Vom Lateinischen

BLOG: Anatomisches Allerlei

Kopflose Fußnoten von Helmut Wicht
Anatomisches Allerlei

Nein, ich bin kein Linguist, kein Romanist, kein Altphilologe – bloß Anatom. Latinum hab‘ ich zwar (ein sehr großes sogar), aber das ist lange her. Und dann wollte es mein Schicksal (und ich wollte es allerdings auch), dass ich auf meine alten Tage den Damen und Herren Studiosi und Studiosae medicinae in ihrem ersten Semester die Terminologie der Medizin nahebringe. Kurz: Ich mach‘ neuerdings „Termikurse“.

Wie sich das für die, die auf der anderen Seite des Katheders in dem Kursus sitzen, anfühlt (vor allem wenn sie noch nie Berührung mit der lateinischen Sprache hatten), das weiß ich nicht so recht. Scheu sind sie, und still, zumal, wenn man das Ganze als „Zoom“-Konferenz aufziehen muss.

„Virus! Meine Damen und Herren! Virus! Nominativ Singular eines Neutrums auf -us! Virus, viri (neutrum), lateinisch: das Gift. Ein Neutrum! Und — wie lautet da der Nominativ des Plurals?“

(Schweigen)

„Vira! Mit a! Wie alle Neutra im Nominativ Pluralis! Die Viren – Vira! Und nicht: viri! Sonst wären wir ja jetzt in einer virilen Krise, und nicht in einer viralen!“

… und dann fällt mir plötzlich ein, dass ich ja ein alter, weißer Risiko-Mann hinter’m Katheder bin, und von daher schon in einer virilen und viralen Krise, und überlege mir, ob ich den Wortwitz jetzt auch noch machen soll, und ob ich den Studenten (-ierenden?, *innen?) bei der Gelegenheit gleich noch das Wort vir, viri (maskulinum) = der Mann unterjubeln könnte, unter besonderer Berücksichtigung der gender-Problematik, natürlich, aber dann verheddere ich mich in meinen eigenen Assoziationsnetzen und es wird mir auf meiner Seite des Katheders auch ganz schwummrig.

Beim „Gender“ hab‘ ich aber eine Trouvaille gemacht, die ich weder Ihnen noch den Studentierenden*innen vorenthalten konnte oder kann: Ein generisches Femininum! Und das in der (einst) männerdominierten Medizin! Es ist das Wort „collega, collegae“. Das heisst, wenig überraschend, „Kollege“. So reden sich Ärzte untereinander an, wenn sie vornehm sein wollen. Das Überraschende ist, dass das Wort auf -a  endet, und fast alle Substantiva der a-Deklination sind Feminina. Das a am Ende „riecht“ ja sogar im Deutschen noch weiblich. Paulus – Paula. Fritz – Frieda. Berthold – Bertha. Johann – Johanna.

“Collega!“

Schöne Anrede, Männer sind mitgemeint.1

Fanden die Studenten beiderlei Geschlechtes aber irgendwie unspannend. Vielleicht haben sie auch an diesen Rapper gedacht. Wie heisst der doch gleich? Kollegah? Das gibt dann spannende Arztbriefe:

„Liebe*r Kollegah*in,

im Folgenden berichte ich Ihnen über den Verlauf ….“

Es fühlt sich komisch an, hinter diesem Latein-Katheder. Das ist alles so lange her. Ich war jung, als ich neun Jahre lang die Sprache lernte. Und jetzt bin ich so alt und bald auch schon so tot wie die lateinische Sprache. Und derweil ich, auf meine alten Tage, nochmal die Felder der Grammatik, der Flexionen, der Deklinationen durchwandere, bemerke ich, dass dort Blumen blühen, die ich in meiner Jugend übersah, und deren Duft wohl erst dem alten Manne so richtig zu Kopfe steigt. Eine solche Blüte will ich noch lesen, dann ist dieser Aufsatz vorbei.

Flektieren, beugen, deklinieren lernen wir im Termikurs, der mein Schicksal ist, wir bewegen die Worte durch die Fälle, die, von Fall zu Fall, ihre Endungen ändern. Dies, diei, diei, diem, die, dies, dierum, diebus, dies, diebus; gezählt sind unsere Tage und ihrer Fälle viele. Labor, laboris, labori, laborem, labore, labores, laborum, laboribus, labores, laboribus; voller Arbeit sind sie, und voller Mühe, und nur widerstrebend folgt das Wort dem beugenden Zwang, den die Grammatik der lateinischen Sprache ihm antut. Als ob es gar nicht gebeugt werden wollte. Doch der Lateiner, er biegt’s, koste es was es wolle, vom Nominativ bis in den Ablativ und wieder zurück. Die Macht der Sprache über die Sache!

