Zukunftsängste – Wie Wissenschaft und neue Technologien unsere kollektive Psyche bedrohen

Ein erstaunliches Paradoxon prägt unsere Zeit: Der technologische Fortschritt ermöglicht uns eine Existenz in unvergleichbarer Sicherheit, ein höchstes Mass an Gesundheit und eine Lebensqualität, wie sie keine Generation vor uns kannte. Gleichzeitig malen sich viele Menschen eine Zukunft aus, in der alles, was wir kennen, zerstört oder gar die Menschheit als Ganzes ausgelöscht wird. Wir haben Angst und leben zugleich so gut wie nie zuvor. Wie passt das zusammen?

Ein kurzer Blick zurück genügt um zu sehen, dass dieser Widerspruch ein sehr modernes Phänomen ist. Bis ins 19. Jahrhundert hinein zeichneten Philosophen und Literaten der westlichen Welt in ihren Zukunftsvisionen ausgesprochen positive Bilder von dem, was den Menschen bevorsteht. Angefangen hat es 1516 mit der „Utopia“ von Thomas Morus. Utopia ist eine Welt, in der alle Menschen (genauer, alle Männer) die gleichen Rechte haben. Die Arbeitszeit beträgt sechs Stunden am Tag, es herrscht freie Berufswahl und uneingeschränkter Zugang zu Bildungsgütern, und jeder erhält von der Gemeinschaft, was er braucht. Eine solche Gesellschaft musste den Menschen vor 500 Jahren als ein Paradies erschienen sein. So waren Utopien lange Zeit fiktive zukünftige Welten, die hoffnungsvolle Gegenentwürfe zum tristen Lebensalltag der jeweiligen Gegenwart darstellten. Doch im 20. Jahrhundert kippte das Bild. Der optimistische Ausblick der Zukunft bekam deutliche Risse. Ein Blick auf die literarischen Zukunftsentwürfe der letzten hundert Jahre zeigt uns überwiegend unangenehme Welten: Ökozid, atomare Apokalypse, mörderische Roboter, totalitäre Regime. Orwells „1984“ und Huxleys „Schöne Neue Welt“, die Aushängeschilder des Zukunftsromans im 20. Jahrhundert, beschreiben Albtraumwelten, hervorgerufen durch despotische Weltdiktaturen, die allein durch moderne Technologien ermöglicht werden.

Das entbehrt nicht der Ironie. Denn als der „Schuldige“ an der erwarteten Verschlechterung oder Zerstörung unserer Lebensbedingungen wird mit dem wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt genau die Kraft ausgemacht, die es erst ermöglicht hat, dass wir heute in einer Gesellschaft leben, die viele der frühneuzeitlichen Hoffnungsszenarien der Morus’schen Utopie an Paradieshaftigkeit längst übertroffen haben. Dass es die Wissenschaften des 17. und 18. Jahrhunderts und ihre Helden wie Isaac Newton und Galilei Galileo waren, die entscheidend zur Aufklärung und damit zum freiheitlichen Menschenbild in einer offenen Gesellschaft beigetragen haben, zählt nicht mehr. Ein pauschaler Vorwurf an die Wissenschaft lautet sogar, dass sie die Menschen den Zwängen und Gesetzmässigkeiten der Technologie und Ökonomie unterwerfe und sie so zu reinen Objekten degradiere. Mit anderen Worten: Wissenschaft verwehre dem Menschen das Menschsein.

Wie können wir in einem Zeitalter, in dem Wissenschaft und Technologie ungeahnte und immer grössere Höhen erreichen und uns immer mehr Lebensqualität ermöglichen, unsere emotionale Affinität zum Niedergang deuten? Wie lässt sich diese Widersprüchlichkeit erklären, in der uns beides, eine bequeme, aber blinde Technikgläubigkeit und eine angstgetriebene Verwünschung von Wissenschaft und ihren Technologien, treibt? Wir vertrauen blind auf das Funktionieren von Smartphone, Computer, digitaler Datenkommunikation, Antibiotika und vielen weiteren Technologien, verteufeln zugleich aber den technologischen Fortschritt insgesamt. Für diesen merkwürdigen Spagat sehe ich im Wesentlichen fünf Gründe:

  1. Technologien zwingen uns ihren Takt und Rhythmus auf. Fliessbandarbeit, Angst vor Arbeitsplatzverlust durch neue Technologien, durch technische und mathematische Optimierungsprozesse kreierte Zeitvorgaben für unser Schaffens („just-in-time“-Produktion und Distribution) – all dies schafft in uns das Gefühl des Ausgeliefert-Seins, der fehlenden Kontrolle über unser Leben.
  2. Die meisten Menschen verstehen kaum, was hinter dem Vorhang der wissenschaftlichen Bühne vorgeht. Doch spüren sie, dass es gewaltige Prozesse sind, die da wirken. Es ist diese Kombination von intuitivem Spüren und Nicht-Wissen bzw. Nicht-Verstehen, die für Verunsicherung sorgt.
  3. Die schiere Geschwindigkeit des technologischen Wandels und die damit verbundene Komplexität und Schnelligkeit gesellschaftlicher Veränderung überfordert uns gedanklich wie emotional. Wir sehen uns nicht mehr als gestaltende Akteure gesellschaftlicher Veränderungen, sondern versuchen nur noch, auf die irrwitzig schnellen Transformationen zu reagieren. In den letzten 250 Jahren sahen sich die Menschen jeweils singulären technologischen Umwälzungen ausgesetzt, und der technologische Fortschritt verlief vergleichsweise langsam. Heute haben wir es nicht mehr nur mit einem einzigen „Zauberlehrlingserfahrung“ zu tun, sondern gleich mit einer ganzen Reihe von ihnen.
  4. Die Konsequenzen der technologischen Entwicklung sind nicht mehr lokal begrenzt. Sie macht nicht mehr vor Landesgrenzen oder Weltmeeren halt. Bei vielen der Probleme geht es ums Ganze: Themen wie Atomkrieg, Umweltzerstörung, Überbevölkerung, Klimakatastrophe, künstliche Superintelligenz und Genmanipulation betreffen und bedrohen die Menschheit insgesamt! Auch Fragen der sozialen Gerechtigkeit, der Energieversorgung oder Ernährung lassen sich sinnvollerweise nur auf globaler Ebene behandeln. Probleme in scheinbar so fernen Kontinenten wie Afrika und Asien zeigen ihre Auswirkungen unmittelbar bei uns in Europa und Nordamerika. Damit sind wir direkt vom Handeln anderer Nationen und Kulturen betroffen.
  5. Wir sind gezwungen, uns von der Komfortzone absoluter Gewissheiten zu verabschieden, seien diese von religiöser, philosophischer oder auch wissenschaftlicher Natur. Wir müssen es aushalten, mit der Ambivalenz komplementärerer Wahrheiten zu leben. Was sich mit Kopernikus und dem Verlust unserer Zentralstellung im Universum begann, mit Darwin (wir stehen auch nicht mehr im Zentrum der Schöpfung, sondern sind vielmehr Ergebnis eines Prozesses, den Tiere und Pflanzen gleichermassen durchliefen) und Freud (wir sind noch nicht einmal mehr Herr im eigenen Haus unseres Geistes) seine Fortsetzung fand, erlebte in der Quantentheorie eine weitere Manifestation: Es gibt keinen ausgezeichneten Standpunkt mehr, keine absolute Wahrheit, an der man sich festhalten könnte. Kann ein Teilchen zugleich eine Welle sein und hängt das Ergebnis einer physikalischen Messung vom „Standpunkt“ des Beobachters ab, so können auch zwei gegensätzliche Weltanschauungen gut nebeneinander koexistieren.

