Popnatur

BLOG: Biosenf

Würziges aus den Biowissenschaften
Biosenf

Encounter with highly abnormal shark-like fish! Ten meters in length! Irregular markings! I tagged it dorsally with a homing dart! Esteban was eaten!

Steve Zissou in Die Tiefseetaucher von 2004

Ein bisschen kleiner und nicht so blutrünstig aber real ist der Jaguar Catshark . Der mysteriöse Jaguar Hai aus dem Kult-Film Die Tiefseetaucher hat nun einen realen Namensvetter: Als der Meeresbiologe und Taxonom Douglas J. Long eine neue Katzenhaieart, die er vor den Galapagos Inseln entdeckte, beschreibt, ehrt er den Unterwasserkameramann Al Giddings in dem er es Bythaelurus giddingsi nennt.

Credit: California Academy of Sciences. jaguar catshark

Der echte Jaguarhai lebt auch in der Tiefsee: Bythaelurus giddingsi wurde vor den Galapagos Inseln entdeckt. Credit: California Academy of Sciences.

Für eine Haihandbuch soll er dem Tier aber noch einen Trivialnamen geben und da er, wie man auf seiner Google Scholar Seite sieht großer Team Zissou-Fan ist, wird der Jaguarkatzenhai ins Leben gerufen. So wird aus Fiktion Wirklichkeit und Popkultur mischt sich in die naturalistische Beschreibung der Welt. Ist das ein Trend?

Die Populärkultur prägt schon lange das Bild des Wissenschaftlers in der Gesellschaft: Denn so wie die Nerds von Big Bang Theorie ist wohl nicht jeder Physiker. Und: nicht alle Meeresforscher tragen rote Mützen und rauchen Pfeife wie die Besatzung der Belafonte. Aber durch so popularisierte Bilder gewinnt die Wissenschaft an Zugänglichkeit und Unterhaltungswert für die Öffentlichkeit.

Aber wie stark beeinflusst Kunst und Kultur wiederum die naturwissenschaftliche Erforschung unserer Umwelt?

Wird eine neue Spezies, wie der Katzenhai, entdeckt wird sie zunächst beschrieben und dann benannt. Traditionell werden Arten von ihren Entdeckern benannt – nach unverwechselbaren Eigenschaften, aber gerne auch nach dem Entdecker selbst: Einmal ein Tier nach sich benennen zu dürfen ist wohl der Egotraum jedes Biologen. So findet man in den Annalen der Tiernamen so manchen humboldti oder wallacei.

Dabei muss man zwischen den Trivialnamen und den wissenschaftlichen Namen unterscheiden: In einer wissenschaftlichen Publikation wird dargestellt, warum sich die entdeckte Art so stark von anderen Arten unterscheidet, dass sie als neu gelten darf und hier wird auch der Name veröffentlicht. Der wissenschaftliche Name folgt einer schon von Carl von Linné eingeführten binomialen Nomenklatur. Eine Spezies bekommt zwei Namen: der Gattungsname (Homo) und der Artname (sapiens). Das eine dient der Einordnung, das andere der Unterscheidung –  eigentlich wie bei vielen Menschennamen auch. Charles ist eine besondere „Art“ der Familie Darwin.

Der Gattungsname ist meist schon bekannt, außer eine ganz neue Gattung wird beschrieben. Der Artname bezieht sich im besten Falle auf eine Eigenart der Spezies oder wenn die Art nicht eigenartig genug ist um ein giganteum verpasst zu bekommen, dann eben auf irgendetwas, auf eine Person zum Beispiel.

Nomenklaturregeln unterscheiden sich je nach der Organismengruppe und jeder hat sein Regelwerk. In der Zoologie ist der International_Code_of_Zoological_Nomenclature. weit verbreitet.

Es ist Mode geworden, dass nicht nur Wissenschaftler in Form einer neuen Art geehrt werden – auch alle möglichen Promis bekommen ihren Moment taxonomischen Ruhmes.

Lady Gaga, Barack Obama und Jonny Depp sind unter den neuesten Namensgebern. Gaga bekam sogar eine ganze Gattung mit ihrem Namen. Die mittelamerikanische Farngattung Gaga hat ganze 2 Arten: Gaga monstraparva and Gaga germanotta. Die Gründe für diese Widmungen sind verschieden: Lady Gaga sei eine Inspiration gewesen, Obama ein großer Forschungsförderer und Depp, naja, das Tier sieht halt aus wie Edward mit den Scherenhänden.

