Von Big Data zu Big Brother – Verlieren wir endgültig die Macht über unserer Daten?

1983 bewegte ein einziges Thema die gesamte Bundesrepublik: die geplante Volkszählung. Jeder Haushalt in Westdeutschland sollte Fragebögen mit 36 Fragen zur Wohnsituation, den im Haushalt lebenden Personen und über ihre Einkommensverhältnisse ausfüllen. Es regte sich massiver Widerstand, hunderte Bürgerinitiativen formierten sich im ganzen Land gegen die Befragung. Man wollte nicht „erfasst“ werden, die Privatsphäre war heilig. Es bestand die (berechtigte) Sorge, dass die Antworten auf den eigentlich anonymisierten Fragebögen Rückschlüsse auf die Identität der Befragten zulassen. Das Bundesverfassungsgericht gab den Klägern gegen den Zensus Recht: Die geplante Volkszählung verstiess gegen den Datenschutz  und damit auch gegen das Grundgesetz. Sie wurde gestoppt.

Nur eine Generation später geben wir sorglos jedes Mal beim Einkaufen die Bonuskarte der Supermarktkette heraus, um ein paar Punkte für ein Geschenk oder Rabatte beim nächsten Einkauf zu sammeln. Und dabei wissen wir sehr wohl, dass der Supermarkt damit unser Konsumverhalten bis ins letzte Detail erfährt. Was wir nicht wissen, ist, wer noch Zugang zu diesen Daten erhält. Deren Käufer bekommen nicht nur Zugriff auf unsere Einkäufe, sondern können über sie auch unsere Gewohnheiten, persönlichen Vorlieben und Einkommen ermitteln. Genauso unbeschwert surfen wir im Internet, googeln und shoppen, mailen und chatten. Google, Facebook und Microsoft schauen bei all dem nicht nur zu, sondern speichern auf alle Zeiten alles, was wir von uns geben, was wir einkaufen, was wir suchen, und verwenden es für ihre eigenen Zwecke. Sie durchstöbern unsere E-Mails, kennen unser persönliches Zeitmanagement, verfolgen unseren momentanen Standort, wissen um unsere politischen, religiösen und sexuellen Präferenzen (wer kennt ihn nicht, den Button „an Männern interessiert“ oder „an Frauen interessiert“?), unsere engsten Freunde, mit denen wir online verbunden sind, unseren Beziehungsstatus, welche Schule wir besuchen oder besucht haben und vieles mehr.

Den meisten von uns ist es ziemlich egal, wie viele Spuren sie im globalen Datenraum hinterlassen. Andere sind aus Schaden klug geworden und versuchen, ihren Footprint im Netz klein zu halten. Geschichten über Facebook-Nutzer, die einen Job nicht bekommen haben, weil die Personalabteilung im Internet peinliche alte Fotos gefunden hat, haben den einen oder anderen vorsichtiger werden lassen. Doch es reicht nicht, seine Daten nur sehr eingeschränkt zur Verfügung zu stellen. Auch wer Google, Amazon, Facebook und E-Mail-Dienste bewusst meidet, bar bezahlt, um ec- und Kreditkarte zu vermeiden, und dabei auch keine Bonuskarte verwendet, und auch keine erotischen Abenteuer im Internet erleben will, gibt Informationen über sich preis. Denn jeder braucht eine Krankenkasse, ein Bankkonto, eine Renten- und Steuernummer. Wer über die Autobahn fährt oder in Grossstädten Europas als Fussgänger durch die Strassen geht, wird aufgezeichnet. Bei Neuwagen ist es heute zum Beispiel üblich, eine Internetverbindung einzubauen mitsamt der Software, die jederzeit registriert, wohin man mit dem Auto gefahren ist, mit welcher Geschwindigkeit man gefahren ist und ob man falsch geparkt hat.

An der Spitze der „Verräter“, die unsere privatesten Geheimnisse öffentlich machen, steht das Smartphone. Da sind die Millionen Apps, die kleinen und diskreten Software-Paketchen, die wir eigenhändig mit einem Klick auf unser Smartphone laden und die dort ein eigenes Online-Leben führen. Sie sind das Resultat unermesslicher menschlicher Kreativität und machen ihren Anwendern jede Menge Spass, lenken seinen Spieltrieb in schöpferische Bahnen und befeuern seinen Wissenshunger. Und um wie viel einfacher ist das Leben mit diesen kleinen alltäglichen Helfern. Wer fragt schon danach, warum die meisten Apps kein Geld kosten? Doch abgerechnet wird auf andere Weise: mit unseren persönlichen Daten. Dazu kommt: Bei vielen Daten, die über uns gesammelt werden, wissen wir gar nicht, dass sie überhaupt existieren. E-Books sind beliebt, sie sind günstiger als Printausgaben und es müssen keine dicken Bücher herumgeschleppt werden. Auch Amazon hat seine Freude ihnen: Der Konzern weiss nun ganz genau, wie schnell wir ein Buch lesen, welche Seiten wir besonders interessant finden und welche wir vielleicht überspringen. Während wir das Buch lesen, liest dieses auch uns. Woher sonst kommen die Vorschläge von Amazon, die zuweilen zwar nerven, aber doch erstaunlich oft den eigenen Geschmack treffen?

All diese Daten werden gespeichert, verarbeitet und verkauft. Diese Berge an Informationen sind „das Öl des 21. Jahrhunderts“. Und wir geben dieses Öl an Google, Facebook und Co. (oder auch der Supermarktkette) für nicht mehr als ein paar Videos auf Youtube oder virtuelle Treffpunkte (oder 1% Einkaufsbonus) – ganz wie im 16. Jahrhundert die Bewohner der neuen Welt, die mit den europäischen Eroberern ganze Inseln für ein paar Glasperlen tauschten.

Dabei ist das Sammeln von Daten auf unseren elektronischen Geräten unterdessen fast schon ein alter Hut im Vergleich dazu, wie uns neuerdings auf (und unter) die Haut gerückt wird. Daten werden an Orten und von Geräten erhoben, die „völlig unverdächtig“ sind. Hier nur einige Beispiele für solche neuen, mit immer intelligenterer Software ausgestatteten Spionage-Geräte:

  • Die in Xbox-Konsolen eingebauten Überwachungskameras und Hochfrequenzmikrofone senden konstant Ton und Bilder auf die Datenserver ihrer Hersteller (Microsoft). Aus diesen Daten lassen sich u.a. Reaktionsgeschwindigkeit und die Lernfähigkeit ermitteln. Sogar emotionale Zustände der Spieler werden „gescannt“: Die Box kann erkennen, ob der Spieler traurig oder fröhlich ist, ob er oder sie das Gesicht verzieht oder gelangweilt beiseite schaut.
  • Internetfähige Fernseher verfügen über eine eingebaute Kamera, damit ihre Besitzer zum Beispiel skypen können. Wer sich in dieses elektronische Auge hackt, vermag zu beobachten, was sich im privaten Wohnzimmer abspielt. Dass dies keine Übertreibung ist, zeigt ein Release von Wikileaks im März 2017: Unter dem Codenamen „Weeping Angel“ versuchte die CIA seit 2013 durch Hacking Smart-TVs von Samsung anzuzapfen, um sie in einen Modus zu schalten, der dem Nutzer suggeriert, er hätte den Fernseher ausgeschaltet – dabei ist dieser in Wahrheit noch an und sammelt Daten über das, was in der Wohnung passiert.
  • Im Jahr 2015 kaufte Google für mehrere Milliarden Dollar die Firma „Nest“ – ein kleines, damals erst fünf Jahre altes Unternehmen, das lediglich zwei Produkte vertreibt. Eines davon ist ein intelligenter Rauchmelder mit Kamera. Dieser erkennt unter anderem, wie viele Personen sich wie lange in welchen Zimmern aufhalten – und kann diese Daten direkt an Google schicken. Unterdessen gibt es den intelligenten Lautsprecher von Google, ein blumenvasenartige Gerät, das per Spracherkennung Hausgeräte steuert, die Heizung reguliert oder online Essen bestellt. Auch wenn wir nicht mit der Software sprechen, die Mikrofone nehmen ständig auf. Und dann ist da noch der Staubsaugroboter „Roomba“: dieser sammelt nicht nur Staub ein, sondern auch jede Menge Daten über unser Zuhause, die er seinen Herstellern ohne weiteres übermitteln kann.
  • Im Februar 2017 nahm die Bundesnetzagentur die vernetzte Kinderpuppe „My Friend Cayla“ aus dem Handel – wegen Überwachungsgefahr. Die Puppe war zur heimlichen Bild- und Tonaufnahme geeignet, und Fremde mit etwas technischem Wissen könnten sich einhacken und über die Puppe mit den Kindern direkt Die offizielle Begründung der Agentur: „Gegenstände, die sendefähige Kameras oder Mikrofone verstecken und so Daten unbemerkt weiterleiten können, gefährden die Privatsphäre der Menschen. Das gilt auch und gerade für Kinderspielzeug.”
  • 2016 verklagte eine Verbraucherin den Hersteller eines vernetzten Vibrators, der über eine App höchst intime Daten über den Einsatz des Masturbationsgerätes gesammelt hatte.

Google kennt bereits jedes Detail unserer „Aufenthaltsorte“ im digitalen Raum des Internets. Der Schritt dahin, dass sie auch unsere Bewegungen im physikalischen Raum verfolgen können, ist nicht mehr weit. Und bei all dem fühlt sich Google kaum an lokale deutsche Datenschutzstandards gebunden, sondern agiert, wenn überhaupt, nach amerikanischen Standards. Und die sind so lax wie sonst nirgendwo in der westlichen Welt. De facto ist der Datenschutz in den Vereinigten Staaten rechtlich kaum geregelt. Es gibt noch nicht einmal eine umfassende unabhängige Datenschutzaufsicht. Und die minimalen Standards gelten auch nur auf Bürger der USA, und nicht auf Daten, die aus dem Ausland kommen. Für letztere ist alles erlaubt. Man darf getrost davon ausgehen, dass auch der Geheimdienst NSA Zugang von diesen Daten Gebrauch macht.

Denn der Staat ist ebenso gierig nach unseren Daten wie die Firmen. Über die „Präsenz-Technologie“ will er ermitteln, ob, zu welcher Zeit und an welchem Ort ein Nutzer auf welchem Online-Dienst (Smartphone, E-Mails, Instant-Messaging, Facebook, etc.) erreichbar ist. Dazu zeichnen Kameras in Grossstädten und Hauptverkehrsachsen konstant unsere Bewegungen auf (wie in London längst Realität). Unbemannte Flugobjekte weit über uns (oder bald schon insektengrosse Drohnen in unserer permanenten Nähe) verfolgen jeden unsere Schritte. Wenn das europäische Navigationssystem Galileo einsatzbereit ist (voraussichtlich 2020), das zehnmal genauer ist als das amerikanische System GPS, können Satelliten erkennen, dass wir im Garten eine Bratwurst grillen. Mit der passenden Software für Gesichts- und Bilderkennung stellt die Echtzeit-Erstellung von Bewegungsprofilen einzelner Menschen kein technisches Problem mehr dar. Mit entsprechenden Algorithmen lassen sich dabei sogar ihre Emotionen aufzeichnen. Mit all diesen Informationen über unsere Internet-Präsenz, unsere physischen Aufenthaltsorte sowie zuletzt unser emotionales Empfinden geben wir den immer intelligenteren Algorithmen bzw. ihren Besitzern reichlich Material, um uns zu überwachen  – und früher oder später auch zu manipulieren.

