Zur langen Ignoranz der Politiker und Ökonomen – Was uns zu einer tieferen Klimakrise führte als möglich gewesen wäre

BLOG: Beobachtungen der Wissenschaft

Grenzgänge in den heutigen Wissenschaften
Beobachtungen der Wissenschaft

Hätten sich Ökonomen nicht eingemischt, wären wir zwanzig Jahre weiter“

Ökonom Steve Keen

Die Voraussage, dass steigende Konzentrationen von klimarelevanten Spurengasen wie CO2 und Methan in der Atmosphäre die Erde wärmer machen werden, machte schon 1859 der irische Physiker John Tyndall. Er hatte nämlich herausgefunden, dass Kohlendioxid die infrarote Wärmestrahlung absorbiert. 1895 berechnete dann der spätere Chemie-Nobelpreisträger Svante Arrhenius einen linearen Zusammenhang: Verdoppelt sich der CO2-Anteil in der Atmosphäre, steigt die globale Durchschnittstemperatur um zwei bis sechs Grad Celsius an. In den 1970er-Jahren wurde diese Voraussage dann mit der steigenden Emission von CO2 relevant, und die US-amerikanische National Academy of Sciences warnte als erste grosse Forschervereinigung vor diesem menschengemachten Treibhauseffekt und bezifferte den Effekt einer CO2-Verdopplung auf +1,5 bis +4,5 °C. Dieser Bericht ging als „Charney Report“ in die Geschichte der Klimaforschung ein, benannt nach dem Chairman einer Gruppe von Wissenschaftlern, die sich bereits damals mit ersten Modellen für den Zusammenhang von CO2und dem Klima beschäftigten. Der Bericht trug den Titel Carbon Dioxide and Climate: A Scientific Assessment (Kohlendioxid und das Klima: Eine wissenschaftliche Einschätzung) und hat die globale Temperaturveränderung vierzig Jahre später erstaunlich präzise vorhergesagt.

Was sagen die aktuellen Klimamodelle über die Ursachen des Klimawandels aus? Der Zusammenhang ist nun für Klimaforscher so gut wie 100% klar: Modelle, die die gemessene Erhöhung der CO2-Konzentration in der Atmosphäre berücksichtigen, bilden die Entwicklungen des Klimas in den letzten Jahrzehnte sehr gut ab, die Korrelation zwischen der CO2 Emission und der Temperaturerhöhung ist hoch signifikant. Benutzen sie dagegen Modelle, in denen die CO2-Konzentration fehlt, zeigt sich nur eine eher geringe Übereinstimmung. Die globalen Erdoberflächentemperaturen steigen also tatsächlich mit nahezu 100%-iger Wahrscheinlichkeit (in der Wissenschaft gibt es nie 100%-ige Sicherheit) aufgrund der von uns in die Atmosphäre emittierten Gase. Zu perfekt zu den weltweit gemessenen Daten passen die entsprechenden Klimamodelle, um dies abzulehnen, wie dies Klimaskeptiker mit angeblichen Alternativgründen immer wieder tun (die allesamt auch schon wissenschaftlich untersucht und wiederlegt wurden). Eine wichtige Frage ist dabei: Ist die Beziehung zwischen der Konzentration an atmosphärischen Treibhausgasen und der durchschnittlichen globalen Temperatur wirklich so linear, wie wir in den letzten Jahrzehnten gemessen haben? Können uns also darauf verlassen, dass mit einer (bald erreichten) Verdopplung des CO2-Gehalts in der Atmosphäre die Temperatur „nur“ ca. 1,5 bis 4,5 °C zunimmt? Die Antwort ist klar: Nein. Aufgrund verschiedener Rückkopplungseffekt gehen die meisten Klimamodelle bei höheren CO2-Levels auf einen nicht-linearen Zusammen aus, was eine weitaus stärkere Temperaturzunahme bei weiterer CO2 -Zunahme bedeuten könnte.

