Wir sollten intolerant sein

1989/90 rief Frances Fukuyama das ‘Ende der Geschichte’  aus – ohne die grossen imperialen Blöcke würde eine lange Zeit des Friedens und der Kooperation beginnen. Der Liberalismus würde weltweit um sich greifen. Ich gebe zu, das klang verlockend. Wer den Menschen nicht als reissende Bestie sieht, konnte annehmen, es sei endlich alles gut. Die Aufklärung, der Rationalismus hatte gewonnen. Belege für eine Besserung gibt es reichlich, allerdings reichen sie weiter zurück als bis 1989. Man könnte beinahe glaube, es gäbe einen inhärenten Hang zur Verbesserung der Lebensverhältnisse.

Ganz so ist es selbstverständlich nicht, es gab immer wieder Rückfälle. Im Groben ist an der liberalen Idee

wissenschaftlicher Fortschritt -> mehr Zeit für Bildung und Denken -> besseres Leben

was dran. Diverse Studien, die u.a. Steven Pinker als Grundlage für sein optimistisches Buch The Better Angels of Our Nature dienen, zeigen, dass es weniger Gewalt, weniger Krieg gibt. Ob das nur daran liegt, dass wir bessere Menschen werden, oder auch daran, dass zwei grosse Kriege und einige nicht unbedeutende Krisen des 20. Jahrhundert uns kräftig Angst eingejagt haben, sei mal dahingestellt.

Wir leben insgesamt in einer Welt ohne grosse kriegerische Konflikte, einer Welt, in der Epidemien regional begrenzt sind, Kindersterblichkeit stark zurück gegangen ist. Trotzdem fühlen viele sich unwohl. Gerade in den reicheren, stabileren Staaten wie Deutschland, USA, UK scheinen sich Menschen das Schlechte zu suchen. Vielleicht geht der Esel wirklich aufs [dünne] Eis, wenn ihm zu wohl ist. einige gehen so weit, liberaldemokratische Regierungen wie die Barack Obamas oder Angela Merkels mit denen der DDR, der UdSSR, des 3. Reiches gleichzusetzen. Vor lauter Unwohlsein sind da die Massstäbe gründlich verrutscht.

In Deutschland werden auf der Strasse, bei Twitter, Facebook und inzwischen auch in vielen Parlamenten  Parolen gerufen, für die man vor 30 Jahren gesellschaftlich abgestraft worden wäre. Man hätte die Rufer verächtlich gemacht, isoliert, ihre Zuhörer aufgeklärt. Bürgerliche Parteien hätten sich um Distanz bemüht, Journalisten und Kolumnisten gezeigt, in welche Ecke die Rufer mit einer Trottelmütze hätten stehen sollen. Sozialdarwinistisches, faschistisches Gedankengut sollte keinen Platz in unserer Gesellschaft haben. Gut so!

Das Paradox der Toleranz

Toleranz für andere Meinungen ist wichtig für den Diskurs. Wir können langfristig nicht lernen, wenn wir nicht miteinander reden. Die beiden operativen Worte sind hier ‘lernen’ und ‘miteinander’. Denken wir an Organisationen wie die AfD oder PEGIDA und diverse Ableger, ist klar, dass die weder mit uns reden möchten noch etwas lernen. Bereits das schliesst sie von jedem vernünftigen Gespräch aus. Wir haben als Gesellschaft nach 1945 gelernt, dass es Dinge gibt, die eben nicht diskutabel sind. Hinter unseren Lernerfolg zurückzufallen, scheint mir – mit Verlaub – dämlich.

Less well known is the paradox of tolerance: Unlimited tolerance must lead to the disappearance of tolerance. If we extend unlimited tolerance even to those who are intolerant, if we are not prepared to defend a tolerant society against the onslaught of the intolerant, then the tolerant will be destroyed, and tolerance with them. — ln this formulation, I do not imply, for instance, that we should always suppress the utterance of intolerant philosophies; as long as we can counter them by rational argument and keep them in check by public opinion, suppression would certainly be most unwise. But we should claim the right to suppress them if necessary even by force; for it may easily turn out that they are not prepared to meet us on the level of rational argument, but begin by denouncing all argument [meine Hervorhebung]; they may forbid their followers to listen to rational argument, because it is deceptive, and teach them to answer arguments by the use of their fists or pistols. We should therefore claim, in the name of tolerance, the right not to tolerate the intolerant. We should claim that any movement preaching intolerance places itself outside the law, and we should consider incitement to intolerance and persecution as criminal, in the same way as we should consider incitement to murder, or to kidnapping, or to the revival of the slave trade, as criminal.
[…] We demand a government that rules according to the principles of equalitarianism and protectionism; that tolerates all who are prepared to reciprocate, i.e. who are tolerant; that is controlled by, and accountable to, the public. [meine Hervorhebung] And we may add that some form of majority vote together with institutions for keeping the public well informed, is the best though not infallible, means of controlling such a government. 1

Und doch wurden in den letzten zwei Jahren die Parolen der rechts ausserhalb dessen, was wir tolerieren können, stehenden, zum öffentlichen Diskurs. Kaum eine Talkshow, die nicht die Schreihälse einlädt, um über ihre “Thesen” zu reden. Kaum eine Tageszeitung, kaum ein Magazin, die nicht in jeder Ausgabe darüber schreiben – selbstverständlich ausgewogen. Oft wird dabei auch der Jargon übernommen. Krude AfD-Positionen, von Funktionsträgern zugespitzt über Twitter und Facebook in die Welt posaunt, werden ernsthaft diskutiert, egal wie menschenverachtend und dümmlich sie sind. Politiker des liberal-bürgerlichen Parteienspektrums – CDU, CSU, SPD, GRÜNE, FDP – übernehmen teils Positionen, teils die Unbeholfenheit der Formulierung. Werden sie kritisiert, heisst es, man wolle und müsse die rechtsaussen quäkenden zurückholen.

