Universitätsalltag, per Verordnung grau

Zu meinen Dienstaufgaben gehört nicht nur das kunstgerechte Zerlegen der Leichen, was ein wenig farbenfrohes(1) und durchweg destruktives(2) Geschäft ist, sondern auch das Abhalten der Anatomievorlesung. Jene hätte ich gerne konstruktiv(3) und bunt.

Ich hätte sie auch gerne instruktiv. Instruktiv in dem Sinne, dass man die im Geiste auszuführende Rekonstruktion der Anatomie, von der in der dritten Fussnote die Rede ist, tatsächlich miterleben, mitmachen, selber machen kann.

Weswegen ich PowerPoint als einziges Präsentationsmedium scheue.

Statt dessen nehm’ ich mir ein Blatt Papier, eine Handvoll Bunt- und Bleistifte, lege das leere Blatt unter einen Visualizer, der das Bild dessen, was dann geschieht, dem Projektor übermittelt, und der wirft’s dann groß an die Wand.

Das Ergebnis dessen, was auf dem Blatt Papier geschah, ist dann so etwas:

Drei oder vier solcher und ähnlicher Skizzen entstehen in einer Vorlesungsstunde. Was mir wesentlich ist – sie entstehen. Sie sind nicht, wie das meiste in PowerPoint, immer schon fertig. Sie bauen sich auf. Und die Studenten können mitskizzieren, können mit Hand und Hirn die Rekonstruktion, den Wiederaufbau der anatomischen Zusammenhänge nachvollziehen.

Und es ist bunt. Nerven gelb, Muskeln rot, Arterien auch, Venen blau und Bindegewebe grün. Das ist zwar in Wirklichkeit (siehe die erste Fußnote) nicht so, macht es aber leichter, die Dinge skizzierend zu differenzieren.

Doch braucht es dazu Buntstifte.

Und die gingen mir, so vor fünf Wochen etwa, aus. Inbesondere die roten, die vielgebrauchten, für Muskeln und Arterien.

“Das sind ja”, dacht’ ich mir, “Dienstbuntstifte, also bestell’ ich mir mal 6 rote Buntstifte über die zentrale Beschaffungsstelle.”

Zettel ausgefüllt, Kostenstellennummer drauf, hingeschickt.

Keine Woche später ein Anruf.

“Beschaffungsstelle. Haben Sie Buntstifte bestellt?”

Ich: “Ja”

“Dafür brauchen Sie eine Sondergenehmigung des Dekanats”

Grau.

Der Universitätsalltag ist per Verordnung grau.

Dieser letzte Absatz dient eigentlich nur dazu, der letzten Fußnote(4) einen Anker zu bieten. Oder vielleicht sollte ich eher sagen: ihr eine Boje zu sein, von der herab sie, am Tau der Zahl vier gefesselt, ganz dort drunten am Ende dieses Blogposts hängt

 

Fußnoten:

(1) Es sind ja gar keine Leichen. Leichen sind, wenn frisch, so richtig bunt. So bunt wie das Leben. Zumindest inwendig. Knallrot bis blauschwarz das Blut, glänzend weiss die Faszien und Aponeurosen, braun, ocker, gelb, grün, wie frisch gelackt, die von den spiegelnden serösen Häuten überzogenen Organe des Bauches, knallrot das Muskelfleisch — all das kann man in der Pathologie, in der Rechtsmedizin oder auf dem OP-Tisch bewundern.

Aber die Anatomie arbeitet ja nicht mit Leichen. Die würden rasch verwesen, und die Anatomen haben es uneilig. Was der Patholog’, der Forensiker in 2 Stunden zerlegen, zerlegen die Anatomen in drei Semestern. Weil sie sich alles mögliche en detail ansehen, was die Kollegen der anderen Fächer – die auf der Suche nach Krankheitszeichen und Todesursachen sind, gar nicht interessiert. Die Kollegen gucken nur nach den neuralgischen Punkten. Die Anatomen überall hin. Und das dauert.

