Vom Wesen des Akademikers alten Schlages

Prof. Dr. H.W. Troeckner ist der gewesene, mittlerweile pensionierte Direktor des Instituts für Virologie der medizinischen Fakultät der Universität X in Y. (1) Nomina sunt omina: Sein Humor war trocken, seine Eloquenz gefürchtet, um nicht zu sagen: gelegentlich giftig. Und “Virologie” ist ja verbatim die Wissenschaft vom “Gift”, denn nichts anderes heisst “Virus”. Ausserdem hatte er natürlich Latinum. Und Graecum. Und, wie gesagt, eine große Klappe (die er sich aber auch leisten konnte). Und stets lag er im Streit mit der Verwaltung der Fakultät und der Klinik, wie sich das für einen rechten Ordinarius gehört.

Allerdings wollte sein Schicksal, dass er – selber Sohn eines Ordinarius – nicht auf ein Ordinariat gelangte, sondern nur auf eine schäbige C4-Stelle einer planmässigen Professur, denn die Ordinariate waren in dem Bundesland, in dem er tätig wurde, schon lange abgeschafft. In der Gremienuniversität musste er sich behaupten, ein sehr lebendiges Fossil im dauernden Clinch mit einer – wie er meinte – versteinernden, lähmenden Verwaltung.

Nun gelangte die Leitung der besagten medizinischen Fakultät eines Tages zu der Einsicht, dass man tatsächlich insgesamt am Versteinern sei, will heißen: dass generell in Forschung und Lehre zu wenig getan werde, allgemeines Faulenzertum und Schlendrian – und in der Tat brachten diverse Laborbegehungen in manchen Instituten in den Schränken der Labors mehr leere Schnapsflaschen als chemikalische Reagenzien ans Licht. Ergo musste ein System der “Leistungsanreize” her – man kennt das: Publikationen zählen, Impact-Punkte summieren, Doktorandenzahlen addieren usf., und dann die Geldmittel, die einem Institut zufliessen, von eben diesen Leistungen abhängig machen. Leistungsorientierte Mittelvergabe.

In der Gremienuniversität müssen die Gremien – in diesem Falle der Fachbereichsrat – derlei Vorhaben zustimmen. Prof. Troeckner, der im Fachbereichsrat saß, stimmte gegen die Leistungsanreize. Mit der lapidaren Begründung: “Brauche ich nicht. Ich bin Professor. Ich leiste von selbst.”

Was er übrigens tat. Zwar war er kein Ordinarius, aber er führte seinen Laden so. Und er kam zu einigem Ruhm, denn er ist der Mitentdecker des SARS-Virus, das zu seinen aktiven Zeiten grassierte.

Dann kam der Tag seines Abschieds von der Fakultät und er hielt, wie es dort Usus war, eine Abschiedsvorlesung. Der Hörsaal war brechend voll. Universitätsleitung, Fakultätsleitung, prominente Vertreter der Fachgesellschaften, die ganze Klinikumsverwaltung – alle da.

Prof. Troeckner stand hinter den Katheder und plauderte aus dem virologischen Nähkästchen und dem Stegreif. Sein Vortrag ähnelte stets so ein wenig einem Singsang – leichtfüßig, melodiös kamen seine Sätze daher, scheinbar harmlos, freundlich, unverfänglich … und so erzählte er natürlich auch von der SARS-Sache.

“Wissen Sie, damals, als das mit der SARS-Geschichte so richtig losging, als der erste Kranke mit dem Flieger zu uns nach Y kam, ich weiß es noch ganz genau, ein Wochenende war das, ein Sonntag, da bin ich mit meiner Frau im Auto spazierengefahren. Und wir haben das im Autoradio gehört, dass der am Flughafen angekommen sei. Da sagt meine Frau zu mir:

‘Hans Wilhelm”, sagt sie, ‘Hans Wilhelm, ich glaube, Du solltest jetzt in Deinem Institut sein.’

‘Ich denke’, sag’ ich, ‘Du hast recht, Schatz.’

Da sind wir dann ins Institut gefahren. Und, wissen Sie, als wir dort ankamen, da waren alle vom Institut schon da: die Assistenten, die TAs, die Ärzte, die Oberärzte — alle standen auf der Matte, alle, mein ganzes Institut. Und das …”

(an dieser Stelle richtete Professor Troeckner seinen Blick auf die Vertreter der Klinikums- und Fakultätsverwaltung in der ersten Reihe)

“… und das ganz ohne Zutun der Verwaltung.

