High-Tech-Spekulation auf Kosten von Umwelt und Rechtsstaatlichkeit – Die schmutzige Gier nach Bitcoins

BLOG: Beobachtungen der Wissenschaft

Grenzgänge in den heutigen Wissenschaften
Beobachtungen der Wissenschaft

„Ein Gespenst geht um in der Welt – das Gespenst von falschen Versprechungen “, so würden Karl Marx und Friedrich Engels vielleicht heute ihr «Kommunistisches Manifest» beginnen lassen und dabei auf ein so absurdes wie erschreckendes Phänomen des globalen Finanzkapitalismus verweisen: die Kryptowährung Bitcoin (und andere ihrer Art).

Intermediäre Einrichtungen wie Banken, Börsen, Notare, sowie diverse staatliche Institutionen (z.B. Zentralbanken, Steuerbehörden und Regulatoren) steuern einen großen Teil unseres Wirtschaftslebens. Mit ihnen verbunden ist eine zentrale Bedingung für reibungsloses wirtschaftliches Handeln: Vertrauen. Banken garantieren das eingezahlte Geld, ein Notar die Rechtssicherheit einer vertraglichen Vereinbarung, Notenbanken, dass die Papierscheine in unseren Händen in der Zukunft weiterhin einen Wert besitzen, d.h. mit einer «Banknote» besitzt man einen Wertspeicher, der (zumeist) zuverlässig ist; staatliche Behörden sorgen dafür, dass die Regeln eingehalten werden. Sie alle sind «Agenten des Vertrauens». Dass diese Agenten selbst in die Krise geraten können, zeigen die massiven Banken-, Finanz-, Wirtschafts- und staatlichen Krisen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte, die zu Hyperinflationen, Bankpleiten, Kreditkrisen bis hin zu dysfunktionalen Staaten (so genannte «failed states») geführt haben.

Digitale Technologien versprechen hier neue Lösungsmodelle. Die grösste Aufmerksamkeit erhält zur Zeit eine neue, sich als transparent und dezentral erklärende Art und Weise, die zentrale Einheit des wirtschaftlichen Austauschs zu definieren, das Geld. Anstatt in einer staatlich regulierten Währung können wirtschaftliche Austauschprozesse auch in dezentral verwalteten Netzwerken stattfinden. Das ist die Kernidee der so genannten «Blockchain»-Technologie. Mit ihr lassen sich Zahlungen abwickeln, ohne dass es einer zentralen Bank oder Währung bedarf. Während beim gewöhnlichen (bargeldlosen) Zahlungsverkehr die Teilnehmer einer Bank oder einer ähnlichen vermittelnden Instanz (z.B. einer Kreditkartengesellschaft) vertrauen müssen, die die Sicherheit der Transaktion garantiert, ist dies bei Blockchain die Aufgabe der Gemeinschaft aller Beteiligten. Eine Zahlung wird bei Vorlegen der korrekten digitale Schlüssel von der Mehrheit der Teilnehmer abgesegnet. Korrekturen am System sind nur möglich, wenn die Mehrheit der Beteiligten diesen zustimmt, was nach einer Weile aufgrund der wachsenden Teilnehmerzahl kaum mehr möglich ist. Die Blockchain-Technologie ersetzt also Intermediäre wie Geld, Banken und Behörden durch die Gemeinschaft vieler Nutzer. Die Versprechen, die damit verbunden sind, sind nichts geringeres als der Umsturz des traditionell intransparenten, korruptionsanfälligen und völlig überteuerten Geschäftsmodell der Banken, mehr Demokratie in Unternehmen und im Staat, Fairness im globalen Handel, die Durchsetzung sozialer Gerechtigkeit, bis hin zu einem Wohlstands-Turbo-Booster für die Ärmsten der Welt.

