Blockchain-Mania: Es wird Zeit, absurde Projekte zu beenden!

Ist die Blockchain wirklich das neue Internet?

Das Potential der Blockchain wird oft verglichen mit den Umwälzungen, die durch das Internet und die Digitalisierung hervorgerufen wurden. Ganze Industrien wurden seit den 1990ern umgekrempelt oder vernichtet, wie beispielsweise die Fotoindustrie, Enzyklopädie-Verlage oder Videotheken. Viele Unternehmen unterschätzten die digitale Revolution und wurden existenziell bedroht, darunter namhafte Hersteller von Konsumgütern, Medienunternehmen oder Warenhäuser.

Der Blockchain werden ähnliche Veränderungswirkungen zugetraut wie dem Internet, das eigentlich nur eine Sammlung von Protokollen darstellt, über das Rechner miteinander kommunizieren. Es ist nicht offenkundig, warum die Bedeutung der Blockchain so herausragend wie die Erfindung des Internet sein soll, aber unzweifelhaft hat sie ein enormes Potential. Das zeigt die Entwicklung des Bitcoin-Systems, das als dezentrales Zahlungssystem erfolgreich ist und mithilfe der Blockchain sichergestellt, dass Überweisungen nur vom Eigentümer vorgenommen und die Bitcoins nicht mehrfach ausgegeben werden können.

Viele Pilotprojekte

Blockchain_Grid

Bildrechte: CC BY-SA 4.0 Davidstankiewicz

Fast sämtliche Großkonzerne, einige Industriekonsortien, aber auch die ersten mittelständischen Unternehmen starteten daher Pilotprojekte zum Thema Blockchain. Der Hype ist noch immer mit Händen zu greifen. Die eilig ins Haus bestellten Berater, die sich naturgemäß erst seit kurzem selbst mit dem Thema beschäftigt hatten, überbrachten unisono dieselbe Botschaft: Die Blockchain kann die etablierten Geschäftsmodelle des Unternehmens ablösen, die Wertschöpfung findet zukünftig auf andere Weise statt. Wer nur zusieht, wird bald obsolet werden, daher ist es wichtig, die Revolution selbst mitzugestalten und am Ende zu denen zu gehören, die noch ein funktionierendes Geschäftsmodell haben. Kurz: Arbeiten Sie kräftig am eigenen Untergang mit. Dann haben Sie das Know-How, um in der Blockchain-Zukunft zu überleben.

“Wir disrupten uns selbst weil ich 100% sicher bin, dass Blockchain die Zukunft ist.”

Die Botschaft kam an. Ein Vorstandsvorsitzender eines marktführenden Touristikunternehmens ließ sich kürzlich zitieren: „Wir disrupten uns selbst, weil ich 100 Prozent sicher bin, dass Blockchain die Zukunft ist. Auf diese Technologie muss sich nicht nur [mein Unternehmen] umstellen. Da muss die gesamte deutsche Industrie hin – und zwar schnell.“

Transaktion

Blockchain-Transaktion, CC0 Greveler

Die Blockchain stellt sich als unveränderbares, öffentlich einsehbares Logbuch dar, das auf vielen Rechnern verteilt gepflegt wird. Die Mechanismen der Technologie bestehen aus kryptografischen Funktionen und filigranen Konsensverfahren, sie sind aus Sicht von Anwendern schwierig nachvollziehbar und spielen sich – ähnlich wie Internetprotokolle – auf einer Infrastrukturebene ab. Es gibt daher keine schnell verfügbare Killerapplikation und für die Unternehmen kein sofort erkennbares Blockchain-Geschäftsmodell. Die Beschäftigung mit der Blockchain stellt sich im Kern als Technologie-Grundlagenforschung dar. Aufgrund der Komplexität bleibt bei den durch den Hype angesteckten Entscheidern oft nur die Begriffsbildung „disruptiv wie das Internet“ und „dezentral wie Bitcoin“ übrig, was eine solide Bewertung eigener Blockchain-Aktivitäten erschwert.