Analogien scheinen oft eine Rolle bei der Namensgebung zu spielen. Auch bei den Trivialnamen. Der Trivialname ist der verbreitete Name einer Art wie zum Beispiel Gänseblümchen. Meist werden diese Namen nicht vergeben sondern sie bestanden schon lange bevor es zur wissenschaftlichen Benennung kam. Manchmal ist der wissenschaftliche Name auch nur der Trivialname auf Latein: mein Lieblingsbeispiel ist das Hirtentäschelkraut, Capsella bursa-pastoris (lat. die kleine Tasche des Hirten).

Trivialnamen für neuentdeckte Arten zu vergeben, ist wichtig, wenn man möchte, dass die Existenz dieser Art von mehr als einer Handvoll Taxonomienerds wahrgenommen wird. Über des Verhältnis des Clownfischs zu seiner Lederanemone lässt sich besser sprechen und schreiben, als über die Symbiose von Amphiprion percula und Heteractis crispa.

Auch für die Vergabe neuer Trivialnamen gibt es Regeln. Sie unterscheiden sich je nach Sprache und Organismengruppe.

Viele mythologische Kreaturen inspirierten Trivialnamen echter Tierarten: Die Hydra ist klein besitzt aber nachwachsende Tentakeln, wie die Köpfe der Bestie, die Herkules besiegen konnte. Die Harpyie, ein Greifvogel mit grausamen Krallen, bewacht zwar nicht das Höllentor sondern die Baumwipfel des südamerikanischen Regenwaldes, fürchten würde ich sie trotzdem. Viele Drachen bevölkern unsere Erde, ohne Feuer zu speien.

So wird Legende Realität und die Mythenmonster gezähmt.

Eine Weiterentwicklung ist die Kryptozoologie, die versucht wissenschaftlich zu untermauern, was so an Tieren in unserer Fantasiewelt herumgeistert: geht es bei den Legenden der Meerjungfrau um die Seekuhe der tropischen Meere? Woher kommt die Legende das Monsters von Lochness wirklich? Sind Fabelwesen wie Einhörner, Drachen und Zentauren der Märchen und Mythen, nur Hirngespinste oder vielleicht Hinweise auf ausgestorbenen oder unentdeckte Arten? Auch das Auffinden als ausgestorben geltender Arten wie dem Dodo oder dem Beutelwolf sind Forschungsbereiche des Kryptobiologen. Ein Großteil dieser Forschung wird wohl eher ethnologisch als biologisch sein, doch werden so neue Legenden geschaffen. So mancher tasmanische Hobby-Abenteurer träumt davon, einmal einen Beutelwolf entdecken zu können.

Immer öfter werden Organismen auch nach fiktive Figuren aus Film und Fernsehen benannt, vielleicht weil sie heute mehr Assoziationen hervorrufen als z.B. ein Minotaurus. Die Popkultur wird Namensgeber.Filme sind eine beliebte Quelle der Inspiration: Der Jaguarkatzenhai ist nur einer von vielen Beispielen. Auch Figuren aus Star Wars werden Real: Yoda heißt seit 2012 eine antarktische Eichelwurmgattung – wegen der Ohren.Der Killerbraut aus Kill Bill Beatrix Kiddo widmet ein Biologe die 2013 neu entdeckte parasitäre Wespenart Cystomastacoides kiddo (der fehlt wohl noch ein Trivialname) wegen ihrer tödlichen Neigung, Raupen von innen heraus zu verspeisen.Bei allen drei Beispielen ist die Ähnlichkeit zum Namensgeber eher gering. Der Faszination der Autoren für diese Figuren ihrer Kultur und Jugend ist es zu verdanken, dass die wissenschaftliche Namenswelt vielfältiger und bunter wird.

