Extensa vs. cogitans

BLOG: Anatomisches Allerlei

Kopflose Fußnoten von Helmut Wicht
Anatomisches Allerlei

Quizfrage:
Welcher der beiden Schädel ist der von Descartes?
René Descartes.
Der mit dem "cogito, ergo sum", der mit dem Rationalismus und dem Dualismus der Substanzen, der mit der "res extensa" und der "res cogitans", der Gründervater der neuzeitlichen abendländischen Philosophie.
Na?
Welcher ist’s?
A oder B?

A, natürlich. Der andere ist barbarisch, papuanisch. Ein primitiver Fetisch, eine magische Marotte, albernster Animismus, archaischer Ahnenkult.

Das, was von Descartes’ und vieler anderer Leute Köpfe übrig ist, kann man momentan in Mannheim, im Reiss-Engelhorn-Museum besichtigen. "Schädelkult" heisst die Ausstellung [1]. Samstag war Eröffnung. Ich war da. Es lohnt sich. Wenn man auch nur eine ein klein wenig morbide Ader hat. Hab’ ich.

Zu Descartes’ Schädel wäre zunächst mal zu sagen, dass es gar nicht so sicher ist, ob er wirklich zu Descartes gehört. Wenn er nicht gerade als Leihgabe in Mannheim auf einem Samtkissen unter dickem Glas auf einem Podest ruht, dann wird er in Paris, im "Musee de l’Homme" verwahrt. Wie er dahingekommen ist – das ist eine verwinkelte Geschichte [2].

Descartes starb 1650 in Stockholm und wurde auch dort begraben. Schon 16 Jahre später holten die Franzosen die Reste heim und bestatteten sie in Paris, in der Abbaye St. Genevieve du Mont. Als die im frühen 19. Jahrhundert am Einstürzen war, gedachte man, ihn in’s Pantheon zu schaffen. Aber als man 1819 den Sarkophag aufmachte, merkte man, dass der Schädel fehlte. Peinlich. Kopflos ins Pantheon – das geht nicht. Man lagerte Descartes’ postcraniale Überbleibsel in der Kirche von St. Germain-des-Prés zwischen (da liegen sie, soweit ich weiss, heute noch) und forschte nach der Hauptsache.

Der Schädel tauchte noch im selben Jahr in Schweden auf, im Besitz eines "Spielhauswirtes". Der hatte ihn für "18 Rdr. 16 Sk." [3] aus dem Nachlass des Professors Anders Sparrman (eines Arztes und Botanikers) gekauft. Auf Descartes’ Stirnbein stand geschrieben (übersetzt): "Cartesii Schädel, von Isidor Palmström aufbewahrt, als die Leiche nach Frankreich überführt werden sollte." Ausserdem standen noch ein paar andere Namen drauf, darunter ein "Ol. Celsius" (nicht der mit dem Thermometer, aber ein naher Verwandter). Ein Chemiker namens Berzelius brachte es fertig, den Spielhöllenbesitzer davon zu überzeugen (Geld? Gute Worte? Unbekannt…), den Schädel herauszurücken und expedierte ihn nach Frankreich.

Das heisst: Der Schädel und der Rest von Descartes waren ziemlich lange ziemlich weit voneinander getrennt. Zeitlich und räumlich. Und sie sind es auch heute noch, selbst wenn der Schädel aus Mannheim nach Paris zurückkehrt. Vom Musee de l’Homme nach St. Germain sind es drei, vier Kilometer, und die Seine ist auch noch dazwischen. Und aus wessen Sarg genau der Herr Palmström damals, 1666, den Schädel gemopst hat, ja, wer der Herr Palmström eigentlich war – das weiss man nicht so genau. Es könnte ja auch sein, dass ein geschäftstüchtiger Schwede (womöglich der "Spielhauswirt") die ganze Schädelgeschichte mit dem erstbesten Schädel, der ihm unter die Finger kam, samt Inschriften türkte, nachdem er von der Geschichte mit dem kopflosen Descartes in Paris gehört hatte. Soweit ich weiss, gibt es bislang keine forensischen (DNA etc.) Untersuchungen an Descartes’ Überbleibseln, die zumindest klären könnten, ob Schädel und Skelett überhaupt zusammengehören.

Also Treu und Glauben – glauben wir’s mal.