Und dann stolpere ich über das Wort fas (ein Substantiv). Und stelle fest, dass ich – Schande! – den Genitiv Singular dieses Wortes nicht kenne, kurzum, mich außer Stande sehe, es zu beugen. Also gleich mal `ran an den Georges, Lateinisch-Deutsches Wörterbuch (von 1869), und da steht:

„fas n. indecl.“, und das heisst ja wohl „neutrum indeclinabile“, ein undeklinierbares, nicht beugbares Wort in Neutrum. Na sowas. Und da steht dann auch, was es bedeutet: das eherne Schicksal, das Los.

Und das beugt man nicht, dem hat man sich zu beugen.

Ich wusste gar nicht, dass Grammatik so tiefsinnig sein kann.

 

1 Natürlich gibt es noch mehr Beispiele – agricola und nauta, also Bauer(-sfrau) und Seemann*in. „Natürliches Geschlecht“ vs. „grammatisches Geschlecht“ sagt meine alte Schulgrammatik. Vetustus nauta ist dann der alte Seebär, vetusta nauta die alte Seebärin (die sind und waren aber wohl rar) – die Adjektive verraten das natürliche Geschlecht.

 

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

30 Kommentare

  1. Herr Wicht, sie hätten sich wohl schon im alten Rom rhetorisch und gedankenspielerisch hervorgetan. Als Publikum hätten sie dort vielleicht die Sklaven ihres Hauses oder die Kollegen im Senat gehabt. Nur hätten sie damals nicht über die lateinische, sondern über die griechische Sprache und ihre Tiefgründigkeiten referieren müssen, denn Latein sprach man damals wohl ohne allzuviel darüber nachzudenken.

  2. Helmut Wicht schrieb (12. Nov 2020):
    > Nein, ich bin kein Linguist, kein Romanist, kein Altphilologe – […]

    … jedoch erkennbar einer, der das Eszett zu nutzen weiß; der mit Kommata nicht kleckert, sondern klotzt.

    Um so mehr fiel mir auf:

    > […] Wie heisst der doch gleich? […]

    und

    > […] koste es was es wolle […]
    .

    Formatierung jedoch – unter besonderer Berücksichtigung der erratischen Unterstützung von Sonderzeichen – ist Schicksal.

    • @ Wappler

      Oh, ja.

      Orthographie und Interpunktion sind AUCH Schicksal.
      Ich lass’ das jetzt aber so, wie es ist, denn, in der Tat, ich habe und hatte schon immer eine ss/ß-Schwäche. “Zeige Deine Wunde!”, würde Beuys sagen. So zeig’ ich sie denn her, ohne aber den Salzstreuer gleich mitzuliefern.

      Danke für die aufmerksame Lektüre!

      • Helmut Wicht schrieb (12.11.2020, 17:13 Uhr):
        > […] “Zeige Deine Wunde!”, würde Beuys sagen.

        Oh — dieser Virus Wortwitz! Hat (sich) (das) damals zwar noch kleingeredet …

        In vorgreifend-reflektierendem Andenken äußere auch ich/hier ein Bekenntnis meiner/hiesigen (jovi vs. bovi -)Schwäche:

        Markus Pössel schrieb (27.10.2020,22:49 Uhr):
        > [ » … Definition von Form … « ] …deswegen hatte ich mich in Teil I [ des scilogs.spektrum.de/relativ-einfach-Blogexperimentes “Einstein verstehen” ] ja mit Längenmessungen und Geometrie beschäftigt.

        Beschäftigt zweifellos — aber mit irgendeinem nachvollziehbaren Ergebnis ?

        Konkret wie (mit welchen im Rahmen der RT festgesetzten Methoden) sollte denn zunächst überhaupt festgestellt werden, ob und welche der im Teil I in Betracht stehenden “Punkte” bzw. “Linealkanten” gegenüber einander “fest” bzw. starr oder gar ruhend bzw. (in W. Rindlers Formulierung) »sitting still in space relative to each other« gewesen wären ??

        Konkret wie wäre denn nun der im Teil I gebrauchte Begriff “Winkel” definiert, ohne Längenmessungen oder gar “Form” vorauszusetzen ??

        Und vor allem:
        Konkret wie laufen all diese Begriffe und damit erhaltenen Aussagen auf auf die von Einstein in Ansatz gestellten Koinzidenz-Bestimmungen hinaus ??