So ist es gerade auch die mit dem technologischen Wandel einhergehende Verunsicherung, die die Menschen sich auf das Althergebrachte zurückziehen lässt, sie die „guten alten Zeiten“ herbeisehen lässt, in der alles doch so sicher, klar und eindeutig war. Sie betonen dann das Trennende  zwischen den Völkern und Ethnien anstatt universelle menschliche Gemeinsamkeiten zu erkennen. Sie suchen Lösungen in einer autoritären Obrigkeit, die jedoch längst ihre Autorität und die Kontrolle über die Entwicklungen verloren hat. Um uns herum machen Wissenschaftler unglaublichste Technologien möglich, und wir befinden uns wie in einer Blase, in der wir noch in einer Welt von Gestern verhaftet sind und Mühe haben, die Neuerungen überhaupt wahr- und anzunehmen, geschweige denn zu sehen, was sie für uns bedeuten.

Technologische Revolutionen haben in der Vergangenheit immer wieder Neujustierung ethischer, politischer, gesellschaftlicher, spiritueller und religiöser Normen mit sich gebracht. Sie verschoben Wahrheiten, zerstörten Weltbilder und schufen wieder neue. Dabei traten auch immer wieder starke Ambivalenzen zutage. Neben Computern, Laser und moderner medizinischer Diagnostik brachte uns die Quantenphysik die Atombombe. Das Internet kommt sowohl mit aufregenden neuen Möglichkeiten des sozialen, politischen und wirtschaftlichen Austauschs als auch mit ganz neuen Möglichkeiten der persönlichen Überwachung und massiven Eingriffen in unsere Privatsphäre. Neue Algorithmen lösen vormals unlösbare Probleme, aber die Entwicklung einer übermächtigen künstlichen Intelligenz droht uns Menschen zu versklaven. Und von Hunger unserer modernen Technologien nach Energie führt ein direkter Weg zur Vernichtung unserer natürlichen Ressourcen.

Doch wer oder was kann eigentlich den technologischen Fortschritt verträglich gestalten? Hier kommen mehrere gesellschaftliche Akteure in Betracht. Zwei der oft Genannten unter ihnen sind als alleinige Gestalter allerdings zweifellos überfordert:

  • Das Reaktionsvermögen der gesellschaftlichen Entscheidungsträger (Politiker, Wirtschaftsführer, Mediengestalter, etc.) deren Aufgabe es auch ist, das Allgemeinwohl zu mehren, ist bedeutend zu langsam, um in die sich beschleunigende Dynamik des technologischen Wandels steuernd einzugreifen. Unter anderem liegt das daran, dass unser politisches, ökonomisches und kulturelles Führungspersonal kaum tiefergehende Kenntnisse zum gegenwärtigen wissenschaftlichen Entwicklungsstand besitzt. So ist es möglich, dass die künftige deutsche Forschungsministerin eine ausgebildete Hotelkauffrau ist, die mit dem Thema Wissenschaft und Bildung aber auch gar nichts zu tun hat. Den Hochschulbetrieb kennt sie im wörtlichen Sinne nur aus der Ferne (Anja Karliczek absolvierte ein berufsbegleitendes Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Fern-Universität in Hagen).
  • Die Wissenschaftler selbst werden den technologischen Fortschritt genauso wenig steuern können. Im Gegenteil: Wie alle anderen Mitglieder der Gesellschaft unterliegen auch sie massgeblich der marktwirtschaftlichen Logik. Wenn sie auf der Basis ihrer Erkenntnisse neue Technologien entwickeln, können sie heute sogar selber zu Milliardären werden.

Eine dritte gesellschaftliche Gestaltungskraft ist der freie Markt. Und tatsächlich folgte der technologische Fortschritt bisher fast ausschliesslich einer marktwirtschaftlichen (oder militärischen) Verwertungslogik. Mit anderen Worten: Was möglich war und für einen Teil der Menschen einen finanziellen (oder militärischen) Vorteil bedeutete, wurde auch umgesetzt. Können wir hoffen, dass der Mechanismus des marktwirtschaftlichen Wettbewerbs den technologischen Fortschritt so steuert, wie es für uns am besten ist? Dies würde bedeuten, darauf zu hoffen, dass Google, Facebook und Amazon über die Entwicklung und den Einsatz von Quantencomputern und einer höheren künstlichen Intelligenz zum besten Nutzen der Gemeinschaft oder Pharma- und Gentechnikfirmen über den Einsatz von CRISPR in unsere aller Sinn entscheiden.

Das erscheint dann bei ehrlicher Betrachtung wohl auch den gläubigsten Apologeten des freien Marktes als zu weit gegriffen. Tatsächlich ist der Markt ist ein schlechter Schiedsrichter, wenn ethische Belange im Spiel sind. Und bei Fragen wie der geeigneten Verwendung von CRISPR oder der Entwicklung einer möglichen überlegenden künstlichen Intelligenz geht es um weit mehr als ein paar Milliarden Dollar Gewinn für ein paar Unternehmen. Es geht um nichts weniger als das Überleben der menschlichen Zivilisation, wie wir sie kennen.

Vielmehr erfordert die Gestaltung zukünftiger Technologien das demokratische Engagement eines jeden von uns. Dies schliesst die Pflicht ein, sich zu informieren und sich auszutauschen. Es sollte auch unser Anspruch an die Medien sein, dass sie umfassend über die wissenschaftlichen Fortschritte informieren. Hier ist leider zu beobachten, dass viel zu wenig ist von Physik, Chemie oder Biologie die Rede ist, wenn uns Journalisten und andere Meinungsbildner über Weltzusammenhänge und wichtige gesellschaftliche Entwicklungen aufklären.

Auch müssen wir bei Politikern und anderen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entscheidungsträgern neben ethischer Integrität eine Haltung der intellektuellen Redlichkeit einfordern. Das heisst: bewusste Unwahrheiten, Informationsverzerrung und –verschmutzung sowie Informationsfilter zum Zwecke der Durchsetzung partikularer Interessen müssen konsequent bekämpft werden. Es ist nicht hinnehmbar, dass fake news ihre destruktive propagandistische Macht entfalten und erschreckend viele Politiker beispielsweise noch immer ernsthaft den Klimawandel oder Darwins Evolutionstheorie bezweifeln.