Um die zu veranschaulichen: Rückkopplungen sind Effekte, deren Auftreten bedeutete, dass sie anstatt linear durch das System zu laufen wieder ins System zurückkehren, so dass sie eben nicht linear sondern quadratisch oder gar kubisch wirken. Zudem können sich die für das Klima relevanten Grössen auch schlagartig aufschaukeln. Dann wären noch einmal deutlich höhere Durchschnittstemperaturen auf der Erde zu erwarten. Betrachten wir zwei Beispiele für nichtlineare Zusammenhänge:

  • Mit der globalen Temperaturerhöhung steigt der Wasserdampfgehalt in der Atmosphäre, auch werden die in der Arktis und im Norden Russlands eingefrorenen Methangase freigesetzt. In beiden Fällen verstärkt sich der klimaverändernde Treibhauseffekt plötzlich sehr erheblich, und damit alles andere als linear mit der Erhöhung der Treibhausgase.
  • Die Ozeane spielen im weltweiten CO2-Kreislauf eine wichtige bis entscheidende Rolle. Gegenwärtig sind im Ozean mehr als die Hälfte des jährlich durch den Menschen produzierten CO2s für lange Zeit gespeichert. Je höher jedoch die Temperatur des Meerwassers, desto weniger CO2 löst sich in ihm. Die damit verbundene CO2-Freisetzung aus den Meeren bewirkt eine nicht-lineare Verstärkung des Treibhauseffektes und damit eine weitere Erwärmung. Es kann also sein, dass uns die vorhergesagte Erderwärmung um einige wenige Grad Celsius in einer falschen Sicherheit wiegt, wenn die Weltmeere in Bezug auf ihre CO2 Einnahme plötzlich anders als bisher reagieren.

Ein Beispiel dafür, dass auch Klimaforscher immer wieder von der Dramatik der Ereignisse überrascht werden, zeigt eine neue Entwicklung in der Klimaforschung. Bisher ging man davon aus, dass lokale Wetterdaten ein zu grosses „Rauschen“ erzeugen, um in ihnen einen eindeutigen Fingerabdruck des Klimawandels zu entdecken – deshalb macht es ja auch keinen Sinn, angesichts eines besonders heissen Frühlingstages zu sagen: „Das ist der Klimawandel!“ Andersherum ist zum Beispiel der Kälteeinbruch in Utah 2019, als an einem Oktobertag -37 °C gemessen wurden, auch kein Argument dafür, dass es den Klimawandel gar nicht gibt. Doch Anfang 2020 wiesen Klimaforscher von der ETH Zürich jedoch in einer aufsehenerregenden Publikation nach, dass mittlerweile der Klimawandel in den täglichen Wetterdaten aus der ganzen Welt eindeutig erkennbar ist. Dazu bildeten sie aus unzähligen lokalen Wetterdaten Werte für das globale Wetter – sozusagen die globale Wetter-Summe, und das für jeden Tag der letzten Jahre. Sie waren völlig perplex, dass sich an diesen Wetter-Summen die Erderwärmung für jeden einzelnen Tag direkt ablesen liess: Im Vergleich mit den globalen Wettersummen aus dem Zeitraum 1951 bis 1980 war mit 97,5 Prozent Konfidenz seit dem Frühjahr 2012 jeder Tag auf unserem Planeten zu heiss gewesen. Es sind nicht einzelne lokale Wetterextreme, die den Klimawandel ausmachen. Betracht man jedoch die globalen Wetterdaten, so hat es seit 2012 keinen einzigen Tag mehr gegeben, an dem das gesamt Welt-Wetter von der globalen Erwärmung unbeeinflusst gewesen ist.

Seit 60 Jahren warnen Klimawissenschaftler vor dem Klimawandel. Seit 60 Jahren werden sie mehr oder weniger ignoriert. Warum haben Regierungen haben so etwas wichtiges wie den Klimawandel jahrzehntelang unterschätzt? Neben dem starken Einfluss von Ölfirmen (in den USA) gibt es einen weiteren erwähnenswerten Grund. Politiker lassen sich vor allem von Wirtschaftswissenschaftlern beraten, so der australische Ökonom Steve Keen (was sich auch ohne Keen leicht erkennen lässt). Kennt man Physiker oder gar Wetterexperten als zentrale Berater von Politikern? Es existieren Hunderttausende exzellente Fachartikel von Klimawissenschaftlern. Aber wenn man sich anschaut, wen die Regierungen in ihren eigenen Arbeiten zum Klimawandel zitiert, dann sind es zu zwei Drittel Artikel von Wirtschaftswissenschaftlern, von denen es nicht mehr als einige wenige hundert Publikationen gibt, und zu weniger als einem Drittel die Fachartikel von Naturwissenschaftlern. Doch dort, wo die Ökonomen nobelpreiswürdige Forschungsarbeiten zu erkennen glauben, sieht Keen lächerliche Annahmen in ihren Arbeiten, die den Regierungen der Welt gerade recht kamen, um nichts gegen den Klimawandel zu unternehmen. So sind nach Keen Ökonomen in der Klimakrise Teil des Problems.[1] Und nach dem berühmten Klimawissenschaftler und Aktivisten James Hansen sollen wir den Klimawandel wie einen herannahenden Meteoriten behandeln, nicht wie die Neoklassiker der Wirtschaft sagen wie einen nahenden Urlaub im Mittelmeer.

