Geschichten zum Sternhimmel

BLOG: Astronomers do it at Night

…und auch tagsüber
Astronomers do it at Night

Jäger und Sammler waren die Vorfahren des heutigen Menschen, und passend zum dazugehörigen Geschlechterbild wäre ich als Frau eine Sammlerin. Stimmt auch, ich gehöre zu den Leuten, die nichts wegwerfen können, und das gilt insbesondere für Zeitschriften und Bücher. Von vielen astronomischen Zeitschriften finden sich in den Regalen auf meinem Dachboden Exemplare, die doppelt so alt sind wie ich, wohl sortiert wenn auch nicht immer in allerbestem Zustand. Und so habe ich mich auch sofort gemeldet, als es hieß, daß die Bibliothek der Hamburger Gesellschaft für volkstümliche Astronomie mehrere Zeitschriften komplett aussortiert hat , um den Bestand zu verkleinern. Unter anderem stand das englischsprachige Magazin Astronomy zur Disposition, das stetig mit dem ebenfalls aus den USA stammenden Konkurrenten Sky & Telescope weltweit um Marktanteile ringt. Astronomy habe ich früher viel gelesen, als ich noch jeden Morgen von Lübeck aus mit der Bahn zur Uni gefahren bin. In einer gut sortierten Bahnhofsbuchhandlung kann man nämlich ganz hervorragend die Wartezeiten durch die regelmäßigen Verspätungen der Pendlerzüge verbringen. Bis heute habe ich mir allerdings keine einzige Ausgabe der Zeitschrift auch wirklich gekauft. Dank einer Aufräumaktion bei uns am Institut nach dem Tod eines emeritierten Professors befanden sich aber bereits die Jahrgänge 1976 bis 1979 in meinem Besitz. Nun kamen ich und andere, die sich nach Bekanntwerden als Interessenten für die Zeitschriften gemeldet hatten, zu spät, oder besser gesagt, fast zu spät. Der Großteil war bereits im Altpapiercontainer entsorgt worden. Für mich hat man dann aber auf die Schnelle noch zwei Schuber retten können, die Jahrgänge 1996 und 1997.


Während der Ostertage hatte ich nun endlich die Gelegenheit, mir die Neuzugänge in meinem Zeitschriftenarchiv einmal näher anzusehen. Die erste Zeitschrift, die ich nach Öffnen von Karton Nr. 1 in die Hände bekam, war dann seltsamerweise die Ausgabe Januar 1998. Im Gegensatz zu den anderen Exemplaren in dem Schuber kam dieses Heft recht zerknittert daher, trotzdem erregte der Aufmacher auf der Titelseite sofort meine Aufmerksamkeit: "A Universe You’ve Never Seen Before – Great NASA observatories turn on new lights". 1998 taten von den vier Missionen des Great-Observatories-Programms das Hubble Space Telescope und das Compton Gamma Ray Observatory bereits seit mehreren Jahren erfolgreich ihren Dienst. Hinzukommen sollten noch der Röntgensatellit Chandra (damals noch unter dem Akronym AXAF für Advanced X-ray Astrophysics Facility), dessen Start für August 1998 anvisiert war und die Infrarotmission SIRTF (Space Infrared Telescope Facility), mit deren Bau man im April 1998 beginnen wollte und die dann später den 1997 verstorbenen Astrophysiker Lyman Spitzer zum Namenspaten bekommen sollte. Fast zehn Jahre nach Beginn der Chandra-Mission (natürlich verzögerte sich der anvisierte Starttermin nochmal um fast ein Jahr) fiel mir, die ich regelmäßig mit Daten dieses Satelliten arbeite, also dieser enthusiastische Artikel über die zu erwartenden Entdeckungen im Röntgen- und Infrarotbereich in die Hände. Eine schöne Rückschau auf die damalige Zeit, zumal sowohl Chandra als auch Spitzer die in sie gesteckten Erwartungen inzwischen mehr als erfüllt haben. Ich überflog den Artikel und lächelte, als ich über den Autor, Ray Jayawardhana, las: "an astronomy graduate student at Harvard University, studies star formation". Wie sich die Zeiten doch ändern… "Ray Jay", wie er in Kollegenkreisen genannt wird, ist inzwischen nicht mehr Doktorand sondern Professor im kanadischen Toronto, schreibt aber immernoch fleißig für Astronomy, derweil als Editor.

