Eine Rede, die ich vorgestern hielt

Vorgestern, am 10. 1. 2015, hatte ich das Vergnügen und die Ehre, bei der Absolventenfeier des Fachbereichs Medizin der Goethe-Universität den akademischen Festvortrag halten zu dürfen. Bei dieser Feier bekommen die Absolventinnen und Absolventen ihre Approbationsurkunden überreicht, scheiden also offiziell aus dem Studentendasein aus und sind ab sofort berufsbefähigte Ärzte.

Ich habe mich nicht gescheut, eine donnernde Rede im Stil und Geiste des 19. Jahrhunderts zu halten und dabei ein Idealbild der Alma mater / Universität skizziert, wie sie nie war und nie sein wird, aber wie sie sein sollte – idealistisches Pathos, dickstens aufgebuttert. Die ganze Sache habe ich dann mit Stentorstimme (denn ich habe einen Bariton) und Nachdruck vorgetragen, und dabei alle rhetorischen Register gezogen, die mir zur Verfügung stehen.

Die Rede wurde sehr wohlwollend aufgenommen. Ich stelle sie hierher – als ästhetische Provokation, als einen Gegenentwurf zur meist anämischen Rhetorik einer Universität, die sich als Ausbildungs- , und nicht als Bildungsstätte sieht.

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Werte Absolventen!

Spektabilitäten und Magnifizienzen!
Meine Damen und Herren!

An Sie – die Absolventen – richte ich meine Rede. Sie sitzen heute primo loco. Es ist IHR Fest, IHR Tag und sicher auch der Ihrer Eltern und Angehörigen, die stolz auf die akademischen Blüten sind, die ihre Sprösslinge getrieben haben.

Aus dem, was Sie hinter sich haben, den dunklen Niederungen der Vorklinik, bin ich hervorgekrochen, um Ihnen für den Weg zu den sonnigen Gipfeln, die Sie zweifellos vor sich haben, alles Gute zu wünschen.

Sie werden mich, so hoffe ich doch, wieder erkennen. Die meisten von Ihnen zumindest. Damals, als Sie Ihr Studium aufnahmen, war ich das erste akademische Tierchen, das Ihnen in Form eines Dozenten in einer Pflichtvorlesung über den Weg lief.

Und – so bilde ich mir wenigsten ein, mich zu erinnern – damals haben Sie den Witz, den ich gleich zum Auftakt in der Vorlesung machte, nicht verstanden. Also mache ich ihn jetzt nochmal, denn er hat viel mit dem zu tun, wovon ich heut’ abend reden möchte.

Ich marschierte also in die erste Vorlesung, sagte “Guten Tag, ich begrüße Sie” und stellte mich Ihnen vor, indem ich an die Tafel schrieb und dazu sagte:

“Mein Name ist

Privatdozent Dr. rer. nat. habil. Dipl.-Biol. Helmut Wicht

Und dann sagte ich weiter, derweil ich eine Ratte unten drunter zeichnete:

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“Entnehmen Sie dem bitte folgendes:
– erstens, dass ich nicht das bin, was sie werden wollen, nämlich Ärzte, ich bin Biologe
– und zweitens nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass die Akademiker, anders als die echten Ratten, ihre Schwänze vorne tragen.”

Davon will ich reden. Von den Rattenschwänzen, dem Titeln, der Akademie, der Universität – von all dem, was sie hinter sich haben. Denn wie könnt’ ich von dem reden, was vor Ihnen liegt? Ich kenn’s ja gar nicht, bin kein Arzt, bin aus dem akademischen Rattenloch nie herausgekommen – fühl’ mich allerdings dort pudelwohl.

Also – von den akademischen Rattenschwänzen. Oder ich sollte besser sagen – von den akademischen Antepedien, denn sie hängen ja vorne heraus.

Heute ist ein denkwürdiger Tag, denn genau heute, gleich nachher, bei der Übergabe der Urkunden, werden SIE – ja, genau, SIE, die Absolventen – Opfer einer kollektiven Appendektomie.

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Jawoll. Man wird Ihnen die Titulatur abschneiden. Als Sie sich für Medizin inskribierten, da waren sie titulaturmässig plötzlich Studiosae et Studiosi medicinae, als sie das M1 hinter sich hatten, rückten Sie zur Candidata und zum Candidatus medicinae auf, jetzt haben Sie die Approbation in der Tasche und sind titularmässig …

… nix mehr

Naja. Ärzte.