Das war der schönste Tag in meinem akademischen Leben.” (2)

Finis.

Fußnoten:

(1) Datenschutz. Er heisst nicht so, und die Uni ist auch woanders.

(2) Wie nennt man denn diese rhetorische Figur, bei der ein federleichter, heiterer Auftakt mit einem ironisch-sarkastischen Hammerschlag am Ende zugenagelt wird?

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Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Helmut Wicht,
    wann schreiben Sie mal Kurzgeschichten über Ihre Erlebnisse. Morbidezza in der Sache, gepaart mit dem Gespür , was Frauen mögen. Viele , viele Leichen, kriminelle Entschlossenheit und die Trauer über gestorbene Liebe.
    So bekommt selbst eine Sektion romantisch-tragische Züge .

  2. @bote19
    Ich hab’, wie jeder Möchtegernschriftsteller, natürlich ein Fragment einer Novelle zu ebenjenen Themen in der Schublade. Das schreib’ ich fertig, wenn ich pensioniert bin, denn
    1.) richtig schreiben, vor allem etwas Längeres als nur Glossen zu schreiben, ist richtig Arbeit.
    2.) sie strotzt vor tatsächlichen Begebenheiten, zu deren Protagonisten man dann doch gerne ein wenig mehr zeitlichen Abstand gewönne.
    Danke, Gruss
    Wicht

  3. Der “Ordinarius” im Römischen war ja was seltsames – steht für: Zenturio, einen Arzt, Architekten oder Hauptsklaven

    https://de.wikipedia.org/wiki/Ordinarius

    Zu H. Wicht Punkt 2):

    -> Sie meinen den zeitlichen Abstand, der durch das Ableben der beteiligten Personen geschaffen wird?
    Unter britischen Juristen gibt es eine Leitspruch/Phrase, der sowas ähnliches meint:
    “Only read when dead”
    Was nur die andere Seite ist: Das Lesen des Outputs seiner Standesgenossen in anderen Regionen des Landes oder der Welt.
    Um nicht wegen der Rezeption des Werkes allein schon geistig in einen Konflikt zu gelangen.

    Das man aber die Rezeption des Werkes den jeweiligen Studierenden durchaus aufzwingt, ist schon verdächtig – wobei zwischen Professor und Student der gewisse Unterschied besteht. Aber das führt wieder zurück auf die römische Definition und Bedeutung von “Ordinarius” (Hauptsklave – eine “Institution”, die Aufgabengebunden dient).

    Ich gehe anhand ihrer Ausführungen über den Professer aus, dass dieser jüngst verstarb, richtig?

  4. Helmut Wicht schrieb (15. Mai 2019):
    > Prof. Dr. H.W. Troeckner ist der gewesene, mittlerweile pensionierte Direktor des Instituts für Virologie der medizinischen Fakultät der Universität X in Y. (1) Datenschutz. Er heisst nicht so, und die Uni ist auch woanders.
    > […] Prof. T[r]oeckner stand hinter den Katheder und plauderte aus dem virologischen Nähkästchen und dem Ste[h]greif. […] “Wissen Sie, damals, als das mit der SARS-Geschichte so richtig losging, als der erste Kranke mit dem Flieger zu uns nach X kam, […]”

    Nach dem eingangs erwähnten X ?? Wenn schon nicht nach Y, dann, um einigermaßen glaubhaft zu verfremden, doch wohl wenigstens nach Z.

    p.s.
    > (2) Wie nennt man denn diese rhetorische Figur, bei der ein federleichter, heiterer Auftakt mit einem ironisch-sarkastischen Hammerschlag am Ende zugenagelt wird?

    Mein Vorschlag: Understatement; wobei das damit verbundene “Zunageln” von den jeweiligen Rezipienten allerdings wahlweise mit Understatement quittiert werden kann …

    p.p.s.
    Josef Honerkamp schrieb (4. März 2019):
    > […] René Descartes entdeckte aber, wie man geometrische Probleme in arithmetische umwandeln konnte.

    (Hier wäre natürlich vorher noch festzusetzen, wie man überhaupt jeweils zu einem bestimmten “geometrischen Problem” gelangt.
    Und eventuell wäre auch zu diskutieren, in wie fern sich anhand von Descartes Entdeckung verschiedene “geometrische Probleme” in das selbe “arithmetische Problem umwandeln” lassen und/oder ein bestimmtes “geometrisches Problem” in verschiedene “arithmetische“.)