Die Realität sieht leider ganz anders aus. Betrachten wir die vier Kriterien genauer, die Bitcoin für sich in Anspruch nimmt in seinem Bestreben, mit der Blockchain-Technologie die konventionellen Währungen abzulösen: 

  • Akzeptanz und Skalierbarkeit als Zahlungssystem: Von seriösen Unternehmen werden Bitcoins und andere Kryptowährungen kaum als Zahlungsmittel für Waren und Dienstleistungen verwendet. Ironischerweise weigern sich sogar einige Organisatoren von Krypto-Konferenzen, Bitcoins für ihre Teilnahmegebühren zu akzeptieren. Neben der enormen Volatilität in den Preisbewegungen, die die Gewinnmargen der Händler innerhalb weniger Stunden auslöschen können, liegt dies auch an dem technisch noch sehr beschränkten Transaktionsvolumen. Mit Bitcoin lassen sich heute weniger als fünf Transaktionen pro Sekunde durchführen. Zum Vergleich: Das Visa-Netzwerk alleine kann mehr als 400 mal so viele verarbeiten (ca. 2000 pro Sekunde, Visa selbst spricht sogar von 65.000 pro Sekunde!).
  • Sicherheit: Die Preisvolatilität von Bitcoin übersteigt das sämtlicher anderer Anlagen. Das liegt auch daran, dass Kryptowährung weit stärker Betrügereien und anderen gesetzlosen Aktivitäten ausgesetzt ist. Berichte über Kursmanipulation wie Front-Running an Börsen sind weit verbreitet. Und Kryptowährungen schaffen paradiesische Zustände für Verbrechen allerlei Art: Geldwäsche, Lösegelderpressung seitens Hacker, Veruntreuung, Waffenhandel im sogenannten Darknet, Terrorismusfinanzierung, usw. Die organisierte Kriminalität jubelt. Aber auch für Private gibt es kaum Sicherheit: Wenn eine Kreditkarte oder Bankkonto gehackt oder gestohlen wird, ist man abgesichert, und zwar von vertrauenswürdigen Institutionen. Wenn dagegen der private Schlüssel eines Kryptowährungsdepots gestohlen wird oder verloren geht, ist das Vermögen für immer weg. Dazu kommt, dass 99 Prozent des Bitcoin-Handels auf zentralisierten Börsen stattfindet, die verhältnismässig leicht gehackt werden können, wie die Vergangenheit zeigte.
  • Dezentralität: Unterdessen kontrolliert eine kleine Anzahl von «Walen» beim Handel einen Grossteil des Bitcoin-Wertes. Das gilt auch für andere Kryptowährungen, wo zudem die ursprünglichen Programmierer von Kryptowährungen oft eine übergroße Kontrolle über ihre Schöpfungen behalten. So kommt es immer wieder vor, dass sie Transaktionen rückgängig machen, die eigentlich unveränderbar sein sollten. Der Großteil des Bitcoin-Minings wird heute von oligopolistischen Minern kontrolliert. Viele davon befinden sich ausserhalb der Reichweite westlicher Strafverfolgungsbehörden in autokratischen und korrupten Ländern wie China, Russland und Weißrussland.
  • Wertaufbewahrungsmittel: Die meisten Vermögenswerte (Aktien, Anleihen, Immobilien) kommen mit einem Einkommensstrom oder haben eine konkrete Verwendbarkeit (z.B. Wohnraum) oder einen anderen Nutzen, wie Liquidität und flexibles Zahlungsmittel im Fall von normalen Währungen, woraus sie ihren Wert erhalten. Eine Ausnahme ist Gold, das kein Einkommen hat (jedoch einen, wenn auch eher geringen industriellen Nutzen), dafür aber einen über Jahrtausende etablierten Nutzen als Mittel der Wertaufbewahrung. Der fundamentale Wert von Bitcoin ist dagegen gleich Null. Berücksichtig man die immensen Energien, die es braucht, um diese «Währung» aufrecht zu erhalten, so ist sein Wert negativ, denn nach den Regeln der ökonomischer Konsistenz müssten wir (und werden wohl auch bald) auf seine massiv energieverschlingende Produktion eine ordentliche Kohlenstoffsteuer ansetzen.

Es ist kein politischer Idealismus oder die Aussicht auf eine gerechtere Gesellschaft, was den momentanen Hype um Bitcoin antreibt und seinen Wert auf immer absurderen Höhen bringt.  Vielmehr ist es der gleiche Ausruf, der in demselben Jahr, in dem Marx und Engels das Kommen des Kommunismus ankündigten, aus San Francisco erscholl: “Gold! Gold! Gold from the American River!“. Wer kann schon ignorieren, dass hier schnell mal Millionen gescheffelt werden können? Nur dass man heute nicht mehr beschwerliche Tausende von Kilometern reisen muss, um das neue Gold zu „schürfen“, sondern nur ins Internet zu gehen braucht.

