Der Komet ohne Schweif

BLOG: Clear Skies

Astronomie mit eigenen Augen
Clear Skies

Wohl jeder Amateurastronom träumt davon, einmal einen Kometen zu entdecken. Mit nur unwesentlich größerem Aufwand (nämlich einer 125-Megapixel-Digitalkamera), als ihn mancher high-end-equipment-ausgestattete Hobby-Sterngucker mitunter betreibt, wurde nun ein Objekt entdeckt, das aus der Oortschen Wolke zu kommen scheint.

Das Objekt trägt die Bezeichnung 2006 SQ372 und ist etwa 50 bis 100 Kilometer groß. Entdeckt wurde es in der Nähe der Neptun-Bahn im Rahmen des Sloan Digital Sky Survey, einem Projekt, das den Himmel insbesondere nach Supernova-Explosionen durchsucht. Der Eis-Gesteins-Brocken zieht seine Bahn um die Sonne auf einer sehr langgestreckten Ellipse, die vier Mal so lang wie breit ist. Nur ein weiteres Objekt mit einer derartigen Bahn wie 2006 SQ372 ist derzeit bekannt: Sedna. Jener 2003 entdeckte Kleinplanet Sedna galt bislang als fernstes Mitglied des Sonnensystems. Sednas Bahn bewegt sich zwischen 76 und 900 Astronomischen Einheiten (eine AE = 150 Millionen Kilometer, Entfernung Erde – Sonne). Der äußere Umkehrpunkt von 2006 SQ372 liegt 240 Milliarden Kilometer von der Sonne entfernt – das sind rund 1600 AE. Sichtbar ist 2006 SQ372 auf Aufnahmen des SDSS, weil es momentan nur gut 3,2 Milliarden Kilometer entfernt ist. Erstaunlich genug, ein Objekt dieser Größe in dieser Distanz überhaupt wahrnehmen zu können!

Wer sich über die Jahreszahl im Namen wundert: Zwar ist SQ372 erst jetzt entdeckt worden, konnte aber anhand älterer Aufnahmen aus den Jahren 2006 und 2007 bestätigt werden. Auch die Bahnberechnungen waren nur anhand älterer Daten möglich.

Die Deutung, dass es sich um einen Kometen handelt, ist natürlich vage, aber naheliegend. Allerdings kommt er der Sonne auf seiner Ellipsen-Bahn, die er in rund 22.500 Jahren einmal absolviert, nicht nahe genug, um einen Schweif aus verdunstendem Gas und Staub ausbilden zu können. Selbst sein sonnennächster Punkt liegt stets außerhalb der Bahn des Neptun.

Also wünsche ich mir als Amateurastronom weiterhin – auch wenn ich keine 125-Megapixel-Digitalkamera benutze und durch zunehmende Lichtverschmutzung brauchbare Sternstunden leider immer seltener werden – dass sich mir in einer netten Beobachtungsnacht ein richtig schöner Komet im Okular zeigen möge, einer mit zumindest winzig kleinem Schweif und natürlich als erstem Menschen überhaupt… 😉

Clear Skies!

Stefan Oldenburg

Links

Sloan Digital Sky Survey
NASA / JPL Hier ist ein Bahndiagramm zu sehen.

Stefan Oldenburg

Astronomische Themen begeistern mich seit meiner Kindheit und ich freue mich, Zeuge des goldenen Zeitalters der Astronomie zu sein. Spannende Entdeckungen gibt es im Staccatotakt, aber erst im Erkunden unserer kosmischen Nachbarschaft mit den eigenen Augen liegt für mich die wirkliche Faszination dieser Wissenschaft. "Clear Skies" lautet der Gruß unter Amateurastronomen, verbunden mit dem Wunsch nach guten Beobachtungsbedingungen. Deshalb heißt dieser seit November 2007 bestehende Blog "Clear Skies".

4 Kommentare

  1. Ein Hoch auf die Astronomie!

    2006 SQ372 wurde zwar nicht von Amateurastronomen entdeckt. Dies ändert aber nichts daran, dass die Astronomie nicht nur eine der ältesten und umfassendsten Wissenschaften ist, sondern immer noch eine der wenigen Naturwissenschaften, vielleicht sogar die einzige, bei der auch und gerade Amateure mit ihren gegenüber den Profis nun einmal begrenzten Mitteln bedeutende Entdeckungen beisteuern können.

