Offene Wissenschaft – Von neuen Kommunikationswegen und wissenschaftlicher Hygiene

Am 5. Juli 1687 wurde eines der bedeutendsten Bücher der Wissenschaftsgeschichte publiziert, die Philosophiae Naturalis Principia Mathematica von Isaac Newton. Bereits mehr als ein Jahr zuvor, im April 1686, war das Werk der Royal Society präsentiert worden, die schliesslich am 30. Juni des gleichen Jahres der Veröffentlichung zustimmte. Doch war damit der Druck noch keineswegs garantiert, da die Royal Society zuvor ihr Budget für Druckkostenzuschüsse bereits aufgebraucht hatte (und zwar mit der Herausgabe des Werkes De Historia Piscium von Francis Willughby und John Ray, einer Naturgeschichte der Fische). Zuletzt übernahm Newtons Freund und Kollege Edmund Halley die Druckkosten, und das Jahrhundertwerk konnte erscheinen.

Man sieht, dass es selbst die bedeutendsten naturwissenschaftlichen Werke in der Vergangenheit nicht immer einfach hatten, ihren Weg zum Publikum zu finden. Für heutige Wissenschaftler sind die Hürden dafür glücklicherweise erheblich geringer. Eine erfolgsversprechende Arbeit kann in diversen wissenschaftlichen Journalen eingereicht werden, wo sie eine Begutachtung durch Experten aus dem gleichen Forschungsgebiet, eine so genannte „peer review“, durchläuft. Bei positiver Beurteilung wird die Arbeit zur Publikation freigegeben. Dieser Prozess steht jedem Forscher jederzeit und ohne finanzielle Barrieren offen, so dass bereits sehr junge Wissenschaftler entsprechend  gute Arbeiten zu publizieren vermögen.

Wer allerdings meint, das das Geschäft des Publizierens immer nach rein sachlichen „wissenschaftlichen“ und objektiven Kriterien von statten geht, versteht den Wissenschaftsbetrieb nicht. Denn zuletzt stehen hinter Wissenschaftlern menschliche Charaktere, mitsamt ihren Neigungen und Abneigungen, Egos und Allüren, Ehrgeizen und Karrieresehnsüchten. Wundert sich die Welt zuweilen um die Selbstdarstellungssucht von Schauspielern oder Wirtschaftsführern, so übersehen wir häufig, dass selbst gestandene Wissenschaftler diesen, geht es um solche niederen Regungen des menschlichen Gemüts, um wenig nachstehen.

Ein Kriterium für den Erfolg eines Wissenschaftlers, und das damit einhergehende Renommee, seine berufliche Position und nicht zuletzt seine finanzielle Ausstattung, ist die Anzahl seiner Publikationen in anerkannten Journalen. Damit werden seine Publikationen zum alleinigen Mass bei der Beurteilung des „Marktwertes“ eines Wissenschaftlers und „publish or perish“ („publiziere oder verschwinde“) zur dominanten Handlungsmotivation unter Forschern. Dass jemand wie Newton jahrelang bahnbrechende Erkenntnisse in seiner Schublade behält und erst durch einen Kollegen (Halley) zur Publikation überredet werden muss, ist heute schlicht unvorstellbar. Natürlich hat dies Auswirkungen auf das wissenschaftliche Publikationsgeschäft. Es gibt unter Physikern einen bekannten Witz: Wen sich der Umfang der wissenschaftlichen Publikationsliteratur weiter im gegebenem Masse  beschleunigt, so ist abzusehen, wann sich die Bibliotheken mit Überlichtgeschwindigkeiten mit diesen Werken auffüllen. Doch handelt es sich dabei keineswegs um einen Widerspruch zu Einsteins spezieller Relativitätstheorie, da diese nur die Überlichtgeschwindigkeit der Verbreitung von Information verbietet.

Wo es derart menschelt, können wir nicht erwarten, dass die Annahme oder Ablehnung eingereichter Arbeiten immer objektiven Qualitätskriterien entspricht. So gibt es unter den Herausgebern von Journalen bisweilen gar eingeschworene Zirkel, die den Publikationsbetrieb massgeblich kontrollieren. Dies widerspricht den hehren objektiven und transparenten Ansprüchen der wissenschaftlichen Kultur. Hier ermöglichen die modernen elektronischen Medien einen nächsten Demokratisierungsschritt innerhalb der wissenschaftlichen Zunft. Es ist unterdessen die Norm, dass Wissenschaftler ihre Arbeiten nicht nur in Fachjournalen veröffentlichen, sondern auch frei zugänglich ins Netz stellen, oft als Vorabversion („Preprints“) auf entsprechenden Servern wie arXiv.org. Zuweilen führen sie gar eigene Blogs. Auch wenn einer solchen Form der Veröffentlichung kaum (Qualitäts-) Hürden entgegengesetzt werden, und PR-Desaster wie die Vorabankündigung sensationeller Messungen zur kosmischen Hintergrundstrahlung mit Hinweisen auf messbare Signaturen der Ereignisse unmittelbar nach dem Urknall oder die spektakulären Studie zur Erzeugung pluripotenter Stammzellen vermittels eines einfachen Säurebads immer wieder möglich sind, so zeigen sich hier nichtsdestotrotz ganz neue Möglichkeiten bei der Begutachtung wissenschaftlicher Qualität. Im Gegensatz zum anonymen und oft nur auf der Meinung (wenn auch hochqualifizierter) Einzelner beruhenden Peer-Review-Verfahren sehen sich heute eine Schar von bloggenden Wissenschaftlern sowie eigens zu diesem Zweck aufgesetzte Websites in der Verantwortung, auf vermeintlich mangelhafte Forschung hinzuweisen und hohe wissenschaftliche Qualitätsstandards durchzusetzen. Dies entspricht zuletzt neueren wissenschaftlichen Einsichten zur „crowd intelligence“: Die Aggregation von Informationen in Gruppen führen zu Entscheidungen, die oft besser sind als solche, die von einem einzelnen Mitglied der Gruppe getroffen werden.

