Der Kater – ein Mysterium

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Frank Sinatra spricht man folgendes Zitat zu: “I feel sorry for people who don’t drink. When they wake up in the morning, that’s as good as they’re going to feel all day.” [1] Aber wie kommt das eigentlich? Wo kommt der Kater her?

Man kennt ja die verschiedensten Gründe (“denk an die Elektrolyte Herr Lehmann!”) und volkstümlichen Mittelchen zur Abhilfe (Wasser, Zucker, mein Liebling: Müsli mit Vodka). Wenn man der Veröffentlichung “Alcohol hangover: a critical review of explanatory factors” von Prat et al. glauben schenkt, dann ist sich die Wissenschaft selbst bei den Gründen nicht sicher! (Kleine Stil-Anmerkung: Schon im Abstract wütet Kapitän Offensichtlich – “This phenomenon is a very frequent experience among alcohol-consuming people” [2])

Am Kater wird geforscht, da seine ökonomischen Auswirkungen anscheinend immens sind – dieser Umfrage/Studie zufolge verursachen verkaterte Arbeiter mehr Kosten als trinkende oder betrunkene Arbeiter!

Zu den körperlichen Auswirkungen eines Katers schreib ich nichts, die kennt ja eh schon jeder über 16. In Deutschland: Über 12. Außer dieser, in der Öffentlichkeit meiner Meinung nach sträflich unterschätzten Auswirkung des Katzenjammers: Wer verkatert programmiert, produziert nur Stuss. Ich weiß das aus eigener Erfahrung! Inklusive der unerfreulichen Erfahrung, zum Kaffeeholen den PC zu verlassen, zurückzukommen, das Programm zu lesen – dazu der einzige Gedanke: “Welcher Idiot hat denn diese Grütze fabriziert?”. Aufgrund der kognitiven Beeinträchigung dauert’s dann so 10 Minuten bis Erleuchtung eintritt.

Mögliche Kandidaten für das menschlichste aller Wochenendphänomene hat man aber:

  1. Leichte Alkoholvergiftung
  2. Giftige Abbauprodukte
  3. Leichter Alkohol-Entzug
  4. Giftige Zusätze (Farbstoffe z.B.)

Schauen wir uns die möglichen Täter an:

Die Alkoholvergiftung

Hier ist sie auch schon, die elektrolytische Unausgeglichenheit! Die tritt nämlich, zusammen mit Unterzuckerung, Umstellung des Schlafrythmus, Verdauungsproblemen etc., auch bei normalem Alkoholkonsum auf (in anderen Worten: noch während der Nacht, man ist nur zu besoffen um’s zu merken). Diese Symptome treten also bei Verkaterten als auch bei Betrunkenen auf, sind es also die gleichen? Wahrscheinlich nein! Dazu sind die Auswirkungen doch zu unterschiedlich, eventuell trägt die Alkoholvergiftung nur im geringen Maße zum “Gesamtphänomen” Kater bei.

Abbauprodukte

Beginnen wir mit Acetaldeyhd. Dieser ensteht beim Abbau des Ethanols und führt zu Symptomen wie Schwindel oder übermäßiges Schwitzen, wurde jedoch im Blut verkaterter Menschen nie nachgewiesen – normalerweise baut die Leber Acetaldehyd gleich weiter ab. Der andere Verdächtige Acetat, auch ein Abbauprodukt. Dazu erschien vor kurzem eine Studie in PLoS ONE: Acetate Causes Alcohol Hangover Headache in Rats von Maxwell et al.. Leider nur ein Modellversuch mit Ratten, aber trotzdem schon vielversprechend: Acetat (in hohen Dosen) führte sehr grob gesagt zu Kopfschmerzen bei Ratten, im Vergleich zu Ethanol, Wasser oder eben Acetaldehyd! Ob Acetat am nächsten Morgen noch in ausreichenden Mengen vorhanden ist wäre eine Überlegung wert.