Leider kommt dieser neue Goldrausch mit immensen ökologischen Kosten. Für das Mining von Bitcoins, das für dessen zugrundeliegende Blockchain-Infrastruktur notwendig ist, wird enorm viel Rechenleistung benötigt, und damit Strom. Von Oktober 2020 bis Februar 2021 hat sich der Strombedarf für die Kryptowährung nahezu verdoppelt. Die High-Tech Computer der Bitcoin-Minder verbrauchen schon sehr bald mehr Strom als ganz Holland, Tendenz stark steigend. 65% der Mining-Aktivitäten finden heute in China statt, denn dort ist der Preis für Strom besonders niedrig – und kommt hauptsächlich aus Kohlekraftwerken. Der renommierte Computer-Sicherheitsexperte Felix von Leitner bezeichnet Bitcoin daher als „organisierte Umweltverschmutzung“. Es wird Zeit, dass dieser Absurdität ein Ende bereitet wird.

Veröffentlicht von

www.larsjaeger.ch

Jahrgang 1969 habe ich in den 1990er Jahren Physik und Philosophie an der Universität Bonn und der École Polytechnique in Paris studiert, bevor ich am Max-Planck-Institut für Physik komplexer Systeme in Dresden im Bereich theoretischer Physik promoviert und dort auch im Rahmen von Post-Doc-Studien weiter auf dem Gebiet der nichtlinearen Dynamik geforscht habe. Vorher hatte ich auch auf dem Gebiet der Quantenfeldtheorien und Teilchenphysik gearbeitet. Unterdessen lebe ich seit nahezu 20 Jahren in der Schweiz. Seit zahlreichen Jahren beschäftigte ich mich mit Grenzfragen der modernen (sowie historischen) Wissenschaften. In meinen Büchern, Blogs und Artikeln konzentriere ich mich auf die Themen Naturwissenschaft, Philosophie und Spiritualität, insbesondere auf die Geschichte der Naturwissenschaft, ihrem Verhältnis zu spirituellen Traditionen und ihrem Einfluss auf die moderne Gesellschaft. In der Vergangenheit habe ich zudem zu Investment-Themen (Alternative Investments) geschrieben. Meine beiden Bücher „Naturwissenschaft: Eine Biographie“ und „Wissenschaft und Spiritualität“ erschienen im Springer Spektrum Verlag 2015 und 2016. Meinen Blog führe ich seit 2014 auch unter www.larsjaeger.ch.

16 Kommentare

  1. Zitat 1:

    Mit Bitcoin lassen sich heute weniger als fünf Transaktionen pro Sekunde durchführen. Zum Vergleich: Das Visa-Netzwerk alleine kann mehr als 400 mal so viele verarbeiten (ca. 2000 pro Sekunde, Visa selbst spricht sogar von 65.000 pro Sekunde!).

    Zitat 2:

    Leider kommt dieser neue Goldrausch mit immensen ökologischen Kosten. Für das Mining von Bitcoins, das für dessen zugrundeliegende Blockchain-Infrastruktur notwendig ist, wird enorm viel Rechenleistung benötigt, und damit Strom.

    Der kleine Transaktionsdurchsatz von Bitcoin kombiniert mit dem hohen Stromverbrauch beim Mining bedeutet aber auch, dass Bitcoins Wachstum inhärent beschränkt ist. Für mich bedeutet das: Bitcoin ist keine globale Gefahr, ja Bitcoin drohen sogar Einschränkungen zum Beispiel in Staaten die vom hohen Stromverbrauch des Minings betroffen sind oder die den Handel mit Bitcoin aus anderen Gründen einschränken bis verbieten – etwas was in China bereits geschehen ist.
    Bitcoin hat als globaler Player nur dann Chancen auf eine weit grössere Verbreitung, wenn es die dahinter steckende Technologie effizienter macht. Das aber dürfte nicht so einfach sein, zumal sich dann die Spielregeln mitten im Spiel ändern würden.

    Ganz anders wäre eine Cryptocurrency wie Facebooks Libra zu beurteilen. Diese ist so angedacht, dass es 1) kaum Kursschwankungen gibt und 2) hohe Transaktionsraten erzielt werden könnten.
    Libra hätte tatsächlich das Potential zur Weltwährung zu werden. Ich denke mir aber, dass das die Notenbanken verhindern werden, denn die Folgen wären gewaltig. Heute gibt es Länder mit sehr unsicheren Währungen weshalb intern oft mit Dollar gehandelt wird. Anstatt Dollar wären es bald einmal Libra wenn es diese Währung nur gäbe. Ich denke es wäre schwer abzusehen, was so eine Umstellung, was die Etablierung einer neuen Weltwährung für Folgen hätte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das die heutigen Staaten zulassen würden.