Da liegt also Descartes’ Schädel in der Vitrine. Die Beschriftungen, die er trug, sind nicht mehr zu entziffern. Und eigentlich sollte ich jetzt ergriffen sein von der Bedeutung dieser Reliquie. Ich bin’s aber erstmal nicht. Ein alter Schädel halt. Der Unterkiefer fehlt. Alle Zähne ausgefallen, aber die meisten wohl erst post mortem – die Alveolen, in denen die Zahnwurzeln verankert waren, sind nämlich noch da. Und die schwinden, wenn man einen Zahn im Leben verliert. Auf dem Stirnbein ist ein Y-förmiger Kratzer. Descartes war mal Militär, hat mal Fechten gelernt. Ob er da einen Hau abbekommen hat? Keine Ahnung. Eigentlich langweilig. Das ist mir alles zu "extensa" und zu wenig "cogitans".

Aber dann muss ich doch lachen, denn dieses Stück "extensa" macht einen glänzenden Witz über das "cogitare", das Nachdenken. Vorne, über dem Stirnbein, und hinten, über den Höckern des Scheitelbeines, ist der Schädel ziemlich abgerieben, er glänzt, wie poliert. Witzige Idee, sich vorzustellen, wie der gedankenschwere Descartes sich solange die Kopfschwarte rieb, bis die Schädelkalotte darunter glänzte. Der Ort der psychophysischen Interaktion – nicht das Pinealorgan, wie Descartes selber glaubte, sondern die vom verwunderten Kopfhautkratzen an mehreren Stellen polierte Schädeldecke.

Schade, dass es nicht stimmt. Die Politurspuren sind, wie man sieht, jünger als die Aufschriften. Der Schädel muss durch viele Hände gegangen sein, vieler Putzfrauen Feudel müssen seine Kalotte gewischt haben, vieler angestrengt nachdenkender Gelehrter Hände seine Stirne poliert. Als ob sie -mit diesem Schädel hantierend – Inspiration gesucht hätten. Ich muss auf einmal an die Füsse der Bronzeplastik des Heiligen Petrus im Petersdom in Rom denken, an die Zehen, die die Gläubigen fast weggeküsst und -gestreichelt haben, so dass Petrus jetzt aussieht, als habe er Flossen statt Füsse.

Quelle: hier

Ob es dem Herrn Descartes recht gewesen wäre, dass sein Schädel von Herrn Palmström vom Rest des Skeletts getrennt wurde, das kann man nicht wissen. Wahrscheinlich wär’s ihm egal gewesen. Ein seelenloses Stück "extensa", weg damit. Der Herr [4], dem der Schädel im Bild B nebendran gehörte, dem war es sicher recht, geköpft zu werden – sofern er dem Glauben seiner Ahnen anhing. Er ist nämlich kein Kopfjägeropfer gewesen, sondern selber ein Kopfjäger. Aus Neuguinea. Zwar schmückten diese Neuguineer auch die erjagten Schädel – aber bei denen liessen sie die Unterkiefer weg. Vermutlich, damit die Feinde nicht mehr beissen konnten. Das da in B, das ist ein Ahnenschädel. Und die Ahnen erschlug man nicht, die verehrte man. Deren Schädel hob man nach dem Tod samt Unterkiefer auf, schmückte sie mit glänzenden Sämereien und Geflechten und verwendete sie des Nachts als Kopfkissen.

Optisch macht das schon bedeutend mehr her als Descartes nacktes Cranium mit der abgeschubberten Beschriftung. Und eigentlich ist da auch noch viel mehr "cogitans" dran, als an Descartes’ Schädel. Immerhin schaut der bedachte Gestaltungswille der Nachfahren dieses Ahnen aus den Nasen- und Augenhöhlen hervor, schmückt ihn mit Stirnband und Nasenlochzopf. Sehr apart übrigens, dieser Nasenzopf, das wäre vielleicht eine Idee für ein ausgefallenes Piercing…

Eigentlich, so dacht’ ich mir dann, sind wir – Descartes’ Rationalismus und Dualismus hin oder her – in aufgeklärten Europa gar nicht so viel weiter. Was interessierten mich die Schädel von Schiller, Goethe, Haydn, Descartes und all den anderen, wenn nicht diesen Stücken Materie noch etwas von der Seele anhinge, die sie einst belebte? Zugegeben – manchmal muss man die Seele sozusagen erst selber wieder dranpappen, und sei es um den Preis einer albernen Assoziation, wie der obigen, von der polierten Denkerstirn.

