Genfer Ärztegelöbnis – der aktuelle Stand

Der Weltärztebund (World Medical Association – WMA) hat auf seiner letzten Vollversammlung in Chicago vom 11. bis 14.10. 2017 eine Neufassung des Ärztegelöbnisses beschlossen. Zwei Jahre habe eine Arbeitsgruppe unter Leitung der Bundesärztekammer an den Änderungen gearbeitet, berichtet die ZEIT in ihrer neuesten Ausgabe. Was hat sich geändert, und muss uns das überhaupt interessieren?

Wer ein Amt übernimmt, schwört einen Eid, jedenfalls meistens. Bundesbeamte erklären beispielsweise feierlich:

„Ich schwöre, das Grundgesetz und alle in der Bundesrepublik Deutschland geltenden Gesetze zu wahren und meine Amtspflichten gewissenhaft zu erfüllen, so wahr mir Gott helfe.“

Das hört sich doch gut an, ist aber leider nicht justiziabel, kann also nicht vor Gericht eingefordert werden. Bei Medizinern ist das anders. Sie erhalten mit der Approbation (die Zulassung zur Berufsausübung als Arzt) die offizielle Erlaubnis, Menschen zu behandeln. Das erfordert, auch ohne jedes Amt, eine stabile und positive moralische Grundhaltung. Traditionell galt der aus der Antike überlieferte hippokratische Eid als Richtlinie ärztlichen Handelns. Über den griechischen Arzt Hippokrates ist wenig bekannt, aber seine ärztliche Schule hat diverse Schriften hinterlassen, die auch heute noch in einigen Aspekten durchaus modern wirken.

„Man besuche die Kranken oft, untersuche sorgfältig und gehe gegen Täuschungen bei Veränderungen vor, denn man schärft so die Erkenntnis und erleichtert sich zugleich die Arbeit.“

Gesunde Ernährung und viel Bewegungen waren wichtige Bestandteile ihrer Therapien. Der Wortlaut des hippokratischen Eid stammt aus nachchristlicher Zeit, da war Hippokrates schon lange tot (wenn er je gelebt hat, was nicht ganz sicher ist). Ob seine Schüler wirklich diesen Eid sprachen, oder ob er einfach die Berufsauffassung seiner Ärzteschule wiedergibt, weiß heute niemand. Einige Abschnitte sind noch immer aktuell, wie z.B.

„In welches Haus immer ich eintrete, eintreten werde ich zum Nutzen des Kranken, frei von jedem willkürlichen Unrecht und jeder Schädigung und den Werken der Lust an den Leibern von Frauen und Männern, Freien und Sklaven. Was immer ich sehe und höre, bei der Behandlung oder außerhalb der Behandlung, im Leben der Menschen, so werde ich von dem, was niemals nach draußen ausgeplaudert werden soll, schweigen, indem ich alles Derartige als solches betrachte, das nicht ausgesprochen werden darf.“

Anderes ist überholt, wie das Verbot, die Kunst geheimzuhalten und nur an Schüler oder Verwandte der Lehrer weiterzugeben. In der Antike waren Ärzte eher Handwerker und die Geheimnisse ihrer Kunst gaben ihnen einen Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz.

Heute schwören angehende Ärzte teilweise noch den klassischen Eid, in Deutschland ist das aber eher unüblich. Meine Approbationsurkunde kam mit der Post, schwören musste ich dafür nichts.

Die Genfer Deklaration

Im Jahre 1948 stellte der Weltärztebund einen zeitgemäßeren Eid vor, die sogenannte Genfer Deklaration (oder Genfer Ärztegelöbnis). Seitdem lässt er regelmäßig überprüfen, ob Änderungen notwendig oder sinnvoll sind. Bis 1968 waren die Delegierten mit dem Wortlaut zufrieden, seitdem gab es aber bereits sechs Änderungen.

Hier der Wortlaut der neuesten Version:

The Physician’s Pledge

AS A MEMBER OF THE MEDICAL PROFESSION:

I SOLEMNLY PLEDGE to dedicate my life to the service of humanity;

THE HEALTH AND WELL-BEING OF MY PATIENT will be my first consideration;

I WILL RESPECT the autonomy and dignity of my patient;

I WILL MAINTAIN the utmost respect for human life;

I WILL NOT PERMIT considerations of age, disease or disability, creed, ethnic origin, gender, nationality, political affiliation, race, sexual orientation, social standing or any other factor to intervene between my duty and my patient;

I WILL RESPECT the secrets that are confided in me, even after the patient has died;

I WILL PRACTISE my profession with conscience and dignity and in accordance with good medical practice;

I WILL FOSTER the honour and noble traditions of the medical profession;

I WILL GIVE to my teachers, colleagues, and students the respect and gratitude that is their due;

I WILL SHARE my medical knowledge for the benefit of the patient and the advancement of healthcare;

I WILL ATTEND TO my own health, well-being, and abilities in order to provide care of the highest standard;

I WILL NOT USE my medical knowledge to violate human rights and civil liberties, even under threat;

I MAKE THESE PROMISES solemnly, freely, and upon my honour.