Wirklich gelesen und nicht nur überflogen habe ich dann aber den Artikel auf den Seiten direkt im Anschluß. Er behandelt auf sechs Seiten das Leben von Robert Burnham Jr., dem Verfasser von Burnham’s Celestial Handbook, und ist die gekürzte Fassung eines Artikels den Autor Tony Ortega im September 1997 für die Wochenzeitung "Phoenix New Times" schrieb. Dank Online-Archiv kann man diesen Artikel heute noch einsehen, und ich kann jedem, der ein wenig Zeit mitbringt, seine Lektüre nur empfehlen. Robert Burnham Jr., Amateurastronom und Autodidakt nicht nur in Astronomie sondern auch in Geschichte und Philosophie, kam in jungen Jahren nach der Entdeckung eines Kometen vom Garten seiner Eltern aus zu einer Anstellung am Lowell Observatory in Flagstaff, Arizona. Dort war er 20 Jahre lang mit der Erstellung eines Kataloges von Sternen mit hoher Eigenbewegung beschäftigt, eine Arbeit am Blinkkomparator, wie sie vom Prinzip her der, die zur Entdeckung des Pluto 1930 durch Clyde Tombaugh (ebenfalls am Lowell Observatory) führte, sehr ähnlich ist. Sein mehr als 2000 Seiten umfassendes Handbuch gab er zunächst in Eigenregie und ohne wesentliche Unterstützung seines Arbeitgebers heraus, Ende der 70er Jahre legte Dover Publishing das Werk neu auf. Kurze Zeit später wurde Burnham von Lowell entlassen, der High Proper Motion Survey war abgeschlossen und eine neue Arbeit ließ sich für ihn nicht finden. Der sowieso schon zurückhaltende, wenn nicht gar menschenscheue Burnham verlor daraufhin den Halt, verschwand mehrmals spurlos und lebte mehr schlecht als recht von den Tantiemen, die ihm Dover zukommen ließ. 1993 starb er an den Folgen eines unbehandelten Herzinfarktes, die Autopsie brachte außerdem viele weitere Krankheiten zutage. Die Mitarbeiter des Reuben H. Fleet Space Theater, des Planetariums von San Diego, in dessen Nähe im Balboa Park Burnham zuletzt seinen Lebensunterhalt durch den Verkauf von Gemälden von Katzen verdient hatte, hatten dem bärtigen ungepflegten Mann, der behauptete der Autor des berühmten Celestial Handbooks zu sein, nicht geglaubt, sie verwechselten ihm mit dem gleichnamigen Herausgeber von Astronomy.


Ich kannte Burnhams traurige Geschichte bis dato nicht, und wie sollte es anders sein, nach ein wenig Internetrecherche über Burnham selber nahm ich dann  abends die drei Bände des Handbooks – vor vielen Jahren als Dover Taschenbuch gekauft und in sicherer Erwartung häufigen Gebrauchs sicherheitshalber in Klebefolie eingeschlagen – aus dem Regal, legte mich aufs Sofa (irgendwann rollte sich auch noch die Katze auf meinem Schoß ein) und begann für mehrere Stunden darin zu lesen. Burnham’s Celestial Handbook ist ein Klassiker, der erst heute langsam in Vergessenheit gerät. Schon als ich es kaufte galten die in ihm enthaltenen Daten teilweise als veraltet, und mein Blick fährt heute nicht nur über die nicht mehr zeitgemäße Schreibmaschinenschrift und die handgemalten griechischen Symbole sondern bemerkt auch das längst nicht mehr verwendete 1950er Äquinoktium und die überarbeitungsbedürftigen Parameter vieler Objekte. Eine Überarbeitung des Materials ist aber wohl eine Aufgabe, die eine einzelne Person über Jahrzehnte hinweg beschäftigen kann, und deshalb hat sich noch niemand ernsthaft daran versucht. Trotzdem bleibt das Handbook für mich eine unerschöpfliche Quelle an Information, nicht nur über die beschriebenen Sternbilder, Sterne und Himmelsobjekte sondern auch an Hintergrundinformation aller Art. Die vielen Geschichten "drumherum" machen Burnham’s Celestial Handbook zu einem unersetzlichen Schatz und einer Fundgrube für Dinge, die man Besuchern beim Blick durch das Teleskop gleich mit auf den Weg geben kann.

