Storytelling ist kein Journalismus

Con Text

Eigentlich mag ich es nicht, über das zu schreiben, was alle gerade treibt auf die Tastatur zu hämmern. Ich bin auch ungern dabei eine tagesaktuelle Nachricht praktisch noch am Tag des Geschehnisses aufzunehmen. Mir ist bewusst, dass eine anständige Analyse Zeit braucht. Zum Glück hatte ich die hier und der Fall Relotius ist nur der Aufhänger über ein pet peeve von mir zu schreiben: storytelling.

Am 19. Dezember 2018 musste DER SPIEGEL eingestehen, jahrelang Märchen veröffentlicht zu haben. Geschrieben von einem Starreporter. Dessen Texte ohne Schwierigkeiten von Redakteuren, Dokumentation/Recherche und Chefredaktion abgenickt wurden. Kein Wunder, er schrieb so schön glatt, so edel, so wunderbare Geschichten mit Protagonisten und Geschehnissen, die greifbar waren, logisch. Alles passte herrlich zusammen und erklärte die Welt. Es war storytelling at its best.

Das heisst auch, viel Fiktion. Denn dorthin gehört Geschichten erzählen. Nicht zuletzt, gerade weil dort Sinn in etwas gegeben wird, das in der täglichen Beobachtung sinnlos ist. Schriftstellerinnen können sich das erlauben, da sie zwar häufig von aktuellen Ereignissen inspiriert werden, aber letztendlich eine allgemeine Aussage über Menschen und die Welt treffen wollen. Eine aus ihrer Perspektive.

In diesem Sinne sind Journalisten keine Schriftsteller. Sie sollen uns über den Tag – der ‘jour’ in Journalismus kommt aus dem Französischen und heisst Tag – berichten. Sicherlich sind auch Einordnungen wichtig, die oft erste lange Zeit später möglich sind [ein Fall für Historikerinnen]. Im Moment, da sie den Regeln des Geschichtenerzählers folgen, einen Plot in Ihre Beobachtungen schmieden, Bögen nach Hollywood-Script 101 spannen sind sie keine Journalisten mehr.

Die vielen, oft absurden Schreibregeln für den Reporter, die z.B. George Orwell entwarf oder Ernest Hemingway oder, sehr viel kleiner, Wolf Schneider, haben vor allem ein Ziel: Wahrhaftig zu schreiben, nicht fabulierend. Missversteht man diesen Hintergrund kommt storytelling raus. Damit mag man Preise gewinnen – auch so eine Unart, die Journalismus zerstört -, vielleicht sogar Leser. Doch am Ende verliert man Glaubwürdigkeit und den Kern dessen, was Journalismus ausmacht.

Das Problem an Fällen wie Gerd Heidemann, Tom Kummer oder jetzt Claas Relotius ist nicht, dass einzelne Kleinbetrüger Omas über den Tisch gezogen haben. Hinter deren Texten stehen Redaktionen mit all ihren Massnahmen, üble Fehler zu verhindern. Offensichtlich nur, wenn die Geschichte nicht schön und bequem genug ist. Die Hitlertagebuchgeschichte hätte mit einem Blick auf den Einband platzen müssen. Aber Heidemann war ja ein Guter, ein Mann, der immer tolle, verkaufsträchtige Stories brachte. Man vertraute ihm.

‘Vertrauen’ ist auch das Schlüsselwort in Ullrich Fichtners Text zum Fall Relotius:

Seine Arbeit basiert auf einem Grundvertrauen, das ihm die Redaktion zu Hause schenkt.

Man vertraut einfach so? Und wenn man dann, nach einiger Überzeugungsarbeit, die andere reinsteckten, endlich nicht mehr vertraut, ist der Reporter ein so guter Betrüger, dass man gar nicht nicht darauf hereinfallen konnte?

Oder ist es nicht doch so, dass Journalisten zum storytelling gedrängt werden. Recherche wird zum Nebenaspekt, Fakten werden gebogen und erfunden – Hauptsache die Geschichte ist gut erzählt. Die Postmoderne hat gewonnen, es gibt keine Fakten, nur gut oder schlecht erzählte stories. Kein Wunder, dass ein notorischer Lügner wie Donald J. Trump Präsident der USA wird.

Zum Betrüger gehört immer auch die Betrogene. Und so kalenderspruchig, wie es klingt, Menschen wollen betrogen werden. Betrüger nutzen unsere Vorurteile und unser Weltbild aus. Sie sagen uns, was wir hören wollen, sie schreiben, was wir lesen wollen, sie zeigen, was wir sehen wollen.