Blockchain heißt: Keine Kontrolle, kein Abschalten

Das Wesen der Blockchain liegt in der Unabhängigkeit von einer Autorität, der dezentralen Speicherung und der Unveränderlichkeit von darin abgelegten Daten. Die Blockchain hat keinen Besitzer, niemand kontrolliert sie, sie ist nicht abzuschalten. Das ist anarchistisch und revolutionär. Trotzdem starteten Unternehmen in unterschiedlichen Branchen mit großem Optimismus Projekte, die diesen Grundeigenschaften zuwiderlaufen. Von Beratern wurden zum Themeneinstieg beispielsweise „private Blockchains“ ins Spiel gebracht. Diese könnten ein Unternehmen befähigen, Businessmodelle zu entwickeln, technische Erfahrungen zu sammeln und konkrete Pilot-Applikationen umzusetzen, ohne die Kontrolle über die Blockchain aufzugeben. Erfolge wurden bei diesem Ansatz bisher nicht vermeldet. Das ist keine Überraschung: Private Blockchains schaffen lediglich eine neue, äußerst umständliche Datenbank im Unternehmen, die Transaktionen aufnimmt. Dies beherrscht eine richtige Datenbank deutlich schneller, einfacher und komfortabler. Eine eigene Blockchain wird nicht benötigt, wenn es eine steuernde Autorität gibt, die im Unternehmen hierarchisch in den Rollen der Administratoren, der IT-Leitung oder letztlich der Geschäftsführung vorhanden ist.

Blockchain ist Infrastruktur, Visionen sind zu entwickeln

Bitcoin

Bildrechte: CC BY 2.0 btckeychain

Sinnvolle Blockchain-Projekte sind daher nicht in erster Linie Technologie-Projekte. Vielmehr sollten sie eine Vision entwickeln, wie eine dezentrale, anarchistisch und libertär anmutende Technologie wirtschaftliche Prozesse zwischen vielen Akteuren, wie dem eigenen und vielen anderen Unternehmen, Kunden und ggf. staatliche Organisationen auf eine Weise abbilden kann, dass bisherige Wertschöpfungsprozesse langfristig überflüssig werden. Gelungen ist das bei Bitcoin: Dort kann Geld erzeugt und überwiesen werden, ohne dass es einer Zentralbank oder Geschäftsbanken bedarf. Für die Sparkasse vor Ort bleiben dann langfristig nur noch das Vermieten von Schließfächern und die Vermarktung von Bausparverträgen mit schlechter Rendite.

Wo bleiben die Anwendungen?

Spricht man heute mit den für die Blockchain zuständigen Personen in Unternehmen, spürt man oft den Druck, unter dem diese stehen: Sie sollen nun bald eine Anwendung vorweisen, die als neues Produkt, neue Dienstleistung oder zumindest als Kostenersparnis beschreibbar ist. Dies ist aber nicht zu erwarten! Vergleichen wir dies einmal mit der Situation in den 1980er Jahren, als die Internetprotokolle spezifiziert und in Netzwerkkomponenten implementiert waren. Wenn es damals – wie heute bei der Blockchain – einen breiten Konsens gegeben hätte, dass das Internet einmal Wirtschaft und Gesellschaft umkrempeln würde, wären wohl viele bedrohte Unternehmen frühzeitig auf den Zug aufgesprungen.

Gedankenspiel: Internet-Pilotprojekte wären damals absurd gewesen

Aber was hätten diese Unternehmen getan? Was wären damals die Pilotprojekte gewesen, wenn man das spätere Web und seine gesellschaftsverändernde Wirkung nicht gekannt hätte?  Wir könnten spekulieren: Interne existierende Prozesse auf Internetprotokolle (TCP/IP) umstellen; zum Beispiel Drucken über „LAN-Kabel“ statt über seriellen Anschluss (fast genauso schnell, nur teurer), Umstellen der Rohrpostanlage auf Internetrouting, denn so könnte man Originale im gesamten Industriegebiet und noch weiter senden – meistens reicht aber doch ein Fax; oder Einschalten des Lichtes mit einem proprietären Schalter, der über TCP/IP mit dem selbst entwickelten Relais kommuniziert. Fazit des Gedankenexperiments: Alles wäre wie vorher gewesen, nur mit Internettechnologie und weniger effizient.