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Astronomin in vielerlei Hinsicht, so könnte man mich mit wenigen Worten beschreiben. Da ist zunächst einmal die Astrophysikerin, die an der Hamburger Sternwarte über die Aktivität von Sternen promoviert und dabei hauptsächlich mit den Röntgensatelliten Chandra und XMM-Newton gearbeitet hat, aber auch schon am Very Large Telescope in Chile beobachten durfte. Auslöser ihres beruflichen Werdegangs war ein engagierter Lehrer, dessen Astronomie-AG sie ab der 7. Klasse besuchte. Ungefähr zur selben Zeit erwachte auch die Hobbyastronomin, die anläßlich des Einschlags des Kometen Shoemaker-Levi 9 auf den Jupiter begann, mit einem russischen Feldstecher vom Flohmarkt den Tanz der Jupitermonde zu verfolgen. Heutzutage freut sie sich über jede Gelegenheit, mit ihrem 16-zölligen Dobson tief im Odenwald fernab der Lichter der Rheinebene auf die Jagd nach Deep-Sky-Objekten zu gehen. Und da Amateurastronomen gesellige Wesen sind, treffe ich mich gerne mit Gleichgesinnten, zum Beispiel zum gemeinsamen Beobachten. Auch nach meinem Umzug von der Großstadt Hamburg in das schöne Universitätsstädtchen Heidelberg halte ich engen Kontakt zu meinen Vereinskameraden von der Hamburger Gesellschaft für volkstümliche Astronomie und dem Astronomieverein meiner Jugend, dem Arbeitskreis Sternfreunde Lübeck. Seit einigen Jahren bin ich außerdem in dem Internetforum Astrotreff aktiv, wo ich Teil des Moderatorenteams bin. Um meine Faszination an der Astronomie an andere weitergeben zu können, besonders an Kinder und Jugendliche, habe ich mich seit Jahren in der Öffentlichkeitsarbeit engagiert, habe populärwissenschaftliche Vorträge gehalten und Schülergruppen betreut, die in Hamburg das Institut besucht haben. Diese Leidenschaft habe ich nun zu meinem Beruf gemacht. Hier in Heidelberg arbeite ich in einem kleinen aber feinen Team am Haus der Astronomie. Hiermit lade ich Sie ein, lieber Leser, an all diesen Facetten meines Astronomendaseins teilzuhaben. Mal witzig, mal spannend oder nachdenklich, manchmal auch persönlich oder mit Aha-Effekt. Carolin Liefke

5 Kommentare

  1. Toller Artikel!

    Es stimmt – das Stöbern in alten Büchern und Zeitschriften kann schnell zu einer (zeitraubenden) Sucht werden. In der Volkssternwarte Aachen haben wir ebenfalls eine kleine Sammlung alter Zeitschriften und Bücher. Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich länger als geplant dort bin, eine alte SuW oder S&T in der Hand….

  2. Gedrucktes bleibt

    Hallo Carolin, freut mich, dass Deine Katze auch Geschmack am Celestial Handbook gefunden hat. An Deinem Beitrag kann man schön den Wert von gedruckten Wissen erkennen. Wie Wein werden Bücher und Zeitschriften sogar wertvoller. Das SuW von letztem Jahr beachten wir nicht, doch wenn es zehn Jahre gereift ist, wird es wieder interessant. Was ist, wenn vielleicht eines Tages SuW, Sky&Telescope, usw. nur noch online verfügbar sind? Wer kramt dann noch in Astro-Erinnerungen und erlebt so ganz haptisch Geschichte?

  3. Burnhams Celestial

    Irgendwann fiel auch mir das dreibändige Werk in die Hände und ich kann mich erinnern, alle drei Bände, wie einen spannenden Roman in einem Stück durchgelesen zu haben. Es wäre zu hoffen, daß sich jemand findet, der die Herkulesaufgabe übernimmt, das Werk auf den aktuellen wissenschaftlichen Stand zu bringen um Burnhams Celestial Handbook der Vergessenheit zu entreissen.

  4. Burnham’s Celestial Handbook…

    … ist einer meiner absoluten Favoriten unter den liebsten Astronomie-Büchern (über die ich bald in den KOSMOlogs schreiben werde). Ich kenne nur wenige Werke zur Astronomie, die mehr Arbeit, Schweiß und Blut erahnen lassen wie Burnham’s Celestial Handbook. Wer dieses umfassende Stern-Werk kennt, weiß übrigens, wie intensiv alle “Nachfolger” aus dieser Quelle schöpften und schöpfen werden.

    Die Geschichte Robert Burnhams ist wirklich tragisch; ich wusste bislang nichts von seinem späten Elend. Ein Grund mehr, dieses Meisterwerk weiterhin zu schätzen. Ich sehe in der Form oder in den veralteten Daten (Daten sind generell in jedem Druckwerk bereits bei Druckleguing veraltet) kein Problem. Im Gegenteil: Gerade die antiquiert anmutende Form des Werks lässt seine Inhalte um so heller strahlen.

    Deine Blog-Beiträge sind übrigens durchweg klasse und bereichern die KOSMOlogs ungemein! 🙂

    Viele Grüße, Stefan

  5. Hallo Carolin,
    ich bin durch einen Zufall auf deine Seite gestoßen und fand deinen Artikel sehr interessant. Mein Lebensgefährte interessiert sich nämlich für Astronomie und ich bin auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk. Vielen Dank für die `Tipps`. 🙂

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