Aber das ist ein Beruf. Und kein Titel.

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Sarkastischerweise könnte man jetzt sagen – na gut: dann muss Sie halt das Leben adeln. Und eigentlich ist das ja auch gar nicht sarkastisch – ich wünsch’ Ihnen ja geradezu, das ihr Berufsleben so erfolgreich sein möge, dass Sie sich geadelt fühlen.

Ist aber schon schade. So ein Titel. Einfach weg. Klar – viele von Ihnen haben den Doktor in der Mache – dauert aber wohl hie und da noch eine Weile.

Auf den akademischen Titeln, auf der Eitelkeit, will ich noch eine Weile herumspielen. Um ihnen die Welt der Universität, der Alma mater, der Sie gerade entkommen, noch mal vor Augen zu führen. So wie sie war. Oder so, wie sie hätte sein sollen.

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Oh ja – diese Titel sind eitel. Aber was wäre es nicht? Der Prediger Salomo sagt, dass die ganze Welt eitel sei, vanitas vanitatum et omnia vanitas – und beachten Sie bitte den pikanten Doppel- und Dreifachsinn des Wortes eitel, das sowohl die Eingebildetheit des Narzissten meinen kann — aber auch die Leere, die Sinnlosigkeit. Im englischen Wort “vain”, da steckt noch der Doppelsinn von vanitas und vanity drin:

“It was all in vain”

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“Es war alles vergeblich, alles umsonst”. Das stimmt immer. Am Ende sind wir alle tot, erfülltes Leben hin oder her, ärztliches Handeln hin oder her. Und das meint auch der Prediger Salomo mit dem “vanitas vanitatum et omnia vanitas”. Alles ist ganz furchtbar wichtig und ganz furchtbar leer zugleich.

Das ist ja schon mal eine schöne akademische Einsicht – schon melancholisch, ein Tropfen Bitter in den Cocktail der Heiterkeit, den Sie heute schlürfen dürfen, was den Drink nur besser machen sollte.

Doch nicht nur eitel – die Titulaturen sind eine veritable Spielwiese, denn Akademiker sind ein verspieltes Völkchen. Sie sollten es zumindest sein, denn die Universität war ursprünglich mal als die freie, von keinen Zwängen beschwerte Spielwiese des Geistes gedacht. Und da machen dann die hohen Damen und Herren die allersubtilsten titularischen Spielchen.

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So ein Dekan zum Beispiel hat das Anrecht auf die Anrede “Spektabilität”, was von dem lateinischen Wort “spectabilis” stammt und übersetzt etwa soviel wie “Euer Ansehnlichkeit!” bedeutet.

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Wenn nun ICH aber – als schäbiger kleiner Privatdozent ohne ordentliche Professur – meinen Dekan, eingedenk der Tatsache, dass ich Latein kann, mit dem lateinischen “Spektabilis” anrede, begehe ich einen Fauxpas. Die lateinische Anrede – Spektabilis eben – steht nur solchen Personen zu, die ihrerseits schon mal Dekan waren, oder im Range sind, es zu werden. In einem solchen Rang bin ich nicht. Das akademische Fussvolk – zu dem Doktoren und Privatdozenten gehören – darf nur die eingedeutschte Anrede verwenden: also “Spektabilität”.

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Sie haben in all den Jahren ja gelernt, auf dieser feinabgestimmten akademischen Hierarchieklaviatur zu klimpern, ohne allzusehr daneben zu greifen.

Warum ich Ihnen diesen ganzen Kram erzähle? Nun, weil ich glaube, dass wir es hier mit weit mehr als einem System von schieren Eitelkeiten und Nichtigkeiten zu tun haben, weil ich glaube, dass hier auch eine “take-home-message” drinsteckt, die man aus Akademia mit hinaus in die freie Wildbahn nehmen kann. Ich versteige mich also jetzt dazu, Ihnen DOCH mit einer Lebensweisheit zu kommen . Sie müssen sie ja nicht annehmen.