Im Jahr 2018 ist das zentrale europäische Thema die finale Lösung [meine Hervorhebung] der Flüchtlingsfrage. 2

Ernsthaft? Sicher, hier wird nicht die ‘Endlösung der Flüchtlinge’ gefordert, aber der Sprachduktus dürfte hier kaum zufällig sein. Auch Lagerhaltung wird in Europa seit einiger Zeit diskutiert, nicht zuletzt von jenem Regierungschef, mit dem Weber sich kurz vor obigem Statement getroffen hat. Darüber kann man doch nicht reden, das muss man doch ablehnend ignorieren. Im politisch-gesellschaftlichen Kontext kann es gar keine endgültigen Lösungen geben, da Gesellschaften sich immerzu ändern, somit immer wieder neue Lösungen benötigt werden.3

Ich zitiere Karl Popper oben nicht nur so lang, weil er das Problem vor langer Zeit erkannt und gut formuliert, sondern auch weil er von vielen Politikern gern im Mund geführt wird. Wie es so ist bei bekannten Intellektuellen, vor allem, wenn die tot sind und sich nicht wehren können. Adam Smith gehört auch dazu. Man hat einen groben Überblick, wofür ein Philosoph steht – im Falle Popper ist es ein moderner Liberalismus -, und hofft, dass keiner genauer nachliest. Dazu gibt es ein paar schöne, pointierte, Buzzwords und Aphorismen, fertig ist die Entschuldigung der eigenen unhaltbaren Position.

Die Verschiebung der Mitte

Übernimmt man Jargon und Position des Anderen, begibt man sich zu ihm. Man holt ihn nicht zurück. Zu verständigen Demokraten mit humanistischem Ausblick macht man die Schreihälse und Schnellschützen von AfD oder PEGIDA bestimmt nicht, tritt man ihnen zur Seite. Die Frage, die mich umtreibt, ist dabei, ob die Mitte der Gesellschaft von den Extremisten getrieben wird oder sich nur traut, zu sagen, was man früher besser unter der Decke hielt. George Lakoff hat dazu vor kurzem auf Twitter etwas geschrieben4:

Alle vier genannten Strategien werden auch von rechtsextremen Wölfen in bürgerlichen Schafspelzen genutzt. Hinzu kommt das unglückliche Phänomen, dass erst die Sprache, dann der Diskurs und zuletzt die Gesellschaft an sich zu den Extremen verschoben wird.

Wie Lakoff benutzt Vox in diesem Video Trump und dessen Cronies als Beispiel; die Idee dahinter ist aber unabhängig davon.

Es mag hip sein, Politiker als reine Taktiker zu sehen, die keine Überzeugungen haben oder als Opportunisten, die ihre Ideen jederzeit vergessen, wenn der Wähler nicht drauf anspringt. Ich tendiere dazu, bis zum Beweis des Gegenteils anzunehmen, dass Politiker Überzeugungstäter sind. Oder auch: Nehmen wir Politiker doch bitte ernst. Schauen wir genau hin, was sie äussern, was sie machen. Im Falle der AfD, aber auch bei einzelnen Mitgliedern der Parteien der Mitte, bleibt dann nur noch zu sagen: So nicht, mit dir lässt sich nicht reden!

Es gibt nichts zu reden

Worüber soll man bitte mit Rechtsaussen und Rassisten reden? Darüber, dass die Erde keine Scheibe ist, dass Regen aus Wolken auf den Boden fällt, dass die Sonne sich nicht um die Erde dreht? Selbstverständlichkeiten zur Diskussion zu stellen, ist  bestenfalls Zeitverschwendung. Es ist aber längst der schlimmste Fall eingetreten, wir erkennen an, längst Abgehaktes in Frage zu stellen. Wir öffnen das Tor für ‘alternative Wahrheiten’, für ethisch Verwerfliches. Schliesslich soll doch nicht alles schlimm gewesen sein an Hitler, er mochte ja Hunde. Aber mochten Hunde ihn?

 

[Edit 14. Januar 2018]

Am 13. Januar 2018 schrieb George Lakoff etwas ausführlicher über Framing von Themen und wie wir es einsetzen können, um den Diskurs zurück zu bekommen.

Notes:
1. Karl Popper.  The Open Society and her Enemies. Routledge, London and New York, 2002. ursprünglich veröffentlicht 1945. Note 4 to Chapter 7, 667ff.
2. Manfred Weber nach einem Treffen mit Victor Orban, https://br24.de/nachrichten/weber-verteidigt-orban-besuch,QfrnfG7
3. Denken Sie, was der Klimawandel an grossen Veränderungen bringen wird, auch im Hinblick auf Flucht. Stichwort: Pazifische Inselvölker.
4. George Lakoff am 3. Januar 2018 auf Twitter über das Wie und Warum von Donald J. Trumps Tweet.

Nach dem Abitur habe ich an der Universität Hamburg Anglistik, Amerikanistik, Soziologie und Philosophie studiert. Den Magister Artium machte ich 1992/93, danach arbeitete ich an meiner Promotion, die ich aus verschiedenen Gründen aufsteckte. Ich beschäftige mich meist mit drei Aspekten der Literatur: - soziologisch [Was erzählt uns der Text über die Gesellschaft] - technisch [Wie funktioniert so ein Text eigentlich] - praktisch [Wie bringen wir Bedeutung zum Leser] Aber auch theoretische Themen liegen mir nicht fern, z.B. die Frage, inwieweit literarische Texte außerhalb von Literatur- und Kunstgeschichte verständlich sein müssen. Oder simpler: Für wen schreiben Autoren eigentlich?