Dass diese Standards, welche mit Begriffen wie „Open (Peer) Review“ oder »Post-Publication Peer Review“ einhergehen,. mit erheblich mehr Geräuschen und zuweilen grösserer diskursiver Heftigkeit einhergeht als das Standardverfahren der „peer review“, sollte uns nicht zu sehr stören. Denn es entspricht dem Wesen der Naturwissenschaften den Status quo des eigenen Wissens immer wieder in Frage zu stellen und sich beharrlich der kritischen Reflexion des gegenwärtigen Paradigmas im Denken (und Handelns) zu stellen. Wie Regierungsformen, in denen sich die Machthaber demokratisch rechtfertigen, ihre Handlungen korrigieren oder sich gar abwählen lassen müssen, ein weitaus grösseres Potential für gesellschaftlichen Fortschritt ermöglichen als autoritäre Regierungsformen, zeigt uns analog die Wissenschaft, wie man den Fortschritt in der steten Korrektur falschen Wissens findet. Je mehr Transparenz und je breiter der Diskurs hier ist, desto besser. Auch die Demokratie mit ihrer öffentlich ausgetragenen Diskurskultur ist nicht immer „schön“. Doch analog der ebenfalls nicht immer „schönen“ Politik schafft ein transparenter und öffentlicher Diskussionsprozess um die Qualität wissenschaftlicher Arbeit die besten Möglichkeiten, Fehler und Irrtümer auszumerzen. Dies kann sich insgesamt nur positiv auf die für die Wissenschaft so wichtige intellektuelle hygienische Pflege auswirken.

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wwww.larsjaeger.ch

Jahrgang 1969 habe ich in den 1990er Jahren Physik und Philosophie an der Universität Bonn und der École Polytechnique in Paris studiert, bevor ich am Max-Planck-Institut für Physik komplexer Systeme in Dresden im Bereich theoretischer Physik promoviert und dort auch im Rahmen von Post-Doc-Studien weiter auf dem Gebiet der nichtlinearen Dynamik geforscht habe. Vorher hatte ich auch auf dem Gebiet der Quantenfeldtheorien und Teilchenphysik gearbeitet. Unterdessen lebe ich seit nahezu 20 Jahren in der Schweiz. Seit zahlreichen Jahren beschäftigte ich mich mit Grenzfragen der modernen (sowie historischen) Wissenschaften. In meinen Büchern, Blogs und Artikeln konzentriere ich mich auf die Themen Naturwissenschaft, Philosophie und Spiritualität, insbesondere auf die Geschichte der Naturwissenschaft, ihrem Verhältnis zu spirituellen Traditionen und ihrem Einfluss auf die moderne Gesellschaft. In der Vergangenheit habe ich zudem zu Investment-Themen (Alternative Investments) geschrieben. Meine beiden Bücher „Naturwissenschaft: Eine Biographie“ und „Wissenschaft und Spiritualität“ erschienen im Springer Spektrum Verlag 2015 und 2016. Meinen Blog führe ich seit 2014 auch unter www.larsjaeger.ch.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Zitat:“Je mehr Transparenz und je breiter der Diskurs hier ist, desto besser.” Ja, doch bei der heutigen Publikationsflut hat wohl niemand mehr den Überblick und viele Forscher werden wohl nicht einmal alle für ihr Fachgebiet wichtigen Publikationen kennen, weil sie den Überblick verloren haben. Um den entscheidenden Baum im Blätterwald zu finden könnten aber in nicht allzu ferner Zukunft ebenfalls App’s helfen – App’s nämlich, die den Inhalt von wissenschaftlichen Arbeiten verstehen und die weit mehr Papers lesen können als es ein einzelner Mensch je vermöchte. Solche App’s könnten die volle Übersicht haben und jeden Tag durch (automatische) Lektüre wieder auf den neuesten Stand kommen und sie könnten vielleicht früher als irgend ein Wissenschaftler erkennen, wenn etwas Wichtiges, etwas Bahnbrechendes, publiziert wurde. Ein App könnte uns Normalos also vielleicht einmal per Eilmeldung (Twitter?) mitteilen, wenn nach ihrer Ansicht eine neue wissenschaftliche Arbeit von einer ähnlichen bahnbrechenden Bedeutung wie die der Philosophiae Naturalis Principia Mathematica erschienen ist.
    Heute sind wir von solchen verstehenden Computern noch weit entfernt. Das Szenario, das ich hier entworfen habe, zeigt aber, wie gross die Auswirkungen auf unsere Gesellschaft wären, wenn es Computer gäbe,
    1) die wirklich verstehen, was menschliche Autoren schreiben
    2) die gleich gut verstehen wie Menschen aber 1000 Mal schneller sind.