Das Gebot der intellektuellen Redlichkeit gilt aber ebenso für uns, die Empfänger von Information. Wir müssen uns darin üben, nicht allzu schnell Schlüsse zu ziehen, Vorurteile abzubauen und uns auf komplexe Zusammenhänge einzulassen, ohne alles gleich vereinfachen zu wollen. Und zuletzt müssen wir eben auch unangenehme Wahrheiten („inconvenient truths“) zulassen.

Das Gespür, dass Grosses im Gange ist, bewegt viele Menschen. Oft blockiert es aber unser Denken. Ein Jahrmillionen alter Reflex übernimmt dann das Steuer: Flucht. Doch anstatt irrationale Impulsen nachzugehen, mit dumpfen Parolen gute alte Zeiten zu beschwören, partikuläre Werte und Kulturgüter hochzuhalten und sich gegen alles Fremdes abzuschotten, sollten wie erkennen: Nur im globalen Zusammenspiel, mit Hilfe des geistigen und ethischen Potentials aller Menschen auf diesem Planeten werden wir die Herausforderungen meistern, die der technologische Wandel mit sich bringt. Und mit dieser Haltung wird sich auch die Angst vor ihm auflösen.

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www.larsjaeger.ch

Jahrgang 1969 habe ich in den 1990er Jahren Physik und Philosophie an der Universität Bonn und der École Polytechnique in Paris studiert, bevor ich am Max-Planck-Institut für Physik komplexer Systeme in Dresden im Bereich theoretischer Physik promoviert und dort auch im Rahmen von Post-Doc-Studien weiter auf dem Gebiet der nichtlinearen Dynamik geforscht habe. Vorher hatte ich auch auf dem Gebiet der Quantenfeldtheorien und Teilchenphysik gearbeitet. Unterdessen lebe ich seit nahezu 20 Jahren in der Schweiz. Seit zahlreichen Jahren beschäftigte ich mich mit Grenzfragen der modernen (sowie historischen) Wissenschaften. In meinen Büchern, Blogs und Artikeln konzentriere ich mich auf die Themen Naturwissenschaft, Philosophie und Spiritualität, insbesondere auf die Geschichte der Naturwissenschaft, ihrem Verhältnis zu spirituellen Traditionen und ihrem Einfluss auf die moderne Gesellschaft. In der Vergangenheit habe ich zudem zu Investment-Themen (Alternative Investments) geschrieben. Meine beiden Bücher „Naturwissenschaft: Eine Biographie“ und „Wissenschaft und Spiritualität“ erschienen im Springer Spektrum Verlag 2015 und 2016. Meinen Blog führe ich seit 2014 auch unter www.larsjaeger.ch.

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  1. Thomas Morus Utopia hat vieles gemeinsam mit anderen vergangenen und zukünftigen Utopien und Dystopien und findet sich auch in diesem Elaborat wieder: der Glaube, die Zukunft werde im Guten oder Schlechten von einem Kollektiv, von der „Gesellschaft“, dem Kapitalismus, von „Uns“, von der Gemeinschaft der Wissenschaftler etc., gestaltet. Wenn das so wäre, dann wären ethische Richtlinien das Wichtigste um uns in eine gute Zukunft zu leiten. Doch ist es wirklich so, dass jetzt und auch in Zukunft das Kollektiv oder irgend ein Kollektiv bestimmt wo es durchgeht? Haben also Autoren wie Juval Harari recht, die im Terrorismus keine wirkliche Gefahr sehen, weil da immer nur ein paar Verzweifelte erweiterten Suizid begehen? Vielleicht, vielleicht aber steckt in James Bond-Filmen, in denen einzelne Bösewichte die ganze Welt gefährden doch mehr Wahrheit als die meisten von uns zu denken wagen. Gerade heute, Ende Februar 2018 wird gemeldet, der russische Geheimdienst habe den deutschen Regierungsserver geknackt und Daten entwendet. Doch so etwas kann nicht nur der russische Geheimdienst, das können auch gut ausgebildete Einzelpersonen. Und Angriffe auf die Regierung und die Gesamtgesellschaft müssen nicht auf die Cybersphäre beschränkt bleiben. In einem Interview bekannte Jennifer Doudna kürzlich voller dummen Stolzes sie könne ein CRISPR-System ganz allein in ihrer Küche hochziehen. Wenn das so ist, dann ist es absehbar bis Wissenschaftler als Bioterroristen einen hochgefährliche Variante eines Grippevirus schaffen (mittels CRISPR) und diese Variante dann auf die Menschheit loslassen. Die Gefahr, die von Regierungen aber auch von Einzelnen ausgeht hängt auch davon ab, wieviele „Gefährder“ es gibt. Das ist ja auch der Grund für die Nichtproliferationsverträge im nuklearen Sektor: Wenn nur ein paar wenige Staaten über Atomwaffen verfügen ist die Gefahr die von diesen Waffen ausgeht noch überschaubar, wenn aber immer mehr Staaten nuklear bewaffnet sind – wie Nordkorea jetzt vormacht – dann steigt die Gefahr von Zwischenfällen. Das hängt auch mit der Natur der nuklearen Bewaffnung und Bedrohung ab. Grosse Atommächte verfügen über eine Zweitschlagkapazität: selbst wenn ihr Land zerstört wird, können sie sich über atomar bewaffnete U-Boote immer noch rächen. Kleine atomar bewaffnete Staaten aber haben keine Zweitschlagkapazität. Wenn sie (vermeintlich) vernichtend angegriffen werden, müssen sie sofort ihre Atomwaffen starten, denn es ist ihre einzige Chance (gilt wohl für Israel?). Die nukleare Proliferation, also die Verbreitung von Atomwaffen auf immer mehr Länder ist also eine Gefahr für den Weltfrieden und kann über unbeabsichtigte Zwischenfälle/Unfälle gar einen globalen Atomkrieg auslösen.. Das haben die Staaten und Staatenbünde realisiert und es bis vor kurzem tatsächlich geschafft, die nukleare Proliferation zu begrenzen. Doch leider ist absehbar, dass dies in Zukunft immer weniger gelingt. Eine Zukunft mit dutzenden von Atommächten ist sicherlich keine Zukunft, die sicherer ist als die Gegenwart. Und eine Zukunft in der hunderte von Biotechnologieforschern das ultimative Virus freisetzen können ist noch weit weniger sicher!