    Auch das fasziniert mich an der Astronomie.

    Die von Stefan Oldenburg und der in seinem Artikel verlinkten JPL-Webseite genannten Bahnparameter beunruhigen mich allerdings etwas.

    Ein Apohel von 1600 AE entspricht, wenn ich mich nicht verrechnet habe, immerhin schon 2.5% eines Lichtjahrs. Mit den JPL-Daten kommt man sogar auf ein bisschen mehr, aber der eigentliche Zahlenwert selbst ist gar nicht so wichtig, schon deswegen, weil bei so exzentrischen Bahnen die jeweiligen augenblicklichen Bahnparameter sich selbst durch kleine Störungen erheblich ändern können.

    Dies bedeutet aber auch, dass es, wenn so ein Objekt an seinem Apohel ist, auch keiner allzu unvorstellbaren Bahnstörung bedarf, um das Perihel von seinen jetzt unbedenklichen 24 AE, zwischen den Bahnen von Uranus und Neptun), auf viel kleinere und damit für uns Erdlinge durchaus bedenkliche Werte zu reduzieren.

    Natürlich wäre selbst dann noch das Risiko einer Kollision mit der Erde gering. Die Folgen, wenn ein über 50 km großes Objekt mit hoher Geschwindigkeit die Erde trifft, wären unvorstellbar.

    Da wir weder jetzt noch in ansehbarer Zeit die Mittel in der Hand haben werden, um eine Objekt dieser Größe abzuwehren, macht es schon gar nichts mehr aus, dass ein ankommender Komet aus der Oortschen Wolke typischerweise erst 1-2 Jahre vor dem Einschlag würde entdeckt werden können – eine zu kurze Vorwarnzeit für effektive Abwehrmaßnahmen, selbst bei viel kleineren Objekten wie erdbahnkreuzenden Asteroiden.

  2. 125 Megapixel?

    Ich finde es erstaunlich, dass es Amateuren trotz aller technischen Überlegenheit der Profis immer wieder gelingt, Kometenentdeckungen zu machen. Wobei wegen der automatischen Suchprogramme die NEATs und LINEARs inflationär zunehmen.

    Allein schon aus namensästhetischen Gründen hoffe ich noch auf viele weitere Amateurentdeckungen. Wie klingt das denn: “Weisst du noch, LINEAR 434314 war viel heller als LINEAR 34234 und hatte nen schöneren Schweif als LINEAR 342765 ein jahr später…” Dann lieber Ikeya-Zhangs, Hyakutakes, Hale-Bopps, Shoemaker-Levys, Bradfields, usw. DAS hat noch Charakter!

  3. Aphel, nicht Apohel

    Ich schrieb:

    > Ein Apohel von 1600 AE entspricht, wenn
    > ich mich nicht verrechnet habe,
    > immerhin schon 2.5% eines Lichtjahrs.

    Der Vollständigkeit halber, falls jemand über die Bezeichnung stolpert: Der sonnenfernste Punkt einer Bahn heißt “Aphel” nicht “Apohel”. Ich weiß auch nicht, wieso mir dieser Tippfehler offenbar gleich zweimal unterlief.

  4. SDSS

    Lieber Stefan,

    Hauptmotivation des SDSS Projekts war/ist nicht die Suche nach Supernovae. Bei SDSS geht es vor allem um statistische Untersuchungen von Galaxien und Quasaren, und um Large Scale Strutcure.

    Um nach Supernovae zu suchen ist es nötig, dass der gleiche Himmelsabschnitt mehrere Male zu unterschiedlichen Zeitpunkten beobachtet wird. Dies war jedoch bei SDSS nicht der Fall. Die Idee war den beobachtbaren Himmel einmal zu durchmustern. Es gab nur einige wenige Beobachtungen (Felder) die sich überlappten und dabei war es auch möglich nach Supernovae zu suchen.

    Von Juli 2005 an begann der auf 3 Jahre geplante SDSS II Survey. Einer von mehreren Schwerpunkten (aber nicht die Hauptmotivation), ist auch die Suche nach Supernovae. Der so genannte “SDSS Southern equatorial stripe” wurde dabei wiederholt beobachtet. Zum Supernovae Projekt im Rahmen von SDSS II siehe auch diesen Link: http://sdssdp47.fnal.gov/sdsssn/sdsssn.html

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