    Bitcoin aber als momentan bedeutendste Kryptowährung hat keine Chance auf gewaltiges Wachstum und es könnte durchaus sein, dass seine Tage gezählt sind.

  2. Sehr geehrter Herr Jäger,
    sehr geehrte Redaktion,

    Ich lese viele interessante Artikel auf ihrer Webseite, wundere mich aber immer wieder, ob ihre Redaktion die automatische Prüfung der Rechtschreibung ausgeschaltet hat. Es stört dann doch, wenn einfache Sätze nicht vollständig sind, da ein Wort am Ende fehlt oder einige Wörter offensichtlich falsch geschrieben sind. Die Liebe zum Detail ist gerade heute wichtig zu behalten.

    Freundliche Grüße aus Hessen

    Patrick S. Lewis

    • Sehr geehrter Herr Lewis

      Ich nehme Ihre Kritik gerne auf. Zuweilen sind Rechtschreibfehler kaum zu vermeiden, wenn man etwas “blind für den eigenen Text” wird. Entschuldigen Sie also. Beachten Sie aber auch, dass ich Schweizerische Rechtschreibung verwende (d.h. kein scharfes “s”).

      Beste Grüsse
      Lars Jaeger

  3. Es wäre so einfach, die Börsenkurse, die Devisenkurse auf eine reale Basis zu stellen, man müsste die Derivate verbieten.
    Ich vermute mal, die G9 Staaten selbst sind nicht daran interessiert die Spekulationsgeschäfte zu verbieten, weil sie selbst daran profitieren.

  4. Eine falsche Versprechung wäre es gewesen wenn Bitcoin die Sicherheit nicht gehalten hätte, das ist aber nicht passiert.
    Bitcoin ist eine Lostrennung von staatlich verwaltetem Geld, insofern steckt da doch ein Stück Idealismus drin, auch wenn mittlerweile die Erfinder damit viel Geld verdient haben.
    Sollten alle Menschen auf Bitcoin umsteigen hätten die Staaten ein mächtiges Problem. Sie könnten kein geld drucken um ihre schulden zu finanziern. Deshalb häte man Bitcoin gerne verboten, weiss aber derzeit noch nicht wie.

    Die Umweltverschmutzung ist natürlich ein Problem, da stimme ich Fefe zu. Da
    wäre es schön wenn man Cryptogeld mit weniger Aufwand erzeugen könnte.

    Mal schauen wie das in 10 Jahren aussieht. Entweder verbraucht Crpto dann 100% des Weltstroms oder es ist verboten oder es gibt eine neue Idee.

    • Wie kann man denn Bitcoin ein Ende bereiten? Welche Mittel gibt es?

      Gute Frage, auf der Hand liegt natürlich der Vorschlag DOS-Attacken durchzuführen, sicherlich kann hier mit Agententätigkeit auch einiges erreicht werden, nur “so richtig gut” steht es Liberalen Demokratien womöglich nicht auf einer noch zu schaffenden Rechtsgrundlage derart einzugreifen, oder?
      Das Web ist letztlich sozusagen von einem eigenen Freiheitswillen beseelt, es kann schlecht streng verwaltet werden, auch Verbote von kryptologischer Technologie greifen hier m.E. “nicht wirklich”.
      Vielleicht auch mal einen Blick auf die Liste der mittlerweile verfügbaren Kryptowährungen werfen, Herr Stefan (Sie heißen doch so, oder?) ?!

  5. Der Singularity-Artikel Bitcoin’s Blowing Up, and That’s Good News for Human Rights. Here’s Why
    setzt sich für Bitcoin als Mittel gegen die Willkür von autokratischen Staaten ein (Zitat):

    In einem neuen Video für das Reason-Magazin erklärt Alex Gladstein, Chief Strategy Officer bei der Human Rights Foundation, warum die Kryptowährung ein unverzichtbares Werkzeug zur Bewahrung der Freiheit ist und wie sie von Menschen in verschiedenen Teilen der Welt dafür eingesetzt wird.

