Gute Wissenschaftler sind auch Künstler

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Manch einer sieht Wissenschaftler als die trockensten Menschen unter der Sonne, stets im Labor versteckt, kein Interesse am “wahren” Leben. Der Klischee-Wissenschaftler hat kein Interesse an Kunst, Musik ist ihm fremd. Wer Wissenschaftler kennt oder selbst einer ist, weiß natürlich das dieses Vorurteil Unsinn ist.

Man weiß schon lange, dass “Genies” sich nicht nur auf ein Gebiet beschränken, eins meiner Vorbilder Stephen Jay Gould war musikalisch aktiv und hat mehrere Bücher & Essays veröffentlicht. Carl Sagan ist den meisten wegen seiner Bücher bekannt, und Frederick Banting (Nobelpreis für die Entdeckung des Insulins, zusammen mit J.J.R. Macleod) malte Bilder in seiner Freizeit.

Aber wieviele Künstler gibt es unter Wissenschaftlern? Und wie erfolgreich sind sie? Das ist eine der Fragen mit denen sich Robert Root-Bernstein beschäftigt, und heute möchte ich eine Veröffentlichung von Root-Bernstein et al. besprechen: “Arts Foster Scientific Success: Avocations of Nobel, National Acedemy, Royal Society, and Sigma Xi Members”, erschienen 2008 im Journal Of Psychology of Science and Technology.

Untersucht wurden der Anteil von Künstlern, Schriftstellern und Musikern mithilfe von Informationen (aus Biographien) über Nobelpreis-Laureaten zwischen 1901 und 2005, alle Todesmitteilungen und Biographical Memoirs über Mitglieder der Royal Society of London for Improving Natural Knowledge (GB) zwischen 1932 und 2005, alle Biographical Memoirs über Mitglieder der National Academy of Sciences (USA), desweiteren eine Umfrage unter Sigma Xi-Mitgliedern von 1936 und eine Umfrage unter “normalen” US-Bürgern über ihre künstlerische Betätigungen von 1982. Aus diesem Berg an Daten wurden Wahrscheinlichkeiten für künstlerische Tätigkeiten berechnet.

“Künstlerisch tätig” heißt hier Tätigkeit in den folgenden Gebieten: Malerei, Photographie, Schauspielerei, Komponieren, Poesie, Tanz, Handwerk wie Holzbearbeitung oder Glasbläserei etc. Menschen, die von ihren Biographen als “künstlerische Persönlichkeit” beschrieben wurden, sonst aber keine Betätigung in den Künsten vorzuweisen hatten, wurden nicht einbezogen.

Die Ergebnisse sind erstaunlich, der Zusammenhang zwischen künstlerischer Betätigung und wissenschaftlichem Erfolg ist signifikant. Bei den Sigma-Xi-Mitgliedern ist der Anteil von Mitgliedern mit künstlerischen Hobbies gleichauf mit der US-Bevölkerung von 1982 (33% und 35%), bei den anderen erlauchten Kreisen sieht’s aber ganz anders aus: Royal Society-Mitglieder sind zu 59% Künstler, National Academy of Sciences 56% – Nobelpreisträger sind zu stolzen 94% künstlerisch tätig!

Dröselt man die Ergebnisse auf, so lassen sich interessante Muster ablesen: Nobelpreisträger sind mit achtfacher Wahrscheinlichkeit Photographen, im Vergleich zu den anderen Wissenschaftler-Gruppierungen (hier darf sich Basti freuen!). Nobelpreisträger sind mit doppelter Wahrscheinlichkeit (im Vergleich zu “Normal-Wissenschaftlern”) in den musikalischen Künsten unterwegs, sei es als Komponent, Musiker oder Dirigent. Die Wahrscheinlichkeit, einen Schauspieler, Tänzer oder anderen Darsteller unter Nobelpreisträgern zu finden ist im Vergleich zu den anderen Gruppen 22-mal so hoch! In meiner Lieblingsecke (der Literatur) ist die Wahrscheinlichkeit stolze 12-mal so hoch.

Intelligenz beschränkt sich nicht nur auf ein Gebiet. Gute Wissenschaftler sind zwar nicht automatisch gute Künstler, und sicherlich gibt es auch Wissenschaftler, die dem Klischee aus der Einleitung entsprechen – ich alleine kenne einige, die passen. Man sollte sich also nicht selbst zur Kunst zwingen, wenn’s nicht hinhaut. Andererseits ist es ein Zeichen für einen neugierigen Verstand, wenn man sich nicht nur für eine Sache in seinem Leben begeistern kann.

Gut in der Kunst zu sein ist aber eine große Hilfe in manchen Bereichen – das kreative Gehirn ist nicht nur in einem Bereich kreativ! Wer aufgrund künstlerischer Betätigungen in anderen Bahnen denken kann, wird dies auch auf der Suche nach Erklärungen in der Wissenschaft tun. In der besprochenen Veröffentlichung finden sich viele Beispiele für Wissenschaftler, die ihre jeweilige Kunst für die Hilfe in ihrer Arbeit preisen, das in meinen Augen beste möchte ich hier zitieren und übersetzen:

“[…] artistic processes and themes pervaded the way in which Robert R. Wilson (National Academy of Sciences) designed and invented cyclotrons: ‘In designing an accelerator I proceed very much as I do in making a sculpture. I felt that just as a theory is beautiful, so, too, is a scientific instrument – or that it should be. The lines should be graceful, the volumes balanced. I hoped that the chain of accelerators, the experiments, too, and the utilities would all be strongly but simply expressed as objects of intrinsic beauty'” (p. 8, Root-Bernstein et al. 2008)

Übersetzung: “Künstlerische Prozesse und Themen durchdringen die Art in der Robert R. Wilson Zyklotrone entwarf und konstruierte: ‘Im Entwerfen eines Beschleunigers gehe ich vor wie im Erschaffen einer Skulpur. Ich fühlte dass ein wissenschaftliches Instrument so schön wie eine Theorie ist, oder es zumindest sein sollte. Die Linien sollten elegant sein, die Umfänge ausbalanciert. Ich hoffte das die Kette von Beschleunigern, auch die Experimente und die Werkzeuge alle tief, aber einfach als Objekte intrinsischer Schönheit asugedrückt werden würden.'” (Notiz: Der Wechsel in der Zeitform ist vom Original übernommen.)

via The Art of Science Learning

Root-Bernstein, R., Allen, L., Beach, L., Bhadula, R., Fast, J., Hosey, C., Kremkow, B., Lapp, J., Lonc, K., Pawelec, K., Podufaly, A., Russ, C., Tennant, L., Vrtis, E., & Weinlander, S. (2008). Arts Foster Scientific Success: Avocations of Nobel, National Academy, Royal Society, and Sigma Xi Members Journal of Psychology of Science and Technology, 1 (2), 51-63 DOI: 10.1891/1939-7054.1.2.51

Veröffentlicht von

Philipp hat einen Bachelor in Biologie, ein Graduate Certificate in IT und studiert momentan für seinen Master in IT in einem übertrieben großen Land voller Spinnen und Schafe. Für die Bierologie schreibt er zumeist über Biologie, Evolution und allem was an den Rändern der Gebiete noch so angeschwemmt wird.

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  1. Rehabilitation der Nerds

    Toller Beitrag! 🙂

    Und wieder gibt eine meiner Überzeugungen, die sich von der im Verdacht des Vorurteils stehenden Spekulation zu einer begründeten Vermutung mausert. 🙂

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