Ergo werden die Anatomieleichen konserviert. Mit Formaldehyd. Der aber raubt den Leichen (die wir dann “Präparate” nennen) weitgehend die Farben. Nicht ganz. Aber es ist schon ein fahlfarbenes Handwerk, verglichen mit dem der Pathologen und Rechtsmediziner. Allerdings auch ein weniger Anrüchiges.

 

(2) In der Tat. Am Ende einer Anatomie hat man die Teile in der Hand, das geist’ge Band (siehe Fußnote 3) vielleicht im Kopfe, aber man kriegt die Brocken – materialiter – nie und nimmermehr zusammengesetzt. Zumindest nicht mehr so, dass es funktionieren würde. Dies Manko zu kompensieren neigen Anatomen zu synthetischen Hobbies, sei es der Zusammenbau von ausufernden Textwelten, oder in meinem Falle, die Schrauberei an alten Motorrädern, bei der, im günstigeren Falle, der Zerlegung der Wiederaufbau und der Wiedergewinn der originalen Funktion folgt, was die Mediziner eine “restitutio ad integrum” nennen.

 

(3) Und nie vergesse ich, hierzu in der Vorlesung Josef Hyrtl (1810-1894) zu zitieren:

Sie [die Anatomie] zerstört mit den Händen einen vollendeten Bau, um ihn im Geiste wieder aufzuführen und den Menschen gleichsam nachzuschaffen. Eine herrlichere Aufgabe kann sich der menschliche Geist nicht stellen.”

Die Wiederaufführung des Baues im Geiste vorzuführen ist, denke ich, eine der Hauptaufgaben der Anatomievorlesung.

 

(4) Ich unterhalte sehr gute Beziehungen zu meinem Dekan, weshalb mir die Buntstiftsbeschaffungssondergenehmigung für 6 Rotstifte erteilt wurde.

Heute – nach 5 Wochen – wurden sie geliefert. Allerdings war gestern meine letzte Anatomievorlesung, nicht nur dieses Semesters, sondern wahrscheinlich meines Lebens, denn ich plane, nach knapp 30 Jahren die Anatomie zu anderen Ufern hin zu verlassen.

Ich habe derweil in der Vorlesung meine Privatbuntstifte der Universität kostenfrei in den gefrässigen Rachen geworfen, ein Verlust, der mich weit weniger schmerzt als der generelle Verlust an Buntheit des universitären Lebens, das mir, als ich noch jünger war, viel farbenfroher vorkam, als heute. Aber vielleicht bin ich ja nur selber alt und grau geworden. Bestimmt sogar.

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. vielen Dank,
    interessant zu lesen.
    da ich keine Gelegenheit hatte, wußte ich nicht, daß Präparate grauer und frische Leichen bunt sind.
    wieder was gelernt.

    und das mit den Buntstiften… nun ja, ist wohl unüblich.

  2. U.a. einschlägige Wissenschaftler lassen sich nach ihrem Ende kryokonservieren. Denen ist offenbar auch klar geworden, Sterben wird sich erübrigen. Das erwartet man damit zu 5 bis 10 % Wahrscheinlichkeit zumindest in 100 Jahren. Bei einer Staatsregierung sagte man mir dazu ‘Zombie-Apokalypse’, worüber ich lachen musste. Expertenmeinungen wären interessant, denen Leichen längst überflüssig vorkommen.

  3. @ yeRainbow

    Früher hatte ich bunte Kreiden. Aber an der Tafel kann ich nicht mehr arbeiten, weil die Hörsäle (500+ Studenten) zu groß geworden sind.

  4. >”Ergo werden die Anatomieleichen konserviert. Mit Formaldehyd.”

    Formaldehyd soll ja eher ungesund sein (damit meine ich jetzt nicht “für die Leichen”), weshalb es Grenzwerte z.B. für die Ausdünstung von Möbelstücken gibt. Atmet man als Anatom oder als angehender Anatom beim Üben nicht ziemlich viel davon ein? Gibt es da auch Grenzwerte? Oder hat man da so saugstarke Ablufteinrichtungen, dass man eher Ohrenstöpsel statt Gasmasken bräuchte?