Dass all dies nicht Ergebnis einer hysterischen Reaktion irgendwelcher linker Bürgerrechtsgruppen ist, ja dass die staatliche Bespitzelung sogar noch viel weiter geht, zeigen die folgenden Beispiele: In Grossbritannien wurde 2015 ein Programm des britischen Geheimdienstes aufgedeckt, das unter dem Namen  „Karma Police“ grossflächig das Surf- und Kommunikationsverhalten aller Internet-User innerhalb (sowie teils auch ausserhalb) des Vereinigten Königreichs sammelt und auswertet. Ziel ist es, jede besuchte Website eines jeden Users aufzuzeichnen. Auch auf europäischer Ebene wird kräftig gesammelt und abgeglichen: 2014 endete das EU-Forschungsprojekt INDECT (intelligent information system supporting observation, searching and detection for security of citizens in urban environment, das heisst: „Intelligentes Informationssystem für die Beobachtung, Suche und Detektion für die Sicherheit der Bürger in städtischen Umfeldern“). In dem zu erwartenden echten Einsatz eines solchen Systems wird das Hauptziel sein, Überwachungsdaten aus vielen verschiedenen Quellen, darunter auch Daten aus den sozialen Medien, zu verknüpfen und diese automatisiert auf mögliche „Gefahren“ und „abnormes Verhalten Einzelner“ zu untersuchen. „Vorbeugende Kriminalitätsbekämpfung“ lautet das Stichwort dieses Konzepts. Das Argument dahinter lautet immer gleich: Es dient alles unserer Sicherheit, damit wir ein freiheitliches und selbstbestimmtes Leben leben können. Der unbescholtene Bürger hat schliesslich nichts zu befürchten. Wäre eine Welt, in der wir aufgrund der umfassenden Informiertheit der Behörden keiner Bedrohung mehr durch Kriminelle, Terroristen oder auch nur Leichtsinnigen ausgesetzt wären, nicht das Paradies auf Erden? Staaten versprechen Sicherheit und Schutz und nehmen dafür einen Teil unserer Freiheit: Dies ist ein jahrtausendealtes Spiel, heute jedoch gespielt mit der technologischen Infrastruktur des 21. Jahrhunderts.

Wie weit die Bespitzelung und Kontrolle konkret gehen kann, zeigt das Beispiel China, wo Daten- und Bürgerschutz keinerlei (bisherigen) westlichen Massstäben genügen: Dort hat die Regierung angekündigt, bis 2020 einen „Citizen’s Score“ einzuführen. Darin sollen Informationen über Steuerehrlichkeit, Verkehrsverhalten und Einkommen, aber auch politische Meinungsäusserungen, Hobbies und Konsum eines jeden Bürgers in ein Punktesystem eingehen. Wer einen bestimmten Wert unterschreitet, weil er auf den falschen Websites war oder auf Facebook die falschen Freunde hat, wird aus bestimmten Berufen ausgeschlossen, oder sein Bewegungsradius wird eingeschränkt. Mit einem hohen Wert winken dagegen Belohnungen wie Visa-Erleichterungen oder ein besserer Zugang zu einer guten Schule für die Kinder. Besonders effektiv ist, dass in die Bewertung eines Menschen auch die Punktzahl seiner Freunde in den sozialen Medien eingehen. Ist ein Dissident darunter, rutscht sofort die eigene Punktzahl und es wird schwieriger, zum Beispiel die Kinder studieren zu lassen. Dies generiert einen wirkungsvollen sozialen Druck, Abweichler aus der Gemeinschaft auszustossen und zu isolieren.

In der chinesischen Wirtschaft gibt es bereits Beispiele und Vorbilder für ein solches Punktsystem. Beim „Sesame Credit“ der Online-Shopping-Plattform „Alibaba“ erhält jeder Kunde einen Punktwert, der sich aus seinem Surf- und Konsumverhalten im Internet berechnet. Viele Chinesen schätzen diese Punktezahl als eine Bestätigung des eigenen sozialen Standes – wer viele Punkte hat, ist ein zahlungskräftiger (de facto Alibabaloyaler) Konsument. Die ihnen zugewiesene Punktezahl wirkt sich sogar auf die Selbsteinschätzung einzelner Personen aus: 100.000 Menschen prahlen bereits mit ihren Punkten in den sozialen Medien und nutzen sie u.a. auf Online-Dating-Sites, um das andere Geschlecht zu beeindrucken.

Eine solche totale Datenkontrolle besitzt eine erschreckende Dimension: die Möglichkeit totaler Machtausübung. Werden totalitäre und skrupellose Machthaber schon bald über eine derartig vollkommene Überwachung- und Manipulationstechnologie verfügen, dass man sie gar nicht mehr bekämpfen kann? Man stelle sich nur einmal die Nationalsozialisten in den 1930er Jahren oder die Stasi in der DDR mit dieser Technologie vor. Jeglicher Widerstand wäre komplett aussichtlos. Es ist dies eine Dystopie, die näher liegt als die meisten Menschen glauben. Nur dass es nicht mehr nur der Staat ist, der uns beschnüffelt, sondern auch profitgierige Unternehmen.