        Im Zusammenhang mit Teil I wurde ja darum gebeten, “Vorgriffe” zu unterlassen, und das wurde MBMN auch im Rahmen des Erträglichen respektiert.
        Aber wann gelangt die lobenswerter Weise in diesem SciLog in Angriff genommene Blog-Serie über die RT endlich mal zu Lösungen ??
        Ich weise im Zusammenhang mit auf Koinzidenz-Bestimmungen hinauslaufenden Feststellungen von gegenseitiger Ruhe (und tatsächlich auch von “Form”) doch nicht umsonst ziemlich hartnäckig auf tetrahedral-oktahedrale (alias Sierpinski-tetraedrische) Ping-Koinzidenz-Gitter hin. …

  3. Die Worte, die wir nutzen sind wie die Kleidung , die wir anlegen.
    Beim Eszett ist aber Schluss. Wie soll denn ein Engländer oder sonstiger Ausländer wissen, was das für ein Buchstabe ist, den man in anderen Tastaturen nicht findet. Die meisten benutzen stattdessen ein “b” für das ß.

  4. @hwied: Wenn’s die Tastatur nicht hergibt: “ALT”drücken und dabei “0223” tippen, und schon erscheint das “ß”. Wenigstens unter Windows.
    Geht auch für andere schöne Sonderzeichen, wie ALT0177 (±).

  5. Der Krieg der Sprachen,
    schon seltsam, dass ein Germanist lateinische Begriffe verwenden muss, wenn es um Grammatik geht. Schon seltsam, dass ein deutscher Student sich beim Studium mit englischen Texten herumschlagen muss. Schon seltsam, dass sich eine deutsche Hausfrau beim Lesen einer Gebrauchsanweisung mit Mandarin beschäftigen muss. Anmerkung dazu. Mandarin zu lesen ist prinzipiell einfacher als man denkt. Die haben Wortzeichen, die sofort erkennen lassen, ob der Satz von einem Menschen handelt oder über einen chinesischen Drachen. Das Zeichen für Mensch oder Mann sieht aus wie ein Mann mit erhobenen Armen.
    Wohin geht die Reise Herr Wicht ? (nur rhetorisch)
    Sollen wir den Schwerpunkt unserer Spracherweiterung bei Latein und Griechisch belassen, quälen wir unsere Kinder besser mit Spanisch und Englisch, oder werden wir ganz pragmatisch und lernen Mandarin dazu ?
    Ach ja, in unseren Innenstädten wird sehr oft türkisch gesprochen. Wie steht es damit. Übrigens, im Türkischen gibt es die meisten Vornamen. Und…….lesen Sie mal türkische Gedichte, dann verstehen Sie zum ersten Mal was Posie überhaupt ist.

    • @hwied

      Fern sei es von mir, einen “Sprachkrieg” anzetteln zu wollen und ein wenig befremdlich finde ich es, das in meinen Text dort oben hineinzulesen.

      Könnte ich Türkisch, genösse ich Türkisch auch lyrisch, wobei ich Ihren letzten Satz, was den Alleinvertretungsanspruch der türkischen Sprache für alle Poesie angeht, allerdings meinerseits für einen unzulässigen Aufruf zum Absolutsetzung _einer_ Sprache halte

  6. Herr Wicht,
    Kein Krieg, was denken Sie ? Das habe ich aus Ihrem Text auch nicht entnommen.
    Es geht aber tatsächlich um die Kultur und welche Kultur sich durchsetzt. Denken Sie mal an den Koran, der darf nicht einmal übersetzt werden.
    Das sollte auch keine Absolutsetzung für türkisch werden, verzeihen Sie meine provokative Sprache, wenn man aus der Werbeecke kommt, dann kommt es auf die Aufmerksamkeit an.
    Machen Sie doch auch, wenn Sie die Studentinnen lateinisch anreden.
    Um meine Sympathie für Latein zu beweisen, ich habe mir das “Neues Latein Lexikon, Lexicon recentis latinitatis” gekauft damit ich weiß , dass der Bachelor auf lat. baccalaureatus heißt oder das Bafög = publicum subsidium.oder das Armaturenbrett vom Auto = instrumentorum tabula, die Armbanduhr heißt horologium brachiale. Da macht es doch richtig Spaß, Latein zu lernen.

    • @hwied

      FriedeFreudeEierkuchen, danke für die Missverstehen(-wollens)ausräumung.