  2. Zitat: Tatsächlich ist der Markt ist ein schlechter Schiedsrichter, wenn ethische Belange im Spiel sind. Doch ist Ji Jinping, der chinesische Regierungschef, der sich gerade zum Regierungschef auf Lebenszeit ernannt hat, ein besserer Schiedsrichter? Vielleicht – oder sogar recht wahrscheinlich – landen wir gar nicht in einer voll durchkommerzialisierten, vom freien Markt bestimmten Zukunft, sondern es gewinnen Systeme die Oberhand, welche die moderne Technologie zum „social engineering“ oder schlichter formuliert zur Realisierung des totalen Überwachungsstaates nutzen. Wie das in China ansatzweise schon geschieht. Jedenfalls ist ein System, das jeden Bürger des chinesischen Staates mit einem „social credit score“ (Vertrauenswürdigkeitspunktzahl) versieht, bereits fest in Planung. Und es könnte sogar sein, dass demokratische Staaten dem chinesischen Vorbild nacheifern um für mehr Sicherheit zu sorgen. Vielleicht bedeutet Globalisierung im Endeffekt gar nicht globale Bruderschaft und gemeinsame Verantwortung für die Menschheit und Menschlichkeit, sondern schlicht und einfach, dass sich das durchsetzt, was am meisten Erfolg hat und was der herrschenden Macht am meisten nutzt. Die Zukunft könnte weitgehend von China als neuer Macht geprägt sein. China, das auch seinen territorialen Einfluss über die neue Seidenstrasse(n) [Stichwort One Belt, One Road] auf den ganzen eurasischen Kontinent und Teile Afrikas ausdehnt, China, welches im Jahr 2028 das gleiche BIP haben wird wie die USA, wenn auch im Jahre 2028 der Durchschnittschinese noch gleich schlecht lebt wie die Bürger in den am wenigsten entwickelten europäischen Staaten. Doch China hat einen langen Atem und Ji Jinping strebt die globale Dominanz erst für das Jahr 2050 an. Was aber könnte die chinesische Dominanz für die Welt bedeuten? Vielleicht dasselbe wie es die US-Dominanz für das 20. Jahrhundert bedeutet hat. Nach dem 2. Weltkrieg, in dem die USA als durch die Sowjetunion nur wenig herausgeforderten Sieger hervorging, herrschte die USA über das Denken in der Welt über seine „Soft Power“, die sich etwa darin äusserte, dass ein Italiener mehr Hollywoodfilme als italienische oder nur schon europäische Filme in sich hineinzog. Nach dem zweiten Weltkrieg bestimmte die USA in Europa über Krieg und Frieden, wenn auch viele Europäer sich der Illusion der eigenen Souveränität hingaben. Und nach 2050 – oder schon vorher – werden grosse Teile Asiens, Afrikas und Europas möglicherweise im Sinne von China handeln und denken. Jedenfalls würde das gelten, wenn China den Fusstapfen der USA folgt. Doch China funktioniert vielleicht etwas anders als die USA. Es gibt dort wahrscheinlich weniger missionarischen Eifer und eine grössere Bereitschaft mit allen denkbaren gesellschaftlichen und Machtverhältnisse zu kohabitieren solange sie nur den chinesischen Interessen nicht zuwiderlaufen.
    Ich weiss: der Autor hier denkt in ganz anderen Kategorien und Zukunftshoffnungen. Er bevorzugt Gedanken wie „alle Menschen werden Brüder“ über Gedanken wie „alle Menschen handeln im Sinne von Ji Jinping“. Doch die Zukunft kann man sich nur selten aussuchen.

  3. Ich kann mir vorstellen in welchem Mikrokosmos dir die Sicherheit dieses “Zusammenlebens” …, doch selbst wenn das derzeit viel diskutierte Bedingungslose Grundeinkommen seinen schwachsinnigen Einzig in die gesellschaftliche Realität einziehen würde, ein Mensch mit UNKORRUMPIERBAREN Verstand von wirklich-wahrhaftiger Vernunft weiß: Die Angst ist solange berechtigt, bis Mensch sich global zu zweifelsfrei-eindeutigen Werten besinnt!

  4. Die Sorge kommt eher von der Anwendung, vor allem Waffensysteme und in welche Hände sie geraten. Eine unbegründete Sorge ist das nicht.
    Und eine allgemein negative Stimmung ist durch die Massenzuwanderung entstanden und das völlig zu recht.

  5. Die eine Utopie, in der alle glücklich sind und in der Menschenrechte, Rationalität und Gerechtigkeit obsiegt haben, die wird es meiner Meinung nach nie geben. Wovon heute viele vermeintlich Vernünftige schwärmen, von der Weltregierung nämlich, die alle Konflikte löst und wo immer das im tieferen Sinne Richtige entschieden wird und passiert und wo deshalb nicht die direkte Demokratie wirksam sein kann, weil man dem Pöbel nicht vertrauen kann sondern nur der kollektiven Vernunft der besten Wissenschaftler und Weisen, diese Weltregierung als Verkörperung der Rationalität und Vernünftigkeit ist eine gefährliche Utopie. Eine gefährliche Utopie, weil solch eine globale Einheitsgesellschaft letztlich nicht resilient ist, weil sie nicht den Grundkräften entspricht, die menschliche Gesellschaften formen. Diese Grundkräfte sind in sich widersprüchlich, sie sie sind dynamisch und das Schicksal der Gesellschaft, die von diesen Grundkräften und den von ihnen angetriebenen Personen gelenkt werden, ist nicht voraussehbar und kann sowohl im Guten wie auch im Schlechten enden. Die Konsequenz daraus ist letztlich, dass die Menschheit ihre Zukunft in einem politischen Multiversum suchen muss und nicht in der Einheitsgesellschaft. Die heutige globale Gesellschaft hat zwar viele Vorteile, aber sie kommt auch mit Gefahren einher wie der Möglichkeit von Weltkriegen oder von Zusammenbrüchen der ganzen globalen Zivilisation. Ein Zusammenbruch der globalen Zivilisation hätte aber weit schlimmere Folgen als es der Zusammenbruch des römischen Reiches hatte, denn von diesem Zusammenbruch war die chinesische Gesellschaft beispielsweise überhaupt nicht betroffen. Ich bin überzeugt, die heutige Globalität ist nur ein vorübergehendes Phänomen . Längerfristig wird sich, muss sich wieder ein politisches, gesellschaftliches Multiversum einstellen, denn nur ein solches Multiversum ist resilient gegenüber allen denkbaren Störungen und Katastrophen. Die Menschheit ist letztlich eine biologische Art und biologische Systeme und Arten werden dadurch resilient, dass sie unter sehr vielen unterschiedlichen Lebensbedingungen existieren und alle nur denkbaren Lebensräume besetzen. Verschwindet ein Lebensraum, eine Ökosphäre, dann gibt es noch andere Lebensräume/Ökosphären wo das Leben weitergeht. Die Vision von Elon Musk von der Menschheit als multiplanetarer Spezies ist in diesem Licht gesehen recht vernünftig, mindestens dann, wenn die zukünftigen Menschen auf dem Mars, die Marsianer, nicht mehr auf Hilfe von der Erde angewiesen sind und sie sich selbstständig über Wasser halten können. Für eine Vielzahl von wenig voneinander aghängigen Gesellschaften ist aber nicht einmal eine multiplanetare Lebensweise nötig, dies könnte sich auch allein auf der Erde entwickeln wobei uns eine zukünftige Technologie unterstützten könnte, die weniger stark auf eine globale Lieferfkette angewiesen ist, sondern die weitgehend mit den lokal verfügbaren Ressourcen und Gütern zurecht kommt. In einer solchen global diversen Zukunft wäre es für die Menschheit keine Katastrophe, wenn China zu einem inhumanen Überwachungsstaat degnerieren würde, denn es gäbe andere Staaten in denen weiterhin Freiheit herrschen würde. Ein globaler Einheitsstaat kann dagegen kann in der konkreten Ausprägung bedeuten, dass überall auf der Welt die Menschen jederzeit überwacht werden oder auch, dass überall auf der Welt Freiheit und Glück herrscht. Doch es ist eine Illusion zu glauben, wir könnten so etwas vorausplanen. Man weiss nie genau, wohin die Reise geht. Wir sind alle Reisende. Nur wissen wir nicht wohin die Reise geht.