Sonst ists nur "extensa", und als solche fade.

 

Selbst ein Text über den Kopf kommt nicht ohne Fussnoten aus:

(1) Das ist das Link zur Ausstellung. Der Katalog, aus dem die beiden Schädelbilder stammen, kostet nur schlappe 19 Euro, ist aber für 50 Euro dick (bald 400 Seiten).

Alfred Wieczorek und Wilfried Rosendahl (Hrsg.): Schädelkult. Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen. Schnell und Steiner, 2011

Die Ausstellung ist doll. Nichts wie hin!

(2) Die Nacherzählung der Geschichte von Descartes’ Überbleibseln stammt aus folgenden Quellen:
a) Herbert Ullrich: Schädel-Schicksale historischer Persönlichkeiten. Verlag Dr. F. Pfeil, München, 2004 (Geschichte der Auffindung in Schweden)
b) Wikipedia: Einträge zur Geschichte der im Text genannten Kirchen, Umbettung des Leichnams

(3) "Rdr." sind wohl Reichstaler (Rigsdaler), "Sk." sind Schillinge (Skilling). 48 Skilling gingen auf einen Rigsdaler. Schwer zu sagen, was so ein Taler wert war. Es war eine Silberwährung, ein Taler enthielt etwa 25 Gramm Silber. Beim momentanen Silberpreis (0,75 Euro/Gramm) wären die "18 Rdr. 16 Sk." also so etwa 340 Euro. Das ist auch so etwa das Maximum; was ich für einen Schädel mit diesem Zahnstatus und ohne Unterkiefer heute zu investieren bereit wäre. Als Anatom, meine ich. Ein gutes Modell kostet ja schon um die 150 Euro. Was ich für den Schädel Descartes’ als Sammler und Liebhaber der morbiden Schrullen ausgeben würde – das weiss ich nicht.

(4) Ziemlich sicher ein Mann. Die Unterseite des Jochbogens ist zackig und rauh, das Gonion (Kieferwinkel) nach aussen geklappt, die Kinnhöcker sehr ausgeprägt.

 

Nachtrag – eben noch im Netz gefunden:

Blogbeitrag zur Beschriftung des Schädels von Descartes und noch ein Buch zu dem Thema, das ich aber nicht gelesen habe.

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

24 Kommentare

  1. Geldanlage?

    Schöner Beitrag und Descartes wäre sein Schädel wohl wirklich zu extensa – seine Seele kommt nach dem Tod auch ganz gut ohne aus.

    Was ist denn deine Voraussage für die Schädelwertentwicklung? Ist die langfristig positiver als die von Silber & Gold zu erwarten? Was sind die Risiken?

  2. @ Schleim

    Dank Dir für Deinen aufmunternden Kommentar. In letzter Zeit hab’ ich oft das Gefühl, für die Hasen zu schreiben … vielleicht sollt’ ich wirklich in ein Feuilleton umziehen.

    Egal.

    Zur Schädelwertentwicklung hab’ ich wirklich was zu sagen. Sie ist überaus stabil. Ein “sehr guter” (Zahnstatus vollständig, keine fehlenden Knochenteile, geschlechtsreifer Erwachsener, kein Greis, kein Grabfund) Schädel, der für die Anatomie präpariert wurde, ist unter Freunden so 1000 Euro wert. Wenn man ihn sich bei Gunther von Hagens besorgt, sind bald 3000 Euro fällig.

    Das Problem ist der Nachschub. Greisenschädel könnten wir in der Anatomie problemlos in grösserer Zahl produzieren, aber was man da dann an osteoporotischem Gerümpel und papierdünnem Geknochs in der Hand hat, das lohnt oft die Präparationsmühen nicht.

    Also,um es mit Horaz zu sagen:

    “Sic cranium cum dentibus habes, nil deerit” – naja: ein Hirn dazu wär auch nicht schlecht.

  3. @ Fischer

    DU besorgst mir die guten Schädel (sagen wir mal: Mitte 30 bis Mitte 40), ICH sorge für Präparation und Vertrieb, WIR werden reich.

