Am Anfang war das Wort

BLOG: Babylonische Türme

Vom Nutzen und Missbrauch des Verständigungsmittels Sprache
Babylonische Türme

Keine Sorge, dies wird keine theologische Betrachtung oder eine Diskussion über den Kreationismus ;-).

Ich werde mich in Zukunft in diesem Blog mit den verschiedenen Ebenen der Sprache beschäftigen. Wie wir Sprache nutzen, ausbeuten, benutzen. Wo sie uns irreführt oder verführt. Wo Missverständnisse entstehen oder erzeugt werden. Also eigentlich eine ganz alltägliche Sache, aber

Warum ist die Fähigkeit der Sprache so was Fantastisches?

Als ich noch Schüler war, hat unser Biologielehrer uns gesagt, dass die Neandertaler gar nicht sprechen konnte und nur nonverbal kommunizierte (hielt ich damals schon für zweifelhaft).

Sprache gründet sich auf bestimmten anatomischen, psychologischen, soziologischen, neurologischen und sozialen Strukturen. Vermutlich hatte der Homo sapiens gerade passende Mutationen in der Evolutionslinie durchlaufen, die dann den Spracherwerb ermöglichte.

Andere Tiere verständigen sich per Sprache, aber nur der Mensch kann auch abstrakte Inhalte kommunizieren. Bereits im Altertum galt Sprache als Mittel der Beschwörung, ja geradezu als göttliches Privileg.

Nach einem alten ägyptischer Schöpfungsmythos von Memphis hat der Gott Ptah (Gott der Handwerker und Baumeister) durch die Wesen, die er erschaffen wollte, in seinem Geist ersonnen und ihnen durch Aussprechen Leben verliehen.

In der Genesis 1,3 heißt es:

Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht.

Auch hier liegt die Betonung auf der Sprache. Gott erschafft durch den Befehl (nun ja, hohe Herren befehlen eben gerne). Die Sprache, so glaubten die Menschen schon lange, beschreibt nicht nur die Welt, sie erschafft Welten. Seit grauer Vorzeit erzählen die Menschen sich Geschichten und schaffen mit der Sprache die Vorstellung von Riesen, Zauberern und vergangenen Heldentaten. Aber die Sprache ist auch das Vehikel des Missverständnisses. Ein prominentes Beispiel: Das Evangelium des Johannes beginnt folgendermaßen:

Im Anfang war das Wort,
und das Wort war bei Gott,
und das Wort war Gott.
Im Anfang war es bei Gott.
Alles ist durch das Wort geworden,
und ohne das Wort wurde nichts,
was geworden ist.

Das muss wirklich ein mächtiges Wort sein! Leider ist es im Original gar kein Wort. Das Original des Evangeliums ist in Griechisch geschrieben und für Wort steht dort Logos. Übersetzt heißt das Wort, Sprache, Rede, Spruch, Wort, Kunde, Lehre, Argument, Gedanke, Vernunft. Die zur Zeit der Bibelentstehung sehr verbreitete Schule der Stoiker betrachtete Logos im Sinne von Vernunft oder Vernunftprinzip als Urgesetz, als ruhenden Urgrund der Welt. Eine genaue Übersetzung von Logos gibt es also nicht, „Wort“ ist aber zweifellos irreführend. Gott wird in dieser Vorrede mit dem Vernunftprinzip gleichgesetzt, dem das gesamte Universum beherrschende Orndungsprinzip. Wenn es im weiteren heißt: „Und das Wort ist Fleisch geworden“, dann wird Jesus damit als Verkörperung (Inkarnation) des göttlichen Weltprinzips vorgestellt.

Sprache ist im Grunde eine noch „junge“ Entwicklung in der Evolution. Um so fazinierender wird der Gebrauch und die Nutzung der Sprache. In diesem Blog werde ich mich mit Verständniss und Missverständnissen der Sprache beschäftigen, ihren Ursachen und ihren Folgen. Für den Anfang hier ein kleines „Fundstück“ – die Worte, Unworte /Sätze und Unsätze des Jahres sind in der Wikipedia zusammengestellt unter Berücksichtigung der verschiedenen deutschsprachigen Länder.

Martina Grüter

Martina Grüter ist Medizinerin und befasst sich seit 2001 der angeborenen Prosopagnosie, einem erblichen Defizit in der Gesichtserkennung und Verarbeitung. Das Thema hat ihr gezeigt, wie vielschichtig die Verarbeitung von Informationen im Gehirn sind und wie wenige Erkenntnisse wirklich gesichert sind. Worte und Sprachen haben sie von jeher fasziniert.

14 Kommentare

  1. Die richtigen Worte finden

    Ich freue mich auf reichlich Informationen über das wesentliche Thema in der jüngeren Menschheitsentwicklung, darüber, was Sprache für den Menschen als individuelles Wesen und als Artgemeinschaft „bedeutet“.
    In der Diskussion über Zustände unserer Bildung (an sich und als System) wird leider die Bedeutung der Sprache übersehen. Ich verneine vehement, dass Sprache z. B. ein Maßstab für Intelligenz ist, vor allem wenn davon ausgegangen wird, dass sie sich z. B: streng an einem Duden (oder anderen Standard) orientiert. Dann sollten wir schon eher Kommunikation als solche, bzw. in der Qualität einer Kommunikation Hinweise bezüglich Intelligenz sehen. Ohne dass ich jemanden zu nahe treten oder gar beleidigen möchte, die (bildlichen) Ausdrucksformen der heute gängigen Sprache ist ein deutliches Zeichen über die Formen des Miteinanders unserer Gesellschaft. Ein redender Mensch erzählt (mehr oder weniger unbeabsichtigt) sehr viel über sich und seine Art zu „denken“. Mir ist alles andere als Wohl zumute, den heutigen Ausdrucksformen folgen zu müssen. Sprache und Bewusstsein haben sicher einen gemeinsamen Ursprung, fördern und formen sich gegenseitig. Das Eine funktioniert nur zusammen mit dem Anderen. Etwas provokativ ausgedrückt ist: Jeder Mensch legt sicher großen Wert darauf, dass er von seinen Mitmenschen (richtig) verstanden wird, obwohl es sicher auch seine Zeit dauern kann, seine eigene Sprache über das alltägliche hinaus zu entwickeln.

    mfG

  2. @ Grüter – Anfang

    Zum Anfang:
    Guten Tag und willkommen im Kreise der Freunde des Wortes!

    Zum Anfang:
    “en archai en ho logos” – selbst wenn “logos” so vieldeutig ist, wie es ist, enthält der Satz doch eine deutliche Aussage. “Logos” ist, in all seiner schimmernden Vieldeutigkeit doch stets eines: ein Abstraktum.

    Ich wäre geneigt, den Johannes 1,1 als eines der Gründungsdokumente des Idealismus zu lesen.

  3. Whorf

    Ein großes Thema, zu dem Benjamin Lee Whorf (Sprache, Denken, Wirklichkeit 1963) schrieb:

    „Wir müssen mehr über die Sprache herausfinden. Schon jetzt wissen wir genug, um uns darüber klar zu sein, daß sie nicht das ist, wofür sie von der großen Majorität aller Menschen, seien es Laien oder Wissenschaftler, gehalten wird. Die Mühelosigkeit, mit der wir sprechen, ohne etwas von dem komplizierten Mechanismus zu ahnen, den wir dabei benutzen, erzeugt eine Täuschung. Wir bilden uns ein, zu wissen, wie es gemacht wird und daß nichts Geheimnisvolles daran sei. Wir kennen alle Antworten. Aber – wie falsch sind diese Antworten. Es ist wie mit den unkorrigierten Sinneseindrücken, die dem Menschen ein einfaches sinnfälliges und zufriedenstellendes Bild der Welt geben, aber eines, daß sehr weit von der Wirklichkeit entfernt ist.“ (S.51)

    Mein Vorschlag für die Übersetzung von Logos im Johannesev: “Am Anfang war der Sinn…”.

    Davor war kein Sinn, das heißt: Darüber läßt sich nicht reden, Sprache ist auf Sinn angewiesen.

    Dabei verwende ich Sinn entsprechend N. Luhmanns Systemtheorie als eine Konstruktion, die in selbstreferentiellen, psychischen oder sozialen Systemen aus Unterscheidungen gebildet wird.

    Mfg
    S.R.

  4. nano nano

    Hallo,
    ich freue mich auf ihre Beiträge, Sprache halte ich für das wichtigste Element, zur Ergründung des menschlichen Geistes.
    Vielleicht sind Sie ja auch jemand, der einem den Verbrennungsmotor erklärt. Denn Herr wicht lässt uns ja vor allen, an seinem schnittigen Durchgleiten der Landschaft teilhaben.

    Gruß Uwe Kauffmann

  5. @Rehm

    Hallo,
    nichts passiert von alleine.

    Ihre Aussage:”Am Anfang war der Sinn…”

    Am Anfang steht nie der Sinn, am Anfang steht immer das Problem (Not).

    Gruß Uwe Kauffmann

  6. dies & das

    Da das Alte Testament (hier Genesis) jüdischen Ursprungs ist (siehe Tora), muss der zugrunde liegende Text auch in Hebräisch oder einer noch älteren Sprache verfasst sein. Soweit sich eine geschichtlich authentische Person Moses (oder der Israeliten allgemein) nachvollziehen lässt, führen die Spuren ins Zweistromland, also nach Babylon oder zu noch älteren Volksstämmen. Also liegt es auch nahe, die Bedeutung des Genesistextes hierhin zurück zu verfolgen.
    Darüber hinaus lag Anfangs der ursprüngliche Sinn (Bedeutung) von Begriffen sicher in der „Außenwelt“. Der Mensch ist ein Kleingruppentier (wer mag auch Großfamilien-Clans). Seitens Evolution ist es eindeutig ein Überlebensvorteil in solchen Gruppen miteinander beiseite zu stehen, sich gegebenenfalls zu unterstützen und zu ergänzen. Das erfordert eine detaillierte Kommunikation. Die vorrangige Arbeit ist, sich auf einen „Code“ zu einigen. Sicher hat die Notwenigkeit, bestimmte Dinge zu definieren und sich über äußere Gegebenheiten zu einigen zur Förderung einer allgemeinen Sprache beigetragen. So gesehen sind Worte (Begriffe) in erster Linie das Abbild der äußeren Welt. Der eigentliche Evolutionsschub war jedoch die zunehmend bewusste Reflektion der eigenen Person innerhalb dieser Welt, die dazu geführt haben muss, auch persönliche Vorstellungen zu definieren und sich auch, sagen wir auf Begriffe für eine „innerer Welt“ zu einigen. Die Folge davon war, dass nun auch Bedürfnisse, also ein (persönlicher) Mangel oder „Wunsch“ detailliert kommuniziert werden konnte. Umso erstaunter waren Verhaltensforscher, das z. B. Schimpansen oder Gorillas, die zusammen mit Menschen eine umfassende Symbol- oder Zeichensprache lernten, nun imstande waren, ihre persönlichen Gefühle (Bedürfnisse) als solche und Situationsbezogen zu äußern. Alles in allem sicher eine fantastische Entwicklung.
    Daraus folgt allerding auch zwangsläufig, dass sich aus der Verwendung heutiger Begriffe auf den „inneren Zustand“ unserer Gesellschaft schließen lässt. In diesem Zusammenhang finde ich den Wiki-Link (siehe oben … die Worte, Unworte /Sätze und Unsätze des Jahres) für Beispielhaft, wie es offensichtlich um unser Denken (das ja dem Reden immer vorausgehen sollte) bestellt zu sein scheint. Ein Grund mehr, daran mitzuwirken, dass sich (hoffentlich) immer mehr Menschen dessen bewusst werden (… sollten?). Und erst recht ein Grund, diesen Blog reichlich mit Worten zu füttern …

    mfG

  7. @Kaufmann

    Es ging um die Übersetzung von LOGOS im Johannesev. “Problem” oder “Not” passen da garnicht, “Sinn” ist zutreffender.
    “Sinn” ist auch eine Brücke zum TAOismus,
    denn Sinn=Tao.

    S.R.

  8. @ all

    Hallo,

    danke für die nette Aufnahme und die vielen Ansätze.
    Ich werde im Sinne der Interpretation des Faust aktiv ” Am Anfang war die Tat” und den nächsten Eintrag über Sprache & Genetik aufsetzen.

    lg
    Martina

  9. @Rehm

    Hallo,
    Sie haben natürlich Recht das war eine unzulässige Operation auf Ihren Kommentar.

    Aber ich konnte nicht widerstehen. 🙂

    Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass die ernsthafte persönliche (für den Gläubigen) psychische Nutzung eines Gottesbildes, vor der Entwicklung der Sprache liegen kann.

    So bleibt vor der Erlangung zunehmender Abstraktionfähigkeit, das Problem und die damit verbundene Emotion bestimmend.

    Na da hab ich mal wieder ein paar Jährchen unter die Strenge geschlagen.

    Leider [ 🙁 ] haben wir ja keinen entspechend spezialisierten Kulturhistoriker in der Runde, der uns Pinwandnadeln auf den Zeitstreifen setzt und mit für uns verdaulichen Kommentaren versieht.
    Ein Wort wandert durch die Zeiten, in dem
    Fall wohl von den Anfängen der Hochkultur, wenn man den Sinn damals wohl auch noch nicht Logos nannte.

    M.f.G Uwe Kauffmann

  10. Logos

    Wenn Johannes das Wort Logos gebrauchte, dann verstand er darunter etwas anderes, als es die Stoiker zu tun pflegten. Das ist schon allein daran ersichtlich was dieses Wort beschreibt, denn dadurch gibt Johannes dem Wort Logos eine neue Bedeutung. Das Wort war schon vor der Schöpfung “Im Anfang” und letztendlich wird es auch noch zu Fleisch, indem Gott Mensch wurde (-> Jesus Christus). Nicht das göttliche Weltprinzip wird Fleisch, sondern Gott selbst. Diese Personalisierung von Logos gibt es bei den Stoikern nicht.

    Woher könnte Johannes also die Bedeutung des Logos genommen haben, wenn nicht von den Soikern? Sehr wahrscheinlich vom Hellenistisches Judentum und insbesondere von Philon von Alexandria (Abschnitt “Gott und die Welt“). Philo verbindet zugleich alttestamentliche, schöpferische Aussagen mit dem Wort, stoische Aussagen (Logos als Weltseele) sowie platonische Aussagen (Logos als Urbild der Weltschöpfung). Wenngleich er Logos nicht so personalisiert gebraucht wie Johannes, die Bedeutung ist recht ähnlich.

  11. @Huhn

    Hallo,
    danke eine sehr schöne Anregung, werde sie mit auf den Hundespaziergang mitnehmen.

    Gruß Uwe Kauffmann

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