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wwww.larsjaeger.ch

Jahrgang 1969 habe ich in den 1990er Jahren Physik und Philosophie an der Universität Bonn und der École Polytechnique in Paris studiert, bevor ich am Max-Planck-Institut für Physik komplexer Systeme in Dresden im Bereich theoretischer Physik promoviert und dort auch im Rahmen von Post-Doc-Studien weiter auf dem Gebiet der nichtlinearen Dynamik geforscht habe. Vorher hatte ich auch auf dem Gebiet der Quantenfeldtheorien und Teilchenphysik gearbeitet. Unterdessen lebe ich seit nahezu 20 Jahren in der Schweiz. Seit zahlreichen Jahren beschäftigte ich mich mit Grenzfragen der modernen (sowie historischen) Wissenschaften. In meinen Büchern, Blogs und Artikeln konzentriere ich mich auf die Themen Naturwissenschaft, Philosophie und Spiritualität, insbesondere auf die Geschichte der Naturwissenschaft, ihrem Verhältnis zu spirituellen Traditionen und ihrem Einfluss auf die moderne Gesellschaft. In der Vergangenheit habe ich zudem zu Investment-Themen (Alternative Investments) geschrieben. Meine beiden Bücher „Naturwissenschaft: Eine Biographie“ und „Wissenschaft und Spiritualität“ erschienen im Springer Spektrum Verlag 2015 und 2016. Meinen Blog führe ich seit 2014 auch unter www.larsjaeger.ch.

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  1. Sehr guter Artikel.
    Nicht Orwell oder Huxley hatten Recht, sondern beide, es scheint auf eine schöne neue big-brother-Welt hinaus zu laufen.

    “Man stelle sich nur einmal die Nationalsozialisten in den 1930er Jahren oder die Stasi in der DDR mit dieser Technologie vor. ”

    Vor allem die Nazis wären nicht denkbar mit der heutigen Technologie, bzw. die heutige Technologie nicht mit den Nazis.
    Hohe technische Standards können auf Dauer nur freie Gesellschaften generieren und vor allem erhalten. Denkbar ist natürlich schon, daß es – wie bei den Nazis- einen zeitlich begrenzten Rückfall in irgendein totalitäres System geben wird, das eine Zeitlang von der Technik lebt, die in freierer Zeit geschaffen wurde.
    Ein solches System würde aber ziemlich schnell die technischen Grundlagen zerstören, auf der die Überwachung fußt und sich damit selber abschaffen.
    Ein System, das nicht mehr bekämpft werden kann, kann es immer nur für kurze Zeit geben, nicht jedoch auf Dauer.
    Trotz der unübersehbaren Sehnsucht von google und Co., nichts weniger als die digitale Version einer Art Weltherrschaft anzustreben, spricht nichts für eine dauerhafte Chance auf eine solche.

    • Zukunftsoptimismus der Art, dass das Gute am Ende immer gewinnt, weil es ansonsten nicht das Gute wäre, wird hier geteilt. [1]
      Die grundsätzliche Idee dahinter ist, dass nur gute Gesellschaftssysteme die Kompetitivität wahren können, die Individuen befähigt fortlaufend zu neuern und sich mit neuen Ideen auf dem Markt der Ideen gelegentlich auch durchzusetzen.
      Donald J. Trump ist aus diesseitiger Sicht ein schönes Beispiel dafür, dass es weiterhin möglich ist auch in einer zunehmend globalen, globalistischen Welt, sinnhafte Gegenpositionen aufzubauen und den Staat zurückführend auf die Gemeinschaft des Wahl- oder Staatsvolks zu bearbeiten, im Sinne der Idee “Der eigene Staat zuerst!”. [2]
      (Nicht gemeint war so, dieser Disclaimer ist sicherlich nicht vonnöten, dass hier Herrn Trump pauschal zugestimmt wird.)
      Idealerweise entstehen durch die Informationstechnologie bessere Staaten, die sozusagen noch besser gegen bestimmte ungünstige Entwicklung abgefeimt sind. [3]

      MFG
      Dr. Webbaer

      [1]
      Es sei denn, es endet so :
      -> https://www.ted.com/talks/stephen_petranek_counts_down_to_armageddon/transcript?language=de (“Nummer 10”)

      [2]
      Ein natürliches Organisationsprinzip, jede Organisation handelt im Eigeninteresse, sie hat kein Mandat von ihren Mitgliedern in anderem Interesse zu handeln, hier ist nichts “xenophob” und in der Wirtschaft ist dies eine Selbstverständlichkeit.

      [3]
      Insofern gilt es auch nicht irgendwie individuen-seits “depri” zu werden.

      Allerdings, allerdings, kann es hier zu “Durststrecken” kommen, die BRD befindet sich gerade in einer und es wird aus diesseitiger Sicht und ganz absehbarerweise noch wesentlich “durstiger” werden.

      • Von “gut” würde ich nicht sprechen, eher, weil wir gerade beim namedropping sind, würde ich es mit Churchill halten: “Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen.”

  2. Die aufgeführten Beobachtungen ließen sich mit einer Kombination der folgenden Thesen vereinbaren:

    (1) Der Aufstand gegen die Volkszählung war ein Shitstorm ohne sachliche Grundlage.

    (2) Das BVerfG urteilte über die damals noch junge EDV im Sinne des Vorsorgeprinzips, welches bei (noch) nicht abschätzbaren Risiken auf Vermeidung setzt, obgleich die gezielte Vermeidung unter dieser Bedingung schwierig ist, weil sie selbst unklare Risiken birgt und nicht automatisch die beste Lösung darstellt. Diese Vorsorge drückt sich etwa im grundsätzlichen Verbot der Verarbeitung personenbezogener Daten mit dem Vorbehalt der Erlaubnis aus.

    (3) Bewahrheitet hat sich die Voraussicht des BVerfG, die Informationstechnik werde nicht auf dem Stand der frühen 80er Jahre stehenbleiben.