Der Weltärztebund hat noch keine offizielle deutsche Version autorisiert. Das Portal DocCheck und die Printausgabe der ZEIT haben jeweils einen selbst übersetzten deutschen Text veröffentlicht.

Die aktuelle Version enthält folgende neue Aussagen:

  • „I WILL RESPECT the autonomy and dignity of my patient (Ich werde die Autonomie und die Würde meines Patienten respektieren);“
    Das ist wichtig und richtig. Zwei Aspekte fallen mir dabei ein. Erstens googeln immer mehr Patienten ihre Symptome und mögliche Diagnosen. Ärzte müssen mehr und mehr ihre Diagnosen und Therapien mit vorinformierten Patienten diskutieren. Das ist für einige Kollegen ausgesprochen lästig, aber es macht klar, dass letztlich der Patient entscheidet, was mit ihm geschieht. Und jeder Patient hat natürlich auch das Recht, mehrere Ärzte zu konsultieren. Zum zweiten werden immer mehr Menschen lange vor ihrem Tod zu Pflegefällen. Ärzte müssen darauf achten, ihre Autonomie möglichst lange und ihre Würde bis zum Tod zu achten. Das im täglichen Stress nicht immer einfach. Aber genau deshalb gehört es in den Katalog richtigen ärztlichen Handels.
  • „I WILL ATTEND TO my own health, well-being, and abilities in order to provide care of the highest standard; (Ich werde auf meine eigene Gesundheit, mein Wohlbefinden und meine Fähigkeit achtgeben, um [meinen Patienten] den höchsten Behandlungsstandard zukommen zu lassen).“
    Das ist wirklich ein frommer Wunsch. Der Berufsalltag ist nicht gerade gesundheitsfördernd, und die ausgedünnten Stellenpläne sind schon darauf angelegt, dass Überstunden entstehen. Kein noch so erschöpfter Arzt kann nach einem Nachtdienst einfach nach Hause gehen. Da hilft auch kein Gelöbnis. Der Hungerstreik von 20 jungen Ärzten in Polen zeigt, dass es in anderen Ländern auch nicht besser zugeht, sondern im Gegenteil, noch deutlich schlimmer. Das muss sich ändern, auch im Interesse der Patienten.
  • „I WILL SHARE my medical knowledge for the benefit of the patient and the advancement of healthcare (Ich werde mein medizinisches Wissen weitergeben, zum Wohle des Patienten und für den Fortschritt des Gesundheitswesens);“
    Endlich! Medizinisches Wissen muss der Allgemeinheit zugänglich sein. Nach dem Wortlaut des Gelöbnisses soll es keine geheimen Wundermixturen oder obskuren Therapien mehr geben. Letztlich schreibt auch dieser Absatz aber nur fest, was bereits Standard ist. Wer Anerkennung möchte, ist gezwungen, seine medizinischen Erkenntnisse zu veröffentlichen.
    Außerdem haben die Delegierten den Passus ergänzt:
  • „I WILL PRACTISE my profession with conscience and dignity and in accordance with good medical practice;
    Der ständig ergänzte und veränderte Standard „good medical practice“ verlangt stete Weiterbildung; das ist jetzt auch in die Genfer Deklaration eingezogen.

Zudem ist jetzt nicht nur die Gesundheit, sondern auch das Wohlbefinden der Patienten (und das eigene) Ziel ärztlichen Handelns. Das ist vielleicht etwas viel verlangt. Das Wohlbefinden hängt beispielsweise davon ab, ob jemand im Beruf zufrieden ist, in einer glücklichen Partnerschaft lebt, oder keine drückenden Schulden hat. Aber den guten Doktor als universellen Lebenshelfer gibt es eigentlich nur in Arztserien.

Praktische Auswirkungen

Viele Medizinstudenten hören vom hippokratischen Eid oder vom Genfer Ärztegelöbnis im Studium. Ob sie einen der beiden Texte im Rahmen einer Abschlussfeier selbst sprechen, hängt von der einzelnen Universität ab. Eine generelle Regelung gibt es in Deutschland nicht. In Harvard schreibt jeder Jahrgang sein Gelöbnis selbst – was ich für eine sehr gute Idee halte (Quelle: DocCheck).

Im täglichen Betrieb hat das Gelöbnis nicht mehr Wirkung als ein Silvestervorsatz. Das ist aber auch eigentlich nicht wichtig. Es hat trotzdem einiges Gewicht, denn es gibt darüber Auskunft, wie der Weltärztebund die ideale Rolle des Arztes in der modernen Welt sehen möchte. Das ist auf jeden Fall ein Ansatz, über den man diskutieren kann.

 

Martina Grüter ist Medizinerin und befasst sich seit 2001 der angeborenen Prosopagnosie, einem erblichen Defizit in der Gesichtserkennung und Verarbeitung. Das Thema hat ihr gezeigt, wie vielschichtig die Verarbeitung von Informationen im Gehirn sind und wie wenige Erkenntnisse wirklich gesichert sind. Worte und Sprachen haben sie von jeher fasziniert.

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben