liberalen, die auf die Überwindung der Kleinstaaterei abzielte. Heute wird Nation einfach mit Nationalismus gleichgesetzt, was so ziemlich die dümmste vorstellbare Reaktion auf die spätere deutsche Geschichte darstellt, und auch nichts mit einem seriösen Umgang mit der NS-Zeit zu tun hat.
    “Was zunächst revolutionäres Potenzial hatte, wurde zum Mainstream und Inbegriff der Biederkeit. ”
    Wie so häufig. ist etwas etabliert, fängt man an, sich in den eigenen Klischees zu verheddern und vertritt plötzlich selber jenen Stillstand, den man früher noch bekämpft hat.

  11. Markweger:

    “Wenn man einmal eine Massenzuwanderung betreibt die man ja tatsächlich nur noch als Auslöschungspolitik gegen das bestehende Volk beschreiben kann, dann ist das selbstverständlich linker Extremismus.”

    Sie müssen ihre rechtsextreme Propagandamärchen wohl überall reinschmieren.

  12. Na, der “Mainstream” ist heute so weit links dass das was in den 90er Jahren noch die Mitte war als rechtsextrem angesehen wird.
    Das was früher extrem links war wird heute als die Mitte angesehen.

    Nebstbei, Merkel hat zur Zeit ihres ersten Amtsantritts zu dem ganzen Multi-Kulti Stuß das genaue Gegenteil von dem gesagt was sie heute betreibt.
    Merkel hat den Verstand verloren.
    Oder sie handelt absichtlich gegen die Interessen der europäischen Völker was ihr ohne weitere zuzutrauen ist.

  13. Sehn`s , Frau Bambach, schon 16 Kommentare. Mehr als dreimal so viel , wie sonst üblich. Die Nation kocht halt schnell (über). Aber nicht nur hierzulande.
    (-: (-;

  14. Das Bild, die Bildaussage ist und bleibt „harmlos“, sofern dem Betrachter nur dieses zur Verfügung steht. U.a. Avantgarde und Nationalismus finden keinen sichtbaren Platz. Das damalige politische Engagement des Künstlers ist „zeitgebunden“. Keine Ahnung was der Autor dieses Artikels primär sagen will. In diesem Sinne fällt mir fragmentarisch und spontan folgendes dazu ein: Heute gibt es in Deutschland eine zunehmende Linke, die soweit links ist, daß sie rechts wieder rauskommt. Die mittels (Online-)Presse und Fernsehen staatliche Indoktrination der Bürger alles als „schädlich nationalistisch“ oder „rechtsextrem“ zu bewerten und auszugrenzen was nicht ideologisch links ist, ist sozusagen der neue Kulturfaschismus. Politisch korrekte Gutmenschen sind die neuen Hetzer.

  15. @Dirk Freyling – Der Autor dieses Artikels möchte primär zeigen, dass die Dinge meist viel komplexer sind als sie aussehen – oder als sie klingen, wenn man sie in plakative Formulierungen zwängt.

  16. Frau Bambach,
    warum schreiben Sie in der dritten Person?
    Dass Dinge komplexer sind als diese aussehen, dürfte zumindest Ihren Bloglesern bereits bekannt sein. Ich denke soviel intellektuelle Reife trauen Sie Ihren Lesern zu. Nur ist das Bild von Carl Philipp Fohr, Die Wasserfälle am Steinwäldchen, Aquarell, 1814/15 kein gutes Beispiel um dies zu demonstrieren. Ein Gemälde wirkt als solches oder nicht. Einen Klang besitzt ein Bild nicht. Ein Zwang plakativer Formulierung ist hier ebenfalls nicht zu erkennen.

    Ich möchte Sie nicht über Gebühr kritisieren, würde mir aber wünschen, das insbesondere professionelle Autorinnen ein differenziertes „Sprachbild“ liefern können, welches stringente Strukturen aufweist, die zu einer Denk-Ebene führen, die über das übliche banale Maß hinausgeht.

  17. In diesem Sinne fällt mir fragmentarisch und spontan folgendes dazu ein: Heute gibt es in Deutschland eine zunehmende Linke, die soweit links ist, daß sie rechts wieder rauskommt.

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