[1] https://krautreporter.de/4041-klimakrise-hatten-sich-okonomen-nicht-eingemischt-waren-wir-zwanzig-jahre-weiter

Veröffentlicht von

www.larsjaeger.ch

Jahrgang 1969 habe ich in den 1990er Jahren Physik und Philosophie an der Universität Bonn und der École Polytechnique in Paris studiert, bevor ich am Max-Planck-Institut für Physik komplexer Systeme in Dresden im Bereich theoretischer Physik promoviert und dort auch im Rahmen von Post-Doc-Studien weiter auf dem Gebiet der nichtlinearen Dynamik geforscht habe. Vorher hatte ich auch auf dem Gebiet der Quantenfeldtheorien und Teilchenphysik gearbeitet. Unterdessen lebe ich seit nahezu 20 Jahren in der Schweiz. Seit zahlreichen Jahren beschäftigte ich mich mit Grenzfragen der modernen (sowie historischen) Wissenschaften. In meinen Büchern, Blogs und Artikeln konzentriere ich mich auf die Themen Naturwissenschaft, Philosophie und Spiritualität, insbesondere auf die Geschichte der Naturwissenschaft, ihrem Verhältnis zu spirituellen Traditionen und ihrem Einfluss auf die moderne Gesellschaft. In der Vergangenheit habe ich zudem zu Investment-Themen (Alternative Investments) geschrieben. Meine beiden Bücher „Naturwissenschaft: Eine Biographie“ und „Wissenschaft und Spiritualität“ erschienen im Springer Spektrum Verlag 2015 und 2016. Meinen Blog führe ich seit 2014 auch unter www.larsjaeger.ch.

9 Kommentare

  1. Sicher wurde der bevorstehende Klimawandel lange von Politik und Wirtschaft heruntergespielt. Doch selbst nach deutlicher Zunahme des Klimabewusstseins blieben und bleiben Kohle, Erdöl und Erdgas die wichtigsten Energieträger. Gemäss Struktur der Energieversorgung nach Energieträger 2019 gilt für die weltweite Energieversorgung im Jahr 2019 folgende Verteilung:

    Erdöl 30,9%
    Kohle/Torf 26,8%
    Erdgas 23,2%
    Biokraftstoff/Abfall 9,4%
    Kernenergie 5%
    Wasserkraft 2,5%
    Andere* 2,2%

    Im Jahr 2019 wurde also 80,9% der Weltenenergie mit Kohle, Erdöl und Erdgas erzeugt. Dabei wird vom Ausstieg aus Kohle, Erdöl und Erdgas seit 30 Jahren auch auf Stufe von offiziellen UNO-Kommissionen, an denen fast sämtliche UNO-Mitglieder teilnehmen, gesprochen.

    Deutschland ist mit 50% Erneuerbaren-Anteil im Jahr 2022 zwar weit vorne, was den Einsatz von Erneuerbaren angeht, doch es ist damit ziemlich allein. Zudem beginnen die Probleme einer vorwiegend erneuerbaren Energieversorgung erst dann, wenn immer wieder mehr EE-Strom erzeugt wird als gerade nachgefragt wird, denn Strom lässt sich auch heute noch nicht auf billige Art und Weise speichern.

    Objektiv betrachtet sind Erneuerbare und da vor allem Wind- und Solarenergie gepuffert mit einer Wasserstoffwirtschaft auch im Jahr 2022 immer noch eine unreife Technologie mit einem Technical Readiness Level [TRL] von vielleicht 6 [System-/Subsystemmodell oder Prototyp-Demonstration in einer relevanten Umgebung] oder 7 [Systemprototyp-Demonstration in einer Betriebsumgebung] bei einer Maximalzahl von 9 für den TRL. Das aber bedeutet, dass wir heute nicht einmal mit Sicherheit sagen können, wann die Kombination von Wind, Sonne und Wasserstoff massentauglich wird. Versprechungen von Ländern, sie wollten mit Wind, Sonne und Wasserstoff bis zum Jahre 204x oder 205x CO2-neutral werden, sind deshalb mit Vorsicht zu geniessen.