  6. Kaum jemand versteht überhaupt wie unsere Gesellschaften funktionieren und darum ist es kein Wunder, dass sich viele selbst nicht als Akteure verstehen, sondern als Getriebene. Allerdings sind es letztlich Menschen, die bestimmen was passiert und in welche Richtung sich etwas entwickelt. Es ist nicht der technologische Fortschritt an und für sich und es sind nicht irgendwelche technologische Neuerungen, sondern es ist die Art wie Einzelne, Firmen und ganze Gesellschaften darauf reagieren, die bestimmen, was unseren Alltag prägt. Ein konkretes Beispiel gibt die New York Times mit dem Artikel With AR-15s, Mass Shooters Attack With the Rifle Firepower Typically Used by Infantry Troops. In den USA kann jeder zum Waffenbesitz Berechtigte – und somit fast jeder erwachsene US-Bürger – sich eine Infanteriewaffe beschaffen und sie dann auch bei Bedarf einsetzen. Nicht die Technologie ist hier das Problem, nicht die Tatsache, dass es heute sehr effektive Schusswaffen für den Kriegsfall gibt, ist das Problem, sondern die Regelung, dass jeder US-Bürger sich solche Waffen beschaffen kann, ist das Problem. Zitat New York Times (übersetzt von DeepL): Als ein Bewaffneter am 14. Februar in die Marjory Stoneman Douglas High School ging, trug er ein AR-15-style Gewehr, das ihm erlaubte, auf Leute in der gleichen Weise zu feuern, wie das viele amerikanische Soldaten mit ihren M16 und M4 Gewehren im Kampf tun würden.
    Allerdings ist neue Technologie gesamtgesellschaftlich letztlich doch ein Problem, weil sie fast immer mehr Macht bedeutet: mehr Macht zum Guten, aber auch mehr Macht zum Schlechten. Wenn Terroristen sich Nuklearwaffen beschaffen können, dann tun sie es. Und bevor es Nuklearwaffen gab, konnte man sie sich auch nicht beschaffen. Gäbe es eine persönliche Waffe mit der man die ganze Welt annihilieren (auslöschen) könnte, dann wäre die Welt annihiliert – da kann man sich sicher sein.

  7. Alte Börsenweisheit: “Als die Schuhputzer 1929 über Aktienkaufstrategien sprachen wussten die Eingeweihten, dass ein Börsencrash bevorstand”.
    Heute sind die Schuhputzer Leute wie Steven Pinker, der gerade das Buch Enlightenment Now: The Case for Reason, Science, Humanism, and Progress herausgegeben hat und über das in der New York Times zu lesen ist (übersetzt von DeepL): “Ein tolles Buch…[Pinker] berichtet über den Fortschritt in einer breiten Palette von Metriken, von Gesundheit bis Krieg, von Umwelt bis Glück, von gleichen Rechten bis Lebensqualität.”
    Der Schuhputzer Steven Pinker berichtet also über das gerade ausbrechende weltweite Glück wie die Schuhputzer 1929 über den allgemeinen Wohlstand dank Aktienhausse berichteten – und wie 1929 könnte uns nicht das Glück für jedermann , sondern eine weltweite Katastrophe bevorstehen.
    Tatsächlich geht es ja immer mehr Menschen immer besser. Das leugnen nur diejenigen ab, die alle ihre Informationen aus den aktuellen News-Sendungen beziehen und nicht aus den Statistiken. Denn die News-Sendungen bringen vor allem schlechte News, die Statistiken über längere Zeiträume aber zeigen fast überall nur positive Entwicklungen wie einen höheren Wohlstand, mehr Übergewichtige als Unterernährte, mehr gesunde Alte als kranke Alte, ein längeres Lebensalter sogar in den Entwicklungsländern, weniger Gewalt in den meisten Gesellschaften, etc.,etc.
    Doch all das kann man auch ganz anders interpretieren. Nämlich weder durch die Brille der News-Agenturen noch durch die Brille der WHO und UNO-Statistiken, sondern durch die Brille dessen, der nach den Gründen und Ursachen für den Wandel sucht. Und in dieser Sicht ist der Fortschritt der gestiegenen Macht des Menschen über die Natur zu verdanken. Doch ein Machtzuwachs hat sich in der Menschheitsgeschichte noch selten nur positiv ausgewirkt. Mehr Macht bedeutet mehr Macht zu Heilen wie auch mehr Macht zu Zerstören.

  8. Wenn GRUNDSÄTZLICH alles Allen gehören darf, so dass die Symptomatik des geistigen Stillstandes, also “Wer soll das bezahlen?” und “Arbeit macht frei” keine Macht mehr, kann PRINZIPIELL alles OHNE … erstmals und menschenwürdig organisiert (NICHT REGIERT!) werden – Auf der Basis eines UNKORRUMPIERBAREN Menschenrechts auf KOSTENLOSE Nahrung, MIETFREIEM Wohnen und KASSEN-/KLASSENLOSER Gesundheit.

