Die Porträts der Römer: Irrtümer in weißem Marmor

Sie möchten einen Römer sehen? Nichts leichter als das: Zahlreiche Skulpturen, Fresken, Münzen und Malereien laden in Museen ein, sich Gedanken über das Aussehen der römischen Zeitgenossen zu machen. Doch was die wenigsten wissen: Die typisch, weißen Marmorskulpturen haben mit dem tatsächlichen Aussehen der römischen Zeitgenossen wenig gemein. In der neueren Forschung hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Porträts weniger darauf ausgerichtet waren, individuelles Aussehen abzubilden, ähnlich einer Fotografie, sondern vor allem Macht und Prestige repräsentieren sollten. Abhängig von der Aufstellungsart, dem Ort und der sozialen Position hatten Porträts die Aufgabe den Rang und die Leistung einer Person zu kommunizieren.[1] Die heute typischen weißen Marmorporträts und -skulpturen in den Museen waren in römischen Zeiten zudem bunt bemalt. Das Bildbeispiel zeigt einen möglichen Rekonstruktionsversuch. Solche Rekonstruktionen basieren auf winzigen Farbfragmenten, welche die Zeit überdauert haben.

Die Interpretation von Porträts bildet einen zentralen Gegenstand der römischen Archäologie. Einerseits, weil die überlieferten Bildnisse sehr zahlreich und weit verbreitet vorhanden sind. Auf der anderen Seite weil die Porträts Vorstellungen und Mentalitäten widergespiegelt. Insbesondere die römischen Kaiser und ihre elitären Zeitgenossen haben eine große Anzahl an Porträts hinterlassen. Aus diesem Grund sind es wichtige Quellen für die Kaiser- und Sozialgeschichte. Porträts von Privatpersonen können, wenn es keine Inschrift gibt, nur selten benannt werden. Die Analyse der Inschriften auf Porträts hat einen ganz eigenen Forschungszweig herausgebildet, die ‚Epigraphik‘.

Anhand von Kleidung, Stil und Haartracht können die Porträts fast immer einer bestimmten Epochen zugewiesen werden. Auch der Fundort spielt eine wichtige Rolle in der Interpretation. Sehr oft kann aus diesen Indizien ein Aufstellungskontext rekonstruiert – öffentlich, privat, sepulkral – und einer gesellschaftlichen Gruppe zugeordnet werden. Bei einer Interpretation müssen auch die Auftraggeber, das Publikum und die Form der Inszenierung berücksichtigt werden.[2]

 


 

[1] Vgl. Tonio Hölscher: Klassische Archäologie. Grundwissen, 2., überarbeitete Auflage, Darmstadt 2006, S.247.

[2] Vgl. Hölscher: Klassische Archäologie, S.235-257.

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12 Kommentare Schreibe einen Kommentar

    • In gewisser Weise vielleicht schon. Allerdings hat man Farbspuren schon im frühen 19. Jahrhundert festgestellt, vielleicht auch schon früher. Und die antiken Quellen sprechen auch vom Fassen der Marmorskulpturen.
      Trotzdem blieb der Klassizismus weiß. Im späteren 19. Jahrhundert experimentierten Künstler aber auch schon mit farbigen Skulpturen, oft aber eher mit unterschiedlichen Materialien. Rodin wusste sehr wahrscheinlich, dass antike Skulpturen farbig waren.
      Holzskulpturen wurden seit dem Mittelalter farbig gefasst. Wenn man solche Farbfassungen mit den Rekonstruktionen der Archäologen vergleicht, wirken letztere plump und flach. Es wird auch in der Antike große Qualitätsunterschiede gegeben haben. Manche Fassmaler waren berühmte Künstler, andere bestimmt nur bessere Handwerker.

  1. Also im Klartext bedeutet das die die Skulpturen wurden mit Absicht ansehnlicher gestaltet als die Person in Wirklichkeit aussah. Ähnlich wie heute Leute in Photoshop bearbeitet werden?

    • Kennen Sie nicht die Frage des Porträtmalers „Schon oder ähnlich?“

      Man hat die Bildnisse gewissen Werten angeglichen. Frauen wurden stärker idealisiert, persönliche Züge zurückgedrängt. Männer wurden in der späten Republik als vom Leben gehärtet und erfahren dargestellt, d.h. mit Falten, strengem, wissenden Blick. Unter auf Augustus wird wieder stärker optimistisch idealisiert usw. usw. In der Regel waren die Kaiserbilder die Trendsetter und die meisten Privatleute glichen sich dem an.

      • Frauen wurden stärker idealisiert, persönliche Züge zurückgedrängt. Männer wurden in der späten Republik als vom Leben gehärtet und erfahren dargestellt […]

        Damit ähnelt die Antike doch sehr der heutigen Zeit, nicht wahr? 😉

        In der Regel waren die Kaiserbilder die Trendsetter und die meisten Privatleute glichen sich dem an.

        Warum eigentluch, offiziell gab es doch noch die Konsule und den Senat?