    (4) Konzeptionell in jener Zeit stehen blieb jedoch das BDSG in seiner derzeit noch geltenden Fassung, dessen Begriff der Datenverarbeitung im Wesentlichen auf den Betrieb von Datenbanken ausgerichtet ist. Heute funktioniert IT anders und die Regeln von damals passen nicht mehr; aus diesem Umstand speisten sich viele Diskussionen der letzten Jahre.

    (5) Der Normallfall ist heute die ständige Datenemission in den Cyberspace an vielfältige, oft unbekannte Empfänger. Das mag man beklagen, aber sinnvoller wäre es, diese veränderten Verhältnisse grundsätzlich zu akzeptieren und den Schutzbedarf und die Schutzmaßnahmen neu zu verhandeln.

    (6) Wir leben nun schon ein paar Jahre mit dieser Datenemission und es tut gar nicht so weh wie befürchtet. Möglicherweise hat man die Risiken früher überschätzt. Bürgerinitiativen gegen Datenverarbeitung sucht man jedenfalls vergebens.

    Zu Nr. 4 und 5 siehe auch: http://publica.fraunhofer.de/dokumente/N-439032.html

    • Die in der BRD seinerzeit für Aufruhr gesorgt habende Volkszählung ist hier ein eher suboptimaler Aufhänger, korrekt, Herr Türpe, Dr. W war seinerzeit vor Ort und sah vor allem politisch linkes Geschnatter, das nicht primär Liberales meinte, sondern von ihm eher als Widerstand gegen den aufklärerischen Staat an sich verstanden worden ist.
      Darum – ‘Das mag man beklagen, aber sinnvoller wäre es, diese veränderten Verhältnisse grundsätzlich zu akzeptieren und den Schutzbedarf und die Schutzmaßnahmen neu zu verhandeln.’ (Ihr Zitat) – geht’s; die sogenannten Piraten, eine politisch linke ‘Bürgerinitiative’ mit liberalen Tendenzen, hat sich vor einigen Jahren in der BRD hier hervorgetan, eigentlich sehr schön, der AfD fehlt diese Web-Kompetenz womöglich, muss hier noch dazulernen, damit es mit dem ‘Verhandeln’ klappen kann.
      Die FDP hätte hier auch die Chance sich zu profilieren, wäre eigentlich auch ihre ureigene Aufgabe. Allerdings ist die ja aus diesseitiger Sicht semi-liberal und stark wirtschaftlich gebunden, hat es nicht so recht mit den Abwehrrechten der Bürger gegen den Staat. Abär vielleicht ist Dr. W hier ein wenig zu pessimistisch, Christian Lindner scheint jedenfalls partiell Charakter aufzuweisen, auch wenn das mit dem Wegbeißen von Frank Schäffler nicht so-o schön war, immerhin sitzt dieser -aus Sicht des Webbaeren- durch und durch Liberale nun wieder im Bundestag.

      MFG
      Dr. Webbaer

  3. Fast jeder mit Internetzugang hinterlässt jetzt eine Datenspur und die Zusammenführung aller Daten für eine Person ergibt ein fast lückenloses Bild. Die meisten kümmert das nicht, selbst wenn sie bemerken, dass diese Daten benutzt werden um ihnen beispielsweise personalisierte Werbung anzuzeigen (ich beispielsweise erhalte immer Werbung für die Bücher, die ich gerade gelesen habe).
    Ja, zuerst einmal hat es auch Vorteile, dass andere wissen was ich treibe. Doch in entscheidenden Momenten kann sich diese Unbekümmertheit gegen einen selbst wenden. Dann beispielsweise, wenn man eine Stelle nicht erhält, weil die Personalrekrutierer etwas Unvorteilhaftes im Internt über mich finden – entweder weil sie es direkt von mir veröffentlicht wurde oder aber sogar, weil eine spezialsierte Firma für personenbezogene Internetrecherchen es im Auftrag der Personalabteilung gefunden hat. Und ich behaupte: Jeder Personalverantwortliche fühlt sich sogar verpflichtet jede Information über einen (potenziellen) Angestellten aufzuspüren, die irgendwie zugänglich ist. Die andere Gefahr ist die Ausnutzung von im Internet hinterlassen Informationen über eine Person um beispielsweise im richtigen Moment in das Haus dieser Person einzubrechen, um ihn als Politiker zu diskreditieren oder zu erpressen.
    Das sind die direkten Gefahren für eine Person durch einzelne andere Personen, Ämter oder Firmen.
    Daneben gibt es noch den zunehmenden sozialen Druck, den Gruppendruck auf Wohlverhalten, der durch die sozialen Medien gefördert wird. Wer sich “falsch” verhält kann am Internetpranger landen oder einem Internet-Shitstorm ausgesetzt werden bis hin zu Morddrohungen.

    • Ergänzung: Warum stören sich Leute nicht daran, dass sie selber zu einem Ding im Internet of Things werden, also zu einem Sender von Information bei jeder Interaktion im Internet?
      Meine Vermutung: Der Spaziergang im Internet wird von vielen heute so empfunden wie der Spaziergang durch eine Einkaufsstrasse oder durch die Stadt. Auch beim realen Spaziergang können mir alle Leute zuschauen.
      Doch es gibt eben einen riesigen Unterschied: Die Leute, denen ich in der Stadt begegne, die vergessen mich meist bald wieder, das Internet aber vergisst im schlimmsten Falle nie. Zudem haben potenziell auch Leute Zugang zu meinen Daten, die an ganz anderen Dingen interessiert sind, als mir nur zuzuschauen.