[Edit 21. Dezember 2018]

Falls sich jemand wundert, weshalb sein Kommentar nicht erscheint: Ich gehöre zu der von Merkel/Putin/US military-industrial complex/Cthulu/Reptiloiden gelenkten Elite, die brutal alles weg zensiert, was uns enttarnen könnte. Machen Sie für Ihre Verschwörungstheorien Ihre eigenen Blogs auf oder veröffentlichen Sie bei einschlägig vorbest… bekannten Verlagen.

Nach dem Abitur habe ich an der Universität Hamburg Anglistik, Amerikanistik, Soziologie und Philosophie studiert. Den Magister Artium machte ich 1992/93, danach arbeitete ich an meiner Promotion, die ich aus verschiedenen Gründen aufsteckte. Ich beschäftige mich meist mit drei Aspekten der Literatur: - soziologisch [Was erzählt uns der Text über die Gesellschaft] - technisch [Wie funktioniert so ein Text eigentlich] - praktisch [Wie bringen wir Bedeutung zum Leser] Aber auch theoretische Themen liegen mir nicht fern, z.B. die Frage, inwieweit literarische Texte außerhalb von Literatur- und Kunstgeschichte verständlich sein müssen. Oder simpler: Für wen schreiben Autoren eigentlich?

7 Kommentare

  1. „Storytelling ist kein Journalismus“, aber das SPIEGEL-Magazin wollte von Beginn weg Stories auftischen wie auch Hans Magnus Enzensberg in seiner Spiegelkritik 1957 schrieb (Zitat): “Das deutsche Nachrichtenmagazin” ist kein Nachrichtenmagazin.
    LESER: Was denn?
    AUTOR: Eine Sammlung von Storys und Anekdoten, Witzen, Vermutungen, Briefen, Spekulationen, maliziösen Bemerkungen, Bildchen und Anzeigen. Ich hoffe, ich drücke mich klar aus und vergesse nichts. Gelegentlich ein Leitartikel, eine Karte, eine Statistik. Unter allen Mitteilungsformen kommt am seltensten diejenige vor, nach der das Blatt benannt ist: die schlichte Nachricht.
    LESER: Aber das ist ja gerade der Vorteil des SPIEGEL: Er nimmt mir, dem Leser, die synthetische Arbeit ab und ordnet die einzelnen Informationssplitter von vornherein sinnvoll zusammen. Er verarbeitet sie zu einem Ganzen …
    AUTOR: … einer “Story”, wie es im SPIEGEL-Statut heißt:
    Die Form, in der der SPIEGEL seinen Nachrichtengehalt an den Leser heranträgt, ist die Story
    Der Sinn der Story ist es, die Nachricht in ein pseudoästhetisches Gebilde zu verwandeln, sie aus dem Kontext der Situation zu entfernen. Eine echte Nachricht hat eine genau angebbare Quelle; nicht umsonst wird sie in keiner Zeitung wiedergegeben, ohne daß diese Quelle, daß Zeit und Ort ihrer Entstehung angegeben würden. Nachrichten sind für Unterhaltungszwecke im allgemeinen ungeeignet, sie sind kein Genuß-, sondern ein Orientierungsmittel. Dagegen stellt die Story ganz andere Bedingungen: Sie muß Anfang und Ende haben, eine Handlung, und vor allem einen Helden. Echte Nachrichten ermangeln leider oft dieser Eigenschaften. Um so schlimmer für die Nachrichten, scheint der SPIEGEL sich zu sagen.

    Fazit: Magazine wie der SPIEGEL wollten von Beginn weg Stories erzählen – auch heute noch.

  2. Ich denke, daß man schon zwischen Tageszeitungen und Magazinen wie dem Spiegel unterscheiden muss. Eine Zeitung verbreitet Nachrichten aus eigener Recherche oder von Agenturmeldungen. Ein Magazin wie der Spiegel sieht seinen Sinn eher in der Form von Hintergrundinformationen etc. Es gibt daher auch keine strikte Trennung zwischen Nachricht und Meinung wie in einer Tageszeitung.

  3. Ich mochte Reportagen bisher sehr gerne, sie waren der Hintergrund für die Nachricht von heute. Ich empfand es für mich wichtig zu wissen, wie die Nachrichten zusammenhängen und auch was da eigentlich dahinter steht. Wenn z.B. Vox (USA) mit Trump-Wähler_innen sprechen die z.B. durch den ACA überhaupt zum ersten Mal eine Krankenversicherung haben ist das für mich so ein Hintergrund. Allerdings muss es dann auch wirklich wahr sein, denn eine erfundene Story über eine Stadt in Minnesota hilft mir nicht zu verstehen, was im ländlichen Amerika los ist.