Alkohol-Entzug

Ein Argument dafür: Das Konter-Bier. Wirkt manchmal, aber nicht immer – trotzdem können die Effekte eines Katers durch “Alkoholadministration” erleichtert werden (steht z.B. hier). Was aber nicht bedeutet, dass ein Kater zum Entzug gehört – vielleicht teilen sich beide Phänomene nur einen bestimmten, noch nicht entdeckten Mechanismus. Andere Gegenargumente – die definierten Phasen des Alkoholentzugs passen nicht (was sich ja durch eine Änderung der Definition leicht beheben lässt), aber auch der Hormonspiegel während eines Alkohol-Entzuges ist anders, als der während eines Katers. Außerdem ensteht Alkoholsucht nur nach wiederholtem und starken Konsum von Alkohol, während der Kater schon nach einmaligem Konsum zuschlägt; man kennt das sicherlich von der eigenen ersten Erfahrung mit Alkohol. Eventuell gibt es nur bei starken Trinkern eine Korrelation zwischen Kater und Entzug, so scheinen starke Trinker öfters unter dem Kater leiden zu haben.

Zusatzstoffe

Da will ich nicht viele Worte verlieren, das kennt der geneigte Leser sicherlich aus eigener Erfahrung – die meisten Zusatzstoffe verschmäht man doch zu gerne, wer trink schon zuckrig-süßen Alkohol? Andere Zusatzstoffe und Nebenprodukte (wie z.B. Methanol) eignen sich auch nicht als Kater-Grund, da die meisten von ihnen bereits abgebaut oder ausgeschieden sind, bevor der Kater beginnt.

Ihr seht also: Direkt kann keiner der Faktoren verantwortlich gemacht werden! Acetat sieht aber nach einem vielversprechenden Kandidaten für die Schuld am Kater aus. Ich bin gespannt, wie der Versuch an Ratten bei Menschen aussehen wird. Auch fehlt mir in der Veröffentlichung die Dehydrierung. So mancher Sonntag wurde durch einen halben Liter Wasser vor’m Schlaf gerettet – wieso ist davon nirgends die Rede?

Wer also am nächsten Wochenende leidend auf der Couch liegt, dem ist die Wissenschaft (außer in Form von Schmerzmedikamenten) kein großer Trost. Demjenigen kann ich nur folgendes Zitat anbieten: “Es gibt nichts größeres als nutzlos zu sein!” (Joint Venture, “Nicht zur Arbeit bin”) Deswegen: zurücklehnen, lesen (wenn man die Konzentration schafft), Wolkengucken, schlafen, im schlimmsten Falle: Glotze an; Hirn aus. Der Kater wird schon noch vorbeigehen.

Eine Anmerkung zum Abschluss noch: Ernest Hemingway soll mal folgendes gesagt haben: “Always do sober what you said you’d do drunk. That will teach you to keep your mouth shut.”[3]. Ich kann ihm da nicht zustimmen – so geschehen die besten Dinge: Tätowierungen, Reisen, Projekte, Lebensabschnittsgefährtinnen. Also: Man sollte alles, was man sich betrunken vorgenommen hat, nüchtern sofort durchziehen!

Übersetzungen:
1. “Nicht-Trinker tun mir leid. Wenn die morgens aufwachen fühlen die sich so, wie sie sich den Rest des Tages fühlen werden.”
2. “Dieses Phänomen ist eine sehr häufige Erfahrung unter Alkohol-konsumierenden Menschen”
3. “Mach nüchtern das, was du dir betrunken vorgenommen hast. Das wird dir beibringen die Klappe zu halten.”

Maxwell, C., Spangenberg, R., Hoek, J., Silberstein, S., & Oshinsky, M. (2010). Acetate Causes Alcohol Hangover Headache in Rats PLoS ONE, 5 (12) DOI: 10.1371/journal.pone.0015963
Prat, G., Adan, A., & Sanchez-Turet, M. (2009). Alcohol hangover: a critical review of explanatory factors Human Psychopharmacology: Clinical and Experimental, 24 (4), 259-267 DOI: 10.1002/hup.1023

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Veröffentlicht von

Philipp hat einen Bachelor in Biologie, ein Graduate Certificate in IT und studiert momentan für seinen Master in IT in einem übertrieben großen Land voller Spinnen und Schafe. Für die Bierologie schreibt er zumeist über Biologie, Evolution und allem was an den Rändern der Gebiete noch so angeschwemmt wird.