      Um das Triviale noch mal zu sagen – die Medizin ist, wie fast jede Wissenschaft, von lateinischen Ausdrücken durchsetzt und es gehört, in jeder Wissenschaft, dazu, von ihrer Terminologie nicht beherrscht zu werden, sondern sie zu beherrschen. Man sollte wissen, was man wie sagt. Darum, und nur darum, geht es in diesen Termikursen. Aus der ganzen Wunderwelt der lateinischen Grammatik geht es nur um die Morphologie, und dort wieder nur um die Bildung von kurzen Nominalphrasen dreier oder vierer Substantiva / Adjektiva. Verben, Konjugationen, Syntax, ja selbst alle Casus jenseits des Nominativs und des Genitivs sind aussen vor. Es ist – sorry – ein erbärmliches Programm.

  7. hwied schrieb (13.11.2020,09:04 Uhr):
    > Mandarin zu lesen ist prinzipiell einfacher als man denkt. Die haben Wortzeichen, die sofort erkennen lassen, ob der Satz von einem Menschen handelt oder über einen chinesischen Drachen. Das Zeichen für Mensch oder Mann sieht aus wie ein Mann mit erhobenen Armen.

    So ungefähr dachte ich auch, als ich dieses Schriftzeichen: “出口” zum ersten mal (auf einem internationalen Flughafen) zusammen mit einer für mich unmittelbar verständlichen Übersetzung sah. …

    p.s.
    > […] was Posie überhaupt ist.

    Es gibt (meiner Erfahrung nach) sogar Kulturen bzw. Sprachfamilien, in denen sogenannte rührende Reime für gut befunden werden.

    p.p.s.
    > […] dass ein Germanist lateinische Begriffe verwenden muss, wenn es um Grammatik geht.

    Dass “das Intrinsische” (auch) Vorzüge hat, wusste schon C. F. Gauß.
    Dass D. M. Ritchie den ersten C-Compiler in C geschrieben hat, ist aber angeblich nur eine (immerhin verdammt nahe ans Glaubhafte grenzende ;) Legende. …

  8. @Frank Wappler / Legenden

    Die Sache mit dem C lässt sich immerhin weitgehend aus erster Hand aufklären, cf. The Development of the C Language.

    Tatsächlich kannte ich die Legende, dass B, der Vorgänger von C, nach Mrs. Bonnie Thompson benannt sei. Das scheint nicht ganz zu stimmen — wenngleich Ken Thompson offenbar zuvor auch eine nach seiner holden Gemahlin benannte Sprache `Bon’ geschaffen hatte. So lernt man eben nie aus.

  9. Frank Wappler
    Was ist Poesie ? Um es mal im Küchendeutsch zu sagen, Poesie ist Gefühl, das zu Tränen rührt, Form , die uns wachsen lässt und Einsicht, die uns weiser macht.

    In dieser Hinsicht sind uns die Asiaten um Längen voraus. Ohne Rilke und Nietzsche wären wir immer noch Hinterwäldler.

    Was jetzt Latein betrifft, das kommt mir etwas gefühllos daher, jedenfalls im Vergleich zu Italienisch, das anzuhören einem Musikstück gleicht. Schöne Sprachen sind auch Kurdisch und Albanisch.

    • hwied schrieb (13.11.2020, 18:42 Uhr):
      > […] Poesie ist Gefühl, das zu Tränen rührt, Form , die uns wachsen lässt und Einsicht, die uns weiser macht. […]

      Ach so. (Beim Lesen Deines vorausgegangenen Kommentars, 13.11.2020,09:04 Uhr, war ich — offenbar nur versehentlich — gedanklich in die (Mühsal der) Grundschule … versetzt.)

      > In dieser Hinsicht sind uns die Asiaten um Längen voraus.

      Logisch! — Manche (mich!) graust’s ergraut’s erhellt’s ja schon beim folgenden (selbstgebrannten und schon etwas verschnittenen) Viel-Völker-Schnaps-Schnack über’n Zaun:


      Trink, was klar ist.
      Iss, was gar ist.
      Sag, was wahr ist.
      Lieb, was rar ist.
      Paar, wer Paar ist. --
      Bis d' a Narr bist.

      p.s. — SciLogs-Kommentar-Praxistipp:

      Ersetze “%” in URLs durch “%”.

  10. Ni hau, Frank Wappler,

    So sind die Germanen halt, den Stabreim im Mund , Hugin und Munin auf der Schulter und den Streitkolben am Gürtel hängend.
    Ein anderes passendes Gedicht: Die Boxer in der Meisterklasse, die hauen sich zu Kleistermasse.