    Etwas wissen wir aber über eine CO2-arme Energiezukunft mit ziemlicher Sicherheit: sie wird von Strom dominiert sein. Strom wird in Zukunft auch die Wärmepumpe antreiben und die Klimaanlage. Strom wird Eisenbahnen, Züge und Kurzstreckenflieger antreiben. Für Deutschland wird selbst bei Null Wirtschaftswachstum eine Verdoppelung des Stromverbrauchs vorausgesagt, wenn Kohle, Erdöl und Erdgas wegfallen und ihre Funktion von Strom übernommen wird.

    Eigentlich sollte die Menschheit alle CO2-armen Stromgeneratoren in Betracht ziehen. Da die Deutschen AKWs aber ausschliessen, kann das nur bedeuten, dass sie AKWs für gefährlicher halten als den Klimawandel. Hoffen wir nur, dass sie sich da nicht täuschen.

  2. lange Ignoranz,
    es gibt viele Beispiele, das Leerfischen der Meere, das Trockenlegen von Feuchtgebieten, der Raubbau bei den Metallen.

    Es gibt eine Hoffnung, die Ökonomie selbst. Wenn die Kosten den Nutzen übersteigen, dann wird ein Umdenken stattfinden.

    Alle Politiker der G7 Staaten versprechen Lösungen, aber eben nicht für sofort.
    Und das lässt den Schluss zu, dass die Bekenntnisse nur Lippenbekenntnise sind um politisch nicht angegriffen zu werden.
    Solange die neuen Automodelle von Jahr zu Jahr immer noch schwerer werden, ist die Botschaft von der Klimakatastrophe bei der Industrie noch nicht angekommen.

    • fauv

      Es gibt eine Hoffnung, die Ökonomie selbst. Wenn die Kosten den Nutzen übersteigen, dann wird ein Umdenken stattfinden.

      ___________________________________________________________
      Das auf jeden Fall. Kosteneinsparung ist ja quasi die Kernkompetenz der Freien Marktwirtschaft. Deren tägliches Geschäft sozusagen.
      Leider trifft das nur auf “interne” Kosten zu; nicht auf “externe”.
      Und globale Umweltkosten, wie sie z.B. durch den Klimawandel entstehen, sind nunmal “extern”… Sollten also durch die Politik internalisiert werden. Ab dann könnte man Alles der Marktwirtschaft überlassen.
      Die findet geniale Lösung, an die noch kein Mensch gedacht hat.

