Unsichtbares am Sternhimmel

BLOG: Clear Skies

Astronomie mit eigenen Augen
Clear Skies

Heute wieder ein Lesetipp: Ich stolperte über ein sehr gelungenes Buch zum Jahr der Astronomie, das Lust wecken kann, sich näher mit dieser faszinierenden Naturwissenschaft zu befassen: "Verborgenes Universum" von Lars Lindberg Christensen, Robert Fosbury und Robert L. Hurt. Vielleicht sollten sich Bücher wie dieses gerade auch jene Leute anschauen, die im Begriff sind, den freien Blick auf den Sternhimmel mit ihrer "Lichtkunst" nachhaltig zu verhunzen, damit sie verstehen, was sie da tun.

Erst seit etwa einem halben Jahrhundert richten Astronomen ihren Blick vom schmalen Band des sichtbaren Lichts hin zu jenen Wellenlängen, die ohne entsprechende Detektoren "unsichtbar" sind und sich der Alltagserfahrung entziehen. 400 Jahre nachdem das Teleskop erstmals den Horizont des Menschen radikal erweiterte, erleben wir heute – bedingt durch die rasante technische Entwicklung der letzten Jahrzehnte – das goldene Zeitalter der Astronomie. Exotisch anmutende Teleskope fungieren als künstliche Augen und machen das gesamte elektromagnetische Spektrum unserer kosmischen Umgebung "sichtbar".

Einen beeindruckenden Zwischenstand unseres aktuellen Blicks auf den Kosmos präsentieren die drei auf dem Gebiet Wissenschaftskommunikation blendend versierten Autoren Lars Lindberg Christensen, Robert Fosbury und Robert Hurt mit ihrem großformatigen und edel produzierten Bildband mit dem Titel "Verborgenes Universum". In neun Kapiteln zeigen sie anhand imposanter Bilder und klarer Texte verschiedene Aspekte des "unsichtbaren" Universums. Wie der Mensch den Kosmos mit eigenen Augen und Teleskopen wahrnimmt, legen die ersten vier Kapitel dar. Jeweils ein bestimmter Wellenlängenbereich steht im Fokus der folgenden vier Kapitel: Infrarot, Ultraviolett, Radio/Mikrowellen, Röntgen/Gamma-Strahlung. Das abschließende, neunte Kapitel versucht eine Synopsis und verbindet die vorhergehenden Ausführungen zu einem Gesamtüberblick über ein Universum der verschiedenen Wellenlängen.

In den ersten Kapiteln werden grundlegende Dinge erklärt: Der Leser erfährt zum Beispiel, was Licht überhaupt ist, wie Farben entstehen, wie die unterschiedlichen Wellenlängen des elektromagnetische Spektrums von der Erde bzw. von Weltraumobservatorien aus beobachtet werden können und was Spektrallinien einzelner Sterne über ihren atomaren Aufbau verraten. Mit diesen einleitenden Kapiteln ist das Buch auch hochinteressant für all Jene, die sich bislang nicht intensiv mit astronomischer Materie beschäftigt haben.

Der erste "unsichtbare" Spektralbereich, der im Zentrum des ersten Kapitels zum "unsichtbaren Universum" steht, ist der Infrarotbereich: Er grenzt direkt an das tiefste Rot, welches das menschliche Auge eben noch wahrnehmen kann. Dieser Bereich eröffnet Einblicke in kühle, mit Staub gefüllte Regionen des Universums. Weil damit durch Staubschichten hindurch geschaut werden kann, ist auch der Blick ins Zentrum unserer Milchstraße möglich geworden, in dem sich ein Schwarzes Loch verbirgt.

Die ultraviolette Strahlung, die jenseits des sichtbaren Bereichs, im blauen Teil des elektromagnetischen Spektrums liegt, zeigt die heißesten Sterne und damit die aktivsten Gebiete der Sternentstehung, die in der Nähe von jungen, massiven und heißen Sternen liegen. Ein Bild der Andromedagalaxie M 31 beispielsweise erscheint so in wahrlich neuem Licht und offenbart auf eindrucksvolle Weise den Aufbau unserer größten Nachbargalaxie.

Ganz anders sieht der Radiohimmel aus, der sich aus im Universum weit verteilten Objekten zusammen setzt. Radiogalaxien, Quasare und Sternexplosionen sind Quellen von Radiostrahlung, die durch Bewegung energetischer subatomarer Teilchen, die Magnetfelder queren, erzeugt wird. Damit sind hochenergetische Prozesse sichtbar, die viel über das frühe Universum verraten.

Jenseits der ultravioletten Strahlung liegen die höchstenergetischen Bereiche des elektromagnetischen Spektrums, die Röntgen- und die noch energiereichere Gamma-Strahlung, die nur durch sehr spezielle Ereignisse erzeugt werden. Damit bietet die Untersuchung dieses Strahlungsbereichs ein Fenster zum Studium kataklysmischer Prozesse und extrem heißer Objekte wie Explosionen massiver Sterne, von Neutronensternen und Schwarzen Löchern.

Insbesondere diese vier Kapitel zum "unsichtbaren" Bereich des elektromagnetischen Spektrums bieten durchweg erstaunliche Ansichten bekannter Objekte, die freilich völlig anders erscheinen, als von Fotografien im sichtbaren Spektrum gewohnt. Das ist anschaulich gelungen und sehr lehrreich.

Immer auch finden sich ausführliche und leicht verständliche Erläuterungen jener physikalischen Prozesse, welche die "unsichtbaren" Phänomene bewirken. Auch ein Glossar im Anhang hilft jenen Lesern, deren Physikunterricht schon länger zurück liegt, und denen beispielsweise nicht (mehr) geläufig ist, was es mit "Schwarzkörperstrahlung", dem "Fotoelektrischen Effekt" oder der "Synchrotronstrahlung" auf sich hat.

Letztlich ist dieses Buch nicht nur ungemein lehrreich, sondern einfach ein Werk zum Staunen. Zum Staunen über das Universum und zum Staunen über die technische Entwicklung, welche die astronomischen Entdeckungen der letzten Jahrzehnte erst ermöglichte.

Clear Skies! Stefan Oldenburg

Lars Lindberg Christensen, Robert Fosbury, Robert L. Hurt: Verborgenes Universum. Wiley-Vch Verlag, Weinheim, 2008. 146 Seiten, gebunden. ISBN 978-3527408689. 24,95 EUR

Astronomische Themen begeistern mich seit meiner Kindheit und ich freue mich, Zeuge des goldenen Zeitalters der Astronomie zu sein. Spannende Entdeckungen gibt es im Staccatotakt, aber erst im Erkunden unserer kosmischen Nachbarschaft mit den eigenen Augen liegt für mich die wirkliche Faszination dieser Wissenschaft. "Clear Skies" lautet der Gruß unter Amateurastronomen, verbunden mit dem Wunsch nach guten Beobachtungsbedingungen. Deshalb heißt dieser seit November 2007 bestehende Blog "Clear Skies".

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