    > Das Wissen darum, wie die momentane Geschwindigkeit aus einer zeitabhängigen Ortskoordinate zu berechnen ist, […]

    … beinhaltet sicherlich dass Wissen um den Unterschied zwischen

    – momentaner Geschwindigkeit (z.B. zweier bestimmter materieller Körper, oder zweier bestimmter identifizierbarer Bestandteile solcher materiellen Körper, “im Moment“, bzw. bei jeweiliger Anzeige, ihrer gegenseitigen Passage;
    ggf. verbunden mit den “Richtungs“-Angaben: “vorher aufeinander zu”, und “danach voneinander weg”); und

    – momentaner Koordinaten-Geschwindigkeit eines bestimmten materiellen Körpers bzw. Punktes bzgl. einem bestimmten Koordinatensystem, d.h. der t-Koordinaten-Ableitung eines (Bahn-)”Orts“-Koordinaten-Vektors:
    “d/dt[ x[ t ] ]_(t-Moment)”.

    Vergleichbar u.a. damit, wie zwischen “Inertialsystem” und “Kartesisch-Minkowskisches Koordinatensystem eines Intertialsystems unterschieden wird:

    We should, strictly speaking, differentiate between an inertial frame and an inertial coordinate system […]
    An inertial frame is simply an infinite set of point particles sitting still in space relative to each other.

    > Hier muss natürlich vorher in den Definitionen etwas über Raum und Zeit gesagt worden sein, damit man weiß, was geradlinig-gleichförmig heißen soll. Man muss also wissen, was eine gerade Linie ist

    Ganz recht.
    Was also ist eine “gerade Linie” ?
    Wie, z.B., wäre zumindest im Prinzip zu entscheiden, ob drei voneinander getrennte, “gegenüber einander ruhende Punktpartikel” gegenüber einander “gerade gesessen/gelegen” hätten, oder nicht ?

    > und man muss etwas über den Verlauf der Zeit sagen,

    … konkreter wohl: darüber, wie Zeit zu messen ist, also wie jeweils reell-wertige Verhältnisse zweier Dauern zu ermitteln sind.

    > bevor man von einer gleichförmigen Geschwindigkeit sprechen kann

    … oder sogar von “Geschwindigkeit” überhaupt.

  5. Zu Fußnote 2:

    Contradictio in adiecto

    Erst Singsang, dann Hammerschlag. Die volle Bandbreite der adjektivischen Ergänzung.

    Oder eben der Euphemismus.

  6. @ wappler
    Was soll ich mit denn mit dem Relativismuskram anfangen?
    Den Tippfehler und das “X” habe ich korrigiert, danke.
    Stegreif schreibt man tatsächlich ohne “h”.

  7. @demolog
    Nö, er lebt noch. So, wie ich ihn kenne, wird er nichts gegen diese Laudatio haben,
    “Paraprosdokian” habe ich bei Wiki als ein weiteres schönes Wort, die Stilfigur in etwa bezeichnend, gefunden.

  8. Helmut Wicht schrieb (15. Mai 2019 @ 16:15):
    > Den Tippfehler und das “X” habe ich korrigiert, danke.

    Gern geschehen. (Dieser Anlass bot sich im Zusammenhang mit dem “p.s.” eben so an. …)

    > Stegreif schreibt man tatsächlich ohne “h”.

    Stimmt ja! — ich bitte sehr um Entschuldigung.
    Das hab ich u.a. deshalb ver(-steh)-geigt, weil mir beim leider nur oberflächlichen Enzyklopädieren zuerst der unverdächtig Meinungs-bildende “[[Stehgreif]]” untergekommen war, und nicht der wissenswerte(re)
    [[Stehgreif (Falschschreibung_von: Stegreif#Kompositum_aus{{Steg}}.und.{{Reif}})]]“.

    p.s.
    > Was soll ich mit denn mit dem Relativismuskram anfangen?

    Na: sich als Sachwalter des Prinzips der “Praktischen Konkordanz” betrachten; gemäß dem sowohl Josef Honerkamps Hausrecht Verwirklichung findet, meinen Kommentar vom 4. März 2019 (als auch den vorausgegangenen vom 21. Januar 2019) nicht unter seinen entsprechenden SciLogs-Artikeln zu veröffentlichen, als auch mein Anliegen, diese Kommentare öffentlich und im Zusammenhang mit Prof. Honerkamps Artikeln auffindbar vorzulegen.