Doch der Einzug der Popkultur in die Naturwissenschaften birgt die Gefahr, dass Fiktion und Wirklichkeit sich vermischen, und dass die Glaubwürdigkeit und fundierte naturalistisch-empirische Grundlagen der Naturwissenschaften in Frage gestellt werden oder sogar missbraucht werden. Das zeigt ein Film über Meerjungfrauen, eine komputeranimierte „Dokumentation“, die mit einer verfälschten wissenschaftlichen Argumentation die Existenz von Meerjungfrauen zu beweisen versucht. Verunsicherte Zuschauer fragten in den USA bei der Regierung nach, ob es denn nun wirklich Beweise für die Existenz dieser Mischwesen gäbe. So wie kurz zuvor bei einem Zombie – „Mokumentary„ musste die US-Regierung eine offizielle Stellungname zum Thema publizieren um die Gemüter zu beruhigen.

Ein Storify von David Schiffman zum Thema.

Wäre das in Deutschland auch so geschehen? Der Sender Animal Planet macht sich dadurch nicht beliebt. Schädigt ein solcher Film dem Ansehen der Wissenschaft? Bei so offensichtlicher Realitätsferne wäre es einem Zuschauer mit wissenschaftlicher Grundbildung durchaus zuzutrauen, die Aussagen des Filmes zu hinterfragen. Der Film schwächt einerseits das Bild der wissenschaftlichen Argumentation, es birgt aber die Chance, dass der Zuschauer es hinterfragt und so die Logik der wissenschaftlichen Argumentation besser versteht. Durch eigenes Nachdenken erkennen zu müssen, ob eine Forschung nun fundiert ist oder nicht ist eine hervorragenden Bildungsübung. Diese Herausforderung wird dem Kulturkonsumenten immer öfter gestellt und ich finde es erfrischend, wie es einen aus dem Informationsverspeisen herausreißt.

Im Museum stand ich schon zweimal vor der Aufgabe erkennen zu müssen was Echt und was Quatsch ist. Eine Ausstellung in Kopenhagen im Dänischen Nationalmuseum zeigt prähistorische Exponate: manche waren echt, manche frei erfunden. Eine Meerjungfrau gab es auch und ich konnte die Verwunderung eines Mädchens über das ausgestellte Skelett miterleben. Sie verstand schnell, dass etwas nicht stimmt und gemeinsam mit ihrem Papa wurde die Fälschung schnell entlarvt. Etwas ähnliches erlebte ich, als ich im Mai über das Projekt Aerofloral II auf dem Mont des Musées in Brüssel stolperte. Ein fiktives von Pflanzenkraft betriebenes Flugobjekt bei dem in Overalls gekleidete „Forscher“ den Besuchern erklären wie Pflanzen durch Tai-Chi Übungen oder erotischer Literatur zum wachsen animiert werden. „ Das Aerofloral fliegt mit Hilfe der sogenannten Phytovoltaik“, erklärte die Dame im braunen Fliegeroverall. Den Jungen neben mir ließ das kalt „Genau, und ich bin die Königin von England“.

Wie versteht man die wissenschaftliche Methodik besser, als durch ein Gegenbeispiel! Und die paar Leute die darauf hereinfallen, lernen ihre Lektion. Ich glaube nicht, dass es schadet, wenn Forschung greifbarer wird und Popularität geht manchmal auf Kosten der Seriosität. Aber ist das schlimm? Bei der Benennung von Arten sicher nicht. Der Guardian geht noch einen Schritt weiter: per Web war es 2010, 2011 und 2012 möglich bei der Benennung von zehn seltenen Arten mitzuhelfen. Der schönste Trivialname wurde sogar prämiert.

Ich freu mich jedenfalls schon darauf, wenn das Marsupilami, der Blob oder Koopa Troopas in der Tierwelt auftauchen.