  2. Im Grunde haben sie jetzt geschrieben, was sie schon vor 2 Jahren geschrieben haben. Oder ein anderer Blogger mit Wissenschaftsanschluß.

    Andere Worte, gleiche Intention.

    Angenommen, ich habe eine “fantastische” Entdeckung gemacht, finde aber niemanden, der mit mir der Sache so nachgeht, dass es im Ergebnis wissenschaftlichen Standarts genügt.

    Was würden sie einem solchen Raten?

    Und es gibt noch ein Problem:
    Was wäre, wenn die Sache eigentlich schon lange nahezu alltäglich ist, aber niemand davon weiß?
    Wie kann das sein?

    Womöglich, weil es politisch nicht erwünscht ist?

    Was würden sie dann raten?

    Und dann auch das noch:
    Wenn doch viele davon wissen, aber schweigen und hinnehmen?
    Was dann?

    Das sind alles tolle Aussichten, die sie oben beschreiben. Es wäre schön, wenn das auch zu dem führte, was sie in Aussicht stellten.

    Und diese fantastische Entdeckung beruht auch zu einem wesendlichen Teil darauf, das ich selbst davon betroffen bin und daraufhin gesundheitlichen Schaden nahm. Und je mehr Öffentlichkeit damit konfrontiert wird, desto mehr Schaden scheine ich zu erleiden.

    Deswegen ist Öffentlichkeit eine eher ungünstige Strategie. Aber anders komme ich auch nicht zur Lösung des Problems.

    Was würden sie einem solchen Raten?

    Kopf in den Sand?

  3. demolog,
    …..Neues,
    man muss das Glück haben , nicht zu früh und nicht zu spät gelebt zu haben.
    Wenn eine Gesellschaft noch nicht offen und nicht bereit ist, eine neue Erkenntnis anzunehmen, dann ist die Mühe vergebens. Das ist in der Wissenschaft nicht anders als in der Musik oder Kunst.

  4. Die Aggregation von Informationen in Gruppen führen zu Entscheidungen, die oft besser sind als solche, die von einem einzelnen Mitglied der Gruppe getroffen werden.

    Jein.

    Dies mit dem ‘Entscheidungen, die oft besser sind als solche, die von einem einzelnen Mitglied der Gruppe getroffen werden’ war korrekt angemerkt, ansonsten bliebe noch das ‘oft’ zu erörtern.

    Die Menge stellt diese Möglichkeit bereit, wenn frei gesetzt.

    Der Gag ist sozusagen, dass gerade auch von der Richtigkeit (auch : naturwissenschaftlicher) weggehende gesellschaftliche Meinung eben gesellschaftlich sinnstiftend sein kann.

    Sofern wohl dosiert und in der Folge anfragbar.
    Diese Anfragbarkeit bestimmt das Wohl der Hiesigen letztlich.

    Insofern müssen keine Rants bspw. Donald J. Trump betreffend erfolgen – und auch Justin Trudeau oder die bundesdeutsche Dame, die wie ein Eichhörnchen auf Ecstasy hervor scheint (“Claudia Roth”, laut Harald Schmidt), dürfen hier ausgespart bleiben.


    ‘Kultur’ (auch hier wieder) das Fachwort.

    MFG
    Dr. Webbaer

    • @Dr.Webbaer (Zitat des Zitats):Die Aggregation von Informationen in Gruppen führen [oft] zu [besseren] Entscheidungen.. Sie greifen eine missglückte Formulierung des Autors auf. Der Autor dieses Satzes meinte wohl nicht die “Aggregation von Information”, sondern die diskursive Bearbeitung von Information durch eine Gruppe von Leuten.
      Dass das so ist (also Diskussionen oft produktiver als Monologe sind), ist eine alte Erfahrung und muss nicht mit Modeausdrücken wie “crowd intelligence” versehen werden. Früher gab es im deutschen Fernsehen am Sonntag den „Internationalen Frühschoppen“ , eine Diskussionsrunde von Journalisten der alten Schule aus mehreren europäischen Ländern. Genau das – diese internationale Zusammensetzung – machte die Sendung interessant. Warum ist das so? Weil eine Person nur selten alle Aspekte eines Problems berücksichtigt. Zum Teil, weil diese Person gar nicht alle Aspekte kennt, zum Teil aber auch, weil sie bestimmte Aspekte selber bereits abgehakt und sie sogar vergessen hat.
      Kulturen, die Diversität Raum gaben durch Toleranz und Bereitschaft zur Auseinandersetzung, die haben uns bis jetzt bereichtert. Dazu gehört die altgriechische Kultur, dazu gehören auch bestimmte Phasen der deutschen, französischen und englischen Kultur.

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