    • Herr Holzherr,
      Sie haben sich ja nun an der dankenswerterweise bereit gestellten Stelle, üblicherweise Kommentatorik oder Kommentariat genannt, womöglich : hinreichend ausgemärt.

      Was Ihnen abär abzugehen scheint, ist das Konzeptuelle, Sie dürfen bis müssen die Beobachtung, Erfassung, Kategorisierung und nachfolgende Bearbeitung von Inhaltenehmern wie Inhaltegebern im Web als das auffassen, was sie ist :

      Als erst einmal i.p. Wirtschaftlichkeit gemeinte Beobachtung und diesbezüglicher Entitäten-Bildung geht es erst einmal darum, Sie wirtschaftlich günstig zu bewerben zu suchen.

      Viel mehr ist im Moment nicht los, der Verdacht liegt allerdings nahe, dass auch staatliche Stellen, auch im bundesdeutschen Kontext, die Dame, die zwar sprechen, aber nicht (frei) reden kann, meinend, alsbald dbzgl. entwickelt wird.

      Auch sozusagen Ihren “Schwanz” suchend, Webbaeren dürfen derart schreiben, das Web ist sozusagen das medial-politische Zentrum, um das sich gerade auch von bundesdeutschen Politiker-Spitzen ausgehend beworben wird.
      Nichts Schlechtes daran, Opi W regt nur an Niedrigkeit in den bundesdeutsch-medialen Verlautbarung, auch von großen Nachrichtenagenturen ausgehend, entsprechend einzuordnen.

      Vierte Macht” war bundesdeutsch : gestern.

      MFG + schöne Woche noch,
      Dr. Webbaer

  4. Es sind vor allem liberale Kräfte, die diese Entwicklung bedauern, wie lange vorhergesehen haben und sie der Internationalisierung zuschreiben, die anscheinend zwingend mit Demokratie-Defiziten einhergeht.
    Multikulturalität, sofern der Einschluss nicht kompatibler, nicht “mitleidender”, Kräfte gemeint ist, kann nur durch möglichst vollständige Überwachung kompensiert werden, staatlicherseits, damit sich die Anzahl bestimmter Ereignisse nicht sehr stark erhöht.
    Auch aus diesem Grund setzen aufklärerische Gesellschaftssysteme, die sogenannten Visegrád-Staaten sind mitgemeint, verstärkt auf eine strikte Steuerung der Einwanderung.

    Klar, es sieht mau aus, der Staat entwickelt die Tendenz übergriffig zu werden, in der BRD sehr schön am sogenannten Netzwerkdurchsetzungsgesetz ablesbar, aber da wird noch viel mehr kommen, und globale, globalistische Unternehmen sozusagen, werden zu politischen Playern, die Inhalte steuern, allerdings leider leider : ohne politisches Mandat.

    Helfen kann hier nur die Schulung der Bürger, die individuelle Webkompetenz meinend, wobei derartige Schulung aber aus diesseitiger Sicht schlecht durch politisch linke Kräfte erfolgen kann, denn die sind ja kollektivistisch und internationalistisch aufgestellt, durchaus auch Hand in Hand gehend mit den Interessen globaler, globalistischer Unternehmen, die allerdings nicht als böse zu verstehen sind, sondern als amoralisch (vs. unmoralisch), auf Profitmaximierung hin optimiert.

    MFG + schöne Woche noch,
    Dr. Webbaer

  5. Der in China geplante „Citizen’s Score“ (Vertrauensrating für jeden Bürger) und der von Alibaba schon eingesetzte „Sesame Credit Score“ (guter Alibaba-Kunde) schaffen eine erhöhte soziale Kontrolle. Schon heute spielt die soziale Kontrolle – die in den USA übrigens ausgeprägter ist als in Europa – eine wichtige Rolle, um beispielsweise die Leute vom Rauchen wegzubringen (der Raucher wird geächtet) oder um den Leuten die “richtigen” Manieren nahezulegen.
    Was aber passiert, wenn jeder Mensch, dem man begegnet, ein für die anderen sichtbares soziales Rating (je höher desto ein besserer Bürger) mit sich trägt (abrufbar etwa mittels Smartphone, indem man die Kamera auf die Person richtet), das zeigt die Black-Mirror Episode Nosedive (Zitat, übersetzt von DeepL): Die Episode spielt in einer Welt, in der sich Menschen für jede Interaktion, die sie haben, mit einem bis fünf Sternen bewerten können und die sich auf ihren sozioökonomischen Status auswirken kann. Lacie (Bryce Dallas Howard) ist eine junge Frau, die zu sehr von ihren Bewertungen besessen ist und von ihrer beliebten Freundin aus der Kindheit (Alice Eve) als Trauzeugin für ihre Hochzeit ausgewählt wurde. Auf ihrer Reise beginnen mehrere Missgeschicke mit verschiedenen Menschen eine rapide Verringerung ihres Ratings.
    Das frappierende an der Welt, die in Nosedive gezeigt wird, ist, dass es keine private Situation mehr gibt, die nicht bewertet wird, für die nicht Punkte vergeben werden (letztlich wird wohl sogar ehelicher Sex bewertet?). Ein höheres Rating bedeutet Vorteile in vielerelei Hinsicht. Die Heldin von Nosedive (Lacie) beispielsweise kann sich ein Wunsch-Appartement nur dann leisten, wenn sie auf der Rangskale deutlich über 4 liegt (5 ist der höchste Rang). Dazu aber braucht Lacie die positive Bewertung von Höherrangigen. Eine solch Höherrangigge ist eine Kinderfreundin von Lacie, die ihr [Lacie] aber den Freund ausgespannt hat. Jetzt muss sie dieser trotz der schlechten Erinnerungen in den Arsch kriechen. Das versucht sie auch und schafft es sogar von ihr zur Hochzeit eingeladen zu werden. Doch ein paar unbedachte Äusserungen der Heldin, ein paar “Frechheiten” bewirken dann dass sie total abstürzt was ihr Rating angeht, so weit abstürzt, dass sie noch auf der Reise zur Hochzeitsgesellschaft von ihrer Freundin wieder ausgeladen wird. Schliesslich endet Lacie im Gefängnis – total verachtet und ausgestossen aus der (feinen) Gesellschaft.