    And now for something completely different:
    Wenn man als Laie aus sicherer Entfernung mal das Zerlegen von frischen Leichen (also bei den Pathologen/Forensikern) sehen will, kann man das in Stan Brakhages halbstündigem Film “The Act of Seeing With One’s Own Eyes” (1971) tun. Der Titel spielt auf die wörtliche Bedeutung von “Autopsie” an. Auf YouTube und Vimeo zu finden, auch (zusammen mit anderen Brakhage-Filmen) auf DVD und Blu-ray erhältlich. Aber natürlich sollte sich jeder vorher überlegen, ob er das *wirklich* sehen will.

    Mehr bei Wikipedia:
    https://en.wikipedia.org/wiki/The_Act_of_Seeing_with_One's_Own_Eyes

  5. @ M. Polak

    Die Leichen werden mit 2% Formaldehyd konserviert, so dass der grösste Teil des Konservierungsmittels tatsächlich chemisch gebunden (überwiegend an die Proteine) vorliegt und nur noch wenig freier gasförmiger Formaldehyd ausdunstet. Wir liegen – auch dank einer effizienten Belüftung des Präpariersaales – deutlich unter den sehr strengen (jüngst verschärften) MAK-Werten für Formaldehyd.

  6. Und nicht nur der Uni-Esel grinst, aber seins ist besonders breit.
    Als wir einmal eine Dusche in unser Institut einbauen lassen wollten: vehemente Ablehnung. Neuer Titel: Anlage zur Untersuchung der Bildung von lateritischen Lagerstätten. Von der DFG genehmigt und eingebaut. Aber das ist schon sehr lange her. Noch älter ist die Anfrage Wernher v. Braun’s nach elektrischen Bleistiftanspitzern: natürlich abgelehnt, also neuer Antrag: Anlage zur Anspitzung von Holzpflöcken zum Zwecke der Fixierung: genehmigt.
    Die Erbsenzähler in der Verwaltung sind derart dumm, das man gegen sie nur mit perverser Kreativität ankommt. Ihnen hätte ich zu der Anforderung geraten: “Visualisierungsobjekte zur Darstellung von sachbezogenen Zusammenhängen des cadaver humanis in der anatomischen Praxis”

  7. Willst Du uns nicht vielleicht noch etwas von jenen Ufern erzählen – ja, bitte erzählen! -, zu denen Dich das Leben nun tragen wird, fort von der Anatomie, welche doch das herrlichste Gestade überhaupt war, an dem Du fast Dein ganzes Leben verbracht hast?

  8. @ Christian Hoppe

    “Je mehr man ein Teil der Geschichte wird, desto mehr interessiert man sich für sie.”

    Ich will auf meine alten Tage Historiker werden.
    Anatomiehistoriker.
    Ich hab’ die Möglichkeit (hoffentlich klappt’s) im Herbst des nächsten Jahres als Assistent an das Dr. Senckenbergische Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an unserer Fakultät zu wechseln. Da möchte ich den Rest meines Berufslebens damit verbringen, die Studenten mit Medizingeschichte und Terminologie zu triezen (viel anderes mach’ ich als Anatom ja auch nicht) und ich habe sogar ein Forschungsprojekt:
    Eine Geschichte “meiner”, der Dr. Senckenbergischen Anatomie zu Frankfurt. Schon sitz’ ich in Archiven und wälze alte Akten …
    Zu meinem grossen Wohlgefallen spielt sich ein grosser, bislang nicht gut dokumentierter Teil unserer Anatomiegeschichte im 19. Jahrhundert ab. Das ist eh’ mein Lieblingsjahrhundert.

    Drück’ mir mal die Daumen, dass das mit dem Stellenwechsel klappt.

    Danke!

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