Der ganze titularische Sums

– den es ja bei Gott nicht nur in Akademia gibt, sondern in so ziemlich allen Institutionen, die sich langfristig bewährt haben, denken Sie zum Beispiel an die katholische Kirche, mit ihren Heiligkeiten und Exzellenzen, die Kirche, die- noch vor den Universitäten – die älteste Institution der Welt ist, die Universitäten sind tatsächlich nach ihr die zweitälteste und erst DANN kommt die spanische Inquisition und Monty Python noch viel später –

– der ganze titularische Sums ist nämlich so daneben gar nicht. Idealerweise – und ich rede hier von einem Ideal – spiegelt er in allerfeinster Nuancierung ein hierarchisches System von Kompetenz und Verantwortung, von Supra- und Subordinationsverhältnissen, von Lehrer und Schüler wider, in das man sich passgenau einfügen kann und dem er sprachlich Ausdruck verleiht. Wenn ich meinen Dekan mit “Spektabilität, darf ich Sie mal sprechen!” anrede, weiss der sofort, dass ich was von ihm will, aber als Subordinierter, als sozusagen Schutzbefohlener, dem er Protektion schuldig ist, dem ich aber meinerseits Loyalität und Respekt schuldig bin.

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Die universitären Hierarchien sind alles andere als flach. Die dort draussen sind es aber, glaube ich, auch nicht. Sich in diesen Hierarchien bewegen zu können – und sie irgendwann auch mal selbst in Bewegung zu setzen – das macht, glaube ich, das Berufsleben leichter.

Nein – ich will hier nicht der arschkriechenden Subordination das Wort reden – wiewohl ich es mir natürlich nicht verkneifen kann, an dieser Stelle den groben Wirt von der Oberschwester und dem Assistenzarzt zu erzählen, die sich im Magen des Chefarztes treffen.

“Na”, sagt die Oberschwester zum Assistenzarzt, “hat er Sie auch gefressen?”
“Nein”, sagt der Assistenzarzt, “ich komm’ von unten.”

So eben nicht.

Der Aufstieg zu den höheren Weihen sollte nicht per anum erfolgen. Ein Chef ist idealerweise ein Chef, weil er mehr kann und auch mehr verantwortet als die anderen. Und ich habe immer gute Erfahrungen damit gemacht, meine Chefs genau da abzuholen, wo sie standen: als Chefs eben, als Ratgeber, als Mentoren und Protektoren.

Und wenn Sie dann selber Chefinnen und Chefs geworden sind werden Sie merken, dass es ein verdammt schwerer Job ist, wenn man ihn gut machen will. Kompetenz, Wissen, Protektion, Macht – der Umgang mit all dem will gelernt sein.

Weswegen ich persönlich heilfroh bin, nie Chef geworden zu sein. Fröhlicher Privatdozent mit einem Hang zur Melancholie — jaha, solche Karrieren bietet die Alma mater, die Sie nun leichtsinnig verlassen.

Aber vielleicht kommt der eine oder die andere ja wieder.

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Nun – jetzt gehen Sie aber. Das stimmt mich melancholisch. Sie nicht, ich weiss, Sie sehen das heiter. Mich aber schon, denn ich hab’s schon wieder nicht fertig gebracht, Kommilitonen aus Ihrem Semester dazu zu überreden, Anatomen zu werden, obwohl grossartige Präparatoren unter ihnen waren. Und was wollen die werden – Chirurgen. Oder Intensivmediziner. Bah.

Spät ist mir aus Ihrem Semester noch ein Doktorand zugelaufen. Der suchte eine unblutige Doktorarbeit. Da hab’ ich ihn an die Geschichte der Dr. Senckenbergischen Anatomie gesetzt. Anatom will er aber auch nicht werden.

Ach.

Ich habe versagt.

Naja – nicht ganz. Mit einigen von Ihnen – aber auch mit Kommilitonen aus anderen Semestern – habe ich den akademischen Traum leben können, von dem ich oben schon sprach. Den Traum davon, wie sie sein sollte, die Alma mater.

Das mit dem akademischen Respekt funktionierte. Man gab mir das Gefühl, dass meine Kompetenzen geschätzt wurden. Man gab mir zu verstehen, dass von mir was zu lernen war. Das mit der Protektion funktionierte, zumindest tat ich, was ich konnte, um als akademischer Mentor und Tutor zu funktionieren.

Und vor allem funktionierte eines: das mit der Freiheit. In meinem Büro sitzen, Kaffee trinken, über Anatomie und Wissenschaft und Gott und die Welt reden – reden, nicht schwafeln, Diskurs, nicht Gewäsch – und das als genau DAS freie Spiel begreifen, um das es an der Universität geht. Um es mit Hegel zu sagen: die Selbstbewusstwerdung des Gedankens im Akte seines Gedachtwerdens, die Selbstbewusstwerdung des Denkenden im Akte des Denkens.