  9. “kollektive Psyche”

    – NICHTS gehört dem “Einzelnen” ALLEIN, sogar die Gedanken nicht, weil auch diese IMMER abhängig von der Gemeinschaft geprägt wachsen!? 😎

  10. “intellektuelle Redlichkeit” – “fake news”

    Der Intellekt des Wohlstands- und Gewohnheitsmenschen wird GEBILDET und funktionalisiert, für den nun “freiheitlichen” Wettbewerb und das damit “gesunde” / IMPERIALISTISCHE Konkurrenzdenken, wobei Lügen / Unwahrheiten / fake news den Sinn / die Systemrationalität von Aktienhandel bis Rentenversicherung bewusst / bewusstseinsbetäubend in Betrieb hält – diese daraus resultierende HEUCHELEI nach einer Lightversion, die dem somit ganzen UNREDLICHEN Kommunikationsmüll zwischenmenschlicher “Beziehungen” den regelrechten Gestank von kreislaufender Angst in allen denkbaren …losigkeiten gibt, den gilt es vor allem zu bekämpfen!? 😎

  11. Doch anstatt irrationale Impulsen nachzugehen, mit dumpfen Parolen gute alte Zeiten zu beschwören, partikuläre Werte und Kulturgüter hochzuhalten und sich gegen alles Fremdes abzuschotten, sollten wie erkennen: Nur im globalen Zusammenspiel, mit Hilfe des geistigen und ethischen Potentials aller [Hervorhebung : Dr. Webbaer – im dankenswerterweise bereit gestellten WebLog-Artikel : in “italic”] Menschen auf diesem Planeten werden wir die Herausforderungen meistern, die der technologische Wandel mit sich bringt.

    Negativ.

    Kultur wirkt kompetitiv und segregativ.

    Es sieht in der BRD mau aus, es wird dort anscheinend der Drang verspürt sich völkisch irgendwie aufzulösen. [1]

    Kompetivität kann nicht im Globalen aufgelöst werden, würde dann Stagnation bedeuten.
    Die (Europäische) Aufklärung mit ihren Ideen und Werten darf bis muss hoch gehalten bleiben, auch trennend.

    HTH (“Hioe to Help”) und schönen Donnerstag noch,
    Dr. Webaer

    [1]
    Sich mit dem, was aus Sicht einiger zu Doitschland gehören soll, zu vermählen suchen, Bon appétit!, auch den womöglich alsbald entstehenden Offspring meinend.

  12. Bonuskommentar hierzu :

    Es gibt keinen ausgezeichneten Standpunkt mehr, keine absolute Wahrheit, an der man sich festhalten könnte.

    Der ‘ausgezeichnete Standpunkt’ ist im Wissenschaftlichen von der Szientifischen Methode ableitbar, im Sittlichen darf sich zudem gerne auf die christlich, christlich-jüdische Vergangenheit bezogen werden.
    Die alten Griechen und die ebenso alten Römer nicht zu vergessen.
    Das mit dem I in Europa darf gerne weg.

    Es gab übrigens nie, für verständige Leutz, also auch früher nicht, absolute Bezugspunkte, das Leben ist Veranstaltung – und hier dürfen auch Nihilisten / Relativisten bedarfsweise “nickelig” werden.
    Wie geschehen, Chapeau!


    Insgesamt, …, …, …, Dr. Webbaer bucht den dankenswerterweise bereit gestellten WebLog-Artikel als nihilistisch-relativistisches Geschwätz, war’s verkehrt ?

  13. Absatz 1 übersieht völlig, daß das Gutgehen selten so schlecht verteilt war wie heute.
    Für die einen stimmts, und viele wollen dann auch gar nicht mehr wissen, daß es Millionen von Menschen (in Deutschland) gibt, die unter ganz anderen Bedingungen leben.
    Pessimismus ist kein modernes Phänomen, die überlieferten Schriften stammen aus Zeiten, in denen die Benachteiligten noch weniger Öffentlichkeit hatten als heute.
    Wären sie zu Wort und Druck gekommen, gäbe es wahrscheinlich auch ganz andere Schilderungen.

    Grund 1, Zustimmung.
    Grund 3, Komplexitätsrhetorik ist eine oberflächliche Sackgasse.

    Vorsicht vor der Selbsterzählung, Wissenschaft wäre automatisch progressiv, gerade Dystopien wie das autonome Fahren oder Allmachtsphantasien bei der KI zeigen, wie sehr auch W. in reaktionäre Denkmuster rutschen kann, nur auf die Rechten zeigen ist zu einfach.
    Zustimmung zur Einforderung des kritischen Denkens des Einzelnen.

  14. Zitat: Utopia ist eine Welt, in der alle Menschen (genauer, alle Männer) die gleichen Rechte haben. Die Arbeitszeit beträgt sechs Stunden am Tag, es herrscht freie Berufswahl und uneingeschränkter Zugang zu Bildungsgütern, und jeder erhält von der Gemeinschaft, was er braucht.
    Doch schon Thomas Morus Utopia konnte aus der damaligen wie heutigen Sicht auch als abschreckendes Beispiel eines Kollektivstaates gesehen werden, eines Kollektivstaates in dem die (speziellen) Wünsche eines Einzelnen hinter den Gesetzen des Kollektivs zurückstehen müssen. Joe Dramiga hat dieses Gefühlt hier auf scilogs sehr treffend ausgedrückt, wenn er in seinem Beitrag 500 Jahre Utopia: Das Verhältnis zwischen Staat und Individuum schreibt: Mir allerdings hat Morus‘ Utopia nicht gefallen. Es ist kein Staat, indem ich leben möchte. Einiges erinnerte mich zu sehr an Colonia Dignidad.

    Tatsächlich ist das ein Kernpunkt und ein Kernproblem jeder heutigen und zukünftigen Gesellschaft: Das Verhältnis zwischen Staat und Individuum. In einer Gegenwart und Zukunft voller hochpotenter Technologien ist dieses Verhältnis noch weit wichtiger als in der einfacheren Welt unserer Vorfahren. Denn es ist klar, dass keine Gesellschaft es zulassen kann, dass ein Einzelner oder eine kleine Gruppe die ganze Gesellschaft in Gefahr bringt. Heute sind diese “Gefährder” vor allem Terroristen und um sie aufzudecken darf der Staat Lauschangriffe durchführen, womöglich Trojaner auf PC’s und Smartphones installieren und letztlich muss man sogar fragen: Was darf der Staat nicht, wenn es darum geht die Gemeinschaft und Gesellschaft vor Terroristen, vor Gefährdern zu schützen. Darf, ja soll der Staat den gesamten öffentlichen Raum überwachen und dabei alle verfügbaren modernen Mittel einsezten wie Gesichtserkennung, Ganganalyse (AI-Systeme können Mensch am Gang erkennen), später einmal Hirn- und Gedankenscanning? Die Antwort könnte in Zukunft immer mehr ja lauten, vor allem, wenn die Terroranschläge immer verheerender werden und irgendwann ganze Städte samt sämtlicher Bewohner durch Terroristen und schliesslich Menschheitsattentäter zerstört werden. Wir könnten also ob wir es wollen oder nicht in einem Überwachungssstaat hineingeraten und im schlimmsten Fall dient die Überwachung dann auch der politischen Kontrolle wie das heute in China bereits der Fall ist.