Diese absurden Beispiele illustrieren: Das Verschieben etablierter Mechanismen auf eine neue Technologiebasis ist möglich, aber eine digitale Revolution und das Erlangen einer marktbeherrschenden Stellung finden deswegen nicht statt. Die Bedeutung des Internets ergibt sich aus der freien Verfügbarkeit der Protokolle und dem Vernetzen aller Teilnehmer untereinander über die Infrastrukturebene hinaus: Es ist erst dann sinnvoll, eigene Inhalte ins Netz zu stellen, wenn andere einen Viewer haben, um diese anzuschauen.

Beispiel: Videostreaming ist nur dann ein spannendes Produkt, wenn es die Möglichkeit gibt, das Video zu konsumieren – schnelles Netz, kompatible Geräte, ein Geschäftsmodell für den Urheber wie z. B. ein Online-Werbung-Ökosystem, nutzerfreundliche Suchmaschinen oder Anbieterkataloge, um die Inhalte zu finden, soziale Netze, die Inhalte weiterteilen und empfehlen, und schließlich die Bereitschaft des Verbrauchers, sich technologisch auf ein neues Medium umzustellen. Kein Pilotprojekt einer Videothek in den 1980ern hätte diese Entwicklung hervorbringen können. Es fand vielmehr eine umfassende und weltweite soziotechnische Entwicklung statt, bis letztlich ein funktionierendes und von Verbrauchern angenommenes Video-on-Demand “auf Internetbasis” etabliert war.

Glaube an Disruption verschiebt Grenzen zur Absurdität

Doch diese Infrastruktur-Sichtweise wird von Blockchain-Enthusiasten nicht immer geteilt und einige derzeit diskutierte und teilweise sogar prototypisch implementierte Blockchain-Projekte zeigen, dass der Glaube an disruptive Kräfte die Grenzen des Absurden beliebig weit überschreiten kann. Beispiele:

  • Hausgerätesteuerung im Smart Home über eine private Blockchain im eigenen Haus. Natürlich könnte man sämtliche Geräte in der eigenen Blockchain registrieren, um den Fernzugriff aus Blockchain-Basis zu erlauben und im Keller ständig Krypto-Berechnungen durchführen, um die private Kette zu verlängern. Naheliegender ist es aber, etablierte Sicherheitstechnologien wie verteilte Authentifizierungsdienste oder Zertifikate von Public Keys zu verwenden. Diese funktionieren gut, haben eine fundierte wissenschaftlich-technische Basis und benötigen keine langsame, stromhungrige Datenbank im Keller.
  • Physischer Warenverkauf vom Hersteller an den Endkunden. Auch wenn es sympathisch erscheint, ohne die großen Monopolisten des Onlinehandels und der Transportlogistik direkt als Hersteller tätig zu werden, bleibt das Problem, dass die Ware dem Kunden bekannt gemacht und später transportiert werden muss; die Bezahlung allein in die Blockchain zu verlagern, würde funktionieren, führte aber nicht zur Disruption von Händlern oder Lieferdiensten. Schuhe lassen sich nicht als Datenpaket übertragen.
  • Cloudsicherheit über Blockchain. Es ist naheliegend, Begriffe wie Sicherheit und Vertrauen auf Cloudlösungen übertragen zu wollen, denn die Sorge um die eigenen Daten treibt viele Anwender um. Die Blockchain passt aber nicht in dieses Spannungsfeld zwischen Nützlichkeit und Sicherheit, denn die Integrität der eigenen Daten kann der Besitzer deutlich einfacher überprüfen, indem er direkt per Software kryptographische Prüfsummen berechnet und abgleicht. Und für Vertraulichkeit sorgt eine Blockchain, die gerade ein öffentlich einsehbares Medium ist, ohnehin nicht. Bemühte Um-die-Ecke-Argumente, dass die Blockchain nachweisbare Sicherheit für geheime Schlüssel liefert, die dann die eigenen Daten in der Cloud verschlüsseln, überfordern nicht nur Vertriebsbeauftragte.
  • Daycare-Buchung über Blockchain. Es stimmt: Das Bezahlen und Hinterlassen der Kontaktdaten nebst Erziehungsberechtigung via Blockchain wird umsetzbar sein, gerade, wenn man rasch und diskriminierungsfrei Anbieter auswählen kann. Aber würde man wirklich sein Kind mit RFID im Strampler innerhalb der nächstbesten, per App gebuchten Kita auf Stundenbasis abwerfen, nur weil man ein paar Cent Transaktionsgebühren sparen kann? Das Kennenlernen der Erzieherinnen und die Vertrauensbildung ist bisher noch nicht disruptiert worden.
  • Datenaustausch in kleinen Gruppen, Handel. Immer wieder wird beschworen, dass Unternehmen sich mit anderen zusammentun könnten und untereinander per Blockchain direkt und transparent Handel oder Zahlungsclearing treiben könnten. Wenn dabei aber Verträge und ein Konsortium geschlossen werden, ist die Blockchain überflüssig, denn das Konsortium kann einfach ein dediziertes System aufsetzen, schnelle Datenbank und Rechtssicherheit inklusive. Blockchain-Anarchie ist sehr sinnvoll beim globalen Bitcoin aber nicht für solche fest definierten und rechtlich aneinander gebundenen Einheiten.
  • Peer-to-Peer-Stromhandel. Die Abrechnung zwischen benachbarten Akteuren, zum Beispiel Photovoltaik-Anlagen und Stromverbrauchern, über die Blockchain ist zwar realistisch. Der stabile Betrieb eines Stromnetzes als kritische Infrastruktur, die Netzschwankungen ausgleicht, Zustände überwacht, steuernd eingreift und Neuanschlüsse von Teilnehmern vornimmt, ist aber ohne eine verantwortliche Instanz nicht denkbar. Der Netzbetreiber müsste sich stets über die Blockchain stellen, was den dezentralen Ansatz sinnlos werden lässt: Er könnte ein klassisches Handelssystem selbst betreiben, da alle Netzteilnehmer ohnehin mit ihm in einer Rechtsbeziehung stehen.