Das war sehr schön. Das war das, was ich unter dem Bildungsauftrag der Alma mater verstehe, denn ich bin nach wie vor der Ansicht, dass die Universität keine Stätte der Berufsausbildung sein sollte, sondern ein Ort, an dem Gedanken ebenso wie Menschen zu sich selbst finden.

Ich kann nur hoffen, dass andere von Ihnen bei anderen Dozenten, bei anderen Doktorvätern, -müttern oder Mentoren untergekommen sind, die sie gleichfalls hinter die Klausur- und Kurs- und Pauk- und Lern- und Wissenschaftskulissen der Universität haben schauen lassen. Denn all das sind Kulissen. Die Universität will im Kern nur eines: sich. Sie ist damit, in gewisser Weise, noch egozentrischer als die katholische Kirche. Die verspricht nämlich wenigstens etwas – die Erlösung. Die ideale Alma mater verspricht Ihnen gar nichts – ausser der Freiheit, ihr auf der Suche nach sich selbst behilflich zu sein und sich dabei womöglich selbst zu finden.

Das funktioniert aber nur, wenn man sich einlässt – auf die Gedanken, auf den anderen, wenn man bereit ist, zu geben und zu nehmen, und auch das Risiko nicht scheut. Denn es kann einem bei diesen akademischen Unternehmungen passieren, dass man in Gedankenwelten gerät, die kalt und ungeheuerlich weit wie Eiswüsten sind, oder verschlungen wie Lianen in einem schwülen Dschungel. Man kann in Aporien, in Weglosigkeiten geraten, in’s Bodenlose fallen oder Himmel einstürzen sehen. Erkenntnis ist auch Risiko. Es kann sein, dass man durch sie nirgendwo hinkommt.

Und aus dieser Traumwelt scheiden Sie nun.

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Ganz schön blöd, würde ich sagen, derweil ich Ihnen, eine Träne im Auge, aus meinem Elfenbeinturm hinterher winke. Vertreibung aus dem Paradies, sozusagen. Der Gedanke mit dem Paradies – der kommt am Schluss nochmal.

Naja – vielleicht doch nicht so blöd. Denn das Traumbild der Uni, das ich hier gezeichnet habe, ist natürlich ein Zerrbild. So war es nie, so war die Uni meiner Eltern nicht, so war die Ihrer Eltern nicht, wo wird sie nie sein. Wo kämen wir denn da auch hin? Die Uni als Paradies? Natürlich ist sie das nicht. Sie genauso Hauen und Stechen und ewiger Finanzierungskrieg wie fast alle menschlichen Unternehmungen.

Aber ich beharre darauf, dass sie – und damit eben ANDERS als andere Unternehmungen – ihr Hauen und Stechen und ihre ewigen Finanzquerelen und Reformunternehmungen nur DARUM aufführt, weil sie den Freiraum, der ihr Kern ist, freihalten will. Grundgesetz, Paragraph 5, Absatz 3, ich zitiere: “Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.”

Näher als an der Uni sind Sie der Freiheit in keiner Institution gekommen, werden sie in keiner anderen kommen, freier als als Studenten sind Sie nie gewesen.

Einige von Ihnen werden bleiben, einige werden zurückkommen, und ich hoffe doch sehr darauf, dass unter Ihnen der oder die eine oder andere ist, der oder die den mitunter melancholischen, aber stets freien Geist der Universität weiterträgt..

Und doch – jetzt kommt der zweite gute Rat des alten Knackers. Nehmen Sie die Freiheit, die die Alma mater Ihnen bot oder wenigstens hätte bieten sollen, nach dort draussen mit. Sie sind frei.

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Gut kantisch gesprochen: Sie sind niemandes Zweck, ausser ihr eigener. Sie müssen gar nichts, ausser dem, was sie wollen. Und, um’s mit Schopenhauer zu sagen: in dem, was Sie dann im Laufe eines Lebens gewollt haben, wird sich Ihnen zeigen, wer Sie sind. Vielleicht…

Tragen Sie diesen zutiefst akademischen, eigentlich schon metaphysischen Gedanken da hinaus. Finden Sie sich selbst und helfen sie in diesem Akt dieser Welt zu sich selbst zu finden. Sie hat es nötig. Dringend.