  15. Viel populärer als die Angst vor einem biologischen Krieg oder vor Bioterrorismus ist heute die Angst vor einer die Menschheit versklavenden künstlichen Intelligenz. Warum das so ist, ist mir unklar, denn in meinen Augen ist die grösste Schwäche der Menschheit, praktisch ihre Achillesferse, die Biologie auf der unser Leben beruht. Ereignisse, die belegen, dass Menschen vor allem als biologische Geschöpfe gefährdet sind, gibt es genug:
    – Während den Pestausbrüchen im späten Mittelalter (auch Newton musste seine Studien wegen einem Pestausbruch unterbrechen) starben teilweise 1/3 der Stadtbevölkerung weg.
    – Die Grippepandemie 1918 tötete 25 Millionen Menschen und darunter sehr viele junge Menschen
    – die HIV/Aids Epidemie ab den 1990er Jahren hätte noch deutlich schlimmer verlaufen können.
    – eine Pandemie, die alles, was wir kennen, in den Schatten stellt ist jederzeit möglich und ist heute weit wahrscheinlicher als vor 100 Jahren, weil ständig tausende von Menschen (auch infizierte) um die Welt jetten.
    Die Angst vor einer die Menschheit versklavenden künstlichen Intelligenz hat dagegen keine historischen Vorbilder und kommt wohl daher, weil die Menschheit sich gerade über ihre Intelligenz, ihren Verstand definiert und sich insoweit der Tierwelt, der biologischen Welt überlegen fühlt. Diese Vorherrschaft des Menschen scheint erst dann gefährdet, wenn Maschinen besser denken können als Menschen. Nur leuchtet mir nicht ein, warum Maschinen die Herrschaft über die Menschheit anstreben sollten. Solch ein Herrschaftsstreben ist typisch menschlich, muss aber bei Maschinen – auch bei intelligenten Maschinen – nicht von vornherein vorhanden sein.
    Wenn schon geht die grösste Gefahr für die Menschheit immer noch von Menschen aus. Nur schon weil Menschen etwas beabsichtigen, Maschinen bis heute aber keine Absichten besitzen.
    Ich könnte mir aber gut vorstellen, dass am Schluss nur Roboter auf der Erde übrigbleiben. Aus dem einfachen Grund, weil Roboter auch einen biologischen Angriff widerstehen. Ihnen kann kein (biologisches) Virus etwas anhaben, uns aber schon. Ich kann mir ohne weiteres tödliche, für Menschen hochinfektiöse Viren vorstellen, denen am Schluss kaum jemand entgeht, weil diese Viren so “programmiert” sind, dass sie (fast) jede biologische Barriere überwinden. Tatsächlich gibt es ja in Spitälern immer wieder das Phänomen, dass antibiotikaresistente Keime sich trotz grössten Vorsichtsmassnahmen im Spital verbreiten.
    Dass wir alle biologische Wesen sind, ist in meinen Augen die grösste Schwäche, die wir Menschen haben.

  16. Das Machtdenken ist zurück – und war vielleicht gar nie weg
    Sind die Zeiten anders? Bedeutet die aktuelle Globalisierung (Welthandel, globale Wertschöpfungsketten, jährliche Reisen über den ganzen Globus, globale Probleme und Gefahren wie Atomkriege, Klimaerwärmung, Künstliche Intelligenz und ihre ökonomischen und gesellschaftlichenAuswirkungen, etc. etc.) und der immer schnellere technologische Wandel,mit der Gefahr der wilden Proliferation von Genomeditierverfahren wie CRISPR, von autonomen Waffen auf dem Schlachtfeld und von künstlicher Intelligenz, die uns austrickst, dass nun diese globalen Probleme auch global gelöst werden müssen, wobei (Zitat) das demokratische Engagement eines jeden von uns gefordert ist und uns die gegenseitige Abhängigkeit, in der Souveränität nur eingebildet ist, zu globalen Lösungen zwingt?
    Ich behaupte Nein. Nein, die Zeiten sind nicht wirklich anders und volle Souveränität gab es auch früher nicht. Vielmehr gilt weiterhin, dass jede existierende Macht, die ihr Machtpotenzial und ihren Handlungsspielraum voll ausnutzt, mindestens kurzfristig besser abschneidet, als wenn sie im Namen der Vernunft auf Entscheidungsoptionen zugunsten eines höheren Gutes verzichtet.
    Ja, es gelten weiterhin die alten Gesetze, was sich unter anderem an folgenden aktuellen Entwicklungen und News ablesen lässt:
    – Putin hat eben in einer 2-stündigen Ansprache neue ICBM-Raketen, neue Atomwaffen, stille Unterseeboote und ein nuklear angetriebenes Cruise Missile angekündigt und zeigte dabei ein Video eines simulierten nuklearen Angriffs auf ein Ziel in Florida. Damit punktet Putin bei seinem Volk, das sich von der vermeintlichen neuen russischen Macht beeindrucken lässt.
    – Die USA haben ihr Budget für hyperschallschnelle Missile gerade verzehnfacht um nicht die Russen und Chinesen an sich vorbeiziehen zu lassen
    – Justin Trudeau verkündete kürzlich, Kanada werde sein gesamtes unkonventionelles Erdöl (Ölsand) von 180 Milliarden Barrel fördern. Begründung: „No country in the world would find 173 billion barrels of oil in the ground and just leave them there“
    – Saudiarabien will nicht nur 16 Atomreaktoren bis 2035 installieren, sondern auch eine eigene Urananreicherung hochziehen, etwas was sich kommerziell nie lohnen kann und nur als Gegendrohumg gegenüber dem Iran – einer potenziellen Atommacht in naher Zukunft – Sinn ergibt.
    – Russland führt einen unkonventionellen Krieg in der Ukraine und China lässt eine militärisch befestigte künstliche Insel nach der anderen im südchinesischen Meer hochziehen.
    – Putin sagt gegenüber dem russischen Volk, die Macht welche zuerst die Herrschaft über die künstliche Intelligenz erlange, werde die Welt beherrschen
    – China plant eine Zukunft in der es selbst ökonomisch und auch militärisch die Welt ab 2050 – oder sogar noch etwas früher – dominieren will mit kontinentüberspannenden Infrastrukturprojekten und einer modernisierten Armee, die sich technologisch an den Fähigkeiten der USA misst.