        • Es gibt noch viel mehr Ähnlichkeiten über alle Zeiten. Es gibt auch Kulturen, wo die Männer viel auf Schönheit geben, die Griechen interessierten sich wohl auch mehr als die Römer für Schönheit.
          Aber ich kenne keine Kultur, wo Frauen nichts auf ihre Schönheit geben, gelegentliche, nicht allzu große Subkulturen vielleicht mal ausgenommen.

          Die römische Bevölkerung wusste schon, wer die Macht hatte. Die Kaiserporträts waren offizielle Bildnisse, die Vorlagen wurden im ganzen Reich verschickt, um lokal kopiert zu werden. Es gab manchmal auch „Neuauflagen“, neue Typen, weil der Kaiser nun anders „gesehen“ werden wollte. Die Kaiserporträts standen höchstwahrscheinlich in Amtsstuben und Tempeln und vertraten die Autorität des Kaisers. Es waren keine Privatbildnisse.

  2. Wenn die heute weißen römischen Mamorskulpturen früher bunt gewesen sein sollen, warum sind dann die ursprünglich bunten römischen Freskenmalereien heute noch bunt?

    Macht und Prestige kann man auch durch die Form und marmorfarben darstellen!

    • Die Wandmalereien im Inneren Gebäuden waren geschützter vor Witterung und Licht geschützter als Skulpturen und Wandmalereien in Wandelhallen. Die griechischen Meisterwerke der Malerei, die nach Rom gebracht wurden, sind dort offenbar mit der Zeit verblasst und durch Witterung beschädigt worden.
      Möglicherweise haftet Malerei auf Marmor auch nicht so gut wie auf Putz, das weiß ich nicht. Manche Pigmente sind nicht haltbar, verblassen und/oder verfärben. Als Statuen ausgegraben wurden, fand man oft noch gut sichtbare Spuren, die manchmal dokumentiert und später verblasst sind. Oft wurden die Statuen aus restauriert, um sie präsentieren zu können. Man wollte fragmentierte Skulpturen. Dabei wurden auch die Oberflächen geputzt.
      Wenn in der Malerei Fresko-Technik verwendet wird, dringt die Farbe in den Putz ein und verbindet sich dort fest mit ihm. In der Wandmalerei wurden meistens Mischtechniken aus Fresko- und Temperamalerei verwendet, heißt es. Die Wände in Pompeji sind bis zur Verschüttung nicht so lange exponiert gewesen, höchsten ca. 180 Jahre.

  3. 2 Fragen:
    1. Seit wann wissen wir, dass die römischen Skulturen bemalt waren? Wann hat sich diese Erkenntnis durchgesetzt?
    2. Ich habe gelesen, dass die römischen Statuen mehr als die griechischen die reale Person darstellten, während eben die griechischen mehr ein abstraktes Ideal darstellten.
    Ist das in der Form noch zu halten?

    • 1. In Bezug auf die römische.Porträts weiß ich das nicht genau, aber schon Winkelmann wusste, das die antike Skulptur bemalt war. Das gilt übrigens auch für die Architektur, die dekorativen Elemente waren bemalt.
      Die Erkenntnis hat sich aus ästhetischen Gründen nicht oder nur mühsam durchgesetzt. Das hat nicht nur mit der Antike zu tun, sondern mit der Ästhetik des Klassizismus und der Auffassung von Form und Farbe in der europäischen Kunst der Neuzeit. In der Kunsttheorie galt zumeist die Zeichnung (d.h. der Entwurf, der gezeichnet wurde) mehr als die Farbe, die hinzu trat. Die Zeichnung war die intellektuelle, künstlerische Leistung. Das Bemalen von Skulpturen galt als dann im Klassizismus als Übertretung der Gattung Skulptur in die Malerei. Winkelmann fand das Bemalen von Marmor und Stein „barbarisch“. Ich erinnere mich auch an ein Zitat von einem Klassizisten, Adam Friedrich Oeser, Lehrer an der Zeichenakademie in Leipzig, sinngemäß zitiert: „Hüten Sie sich vor der Farbe. Sie ist die Schlange, die aus dem Paradies der Kunst führt.“

      Zur antiken Farbigkeit gibt es eine gute Publikation anlässlich einer Ausstellung in München: Bunte Götter. Die Farbigkeit antiker Skulptur. Glyptothek München 2004. Da gibt es einen Aufsatz von Andreas Prater, Streit um Farbe, zu diesem Thema.

      2. Ich denke schon. Die römischen Porträts gingen, soweit ich weiß, von den römischen Totenmasken aus und nahmen dann die Tradition der griechischen Porträtkunst auf, als diese in die hellenistische Phase trat, wo zunehmend realistische Elemente aufgenommen wurde. Private, römische Grabporträts zeigen typischerweise realistische Züge. Sofern der Künstler auf ein Vorbild zurückgreifen konnte, lebendes Modell, Totenmaske oder eventuell ein älteres Porträt zu Lebzeiten, wird er auch versucht haben, das Porträt irgendwie ähnlich zu gestalten. Ansonsten hätte es keinen Sinn gemacht, bei Sarkophagen z.B. die Köpfe der Verstorbenen in Bosse zu lassen und erst bei der Anfrage der Kunden, der Nachfahren, das Porträt auszuarbeiten.

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