    Geld hält die Welt in Schwung, und als solches ist es ein perfektes Werkzeug für Überwachung und Kontrolle. Der Rückgang des Bargelds in vielen Gesellschaften und seine Ersetzung durch digitale Zahlungsmethoden bedeutet, dass wir uns von der finanziellen Privatsphäre so gut wie verabschiedet haben; alle unsere digitalen Transaktionen werden protokolliert und über Jahre hinweg aufbewahrt.

    In den meisten demokratischen Ländern hat dies in der Regel keine aufdringlicheren Konsequenzen als gezielte Werbung. Aber für die mehr als vier Milliarden Menschen, die unter autoritären Regimen leben, ist das eine andere Geschichte.

    Ihre Regierungen können – und tun es auch – die Bankkonten der Menschen einfrieren, Geldautomaten schließen, entscheiden, wer von Finanzdienstleistungen ausgeschlossen wird, und sogar private Gelder beschlagnahmen. Solche Aktionen richten sich oft gegen Personen, die als problematisch eingestuft werden: Aktivisten, Dissidenten, Gewerkschaftsführer, Kritiker der Regierungspartei, Intellektuelle und dergleichen. Den Zugang zu Geld abzuschneiden ist ein schneller Weg, um Menschen ruhig zu stellen, ganz zu schweigen von den verheerenden Folgen, wenn es in großem Maßstab geschieht.

    Wenn es doch nur ein Geldsystem gäbe, das nicht von einer Zentralbank kontrolliert wird, das von Regierungen unantastbar ist, in dem Werte ohne Korruption oder Einmischung übertragen werden können und das nicht von internationalen Grenzen beeinflusst wird.

  6. Den einleitenden Satz finde ich ziemlich verunglückt: im “Kommunistischen Manifest” ist es doch das “Gespenst des Kommunismus”, das die Welt des großbürgerlichen Kapitalismus bedroht, und natürlich sehen sich Marx und Engels als Vorkämpfer dieses “Gespenstes”. M&A selbst hätten ihr politisches Programm aber sicher nicht als “falsche Versprechungen” bezeichnet. Insofern geht der einleitende Satz bitter daneben.

    @Paul Stefan: Bitcoin ein Ende bereiten? Ganz einfach: Wenn man das Internet nicht verbieten will, dann bleibt nur die Weiterentwicklung von Mathematik und Quantencomputern, um die Kryptisierung auszuhebeln, auf der das Ganze beruht.

  7. Nanu, normalerweise sind die Beiträge auf Scilogs doch sehr gut recherchiert? Dieser enthält so viele Ungenauigkeiten, das ich gar nicht weiß wo ich anfangen sollte. Nur um mal ein paar zu nennen:

    Die Zahlung wird nicht durch die Gemeinschaft aller Beteiligten in der Blockchain in irgendeiner Form kontrolliert. Die Blockchain nutzt die Gemeinschaft aller Nutzer ausschließlich, um (a) das nachträgliche Verändern von Transaktionen und (b) das Double Spending zu verhindern, also dass die gleiche digitale Münze zweimal ausgegeben wird.

    Eine Transaktion in einer Blockchain ist auch nicht unbedingt eine einzelne Überweisung wie bei einer Bank, sondern eher wie eine Datenbanktransaktion eine unteilbare Menge von Operationen, die im Prinzip beliebig viele digitale Güter enthalten kann.

    Das Minen von Blöcken in der Blockchain mittels Proof-of-Work und damit das Schürfen von Bitcoins ist eine ökonomische Kompensation für korrektes, systemdienliches Verhalten, hier das Festschreiben der Vorgängertransaktion. Damit ist auch die Aussage nicht richtig, das eine kleine Anzahl von Walen in irgendeiner Form Bitcoins kontrollieren würden. Die Wale haben mehr Rechenleistung und erhalten daher mehr Bitcoins als Kompensation für die im System erbrachte Arbeit. Unsicher oder fremdgesteuert wird das System dadurch nicht, weil für das Rückgängigmachen von Transaktion immernoch sehr viele Wale koordiniert gegen die Infrastruktur arbeiten müssten.

    Der Absatz über das Rückgängigmachen von Transaktionen wirft Blockchain, Bitcoin und andere, nicht genannte Kryotowährungen undifferenziert in einen Topf. Meines Wissens ist es bei Bitcoin und allen nicht explizit dafür ausgelegten Blockchain-Protokollen unmöglich, bestätigte Transaktionen rückgängig zu machen, ohne dass eine einzelne Partei mindestens 51% der weltweit für die Bestätigung aufgewendeten Rechenleistung besitzt.