    Macht – auch militärische -, ist sexy, das zeigt Putin, der die schwache russische Wirtschaft vor seinem Volk erfolgreich mit Grossmannsgehabe kompensiert. Reale, auf einer zunehmend mächtigen Wirtschaft basierende Macht wie sie China gerade erlangt, ist nicht nur sexy, sondern macht alle Schwächeren bis zu einem gewissen Grade zu Vasallen. Wer wiederum irgendeine wertvolle Ressource besitzt und freiwillig auf sie verzichtet, der ist dumm wie uns der kanadische Regierungschef Justin Trudeau zeigt, der eben seine Entschlossenheit bekundet hat, das kanadische Öl nicht im Boden zu lassen, sondern bis zum letzten Tropfen zu fördern.
    Diese realen News und Entwicklungen widersprechen zentralen Teilen der Botschaft dieses Beitrags von Lars Jaeger, nämlich der Botschaft, dass wir alle zusammenarbeiten müssen und jeder demokratisch über unsere Zukunft mitbestimmen kann.
    Ja, technologischer Fortschritt bringt der Menschheit mehr Macht, sie bringt aber vor allem denjenigen mehr Macht, die nach der Macht greifen. Ja, technologischer Fortschritt und zunehmende technologische Potenz verlangt nach staatlicher und gesellschaftlicher Kontrolle, doch diese Kontrolle geht nicht unbedingt an das Volk, sie wird nicht unbedingt demokratisch verteilt. China zeigt gerade, dass eine erfolgreiche Nation nicht unbedingt eine demokratische Nation sein muss und China zeigt auch, dass Globalisierung nicht bedeutet, dass nun auch Staaten und Firmen Gleiche unter Gleichen sind oder werden. Was das Machtstreben und die Bedeutung von Macht angeht ist die Welt des 21. Jahrhunderts nicht von der Welt des 20. Jahrhunderts und früherer Jahrhunderte zu unterscheiden.
    Das alles heisst aber nicht, dass globale Probleme wie die Klimaerwärmung, die Migration, die Bedrohung durch Atomwaffen oder künstliche Intelligenz, völlig unlösbar sind. Sie können teilweise gelöst werden, aber zukünftige Grossmächte wie China und Allianzen von Ländern, werden ihre Macht einsetzen (müssen) um Lösungen zu erzwingen. Wenn irgendwann China in einem Pakt mit einem zukünftigen US-Präsidenten beschliesst, dass weltweit kein Erdöl mehr gefördert werden darf, dann muss Justin Trudeau seinen Plan, alles kanadische Erdöl bis zum letzten Tropfen zu fördern, aufgeben. Er tut es dann aber nicht aus Einsicht, sondern weil er durch Mächtigere dazu gezwungen wurde.

  17. Isaac Newton und Galilei Galileo,
    beide bekanntermaßen Anhänger des Determinismus, die Welt sei _vollständig_ vorherbestimmt, stehen für Freiheit und Aufklärung?

    Die verklärte Aufklärung…Da fällt mir echt nichts mehr zu ein…

  18. Die Natur des Menschen

    Der Missbrauch bzw. schon die falsche Anwendung des technischen Fortschritts lässt sich aus folgendem Grund mit den Infektionskrankheiten wie der Pest im Mittelalter vergleichen. Die Grundlage dieses Vergleichs ist die Einsicht, dass wie im Fall der Pest diese nur dann effektiv bekämpft werden kann, wenn die wahren, natürlichen Ursachen erkannt werden.
    Daher behaupte ich, dass wir uns heute in unseren Versuchen den Missbrauch des technischen Fortschritts durch moralische Appelle, juristische Gesetze usw. zu überwinden noch auf der Stufe der Gläubigen im Mittelalter befinden, die sich von der Pest dadurch befreien wollten, indem sie ihren Gott anflehten und bestimmte Rituale dazu vollzogen.
    Wo aber liegen die wahren, natürlichen Ursachen, die letztlich dafür verantwortlich sind, dass der technische Fortschritt regelmäßig missbraucht oder falsch angewendet wird? Es ist nicht die „marktwirtschaftliche Logik“, man muss noch dahinter schauen.

    Edward O. Wilson wird deswegen als der führende Biologe unserer Zeit angesehen, weil er vor ca. 40 Jahren das bis heute noch gültige neue Paradigma der Biologie (als Verwandtenselektion oder Gesamtfitnesstheorie) begründet hatte. Doch im Jahre 2010 vollzog Wilson eine Kehrtwende, indem er aufgrund neuer empirischer Erkenntnisse die einst von ihm selbst aus der Taufe gehobene Lehre als völligen Irrweg ansah. Allerdings folgten ihm diesmal viele seiner einstigen Anhänger nicht mehr. Der Evolutionsbiologe Richard Dawkins mit seinem „egoistischen Gen“ trug sogar eine Privatfehde mit seinem einstigen Idol aus, die schon mit dem Begriff »Krieg« als „Dawkins/Wilson war“ oder „altruism war“ bezeichnet wurde.

    So ist das von Wilson heute als Irrweg angesehene Paradigma immer noch weitestgehend gültig, während Wilson nach seiner Kehrtwende vielfach wieder auf Konrad Lorenz zugegangen ist. Das gilt vor allem für die folgenden beiden Sätzen seines Buches „Die soziale Eroberung der Erde“ (München 2013). Darin wird in zwei Sätzen die gespaltene Natur des Menschen mitsamt den dramatischen Konsequenzen aufgezeigt. Diese aufgrund seiner animalischen Herkunft in seinem Verhalten enthaltene gespaltene Natur des Menschen kennt weder die von Wilson wieder verworfene Gesamtfitnesstheorie der Evolutionsbiologie und schon gar nicht unser heutiges, immer noch von der Religion geprägtes göttliches Selbst- und Weltbild. Die beiden Sätze von Wilson lauten:
    „Wir sind ein evolutionäres Mischwesen, eine Chimärennatur, wir leben dank unserer Intelligenz, die von den Bedürfnissen des tierischen Instinkts gesteuert wird. Deswegen zerstören wir gedankenlos die Biosphäre und damit unsere eigenen Aussichten auf dauerhafte Existenz“ (Wilson 2013, S. 23).

    In einem SPIEGEL-Gespräch „Wir sind ein Schlamassel“ (8-2013) führte Wilson selbst das Verhalten seiner Gegner bzw. allgemein viele Hindernisse des wissenschaftlichen Fortschritts („Wissenschaft ist bestimmt von Stammesdenken“) auf das in unseren Genen fest verankerte Instinkt-Verhalten unseres animalischen Erbes zurück.
    Das Streben nach Macht und Rang (oder Titel) sowie das »Jagen und Sammeln« materieller Werte (auch als „marktwirtschaftliche Logik“) gehören auch dazu. Die heutige Technik ermöglicht zwar exzessive Ansammlung dieser materiellen Werte, was jedoch unter Vernunftaspekten unter den heutigen Lebensbedingungen einer begrenzten, mehr und mehr überbevölkerten und zugemüllten Erde völlig sinnlos und kontraproduktiv ist. Das hindert uns allerdings nicht daran, dieses Fehlverhalten auf der emotionalen Ebene unseres animalischen Erbes weiterhin ganz toll zu finden und so oftmals vernünftige Gegenmaßnahmen auf äußerst intelligente Weise ins Leere laufen zu lassen. Das zeigt, wer hier in der gespaltenen Natur des Menschen letztlich weiterhin das Sagen hat.

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