    Zur Acquise der Schädel würde ich einen beliebigen Kongress wählen, das hat den Vorteil, dass man die soliden Holz- und Betonköpfe an ihren Vorträgen erkennt und sich so unter Umständen aufwendige, aber aus osteologischer Sicht unbefriedigende Präparationen erspart.

    Aus Sicht der Knochenlehre sind Hohlköpfe nämlich zu bevorzugen, man will ja auch die Anatomie der Cavitas cranii demonstrieren.

  4. @Lars: Finger weg!

    Hi Lars,

    bevor Du Dich an mir (der ich als ausgemachter Holzkopf gelte) vergreifst: Ich bin über 40!!!

    Uff (Danke für die Alterseinschränkung, Helmut)

    😉

    Richard

  5. @Helmut

    Ich klopf einfach unauffällig oben drauf, da hör ich ja wer geeignet ist. Vielleicht fahr ich demnächst auf einen Social-Media-Kongress, da find ich bestimmt geeignete Kandidaten.

  6. Och, ich finde beim Schädel von Richard Zinken kann Helmut ruhig eine Ausnahme machen. Ist wie ein gut erhaltener Gebrauchter mit sehr wenig Kilometer.

    In letzter lese ich öfters, wie Diebe Oberleitungen von Bahnen, tonnenschwere Kabeltrommel etc. stehlen. Hoffentlich lesen die hier nicht den Beitrag und kommen auf komische Gedanken.

  7. Osteoporose

    Helmut, war das eigentlich schon immer so, daß die “Greisen-Schädel” so “osteoporotischem Gerümpel” waren oder ist das eine Erscheinung unserer Zeit?

  8. @ Huhn

    “Helmut, war das eigentlich schon immer so, daß die “Greisen-Schädel” so “osteoporotischem Gerümpel” waren oder ist das eine Erscheinung unserer Zeit?”

    Das weiss ich nicht. Ich weiss nur, was alle wissen: dass das “Greisentum”, das früher so mit 50, 60 anfing, sich mittlerweile auf die 80, 90 verschoben hat. Wir sterben halt im Mittel später.

    Für die Osteoporose, die vor allem Frauen befällt (wegen der rapide absinkenden Geschlechtshormonspiegel nach der Menopause, was die knochenabbauenden Zellen aktiviert), heisst das einfach, dass die Pathologie “mehr Zeit hat”, sich zur vollen Blüte zu entwickeln und häufiger vorkommt.

    Oder, um’s handfester zu sagen: für die moderne Anatomie ist’s ein Fluch, dass wir so alt werden. Alles, was wir in die Finger kriegen, ist alt und kaputt.

  9. Mein Hirn kriegt er nicht!

    Hey Leute, eins ist doch jetzt klar: Nach Deidesheim kriegt ihr mich nicht, mein Gehirn gehört mir! Warum muss ich da nur an den Film “Anatomie” denken?

    Ich denke, wir brauchen hier wirklich mehr Kontrolle durch die Sicherheitsbehörden.

    Grüße, gestrandet in Nürnberg, dafür aber wenigstens mit Hirn und einem ordentlichen Weißbier im Blut.

  10. @ Schleim @alle

    …heiteres Gespräch, danke.

    Im Ernst: ich bin mit meinem eigenen Post nicht so recht zufrieden. Es ist meine übliche Strategie – eine Melange von Assoziationen anrühren, und mal sehen, was passiert.

    Ich hatte eigentlich gehofft, dass mir beim Rühren dieses Breies irgendeine erhellende Einsicht zum Thema “Dualismus” käme – denn was wäre ein geeigneterer Kristallisationspunkt solch einer Idee, als dieses Stück “extensa”, das mal den Seelenwirkungsort (die Zirbeldrüse) des Erfinders des Dualismus umgab?

    Die Einsicht kam aber nicht. Der Schädel blieb “tot”, vor allem im unmittelbaren Vergleich mit den anderen, den geschmückten, denen ein Gestaltungswille anzusehen war.

    Letztlich blieb nur das schale Gefühl, dass nackte Materie langweilig ist. Ich marschierte aus der Ausstellung heraus, und war mehr monistischer Idealist als je zuvor: wenn’s nicht im Geiste ist, dann ist’s nicht nur nichts, sondern, viel ärger: es ist fad.