    Ich erinnere mich gerade an den Film Almost Famous, ein junger Mann will unbedingt eine Reportage über die Tour einer berühmten Band schreiben. Er begleitet sie und erlebt mehr als ihm lieb ist. Als er seinen Text abliefert und die Redakteurin den Text überprüft und niemand in der Band sich an diese Erlebnisse erinnern kann und daher der Text abgelehnt wird ist er am Boden zerstört. Daher wundert es mich, wieso z.B. beim Spiegel niemand den Telefonhörer in die Hand genommen hat um mal bei dem Stadtdirektor in Minnesota anzurufen. Seine Büronummer steht im Internet.

  4. Story und Reportage,
    um das Thema einmal anschaulich zu machen:
    Ich gehe zu einem Fußballspiel und lese am nächsten Tag die Reportage darüber in der Tageszeitung.
    Wenn die Reportage neutral geschrieben ist, dann ist sie langweilig.
    Wenn der Reporter die Stimmung mit einfängt, dann wird sie lesenswert.
    Und wenn er dabei noch Hintergrundinformationen mit liefert, dann wird sie wertvoll.
    Und wenn er dann noch eine Story daraus macht, dann wird sie zum Vorbild für jeden Journalisten.
    Wie es der Volksmund sagt: Zu viel und zu wing ist ein Ding.
    Selbst die Reportage einer Motorshow muss mit Emotionen aufgepeppt werden. Zur Information gehört die Emotion, die sie auslöst.

  5. Claas Relotius hat zusammen mit dem SPIEGEL-Team Storys geschrieben, die als Literatur herüberkommen – und die unverkennbar nicht nur das Produkt eines Journalisten, sondern eines Teams sind, welches den Anspruch hat, wahre Geschichten fast biblischer Qualität in Szene zu setzen. Es gibt da ikonische Helden mit zwar ganz gewöhnlichen Namen, aber einer überhöhten, symbolhaften Bedeutung, die etwa für das Elend eines ganzen Krieges („Ein Kinderspiel“) oder einer ganzen Nation („Die letzte Zeugin“) stehen. Kein Wunder, dass Claas Relotius und mit ihm das ganze hinter ihm stehende SPIEGEL-Team mit Preisen überhäuft wurde, denn ist es nicht der Traum eines jeden Journalisten mit einer simplen Reportage zugleich Weltliteratur zu machen?

    Offensichtlich war diese Art des Journalismus für den späten SPIEGEL (den des Post..-Zeitalters) immer wichtiger geworden, denn so investigativ wie früher ist der SPIEGEL schon lange nicht mehr und eine Stimme der Opposition, die im Zweifel links oder noch besser auf der Seite des Menschen und der Menschlichkeit steht, die ist er auch schon lange nicht mehr, muss er doch jetzt (fast) jederzeit Angela Merkel als Streiterin gegen die AfD und das Böse schlechthin verteidigen, denn eine zurückhaltende, kaum je aus der Deckung kommende Figur wie Angela Merkel, steht in Zeiten von Pegida und AfD nun für das, was es zu verteidigen gilt. Dabei waren Bundeskanzler und -kanzlerinnen früher doch immer auf der Abschussliste des SPIEGELs oder mindestens auf der Liste der Personen, denen man ganz genau auf die Finger schauen muss.

    Nach Relotius stellt sich für den SPIEGEL die Frage: muss sich der SPIEGEL neu erfinden um weitermachen zu können? Oder ist der SPIEGEL zusammen mit vielen anderen Publikationen auf dem Weg in die postjournalistische Wirklichkeit?

  6. Also,
    ich promoviere gerade zum Thema Storytelling. Und einige Ihrer Aussagen sind einfach falsch. Journalismus ist kein Storytelling, aber mit Storytelling wird schon seit jeher Journalismus betrieben. Geschichten sind nicht gleich Fiktion.

  7. CPhilipp
    richtig, Journalismus auf Sensationsjournalismus zu reduzieren und den Journalisten die Rolle der Kriminalpolizei zuzuweisen, ist überzogen.
    Der Journalist muss nicht automatisch Misstände aufecken und Negatives aufleben lassen, er könnte ja auch mal über die Schönheit eines Kirchenbesuches schreiben??

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