    Ein entscheidender Punkt zur Sicherheit wurde nicht erwähnt. Blockchain-Protokolle lassen sich nicht mehr ändern, nachdem die Blockchain gestartet wurde. Sollte jemand also tatsächlich eine Möglichkeit finden, die Umkehrfunktion zur in Bitcoin im Merkle Tree verwendeten Hashfunktion zu berechnen ohne dafür 51% der Rechenleistung zu benötigen (Quantencomputing?), wird das gesamte Bitcoin-Ökosystem auf einen Schlag hinfällig.

    Hier bin ich außerhalb meines Fachgebiets: Der Absatz über die Preisvolatilität könnte mit Blick auf Börsencrashes allgemein, die Geschehen um den Neuen Markt oder im Moment Gamestop-Aktien durchaus differenzierter formuliert sein. Angesichts der Giralgeldschöpfung oder der Geldschöpfung bei der EZB finde ich die im Artikel gemachten Aussagen zum fundamentalen Wert auch überdenkenswert. Selbst Aktien spiegeln nie den Wert eines Unternehmens wieder, sondern die Hoffnung der Aktionäre auf die Zukunft des Unternehmens. Die Aussagen über paradiesische Zustände für Kriminelle lassen außer acht, das die Blockchain öffentlich ist. Im Gegensatz zu beispielsweise Blutdiamanten oder diversen Spielarten der Geldwäsche kann tatsächlich jeder im für alle Zeiten festgeschriebenen Ledger nachsehen, welches Nutzerpseudonym wann welche Zahlungen erhalten hat. So lässt sich auch beobachten, wann die digitalen Zahlungen zu physischen Geld- oder Warenströmen werden.

    In der Summe habe ich den Eindruck, das der Herr Jaeger hier außerhalb seines Fachgebiets unterwegs ist. Blockchain kann spannend sein für Szenarien, in denen man sich nicht auf eine vertrauenswürdige Partei einigen kann. Konsensmechanismen auf der Basis von energieintensiver Rechenleistung wie der Proof-of-Work sind eine völlig überzogene Umweltkatastrophe mit Ansage, aber es gibt ja Alternativen dazu. Ich würde auch keine Bitcoins anfassen. Aber das heißt nicht, das man keine Crypto-Währung sinnvoller ausgestalten kann.

  8. Der Gag bei den digitalen Währungen (“Kryptowährungen” genannt, auch ihre “Blockchain”-Basiertheit meinend) besteht ja darin, dass sie als Gegenwert Vertrauen benötigen, das zwar Staaten entgegen gebracht werden kann, Diensten des Webs dagegen eigentlich (!) nicht, so dass das Vorhandensein von Kryptowährungen auf Misstrauen gegenüber staatlichem Geld (das nicht mehr in Sachwerten wie z.B. Gold abgesichert ist) hindeutet, wie auch auf den Freiheitswillen Einzelner wie den der Menge.

    Das mit dem Stromverbrauch würde ich nicht zu hoch hängen, Rechner laufen ohnehin meist ohne hoher CPU-Auslastung, zudem muss erhöhter Stromverbrauch nicht die Umwelt belasten, es gibt da Lösungen, die fossile Energiequellen umweltschonend nutzen, zudem ist “in der Welt” genügend Energie vorhanden, dankenswerterweise.

    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Webbaer

  9. Der “letzte” Bitcoin-Käufer – so zirka im Jahre 2100 herum, wenn der letzte Bitcoin generiert ist – wird dann die ganze Zeche an Energiekosten bezahlen, die bisher aufgelaufen sind. Bis dahin ist viel Geld unterschiedlichster Währungen umverteilt worden. Gewinner werden die wenigen Insider sein und den/die Letzten beißen die Hunde. Viel Glück!

  10. Dann investiere ich doch lieber in Aktion von Öl- und Rüstungsunternehmen. Da bin ich wenigsten moralisch auf der richtigen Seite.

  11. Ich stelle mir ein Rechnungswesen mit bitcoins schwierig vor.
    Daimler hat gerade ein paar Milliarden Rückstellungen gemacht, wegen noch zu erwartender Klagen.
    Wie soll man mit bitcoins Rückstellungen machen, wenn noch gar keine Transaktion erfolgt ist.