    Aber das ist nur eine pointiertere Paraphrase des Hauptposts selbst. Ich hab’ mittlerweile herausgefunden, dass sich um Decartes Tod auch Mordgeschichten ranken, manche sagen, er sei vergiftet worden. Mit Arsen.

    Wirklich – man sollte mal die forensischen DNA- und Toxikologie-Mühlen anwerfen und das alles untersuchen.

  11. Helmut & Lars

    Da kann ich tausend Artikel über die Verehrung überempirischer Akteure, beginnend bei Ahnen und Heroen, schreiben – ein vergleichender Schädelmuseumsbesuchsbericht von Helmut Wicht bringt es stets besser auf den Punkt!

    *Religionswissenschaftler verneigt sich*

    (Und jetzt flüsternd:)
    Außerdem habe ich gehört, dass unser Lars nicht mehr nur Pirat, sondern nun auch Kopfgeldjäger geworden ist! Und dass Richard nur ganz knapp dem Zinken-Fischer entkommen sei!? Helmut, ist da was dran???

  12. @Helmut:

    Meine steile These: Dabei ist nichts herausgekommen, weil der Schädelkult selbst doch den Dualismus ad absurdum führt. Das Fleisch ist ja eben nicht nur die Hülle für irgendetwas, sondern das, was der Mensch als solcher ist. Weil Menschen das schon immer verstanden haben, gibt es diesen Schädelkult.

    Der Dualismus ist – mein Verdacht – nur ein Ausdruck unterschwelligen Selbsthasses aus Enttäuschung über die eigenen Unzulänglichkeit, die man gerne abstreifen würde, um als höheres Geist-Wesen vollkommen zu sein. Aber es gibt dieses höhere Wesen nicht, das sich da in uns verstecken soll. Wir sind was wir sind, warts and all, wie Cromwell das so schön ausgedrückt hat.

    So viel zu meinem Monismus…

  13. @ Fischer

    “Aber es gibt dieses höhere Wesen nicht, das sich da in uns verstecken soll.”

    Agnostisch finde ich es schöner: „Lieber Gott, wenn es dich gibt, sei meiner Seele gnädig, wenn ich eine habe.“ (Voltaire)

  14. @ Blume @Fischer

    Ihr habt, wenn ich Euch recht verstehe, _zwischen_ den Zeilen meines Beitrages und meines Kommentars recht gelesen. Er ist eine verkappte, gefühlige Kritik des Dualismus und des Naturalismus, die sich als ästhetische, subjektive Reflexion tarnt, weil ihr die objektiven wissenschaftlichen Argumente fehlen.

    @ Lars
    Indem Du die “Enttäuschung über die eigene Unzulänglichkeit” des Menschen (zu Recht!) konzidierst, gibst Du damit nicht auch zu, dass es im Menschen etwas gibt, das über sein aktuelles So-und-So-Sein hinausreicht? Dass er also an etwas Teil hat, was eben NICHT im positiven Sinne schon “ist”, sondern erst noch sein soll?

    @ Blume
    Im Sinne dessen, was ich oben an Lars schrieb, würde ich die Rechtfertigung alles “Supraempirischen” aus der Conditio humana heraus versuchen. Wir sind allzu fragwürdige Wesen, stellen uns selbst in Frage, und sind nicht dazu in der Lage, uns, Münchhausen gleich, an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen. Es geht mir nicht darum, Antworten zu geben. Ich glaube nicht an Gott. Aber ich meine (wie ich hoffe, zusammen mit Dir) dass man die Frage, besser: die Wunde, offenhalten muss. Weswegen ich mich mit Dir zusammen dagegen wehren werde, dass man das Ockhamsche Messer an dieser Stelle ansetzt – es schneidet mitten durch den Menschen, der weiss, dass er mehr ist, als das, was er jeweils ist. Wobei dieses “mehr” (s.o.) oft die Einsicht in die eigenen Unzulänglichkeit ist. Es besteht durchaus Erlösungsbedarf.

    “Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes.”

    Das (Paulus, Römerbrief) ist eine der Stellen aus der Bibel, der ich vorbehaltlos zustimme.

  15. @ Hilsebein

    “Lieber Gott, wenn es dich gibt, sei meiner Seele gnädig, wenn ich eine habe.“
    (Voltaire)

    Schick! Was ich aber Voltaire entgegenhalten würde (rein grammatisch, freilich):

    Eine zweifache Negation ergibt eine Affirmation. Ergibt ein zweifacher Konjunktiv, wie im obigen Zitat, dann nicht eigentlich einen Affirmativ?