  3. Zur langen Ignoranz der Politiker und Ökonomen

    So sehr ich auch Politiker für Menschen mit einer Spezialbegabung halte ( sie verstehen es, uns Wählern einzureden, dass wir unser Kreuzchen auf dem Stimmzettel hinter ihrem Namen machen ) und wenn sie ansonsten besser als der Durchschnitt denken können ( sie entstammen nach GG schließlich “der Mitte des Volkes” ), so ist das ein Bonus, so muss ich sie dennoch ein klein wenig in Schutz nehmen.
    Im Artikel wird auf Svante Arrhenius und seine1895-Berechnung verwiesen, es werden jedoch nicht die 1972 erschienenen “Grenzen des Wachstums” erwähnt. Spätestens seitdem muss jedem, der des Lesens und Nachdenkens mächtig ist, klar sein, dass wir auf der Erde auf einem Raumschiff leben und sämtliche vorhandenen Ressourcen entweder seit Anbeginn vorhanden sind oder in sehr langen Zeiträumen ( bezogen auf die menschliche Lebenszeit und selbst auf die von Gesellschaften ) mittels Sonnenenergie aus biologischen Aktivitäten erzeugt wurden und deshalb nicht auf Fingerschnippen “nachwachsen”.
    Etwas später fand ich ein technisches Handbuch, in dem die Möglichkeiten zur Energie”erzeugung” ( also Strom ) fast vollständig aufgelistet waren, mit Formeln über Funktion und Wirkungsgrad. Damals war PVA noch eine “Raumfahrttechnologie”, hoch im Preis und niedrig im Wirkungsgrad, aber für Satelliten einzige Stromquelle neben Nuklearbatterien. Beim Artikel über WKA kam mir spontan in den Sinn, wie laut wohl das Geschimpfe der Bevölkerung über “optische Umweltverschmutzung” sein würde, wenn wir unseren Strom vollständig aus Windenergie herleiten.
    Kernenergie hat zwei deutliche Nachteile, einmal die auf kleinem Volumen konzentrierte sehr große Energiedichte, was per se immer gefährlich ist und besondere Vorkehrungen erfordert und die doch recht lange ( wiederum bezogen auf die menschliche Lebenszeit und selbst auf die von Gesellschaften ) Reststrahlung des “Abfalls”. Doch auch so erschien und erscheint mir die Kernenergie immer noch als die beste aller schlechten Übergangslösungen, bis wir – und damit wäre der Kreis geschlossen – alle unsere Energie – primär und sekundär – direkt mittels PVA und indirekt mittels WKA aus Sonnenenergie erzeugen können, weil – und wieder ist ein Kreis geschlossen – dies der einzige “Rohstoff” ist, der uns stetig für die kommenden Äonen zuwächst, den wir nicht als begrenzte Ressource im Kreis fahren müssen, so wie alle anderen auf dieser Welt.
    Es ist “das mit dem Klima” ja nur deshalb so aktuell, weil wir am eigenen Leib schwitzend die Einwirkungen direkt auf unser persönliches Leben erfahren, weil unser persönlicher Leidensdruck steigt. Ginge es nur um die Ressourcen an fossilem C, die in 500 vollständig verbraucht sein werden ( Frage: Endet die Menschheitsgeschichte in 500 Jahren? ), ginge es nur um die anderen Rohstoffe, würde kein sprichwörtlicher Hahn danach krähen. Es ist ja nicht mal das ubiquitär verbreitete Plastik als solches, es sind die großen toten Augen der in Netzresten strangulierten Schildkröte, die uns wachrütteln.

    Aber noch ist ein Kreis offen:
    Wer hat denn mit “Atomkraft? Nein, danke!” bis aufs Blut gegen die Kernkraftwerke demonstriert, wer ist denn heute gegen “Verschandelung der Landschaft durch Stromspargel”, gegen Stromtrassen und ihren “Elektrosmog”?
    Es sind doch nicht die Politiker, es sind wir, die Bürger, und die Politik redet der Stimmzettel-Kreuzchen wegen nur allzugern den Massen nach dem Mund. Insofern ist die Politik nicht TreiberIn, sondern Getriebene, im Grunde bemitleidenswert – aber die Personen machen das ja freiwillig, also darf ich verachten.
    Wahre Auctoritas, Autorität, wäre, “von vorne zu führen”, Sachverhalte zu erklären und Menschen zu motivieren, mitzureißen, übergangsweise freiwillig Nachteile in Kauf zu nehmen – aber dafür brauchten wir die oberen 10% der Normalverteilung, nicht den Mittelwert. Da aber diese 10% ihren Lebenssinn nicht in dem Hinterherhecheln hinter Kreuzchen sehen, halten sie sich fern. Das ist unser Problem.

  4. “Warum haben Regierungen haben so etwas wichtiges wie den Klimawandel jahrzehntelang unterschätzt?”

    Besser wäre die Formulierung, warum haben sie den Klimawandel nicht beachtet ?
    Regierungen setzen sich aus Leuten zusammen, die gewählt werden wollten und gewählt worden sind.
    Und weil sich Erfolge politisch besser “verkaufen” lassen, werden diffuse Probleme , die noch Geld kosten ,nicht beachtet und sogar verdrängt. Das ist sogar noch heute so. Die SUV s werden immer schwerer und immer größer. Warum ?

  5. Friedrich Schlegel: “Wo Politik ist oder Ökonomie, da ist keine Moral.”

    Die Politik hat “Wohlstand für alle” propagiert und dabei den Begriff “Wohlstand” leider nur rein materialistisch missverstanden. Wirtschaft und Bevölkerungsmehrheit haben begeistert zugestimmt und mitgewirkt.

    Und kaum jemand hat dabei bemerkt, wie durch Wachstums- und Konsumsucht und Bevölkerungsexplosion die Grenzen der ökologischen Dauertragfähigkeit immer weiter überschritten wurden.