Sinnvolle Anwendungen

Die Beispiele sollen nicht den Eindruck erwecken, dass es keine sinnvollen Blockchain-Anwendungen außerhalb von Zahlungsströmen geben könnte. Tatsächlich existieren vielversprechende Ansätze, beispielsweise im E-Government-Bereich. Bescheinigungen, Ausweise und Nachweise können elektronisch erzeugt und – repräsentiert durch ihren elektronischen Fingerabdruck – datenschutzfreundlich in der Blockchain abgelegt werden. Estland ist Vorreiter auf diesem Gebiet.

Die Blöcke ersetzen dann zum Teil Notare und beglaubigende Instanzen, erlauben es, international Dokumente vorzulegen und anzuerkennen bzw. diese für ungültig zu erklären. Da es keine globale Amtsleitung und keine Weltregierung gibt, bietet die Blockchain hier die Option, fälschungssicher Identitäten nachzuweisen und den Status von Dokumenten abzurufen, ohne Schnittstellen zu Behörden in aller Welt pflegen zu müssen. Selbst der Untergang von Staaten und die politische Neuordnung von Verwaltungen wirken sich nicht destabilisierend auf das System aus.

Physische Archive können zerstört werden, aber nichts kann aus der Blockchain entfernt werden. Bereits in der föderalen Struktur der Bundesrepublik wäre ein solches System hilfreich, denn behördenübergreifende und kompatible IT-Systeme zwischen Bund, Land, Stadt und Einrichtungen des öffentlichen Rechtes gibt es nicht.

Belastbare industrielle Anwendungen der Blockchain betreffen den Umgang mit immateriellen bzw. elektronisch übertragbaren Gütern. So kann ein Urheber sein Werk in der Blockchain registrieren, um für alle Zeit nachzuweisen, dass er Erzeuger-Rechte innehat. Später können Nutzungsvereinbarungen über die Blockchain direkt abgebildet werden, ohne dass es Intermediäre bedarf. Auch dieses System existiert noch nicht, aber es ist immerhin vorstellbar, dass einmal auf diese Weise ein globales Verzeichnis elektronischer Werke und der Nutzungsvereinbarungen entsteht.

Projekte einstampfen, neu nachdenken

Nonsens-Projekte sollte man aber, nachdem der Hype nun doch schon zwei Jahre andauert, rasch erkennen und beenden. Es ist nicht ehrenrührig, wenn Unternehmen feststellen, dass eine neue Technologie missverstanden wurde und dass die angedachten Killerapplikationen nicht zünden. Vielleicht eröffnet dies den Weg, einmal ohne Hast auf sich und das eigene Umfeld zu schauen: Könnte eine anarchistische Peer-to-Peer-Struktur mit unveränderlichen Daten die eigene Branche radikal umkrempeln? Das wäre dann ein Kandidat für eine Blockchain. Falls Sie nicht gleich einen Einfall haben, keine Sorge: Die Berater hatten bei verschiedenen Kunden auch immer dieselben Ideen.