  9. @wappler
    Aber dieses Blog ist doch nicht Honerkamps Postfach (das der eh’ nicht leert und liest, und seine Leser auch nicht)!
    Also lassen Sie das, bitte.

  10. Helmut Wicht,
    um noch mal auf den Akademiker zurückzukommen. Jeder , der in einem Abhängigkeitsverhältnis stand, kann ein Lied von “eingenartigen” Vorgesetzten singen. Und nur die Tatsache, dass wir selbst durch das Abhängigkeitsverhältnis daran gehindert wurden, selbst unsere Marotten auszuleben, sind wir “normal” geblieben.
    Eigentlich schade, denn unsere Gesellschaft braucht noch viel mehr Außenseiter, meinetwegen auch Exzentriker, das fördert das Toleranzverhalten.

  11. “dass generell in Forschung und Lehre zu wenig getan werde […] mehr leere Schnapsflaschen als chemikalische Reagenzien”

    Soll das heißen, die saßen teilweise auf dem Trockenem, totale Dürre, nicht mal für Ersatz des Nötigsten wurde gesorgt? (Man beachte, volle oder halbvolle Schnapsflaschen enthalten, laut Duden, chemische Reagenzien.) Was für ein Schlendrian, heute vermutlich unvorstellbar, dank einer perfektionierten Verwaltung.

    “Datenschutz”

    Lachhaft. Aus Wenigem lässt sich alles Erschließen, in Sekunden, in Zeiten des Internets und Big Data. Soviel meine ich bereits gelernt zu haben, wo sein Vater, – H., gerade gelehrt hat, ist der Junge zur Schule gegangen, stimmts?

    “Wie nennt man denn diese rhetorische Figur […]?”

    Gelungen.

  12. @Joker
    🙂
    Ja, damals, wie oft auch noch heute, doerrte das akademische Feld so vor sich hin, dürr und trocken ist und war es, so dass man als Früchte der akademischen Feldarbeit oft nur Doerrobst ernten kann und konnte, es sei denn, man wäre prallen, im alten Saft der Ordinariate gereiften Figuren wie dem Prof. Troeckner begegnet.

    Ich hab’ den sehr gemocht.

    Die Schnapsflaschengeschichte ist auch wahr. Sie datiert in’s letzte Jahrzehnt des vergangenen Jahrtausends.

  13. Bote:
    “… selbst unsere Marotten auszuleben, sind wir “normal” geblieben…”

    Zu Bote:
    “Normal” geblieben in dem Sinne, dass wir uns unter Autoritäten untergeordnet haben und das Maul gehalten haben ?! Ich kenne diesen preußischen Kadavergehorsam, der dieses Land geprägt hat, auch noch aus DDR-Zeiten. Autoritäten durften alles, konnten sich jede Marotte leisten und die Untertanen duckten sich demütig,, um nicht in Ungnade zu fallen. Diese Strukturen sehe ich heute noch in der Politik und Wirtschaft. Nach dem Motto “Des Kaisers neue Kleider” jubelt man dem nackten Kaiser zu, der in Sonnenkönigmanier die Gunst seiner “normalen”Untertanen genießt. Die Deutschen scheinen eine besondere Gabe für diese devote Unterordnung und Speichelleckerei zu haben…

  14. Herr Golzower,
    die DDR Zeit hat ihnen nicht gut bekommen. Zwischen dem Speichellecker und dem Spinner gibt es tausend Varianten.
    Normal ist ein Zwischenstadium, das uns unsere Frauen zubilligen. Alles andere wäre nicht gut.

  15. @ bote19
    17. Mai 2019 @ 11:44

    … unsere Frauen…zubilligen

    -> ja, genau: Ungleichbehandlung. schreiende Ungerechtigkeit. Wer ist denn jetzt “unterdrückt”?

  16. Sehr hübsch, diese kleine Anekdote, auch dieser Satz ‘Brauche ich nicht. Ich bin Professor. Ich leiste von selbst.’ hat einen gewissen Charme, Management und Spitzenwissenschaft sind so eine Sache…

    Vielen Dank, Herr Wicht,
    MFG
    Dr. Webbaer

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