Und bleiben Sie der Universität verbunden. Als Alumni zum Beispiel. Denn wir haben auch Sie nötig. Dringend.

Aber – einen melancholischen Gedanken erlauben Sie mir noch – ja? Eigentlich richtet er sich fast mehr an Ihre Eltern, die hier mit Ihnen sitzen, als an Sie selbst. Es ist also schon wieder eine Einsicht eines alten Knackers, hat aber mit dem zu tun, was vor Ihnen, den Absolventen liegt: ein Leben, ein Berufsleben, eine Welt, die Sie von uns Alten erben werden.

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Und der Gedanke geht so, er ist ganz einfach und ein wenig verstörend. Wenn ich mir, aus der Warte meines sechsten Lebensjahrzehntes, in dem ich bin, die Welt so ansehe, dann merke ich, dass sie mir immer fremder wird. Die selbstverständliche Welt, die, mit der ich im Einklang war – das war so in den achtziger Jahren, zu meinen eigenen Studenten- und Absolventenzeiten. Aber – ganz eigenartig – das war ja noch gar nicht meine Welt. Die, in der ich mich fand, hatten ja die Eltern gemacht. Jetzt, dreissig Jahre später, in der Welt, die ich und meine Altersgenossen gemacht haben – da komme ich mir fremder vor als in der Welt, in die ich als nackter Wicht hineingeboren wurde.

Sehr eigenartig. Der selbstgemachten Welt fehlt der Wohlfühlfaktor. Ich musste, während ich das dachte und schrieb, an Heinrich von Kleist denken.

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Der beklagt im “Marionettenspieler”, dass wir von Cherub mit dem Flammenschwert aus dem Paradies vertreiben worden seien. Und Kleist lässt den Marionettenspieler sagen:

“Solche Mißgriffe sind unvermeidlich, seitdem wir von dem Baum der Erkenntnis gegessen haben. Doch das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns; wir müssen die Reise um die Welt machen, und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist.”

Das Paradies. Das wünsch’ ich mir, dass wünsch’ ich Ihnen, dass wir auf unserer Weltrundreise doch noch die Hintertür finden.

So.

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Rattenschwänze, Eitelkeiten, das ganze Pathos der idealistischen Metaphysik dickstens gebuttert, dem Traum von der idealen Universität eine Lanze gebrochen und sogar noch den Heinrich von Kleist untergebracht und trotz Goethe-Uni kein einziges Zitat von Goethe gebracht — ich glaub’, ich hab’ meine rhetorische Schuldigkeit getan. Fast war’s mir wie eine Weihnachtsvorlesung, es hat mir Spass gemacht.

Aber es ist IHR Tag und IHRE Ballnacht. SIE haben es geschafft. IHNEN gebührt Applaus, an IHNEN ist es jetzt, die Welt zu schultern.

Ich hab’, extra um ihn vor Ihnen ziehen zu können, meinen schönsten Zylinder mitgebracht.

Chapeau! Ich gratuliere Ihnen!

Und jetzt: machen Sie es gut.

Nein. Machen Sie es besser!

Danke.

 

 

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

12 Kommentare Schreibe einen Kommentar

      • … aber ich kann gar keine Comics zeichnen. Zwar begleite ich meine Anatomievorlesungen mit “ad-hoc” (Tafel-)skizzen, und die Bebilderung meiner Festvorträge (die übrigens meine Frau macht) ist sicher von der Dynamik der Comics inspiriert – aber das war’s dann auch.

      • @Martin Holzherr

        “So ein Bürojob (Comiczeichner) wäre auch bestimmt weniger gefährlich als Anatomie.”

        ???

        #JesuiCharlie

        @Helmut Wicht

        Anatom, bleib bei deinen Leichen!

  1. Hallo Herr Wicht,

    Sie können es nicht lassen !

    Aber mal ehrlich: glauben Sie wirklich all das, was Sie da erzählt haben. Das mit der Freiheit an der Alma Mater ?

    Oder haben Sie in allem nur eine Posse gespielt ?
    Das wäre auch gut.

    Bei Ihnen ist der Ernst der Sache hinter so viel Unernst versteckt, dass man ihn kaum noch findet.

    Ist das Absicht, ihn so zu verstecken ?

    Oder ergibt sich das einfach so, wenn sie mal so drauf sind ?