 


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”The purpose of computing is insight, not numbers.” (Richard Hamming) Ulrich Greveler studierte in Gießen Mathematik und Informatik, arbeitete sechs Jahre in der Industrie im In- und Ausland, bevor er als Wissenschaftler an die Ruhr-Universität nach Bochum wechselte. Seit 2006 lehrt er Informatik mit dem Schwerpunkt IT-Sicherheit an der Fachhochschule Münster (bis 03/2012) und der Hochschule Rhein-Waal (seit 03/2012). Sein besonderes Interesse gilt datenschutzfördernden Technologien und dem Spannungsverhältnis zwischen Privatsphäre und digitaler Vernetzung.

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Man hört viel über Blockchain-Projekte in China. Der Staat scheint die Blockchain-Technologie für Abrechnungen/Transaktionen zu nutzen wie beschrieben in China to Use the Blockchain to Send Invoices and Collect Taxes, Auch im Finanzsektor gibt es den grossen Aufbruch in die Blockchain-Welt und viele weitere chinesische Firmen wie die Wanxiang Blockchain Labs, die Wanda Group,Alibaba , Foxconn, JD.com, NEO (formerly Antshares) nehmen an der Blockchain-Mania teil.

  2. Als hilfreicher hätte ich empfunden, die aktuellen Probleme der Blockchain zu diskutieren: fehlende Skalierbarkeit, thermische/energetische Probleme und Splittung der Protagonisten, weil man sich über die Skalierbarkeit der Standards nicht einig war.
    Der Optimismus für den E-Government-Bereich ist nicht nachvollziehbar. Bei der qualifizierten Signatur haben wir 20 Jahre Regulierung bis hin zu eIDAS gebraucht ohne einen Nutzen zu haben. Im Gegenteil: Informatiker haben die Nutzung durch Förderung von RIPE-MD behindert und übersehen, dass es inkompatibel zu S/MIME war, was der Tod für MailTrusT war.
    Etwas weniger Spekulation und mehr Tatsachen wäre m.E. noch hilfreicher gewesen.

  3. Ich bin schon vor einiger Zeit einmal die ganze Liste der von der EU geförderten “Blockchain”-Projekte durchgegangen und konnte sie komplett in drei Kategorien aufteilen:

    1. Bitcoins mit einem anderen Namen
    2. Systeme, die ohne Blockchain-Technologie genauso gut oder besser funktionieren würden
    3. Konzepte, die überhaupt nichts oder wenig mit Blockchain zu tun haben (und die den Begriff technisch falsch verwenden)

    Ich kann nur vermuten, dass die Projekte der Kategorien 2 und 3 den Begriff “Blockchain” ausschließlich aus Marketing-Gründen verwenden, oder um an Fördergelder bzw. Finanzierungskapital zu kommen.

    Letztlich sieht es so aus, als gäbe es bisher abgesehen von Bitcoins und den Nachahmern (noch?) kein wirklich funktionierendes Konzept, für das der Einsatz von Blockchains wirklich Sinn macht.

    Das heißt ja nicht, dass es das nicht eines Tages geben wird – aber im Moment sehen wir nichts als heiße Luft und große Worte. Einen “Hype”, wie das so schön auf Neudeutsch heißt.

    Und dass selbsternannte Experten, die recht gut davon leben, Firmen das Blaue vom Himmel zu versprechen, wenn sie nur ihre überhöhten Stundensätze für Beratung bezahlen, eine andere Meinung haben, ist nachvollziehbar, sollte einem aber nicht dazu verleiten, darauf hereinzufallen.

    ag.

  4. Vielen Dank, sehr interessant.
    “Blockchain”, so wie dies hier verstanden wird, ist eine globale (!) Unternehmung, die Vermittler raus kriegen will, bspw. Banken oder generell auf Firmenstrukturen Basierendes, das proprietär ist.
    Und hier gäbe es eine ganze Menge, was wäre bspw. mit einer firmeneigenen Webpräsenz, die sich so von IT-Subunternehmern unabhängig machen will?
    Oder mit “Blockchain”-Webdienst(leistung)en generell, bspw. E-Mail betreffend?