8 Kommentare

  1. Ich meine mal gehört zu haben, dass Methanol durchaus eine Rolle spielt, da es nicht selbst, sondern sein Abbauprodukt für die Wirkungen verantwortlich sei. So wie Ethanol zu Acetat abgebaut wird, wird Methanol von dem gleichen Stoffwechselweg in Formiat, also Ameisensäure umgewandelt, welche durch ihren deutlich niedrigeren pKs-Wert gegenüber Acetat ungleich verheerender im Körper wirkt.

    Dies würde auch erklären, warum man von Destillaten mit wenigen Zusatzstoffen wie Gin und Vodka bei gleicher Alkoholmenge einen weniger ausgeprägten Kater bekommt als von Getränken wie Bier oder Wein, da in ersteren ja praktisch kein Methanol mehr enthalten ist.

  2. Wie von Aquifex schon angemerkt wurde meine ich mich auch zu Erinnern das Methanol als eine mögliche Ursache für den Kater angesehen wird. Früher wurde ja bei einer Methanolvergiftung 0.7g Ethanol pro kg Körpergewicht pro Tag verabreicht und dies sogar über mehrere Tage hinweg (damit Methanol nicht metabolisiert sondern ausgeschieden wird). Dadurch könnte auch die Wirkung des Konterbiers erklärt werden (Ethanol wird an Stelle von Methanol abgebaut)
    Auch meine ich mich zu Erinnern das es mal eine Studie gab, die die verschiedenen höherwertigen Alkohole (z.B. Propanol, Butanol und Pentanol) in verschiedenen Biersorten nachwies (da gab es schon große Unterschiede). Die Abbauprodukte dieser Alkohole sind ja auch nicht immer die gesündesten (bsp. Butanol -> Buttersäure) welche somit auch eine Effekt auf den Kater haben könnten.
    Somit habe ich mir immer die unterschiedlichen Kater-Symptome je nach Leitalkoholquelle des Vortags erklärt.

  3. Methanol

    Der einzige Einwand der mir zur Methanol-Theorie einfällt: Bei manchen Alkoholsorten wie z.B. Wein scheint der Methanolgehalt verschwindend gering zu sein, trotzdem stellt sich da gerne der Kater ein. Eventuell andere Zusatzstoffe, vor allem bei Rotwein, könnten in dem Fall verantwortlich sein.

    Leider wurde beim oben besprochenen Paper mit Ratten als Versuchsobjekten kein Methanol verwendet, da muss also noch mehr Forschung her.

  4. Katerkopfschmerzen bei Ratten

    Wie stellt man fest das Ratten Kater-Kopfschmerzen (veisalgia cephalgia)haben?

    Die Forscher benutzen ein Modell für chronische Kopfschmerzen das der menschlichen Migräne ähnelt (also was für Markus A. Dahlem!:

    “This study uses a rat model of recurrent headache in which repeated infusions of inflammatory soup (IS) onto the dura increase cutaneous sensitivity to mechanical stimuli on the periorbital region of the face. This mimics the human condition of repeated activation of the trigeminal nociceptive pathway resulting in periorbital tactile sensitivity.”

    Spielen Schlaf und Genexpression auch ein Rolle beim Kater? Ist es besser “durchzumachen” als sich direkt mit besoffenem Kopf Schlafen zu legen?
    Kann es nicht sein das die Kombination von Alkoholstoffwechselprodukten und Schlaf ein bestimmtes genetisches Programm in Nervenzellen ( wie z.B. Trigeminusnerv)anschaltet oder ausschaltet.

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