    Gut dass es Sie gibt, aber was ist der Grund, dass Sie so aufdrehen, bei so einer Rede ?
    Was haben Sie da in sich ? Haben Sie sich das mal überlegt ? und wie kommt man da hin ?
    können Sie mir eine Rat geben, ich tendiere in Ihre Richtung, kann es aber nicht so perfekt.

    Grüsse
    Fossilium

    Sie sind wirklich

    • Oh, ich meine das durchaus ernst. Und so versteckt ist die Botschaft ja nicht – ein Traumbild vom So-und-so-Sein SOLLEN der Uni wird gezeichnetm, und die Realität wird dem gegenüber gestellt. Das Ideal der Alma mater wird von Karl Jaspers in “Die Idee der Universität” ausgeführt, meine Rede ist im Wesentlichen Paraphrase dessen.

      Und ernst ist es mir auch, wenn ich sage, das ich – wenigstens für mich – diesen Traum von Freiheit an der Uni leben kann. Nicht stets. Aber oft. Ich fühle mich intellektuell frei und werde auch noch dafür bezahlt. Ich habe Glück gehabt – und bin mir darüber im Klaren, dass das nicht die Regel ist. Aber das wäre eine andere Rede.

  2. Privatdozent Dr. rer. nat. habil. Dipl.-Biol. Helmut Wicht

    (…) als schäbiger kleiner Privatdozent ohne ordentliche Professur (…)

    Gab’s da irgendwelche Spezifität, Exaltiertheit, dem Falschen in die Tasche gegriffen zu haben, “falsche” Meinung oder charakterliche Uneignung, Rincewind-Artiges?

    MFG
    Dr. W

    • Ich fürchte, ich verstehe die Frage nicht so ganz.

      Sollte sie aber lauten: “Warum sind Sie kein ordentlicher Professor geworden?”, so muss ich antworten, dass es dazu wissenschaftlich nicht gelangt hat. Ich habe nicht genug publiziert (nur etwa drei Dutzend “richtige” Papers), zu viel Verschiedenes publiziert, keine wissenschaftliche Stringenz bewiesen, sondern an den Dingen herumgespielt, die mich gerade interessierten.

      Und es ist mir zum Glück geraten! Denn als ordentlicher Professor müsste ich Dinge tun (Verantwortung für Mitarbeiter tragen, organisieren, viel Gremienarbeit machen, mich immer um Geld sorgen), die ich weder will noch kann. Das Glück war die Dauerstelle im akademischen Mittelbau. Eine “Funktionsstelle” – ich kam auf diese Stelle, weil ich das Leichengeschäft der Anatomie zu betreuen hatte.

      Nein, ich habe in niemandes Tasche gegriffen. Und Rincewind ist in der Tat jemand, den ich sympathisch finde.

      • Sehr nett, Herr Dr. Wicht, Ihre Reaktion, Sie haben die Frage verstanden, hmm, Ihre Web-Nachrichten sind jedenfalls sehr angenehm.
        MFG
        Dr. W

  3. Lieber Herr Wicht,
    diese Lektüre habe ich genossen. Danke. Nach meinem Examen (1969) hat keiner gesprochen. –
    Ich kann allerdings keinen Text lesen, ohne -gleichsam automatisch- Fehler zu finden.
    Hier sind einige in Ihrem obigen Text:
    – Statt “grober Wirt” (von der Oberschwester und dem Assistenzarzt) muß es sicher heißen: “grober Witz”.
    – Nach der Textstelle “Traumbild der Uni…Zerrbild…” folgt: “So war die Ihrer Eltern nicht, wo wird sie nie sein” –> “…so wird sie nie sein”.
    – Der Satz in der darauffolgende Zeile lautet: “Sie genauso Hauen wie Stechen wird…” –
    Da fehlt wohl ein passendes Verb.
    Nichts für ungut und herzliche Grüße!
    D.G. (vormals Anatomie-“Ordinarius”)

    • Werter Herr Professor Grube,

      …ach.

      Meine (orthographischen und grammatischen) Schlampereien beschämen mich.
      Ihr Lob – als Ordinarius – macht mich stolz.

  4. Die langweiligste Rede aller Zeiten, von jemandem der keine Ahnung hat, wie es ist richtiger Arzt zu sein.
    Die armen Studenten, die leider mit irgendwelchem schwachsinnigem Latein vollgelabert wurden….

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