Mathilde Bessert-Nettelbeck

Veröffentlicht von

Mit einem Diplom in Biologie in der Tasche, einer halben Doktorarbeit und viele Ideen will ich meinen Senf dazugeben. Meine irrsinnige Begeisterung für Lebewesen und des Lebens Wesen, möchte ich weitervermitteln. Und das an JEDEN. Jeder soll wissen, wie unglaublich Grottenolme sind und warum auch Gliazellen unserer Aufmerksamkeit bedürfen, dass Ratten nicht nur ekelig sind und die heimische Topfpflanze vielleicht bald schon die Nachttischlampe ersetzt. In Tübingen habe ich studiert, in Bern der Forschung den Rücken gekehrt. In Berlin bin ich nun auf der Suche nach Alternativen im Feld der Biologie und Kommunikation. Ganz besonders nach meinem Geschmack sind verrückte, unglaubliche oder einfach nur lustige Geschichten aus Ökologie, Evolution, Medizin und Technik. Schmeckt euch der Senf? Sonst mischt doch mal mit! Mathilde Bessert-Nettelbeck

6 Kommentare

  1. Neue Arten?

    Ich bin immer wieder überrascht, dass ihr Biologen tatsächlich dauernd von “neuen Arten” sprecht, was ja schlicht falsch ist. “Bisher unbekannt” wäre vielleicht treffend, oder “noch nicht beschrieben” oder was weiß ich.
    Gerade die oben angesprochenen US-Amerikaner können schnell auf die Idee kommen, dass der liebe Gott sein Schöpfungswerk weiterhin betreibt und immer mal wieder eine neue Art auf den Planeten setzt. Gibt´s eine plausible Erklärung für diesen unsachlichen Sprachgebrauch. Der wird übrigens von den Mainstream Medien kritiklos übernommen.

  2. Cousteaus Erbe

    Richtig, Life aquatic ist eine Persiflage der Figur des Jacques-Yves Cousteau und die rote Mütze das Markenzeichen seiner Crew. Jacques Cousteau war selbst einbisschen eine künstliche Figur, das gibt der Film sehr gut wieder.
    In diesem Video erklärt der Regisseur Wes Anderson das Verhältnis zur Cousteau Familie:
    http://www.youtube.com/watch?v=icps5ddrWAI

  3. Neu entdeckt nicht neue Art, oder?

    Klar geht es um Arten, die entdeckt werden, neu entdeckte Arten, neu beschreibene Arten, nicht um neue Arten. Aber die Möglichkeit, dass man es missverstehen kann, war mir nicht klar. Danke für den Hinweis.
    Aber es ist auch diskutable ob eine Art bevor sie benannt ist überhaupt existiert,
    eine eher philosophische Frage: Der Artbegriffe ist eine menschliche Kategorie für die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen Organismen. Die Definition wird immernoch diskutiert. Zwei Population mögen sich so stark unterscheiden, dass sie in diese Defintion passen, also jeweils eine Art sind. Bevor wir sie beschreiben und diese Unterschiede festlegen, sind es nur zwei Population. Ist es also wirklich keine neue Art? Es ist nicht ein neues Lebewesen, klar, aber vielleicht doch eine neue Art.

  4. Neue Arten

    @mathilde biosenf

    »Aber die Möglichkeit, dass man es [„neue Art“] missverstehen kann, war mir nicht klar.«

    Nun ja, wenn laut Pressemeldung ein „neuer Planet“ entdeckt wurde, wird das wohl auch kaum einer missverstehen. Bei Arten oder Biospezies ist das sicherlich nicht anders. Und die besagten US-Amerikaner, die @Detlef Piepke anspricht, die finden ohnehin genügend Lücken in den Ahnenreihen für ihren Schöpfungsglauben.

    Davon abgesehen: Auch bei einer neuentdeckten Art kann man nicht mit absoluter Sicherheit wissen, dass sie schon lange vor ihrer Neuentdeckung existiert hat.

    Interessante Frage, in der Tat: Ist die Biospezies eine reale, in der Natur vorgefundene biologische Einheit (wie etwa der Organismus), oder ein bloßes Konstrukt?

  5. Ich gehe nicht ernsthaft davon aus, dass die Wortwahl “neue Art” missverstanden wird. Sage ich ja auch gar nicht, ich sage ja, dass sie falsch ist. (Das mit den Amis war ein Gag.) Damit setzte ich natürlich voraus, dass die betreffende Art auch ganz ohne Beschreibung und menschliche Entdeckung existiert und existierte.
    Zoologen unterscheiden auch zwischen Alt- und Neuwelt-Geiern, was ja immer noch der Denke des eurozentrischen und voraufgeklärten Weltbildes entspricht. (Da hat auch Columbus Amerika entdeckt … höhö) Das muss ja nicht sein, oder?

Schreibe einen Kommentar