    • Die sogenannten Krypto-Währungen erheben den Anspruch, die Fiat-Währungen abzulösen – im Sinne von überflüssig machen.
      Wenn also der Wert-Ausdruck der Fiat-Währungen als gegengerechnete Seite nicht mehr vorhanden wäre, dann gibt es auch keinen äquivalenden Wert-Ausdruck in Krypto-Währungen mehr. Der Wert als solcher würde sich auflösen ohne Transaktionen! In dieser Hinsicht würden Rückstellungen mittels Krypto-Währungen tatsächlich keinen Sinn machen – außer Spekulationsgewinne durch z.B. Bitcoin-Verkäufe.
      Es bedürfte dafür aber immer rechtzeitig einen Abnehmer.

    • Als Ergänzung zum Vorherigem:
      Es gibt tatsächlich eine Variante, die bei Wegfall von Fiat-Währungen eine “Krypto-Währung” als gegen gerechnetes Äquivalent “auffangen” könnte. Dabei handelt es sich aber um eine rein physikalische Größe, die technologisch Berührungs-Punkte aufweist. Es handelt sich dabei um das elektrische Watt. Das elektrische Watt ist physikalisch genau definiert und diesem könnte man gesellschafts-politisch einen “Wert” zuorden – z.B. 1 Watt = 1 Coin, 1.000 Watt = 1 kW.
      Energie ist Basis allen Seins und Werdens.
      Wir steuern nun auf ein globales Wirtschafts- und Handels-System zu, das sich mehr und mehr auf erneuerbare Energien stützt. Global heißt hier vor allem Standardisierung von Technologien zur Primär-Energie-Gewinnung. Da hier die fossilen Energieträger wegfallen und nunmehr vorrangig elektrische Primärenergie unmittelbar aus Solar-Energie (astro-physikalische Kern-Energie) erzeugt und gewonnen wird, lässt sich auch unmittelbar durch direkte Vergleichbarkeit die Effizienz der jeweiligen Technologie ermitteln. Dies würde wiederum als Triebkraft gesellschaftlicher Entwicklungen wirken. Das würde letztendlich den finanz-kapitalistischen Wirkmechanismus aushebeln, da Akkumulation von Kapitalwerten nicht mehr erforderlich wären. Die heutigen Sparbücher, Wertpapiere u.dgl. braucht es nicht mehr. Die Akkumulations-Stätten wären zukünftig vielzählige “Energie-Depots”, die in physikalischen Maßeinheiten genau berechnet werden können und bei Transport und Transformation als “Coin” begleitend dokumentiert werden kann. Auch eine Art “Inflation” würde dieses System ausweisen und ebenfalls physikalisch berechenbar bleiben.
      Es handelt sich dabei schlicht und einfach um die physikalische Reibung. Bei all dem wären keine Institutionen des Aushandelns von Preisen (Börsen, Tarif-Verträge usw.) als mehr oder weniger objektive Wertbildungs-Mechanismus mehr erforderlich, da sich der “Wert” (besser: Gehalt) eines Erzeugnisses/einer Dienstleistung aus der Summer vordem eingesetzter elektrischer Energie zusammenstellt. Das wäre eine Welt jenseits des heutigen Kapitalismus. Die Linke sollte also mal etwas mehr über ihren eigenen “Tellerrand” hinausblicken, um die jetzt schon vorhandenen Chancen der Zukunfts-Gestaltung zu erkennen!!
      Was aus dem Bitcoin wird? Das ist eine politische Frage der Zukunft! Derzeit ist der Bitcoin kein Wert-Ausdruck auf zurückgreifbare elektrische Energie! Im Gegenteil: Physikalisch ist der Bitcoin ein kontinuierlicher Energie-Vernichter mit fragwürdigem “Gebrauchswert” eines “digitalen Goldes” im kapitalistischen Werte-System. Ob der Bitcoin tatsächlich was taugt, um globale Finanz-Blasen “aufzusagen”, (um somit selbst zur “Blase” zu werden), den Beweis ist der Bitcoin bis jetzt schuldig geblieben und man sollte sich auch nicht darauf verlassen. Echtes Gold ist Natur gegeben. “Digitales Gold” von Menschen gemacht. Letzteres ist nur solange “digitales Gold” bis was Besseres hergestellt wurde. Man arbeitet schon daran! Auch der Zweck ist wandelbar.

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