    • Essenziell für die soziale Kontrolle ist allerdings nicht die Datenerfassung, sondern das Handeln von Institutionen, Kollektiven und Individuen anderen gegenüber. Die bloße Beobachtung oder Beobachtbarkeit hält uns nicht von unerwünschtem Verhalten ab. Vielmehr bedarf es der Erwartung einer Reaktion oder Folge, damit wir innehalten und einer Versuchung widerstehen. Das Spektrum reicht ungefähr vom Getuschel der Nachbarn bis zu Todesstrafe und Sippenhaft.

      Aus diesem Grund können uns Ratgeberautoren zum Beispiel vor sogenannten Lücken im Lebenslauf, vor Geheimcodes im Arbeitszeugnis und vor Partybildern im Internet ängstigen. Sie stellen die Drohung des sozialen Abstiegs in den Raum, um den Konsum ihrer Werke als attraktive Alternative darzustellen.

      Dies führt uns zu einem zweiten Aspekt sozialer Kontrolle: Am effektivsten ist sie, wo sie nicht objektiv anhand einer Datengrundlage verhandelt wird, sondern sich jeder selbst kontrolliert. Dazu muss über jedem – und nicht nur über echten Sündern – ein Damoklesschwert hängen und es muss ungewiss bleiben, ob und wann es fällt. Die schlechteste Lösung unter diesem Gesichtspunkt ist ein Rechtsstaat mit vollständiger Information, die wirksamste hingegen ein Willkürregime, das auch mal Unschuldige hinrichtet. In solch einem Willkürregime werden die Menschen die größte Angst haben und sich am willigsten unterwerfen, wo immer jemand die Nichtbestrafung als Belohnung für Gehorsam in Aussicht stellt.

      • @Sven Türpe(Zitat): die wirksamste[Methode der sozialen Kontrolle ] hingegen ein Willkürregime, das auch mal Unschuldige hinrichtet.. Die soziale Kontrolle, die ich meine kommt eher über die Hintertür, darüber, dass die Leute zu spüren bekommen, was richtig oder falsch ist im Umgang mit ihrem unmittelbaren Umfeld und wo den sich richtig Verhaltenden eine sichtbare oder unsichtbare Belohnung winkt, während die andern bestraft werden. Der „social credit score“, der China einführen will und in Teststädten schon eingeführt hat, will damit ja den „ehrlichen Bürger“ belohnen und „Betrüger“ und „Störer“ bestrafen, indem Leute mit einem sehr tiefen Score (wie ich in einem Interview mit einem chinesischen „social credit score“-Verantwortlichen las) beispielsweise weder ein Flugzeug noch einen Hochgeschwindigkeitszug besteigen können und wo man ganz hinten in der Warteschlange zu irgend einer Behörde oder Ressource landet, wenn man eInen tiefen „Score“ hat. In chinesischen Teststädten ist schon jetzt der Erfolg des Credit Score Systems recht gross: es werden kaum noch Rotlichter überfahren wie das früher bei leerer Strasse oft geschah, weil eine solche Missachtung neu nicht nur zu einer Busse, sondern zu einer Erniedrigung des „social credit scores“ führt, was bei ungezählten Dingen und Vorgängen in der weiteren Zukunft des „Täters“ sich negativ auswirkt, denn jeder kann den „score“ einsehen und die Behandlung bei den Behörden und bei Arbeit und Konsum hängt von diesem Score ab. So erzieht man die Chinesen zu „ehrlichen, anständigen“ Bürgern. Das ist viel wirksaner als Kampagnen wie die vor der Olympiade in Peking, wo die Behörden über Plakate die Pekinger dazu bringen wollten, beispielsweise nicht mehr auf die Strasse zu spucken. Mit dem „social credit system“ wird nämlich Spucken auf die Strasse, wenn von einer Videokamera erfasst, mit einem Punktabzug bestraft.

        • @Martin Holzherr:

          Worin unterscheidet sich dieser Social Credit Score von herkömmlichem Geld, welches in etwa dieselbe Rolle spielt? Wer viel davon hat, bekommt erste Klasse und Priority Boarding – wer keins hat, muss laufen. Wer jeden Tag pünktlich zur Arbeit erscheint und sich dort nützlich macht, bekommt regelmäßig welches – wer auf die Straße spuckt und dabei erwischt wird, der muss welches abgeben. Gut, beim Arzt, bei Behörden und vor Gericht sollte der Kontostand keine Rolle spielen; oft tut er es aber doch.

          • @Sven Türpe: Wer weniger Geld hat oder Geldstrafen erhält hat auch weniger Möglichkeiten, das stimmt. Das ist möglicherweise mit ein Grund, das viele Leute keine Auskunft über ihre finanziellen Verhältnisse geben wollen. Zentral für die Wirkung des „Social Credit Scores“ ist gerade, dass er für alle einsehbar ist, für den Kollegen, die Behörden, den Arzt etc.

  6. Bonuskommentar hierzu :

    Von Big Data zu Big Brother – Verlieren wir endgültig die Macht über unserer Daten?

    und hierzu :

    Staaten versprechen Sicherheit und Schutz und nehmen dafür einen Teil unserer Freiheit: Dies ist ein jahrtausendealtes Spiel, heute jedoch gespielt mit der technologischen Infrastruktur des 21. Jahrhunderts.