    Jetzt sind wir dabei, am Prellbock zu bremsen. Ich hätte eine weniger leidvolle Methode vorgezogen.

  6. Klimamodelle stellen prädiktiv sog. Konfidenzintervalle bereit, zukünftige Entwicklungen meinend – das gerne genutzte 95 % – Intervall geht bspw. so :

    -> https://climate.nasa.gov/news/2943/study-confirms-climate-models-are-getting-future-warming-projections-right/

    oder so :

    -> https://climate.nasa.gov/system/internal_resources/details/original/1984_for_alan.jpg


    Dies nur zum Wesen der hier gemeinten Prognostik angemerkt, Dr. Webbaer sagt so nicht, dass so falsch oder richtig ist, sondern nur wie Prädiktion auf Basis naturwissenschaftlicher-klimatologischer Theoretisierung funktioniert.

    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Webbaer (der durchaus “klimatreu” ist, davon ausgeht, dass besondere auch Gase in die Atmosphäre auslösende Aktivität des hier gemeinten Hominiden erwärmend wirkt)

  7. So einfach ist es nicht, wie es der Titel suggeriert und der Text behauptet:
    Die Industriestaaten haben allesamt deutlich und manche sogar sehr stark ihre CO2-Emissionen in den letzten 20 Jahren reduziert. -Das kann man auf ourworldindata durch entsprechende Einstellungen im ersten Graph mit hinterlegter Tabelle leicht selbst nachprüfen:
    https://ourworldindata.org/co2-emissions
    Pauschal kann man das sogar an einem Wert sehen: High-income countries von 2000 bis 2020 mit -14%, aber besser man schaut sich die Industrienationen einzeln an, wie z.B.USA mit -22%, Deutschland -28%.
    Doch die Lower-middle income countries haben in der gleichen Zeit 110% an Emissionen zugelegt, die upper-middle-income countries lieferten ein Plus von 111%.
    Wenn es eine Ignoranz bei Politikern und Ökonomen gab, dann wohl kaum in den reichen Staaten, wohl aber in den Staaten mit mittleren und kleineren Einkommen. Nur bei den ganz armen Staaten gingen die Emissionen ein wenig zurück: – 2%.
    Das ist wohl der “Fluch” des Pariser Abkommens, der es den ärmeren Staaten aufgrund ihres damals niedrigen pro-Kopf-Wertes der Emissionen erlaubt richtig kräftig die Emissionen zu erhöhen – wobei das gar nicht mehr so arme China mit seinen 30% Anteil an den globalen Emissionen und jährlich knapp 2% zusätzlich den Spitzenplatz einnimmt.
    Dass die Emissionen weiter und weiter steigen liegt nicht daran, dass die reichen Länder nichts täten, es liegt daran, dass eben dann die nicht so reichen Länder die Mengen an fossilen Brennstoffen verheizen, die wir eingespart haben und das auch noch laufend steigern.
    Der bisher von den Industrienationen getriebene Aufwand zur CO2-Reduzierung, der Umstieg auf EE, ist riesig, das war bisher schon kein “Pappenstiel” und kann nur noch teurer werden. So etwas können sich auch nur reiche Staaten leisten, die ärmeren verheizen Kohle, weil das immer noch für sie am billigsten ist. Das waren ja auch schon die Aussagen Indiens und des afrikanischen Vertreters bei bzw. vor der COP in Glasgow.

  8. @Hauptartikel

    “So sind nach Keen Ökonomen in der Klimakrise Teil des Problems.”

    Aus gleich mehreren Gründen. Einmal denken Ökomen nicht auf 30 Jahre oder mehr. Dann geht es in der Ökonomie immer um den Profit von Menschen, und hier insbesondere nicht um den Profit aller Menschen, sondern nur einer kleinen Auswahl, meistens der Arbeitgeber und anderweitig Vermögenden des eigenen Landes.

    Weder die Natur noch die nachfolgenden Generationen haben hier einen Stellenwert, und arme Menschen oder andere Länder meistens auch keinen.

    “…sollen wir den Klimawandel wie einen herannahenden Meteoriten behandeln, nicht wie die Neoklassiker der Wirtschaft sagen wie einen nahenden Urlaub im Mittelmeer.”