    Ansonsten, wie schaut’s mit der Angreifbarkeit aus, ließen sich “Blockchain”-basierte Dienste durch DDOS-Attacken gut angreifen, so richtig schön verlangsamen?

    MFG
    Dr. Webbaer

  5. Ein soziales Netzwerk über Blockchain bzw. P2P fände ich auch sinnvoll. Man wäre (weitgehend) unabhängig von irgendwelchen Unternehmen und der Staat könnte nicht mehr (so einfach) zensieren.

    • Sicherheit,
      …….unveränderbares, öffentlich einsehbares Logbuch,
      ich kann mir nicht vorstellen, warum dieses System nicht unveränderbar sein soll.
      Wenn die Algorithmen bekannt sind und die Router angezapft werden, dann ließen sich Manipulationen vornehmen.

      Wie steht es mit internationalen Verbrechersyndikaten? Wie kann man die dann noch kontrolliern?

  6. Bestimmte “Löchrigkeit” ergibt sich, wie Herr Dr. Greveler auch anzumerken wusste, bei “Blockchain” in der lokalen / regionalen Anwendung.
    Ansonsten steht nunmehr eine durchaus revolutionär zu nennende Technologie, ein Framework, bereit, sozusagen jegliche Anwendungen, meinend, das global [1] ändern wird.

    So weit wie nach der Erfindung der Schrift, des Buchdrucks und der netzwerkbasierten Kommunikation (Brag : Dr. W ist seit mehr als 35 Jahren dabei) eine vierte Revolution zu erkennen, einen diesbezüglichen Fortschritt im Rahmen des bärischen oder menschlichen Seins, ist Dr. W im Moment noch nicht.
    Allerdings erlaubt er sich anzumerken, dass “Blockchain” in höchstem Maße sozusagen Bären oder Menschen verbindend in der Lage scheint.
    So dass auch Anwendungen nahe liegen, die wichtich und (derzeit) noch nicht umfänglich durchdacht werden können.
    Ein beträchtliches Potenzial haben.

    MFG + schöne Restwoche noch,
    Dr. Webbaer

    [1]
    Das Web ist per se global, werden proprietäre Ansprüche laut, sind diese zu “tunneln”.

  7. WFP is taking first steps to harness blockchain technology to enhance our ability to provide effective, efficient assistance to the people we serve – and save millions of dollars. berichtet über ein Pilotprojekt in der Hunger/Flüchtlinkgshilfe, wo mit Blockchain-Technologie Geldflüsse, Warenausgaben Bezugs-Berechtigung in dezentraler Weise gesichert werden. Zitat:

    Derzeit beziehen mehar als 10.000 syrische Flüchtlinge ihre WorldFoodProgram-Hilfe über ein Blockchain basiertes System. Als Ergebnis dieses Piloten wird WFP eine vollständige, interne Aufzeichnung aller Transaktionen haben, die bei einem bestimmten Einzelhändler auftreten und damit mehr Sicherheit und Privatsphäre für unsere Begünstigten gewährleisten können, da sensible Daten nicht mit Dritten via Telefon geteilt werden müssen. Dies ermöglicht eine verbesserte Buchführung und die Reduzierung der Kosten von Drittanbietern.

    Dies passt zur Aussage im obigen Beitrag (Zitat):

    dass im E-Government-Bereich. Bescheinigungen, Ausweise und Nachweise können elektronisch erzeugt und – repräsentiert durch ihren elektronischen Fingerabdruck – datenschutzfreundlich in der Blockchain abgelegt werden.

    Auch MIT-Review hat einen Artikel über den Einsatz von Blockchain in der Flüchtlingshilfe: How Blockchain Is Kickstarting the Financial Lives of Refugees

    Blockchain scheint tatsächlich einen weltweiten Hype ausgelöst zu haben. Ob die Erwartungen eingelöst werden können, hängt wohl davon ab, ob es trotz Blockchain zu Betrugsfällen kommt. Denn das ist der entscheidende Punkt: Blockchain will Vertrauen und Rückverfolgbarkeit schaffen ohne dass es Vertrauensleute braucht.

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