    Sehr gut finde ich allerdings die Limericks, die mit abgrundtiefem Humor.
    Oder aus Japan , 9. Jahrhundert.

    Weltgeheimnis

    Ist die Welt ein Traum?
    Ist sie wesenhaft? Sage !-
    Weder wesenhaft,
    noch auch Traum, dass ich wüßte:
    ein Etwas, ein Nichts in einem.

    Leben, was ist es?
    Schwindender Tau im Taglicht!
    Ließe sich der Tand
    gegen eine Begegnung
    tauschen, ich gäbe ihn gern.

  11. Ni hau, Frank Wappler,

    So sind die Germanen halt, den Stabreim im Mund , Hugin und Munin auf der Schulter und den Streitkolben am Gürtel hängend.
    Ein anderes passendes Gedicht: Die Boxer in der Meisterklasse, die hauen sich zu Kleistermasse.

    Sehr gut finde ich allerdings die Limericks, die mit abgrundtiefem Humor.
    Oder aus Japan , 9. Jahrhundert.

    Weltgeheimnis

    Ist die Welt ein Traum?
    Ist sie wesenhaft? Sage !-
    Weder wesenhaft,
    noch auch Traum, dass ich wüßte:
    ein Etwas, ein Nichts in einem.

    Leben, was ist es?
    Schwindender Tau im Taglicht!
    Ließe sich der Tand
    gegen eine Begegnung
    tauschen, ich gäbe ihn gern.

  12. Guten Tag, Herr Wicht. Also Fas, das Schicksal, lasse sich nicht genitivirisieren oder so, sagt Ihr Wörterbuch von 1869. Ja aber was ist dann mit “amor fati”, ist der, die, oder das Selbige kein Genitiv?
    Oder dieser Genitiv ist generell von Nietzsche. Ich habe gelesen, dass Nietzsche anno 1882 in Genua den Ausdruck “amor fati” erfunden hat. Also hatte es ihn anno 1869 noch nicht gegeben? Ja war denn das Schicksal von Ennius über Catull bis über den Augustinus hinaus stets so ungenitivsch-?, wie kann das sein?
    Es scheint, dass Nietzsche diesen Genitiv allüberall gesucht, gesucht und gesucht hat, bis er ihn dann in Genua fand. Dann da war er wohl, er steckte irgendwo im Gen-Ua-tiiief-drin. Hmm. Müsste schon so gewesen sein.
    Viele Grüße.

    • @ Aristobulus

      “Amor fati” und “habent sua fata libelli” – natürlich. Aber das Wort, das hier gebeugt wird ist “fatum” ( nicht “fas”), und fatum bedeutet zwar auch “Schicksal”, doch in einer anderen, sozusagen “schwächeren” Form. “Fas” bedeutet nämlich zugleich auch “das göttliche Recht”, “die unveränderliche Weltordnung”.

      • Dankesehr :-). Also das Fatum ist demnach das Resultat des Fas, ja?, so wie Schwerkraft und Fall.
        Wann wurde Fas als Wort (klingt ohnehin archaisch nach Lapis Niger-Inschrift) denn verwendet?, und hat es wenigstens einen Vokativ?

        • @ Aristobolus

          Hier endet meine philologische Expertise, ich kann nur auf Georges u.ä. Wörterbücher verweisen. Im Georges zumindest sind detaillierte Angaben zum Auftreten der Worte im literarischen Kontext / bei den einzelnen klass. Autoren.

          Es gibt noch ein paar wenige anderer solcher indeklinabler Substantiva. “Mane” (der Morgen) ist eines, dessen ich mich entsinne, die anderen müsst’ ich nachschlagen.

        • @ Aristobulus
          Ich wollte noch anmerken, dass Ihre Anmerkung, dass “fatum” die Folge des “fas” sei, ihrerseits ziemlich tiefsinnig, um nicht zu sagen: poetisch, ist.
          Danke.
          Wicht

  13. Sehr geehrter Herr Wicht!

    Sie sind eine Wucht!
    Danke für den amüsanten Text

    Herzliche Grüße
    Margareta Matscheko
    (in den Latein-Babyschuhen steckend)

  14. Collega!

    Das ist an den Universitäten in den Niederlanden durchaus gebräuchlich: “Beste collega…” Lieber Kollege/liebe Kollegin… Im Plural kann man dann zwischen den leider aus der Mode kommenden “collegae” und dem häufigeren “collega’s” wählen.

    Danke jedenfalls für diesen gelungenen sprachlichen Wicht!

Schreibe einen Kommentar