    Ich fürchte, wie groß die Gefahr wirklich ist, wissen auch die Klimawissenschaftler nicht. Die Spanne für eine Verdoppelung der Treibhausgase liegen leider immer noch zwischen 1.5° und 4.5°. Die nichtlinearen Rückkoppelungseffekte entziehen sich offenbar auch den modernsten Klimamodellen. Da kann man Angst bekommen, aber auch Hoffen. Werden es der untere Wert von 1.5°, dann haben wir mit dem aktuell erreichtem Wert von knapp 1.2° schon das meiste längst erreicht.

    Dann ist es in der Tat nicht mehr als eine Verschiebung der Klimazonen, im konkretem Fall von Deutschland eine Verschiebung von ein paar hundert Kilometer in Richtung mediterranem Klima. Und das ist schon ein dickes Problem. Nicht nur in Deutschland, in fast ganz Europa hat sich in den letzten 5 Jahren eine ordentliche Bodentrockenheit angesammelt. Sowohl die Förster als auch die Landwirte müssen gucken, wie sie unter den aktuellen Bedingungen noch arbeiten können. Unterm Strich dürften sich hier durchaus geringere Erträge nicht vermeiden lassen.

    Das ist in der Tat aber eben nur das Minimum der möglichen Katastrophe. Bei 4.5° am anderen Ende werden die Ausmaße so drastisch sein, dass man sich das so einfach gar nicht mehr vorstellen kann. Mitteleuropäische Temperaturen wird man dann in Nordskandinavien haben, und hier wird es heißer sein als heute in Südspanien. Und wo es noch wie viel dabei regnet, und wo noch welche Landwirtschaft möglich ist, das weis schon gar keiner mehr.

    Hier kann man dann nur froh sein, dass die europäische Bevölkerung bis dahin weiter zurückgeht, ohne dass es gelingt, den Kindermangel weiter durch Migranten auszugleichen. Das steigert dann die Möglichkeiten, noch genug zu essen zu haben. Wie es der Natur dabei geht, ist nicht ganz klar, aber vermutlich vergleichbar. Hier ergeben sich dann weltweit ganz neue Klimazonen, für die es gar kein aktuelles Beispiel für gibt. Es werden flächendeckend Habitate entstehen, für die es gar keine erprobten Ökosteme gibt, da werden sich verbreitet provisorische Vegetationen und Tierwelten bilden, dessen Eigenschaften sich auf Jahrtausende und länger erst entwickeln müssen.

    Die Ökonomie wird hier am Ende dann aber doch noch mal interessant. Wenn wir technisch und wirtschaftlich gut unterwegs sein werden, und alle Menschen auf der Welt in die Lage versetzt werden, entsprechend der technischen Möglichkeiten ihren Beitrag zum eigenen Wohlstand zu leisten, dann wird man auf jeden Fall noch so ziemlich überall wohnen und arbeiten können.

    Entsprechende Architektur inclusive hinreichender Klimaanlagen sind technisch möglich, und es ist hier tatsächlich nur eine Frage der Ökonomie, ob die existierenden Möglichkeiten auch genutzt werden. Und was die Ernährung betrifft, da gibt es ja noch die Idee von den Bakterienkulturen, die mit grünem Wasserstoff gefüttert werden. Sollte das gut und günstig werden, dann kann man in jeder beliebigen Klimwandelwüste so viel Nahrungmittel produzieren, wie es gefällt. Sonne und Wind werden uns nun mal erhalten bleiben, und damit wäre die energetische Grundlage jeder Wirtschaft ja vorhanden.

    @Holzherr 03.08. 22:57

    “Da die Deutschen AKWs aber ausschliessen, kann das nur bedeuten, dass sie AKWs für gefährlicher halten als den Klimawandel.”

    Neubauten von AKWs sind nicht kostengünstiger als Windränder und PV-Module, und konkurrieren um die selben finanziellen Mittel. Und AKWs sind auch nicht wirklich regelbar, brauchen also auch eine Ergänzung durch Backupkraftwerke bzw. erzeugen über wesentliche Strecken genauso Überschussstrom wie die regenerativen Möglichkeiten. Immerhin aber zu anderen Zeiten, eine gewisse Ergänzung ist also tatsächlich gegeben. Wenn Frankreich weiter so auf Atomkraft setzt, dann ist das meine ich eine gute Ergänzung, wenn wir uns das ganz schenken. Wir können uns dann ja gut austauschen.

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