    Privatheit setzt den selbstbestimmten Bürger voraus, der ein Recht auf Privatheit hat, dieses Recht ist erst und nur der Aufklärung folgend in eben der Aufklärung folgend implementierten Gesellschaftssystemen entstanden und als Recht erkannt, wie gepflegt worden.

    Zum Zweitzitierten wäre also aus anthropologisch-aufklärerischer Sicht anzumerken, dass erst einmal die Existenz der Privatheit als sinnhaft zu begründen wäre, als Abwehrrecht gegen den Staat.

    Anderswo gibt es so etwas nicht und war auch nie angefordert.
    Opi W könnte hier auf Grund seiner “Erfahrung außerhalb” anekdotisch werden.
    Insofern könnte besser unterschieden werden und weniger vermischt.

    In kollektivistischen Systemen, egal, ob die beiden großen, vom Deutschen Reich, ausgehenden Kollektivismen des letzten Jahrhunderts gemeint waren oder der jetzige lebendige theozentrische Kollektivismus gemeint ist, kann es keine konzeptuelle Privatheit geben, sondern nur individuell geübtes Geheimtun. [1]

    HTH (“Hope to Help”)
    Dr. Webbaer

    [1]
    Bspw. wenn auch mal ein “Becherchen” oder Häppchen verzehrt wird im Innenraum eines Gebäudes, das der insgesamt Beobachtende so nicht sieht, wie manchmal angenommen wird.

  7. Dr. Webbaer,
    mit dieser Äußerung treffen Sie den Kern der Sache “In kollektivistischen Systemen kann es keine konzeptuelle Privatheit geben, sondern nur individuell geübtes Geheimtun. [1]”

    Wir haben den gläsernen Bürger und er genießt es in vollen Zügen . Die Eitelkeit hat über den Stolz gesiegt.
    Ich meine auch, dass die Angst vor dem Gulag , um es mal bildhaft zu formulieren, auch unbegründet ist, weil der konforme Verbraucher der ideale Staatsbürger ist. Er zahlt Steuern, verhält sich wie gewünscht, darf wählen was er will, was ihm allerdings wenig nützt, weil die Sachzwänge längst die politischen Möglichkeiten überwuchert haben und er darf Kritik üben. Auch das ist gewollt und wird gesteuert über das Web.

  8. Sehr geehrte Herr Jaeger,

    Jede technische Entwicklung hat nicht nur eine gute Seite, sondern es gibt auch immer eine Kehrseite der Medaille. Die Nutzung von Datenmaterial zu nicht lauteren Zwecken ist nach ihrem Bericht derzeit leicht möglich und wird von Staat und privaten Wirtschaftsunternehmen praktiziert, ohne dass dem Endverbraucher dies offenbar wird. Hier ist nun der Staat mit seiner Gesetzgebung gefordert, denn der Nutzer kann sich hier selbst nicht anders schützen als ganz auf den Einsatz der modernen Technik zu verzichten. Dies kann nicht die Lösung sein. Die Volksvertreter im Parlament müssen endlich handeln!

    mit freundlichen Grüßen

    Heike Zimmermann

  9. Tja, alles richtig, aber weiß NSA nicht neu:
    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13494509.html – von 1989!
    Und eigentlich noch viel älter, denn früher gab es Ständenormen, wo jeder sichtbar seine ‘Scorecard’i Form von Kleidungsvorschriften oder Zutrittsprivilegien für bestimmte Regionen (Land, wie Stadt, wie innerhalb der Stadt) dank Standzugehörigkeit zur Schau ganz offen und für jedermann decodierbar zur Schau trug.
    Verurteilte wurden wörtlich gebrandmarkt oder entstellt (Amputation, Narben, Tätowierungen etc.).
    Den Pranger gabs ja auch schon länger und das Spitzelwesen ist so alt wie Homers lilas.
    Apropos: das Dorf vergisst auch nichts 😉 Jetzt halt die Welt. So what.
    Im Westen wie Osten also nix Neues.

    Das Einzige, was in dieser Form wirklich neu ist, ist, dass immer öfter – so gut wie unabhängig von menschlichem Wesen – Algorithmen Menschen scannen und scoren.
    Ein Mensch guckt sich das ja erst an, wenn die Maschine trötet: Alarm!
    So kann man unversehens unter Verdacht geraten und braucht noch nicht mal einen menschlichen Denunzianten, den man als Betroffener früher auch gerne mal selbst zur Rechenschaft ziehen und ggf. zum Schweigen bringen konnte.
    Die Maschine mit ihren Algorithmen gilt ja schon fast als sacrosanct und ihre Urteilskraft gerät dank ‘deep l/earning’ schon in den (vermeintlichen) Status göttlicher Allwissenheit und degradiert den menschlichen Verstand scheinbar zu einem Mundschenk für seine Majestät, die IT.

    DAS ist wesentlich gefährlicher – die Delegierung der Urteilskraft an popelige Bit-Schüttelreim-Maschinchen.
    Man muss da nicht erst an Petrov und den Atomraketen-Fehlalarm von 1983 denken, es reicht die Schufa oder die Like-Idiotie mit Quotenregelung.
    Apps, die dem DAU vorschreiben, wen er wann wo treffen soll, wie er sich ernähren und bewegen muss oder wen er besser aus seinem Bekanntenkreis löscht, so von wegen Score-Kompatibilität und so…
    Die im Wortsinne de-mentielle Eigenentmündigung hat viel schlimmere Folgen als die kleinen Gerne-Große der big-data-junk-industry.

    Mit dieser Form von Degeneration ist halt dann auch keine ‘Revolte’ zu machen…

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