    In diesem Sinne: Gnade Ihrer Seele, Herr Voltaire!

  16. @Wicht – Voltaire

    “Eine zweifache Negation ergibt eine Affirmation. Ergibt ein zweifacher Konjunktiv, wie im obigen Zitat, dann nicht eigentlich einen Affirmativ?”

    Was sich ja schön damit deckt das Voltaire, bei all seiner schärfsten Religionskritik, nichts abhielt rein im Privaten sowohl an Gott, als auch an eine unsterbliche Seele zu glauben. Clever war der Mann 🙂

  17. @Helmut

    Ja, so sehe ich es auch. Letzte Antworten sind meine Sache nicht, aber den Menschen selbst das Fragen verbieten zu wollen, fände ich arm.

    Nehmen wir nur Larsens schöne Beobachtung: Wenn wir “Enttäuschung über die eigenen Unzulänglichkeit” empfinden, so ist zur Materie also doch etwas hinzu getreten, dass über diese enttäuscht sein kann.

    Ich bin Substanzmonist, aber Eigenschaftspluralist. 🙂

  18. @ Wicht

    Ich denke, so kompliziert hat Voltaire das nicht verstanden wissen wollen. Ganz im Sinne der Aufklärung spricht der Satz eher aus, daß Glaube nicht Wissen ist. Eine positive oder negative Existenzaussage kann daher über Gott/Seele nicht getroffen werden. Wenn ich mich in eine Schublade stecken wollte, so würde ich mich als gläubigen Agnostiker bezeichnen. Warum? Nun, es ist kein Sturm, der mein Leben durchschweift, aber ein leises Lüftchen, welches die Blätter, die meine Gedanken sind, aufwirbelt, kann ich schon wahrnehmen.

  19. @ Wicht

    John A. Wheeler, ein theoretischer Physiker, hat einmal versucht auf den Begriff von Materie zu verzichten, indem er alle gemessenen Eigenschaften nicht einer “Substanz” zugeordnet hat, sondern direkt den Raumzeit-Punkten. Physikalische, materielle Eigenschaften wären demnach nur geometrische Eigenschaften der Raumzeit selbst. Sein Programm ist zwar vorerst gescheitert, aber vielleicht kann man die Idee ja doch noch zu einem glücklichen Ende führen.

    Was das mit Dualismus zu tun hat? Nun, die Frage “Gibt es Geist oder Materie?” könnte man dann, in einem strengen ontologischen Sinn, beantworten mit: “Weder das eine, noch das andere!”

  20. @ Joker

    Ist das der Wheeler, der zusammen mit DeWitt diese berühmte “Quantengleichung des Universums” aufgestellt hat?

    Inwiefern die Idee der “Nicht-Existenz” von sowohl Materie als auch Geist in der Physik hilfreich sein mag, kann ich nicht beurteilen. Ich kann nur nachtragen, dass mein Lieblingsphilosoph Schopenhauer gleichfalls die Substanzlosigkeit beider annahm. (Die berühmte Fussnote vom “Ich”, das nur ein “substanzloses Gespenst” sei..) Das eigentliche “Gewebe” der Welt, das, was ihre “Substanz” ausmacht, ist das, was sich zwischen diesen beiden Polen, dem erkennenden Geist und der erkannten Materie abspielt.

  21. Osteoporotisches Quotenkompott

    Apropos “…eine Melange von Assoziationen anrühren, und mal sehen, was passiert…” – in meiner womöglich schon leicht maroden Hirnschale schäumt es nun angeregt von Gedankenblasen mit vielschichtigen Aromen dank Text und Kommentaren – Prosit, es möge munden und nützen – mit oder ohne Dualis-Mus… – mir schmeckt der Beitrag samt Beilagen!

  22. @ foxeen

    Ich danke Ihnen – auch im Namen der Kommentatoren, denen das hoffentlich recht ist – für Ihren Kommentar, dem man, schon wegen des “Dualis-Mus”, Ihre feinschmeckerische, spielerische Ader anmerkt.

    Man sollte nämlich öfters spielen. Nietzsche. Das spielende Weltkind, oder so. Das Spiel ist nämlich todernst. (Das wird dem Hilsebein gefallen.)

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