Eine Rede, die ich gestern hielt

BLOG: Anatomisches Allerlei

Kopflose Fußnoten von Helmut Wicht
Anatomisches Allerlei

Gestern hatte ich die Ehre und das Vergnügen, beim Festakt zur Verleihung der Approbationsurkunden an die Absolventen des Studiums der Humanmedizin an der Goethe-Universität in Frankfurt den Festvortrag zu halten. Wie eine subalterne Charge, ein Privatdozent wie ich, dazu kommt, so einen Vortrag zu halten? Nun, das steht in der Rede.

Der Vortrag ist mir ziemlich politisch geraten, ziemlich hochschulpolitisch. Also, so dacht’ ich mir, stell’ ich ihn mal hier in den Blog. Sein Auftakt ist heiter, mittendrin wird er garstig. Für einen Blogbeitrag ist er – entschuldigt bitte – ungebührlich lang. Für eine Festrede war er erfrischend kurz, hat gerade mal 20 Minuten gedauert. Die Resonanz schwankte zwischen einer gewissen Betroffenheit und (grimmiger) Zustimmung…

 

Spectabilis,
Spectabilis ad vicem,
geehrte Professorenschaft,
meine Damen und Herren,
werte frischgebackene Ärzteschaft,

Kurz angerannt steh’ ich hier als Stellvertreter,

als Ersatzmann. Sehr kurz angerannt. Rot-Rot brauchte ein Jahr um schief zu gehen, an der Uni packen wir das schneller, in unserem Falle sind’s drei Tage gewesen. Denn der Herr Professor XXX, als dessen Surrogat ich hier stehe, ist am Dienstag erkrankt. Er wird aber wieder.

Noch dazu steh’ ich als völlig untaugliches Surrogat da,

sozusagen Instant-Kaffee statt Lavazza.

Denn diejenigen unter Ihnen, die mich kennen, wissen, dass ich an den Anfang des Studiums gehöre, in’s Grundstudium, und nicht an dessen Ende. Ich bin Anatom, noch dazu Biologe und kein Mediziner und habe ergo von dem Tuten und Blasen, das jetzt im Beruf des Arztes auf Sie zukommt, keine Ahnung. Von daher wäre es jetzt ziemlich hirnverbrannt, wenn ich versuchte, Sie mit salbungsvollen Worten auf Ihre Rolle als Ärzte vorzubereiten, wie es der Anlass eigentlich fordern würde.

Ich mach’ ‘was anderes. Ich biete Ihnen einen salbungsvollen, wehmütigen, zum Teil aber auch garstigen Rückblick, einen Blick auf das, durch das Sie gerade hindurchgegangen sind – aus meiner Perspektive. Ja, ich sagte: auch einen garstigen Rückblick, denn das Lied, das ich singen möchte, ist auch ein politisch’ Lied, ein garstig’ Lied, wie man in Deutschland sagt. Ärger noch: ich sing’ dieses Lied hier zum zweiten Mal, eben weil das alles so kurz angerannt war. Ich konnt’ mir binnen zweier Tage keine komplett neue Rede aus den Fingern saugen. Also hab’ ich einen Text, den Sie vielleicht in einer Studentenzeitung schon gelesen haben, überarbeitet und dem Anlass angepasst.

Hier ist er.

Ich denk’, ich nenn’ meinen Beitrag: "Tribb de Bach". Das ist sehr franggforderisch und heißt soviel wie: "auf der anderen – das heisst: Sachsenhäuser/Niederräder – Seite des Flusses". Und da ist er ja, der Campus von dem wir eigentlich stammen, der medizinische Campus. Der Hauptcampus unserer Universität hingegen – auf den wir jetzt diesen Festakt begehen – ist "hibb de Bach", was soviel bedeutet wie "Downtown".

Notabene sind "hibb’" und "tribb’" – also: "hüben und drüben" – notabene sind "hibb" und "tribb" in Frankfurt, anders als anderswo, standortinvariante, absolute Ortsbezeichnungen. Darin sind sie vielen anatomischen Termini deutlich überlegen. Man bedenke zum Beispiel: Was an einer Extremität "proximal" und was "distal" ist, hängt davon ab, wo man sich im Geiste gerade befindet. Das Handgelenk liegt distal des Unterarmes, jedoch proximal der Hand. Es ist sozusagen nah und fern zugleich. Welche Verwirrung! Ganz klar, ganz ein- eindeutig jedoch der Frankfurter Sprachgebrauch: "Tribb de Bach" ist immer Sachsenhausen oder Niederrad. Und selbst wenn man gerade tief – bis über Oberkante Unterlippe, sozusagen – mittendrin steckt, in den Sachsenhäuser Ebbelwoi-Teichen und Handkäs’-Sümpfen, so ist man eben doch "drüben" und vermutlich auch schon bald "hinüber".

Damit hätten wir das notwendige Lokalkolorit und die Anatomie schon mal drin. "Tribb de Bach" – das ist im übertragenen Sinne aber auch die Position, in der sich der alternde Anatomiedozent findet. Auf der anderen Seite des Flusses eben, nicht mehr vor dem Katheder, sondern dahinter, auf der anderen Seite des Tisches, den Prüflingen gegenüber, nicht mehr in Klausuren schwitzend, sondern sie konzipierend – kurz: er findet sich im Lager des Feindes. Lebhaft erinnere ich mich an meine eigene Studentenzeit – und um ehrlich zu sein: ich weiß gar nicht mehr so recht, wo, wann und wie ich den Fluß überquert habe. Man schliddert da so hinein.

Es muss irgendwas mit der Abschlussprüfung zu tun gehabt haben, irgendwas mit der Urkunde, die ich damals erhielt. Da begann mein Geschlidder, da beginnt momentan Ihres. Nur dass ich – anders als die meisten von Ihnen – immer nur an der Universität herumrutschte – aber dennoch irgendwann merkte, dass ich endgültig "tribb de Bach" gelandet war.

Und da geht man dann – jedes Semester auf’s neue – in seine Vorlesungen und auf den Präpkurs. Und vor einem türmt sich der Berg der Weißheit aus 650 – jawohl, soviel Anfänger haben wir jetzt – aus 650 weißbekittelten Studenten, und man fragt sich, ob es weise war, diesen Weißheitsberg aufzuschütten und ob es einem gelingen wird, ihn in einen Berg der Weisheit – will sagen: wissender, weiser Halbgötter in Weiß – zu verwandeln.

Natürlich nicht. Sie – die Ehemaligen von  "hibb de Bach" sind viele, und wir – die Dozenten schaft "tribb de Bach" – sind wenige, viel zu wenige. Was wir leisten können – mit viel Mühe und organisatorischem Geknirsche, sie haben es erlebt – was wir leisten können, ist eine einigermaßen solide Ausbildung zum medizinischen Handwerk.

Dabei – und jetzt kommt der flammende, pathetische, polemische, unausgewogene, nostalgisch-utopische Teil meines Beitrages – dabei ist das gar nicht unsere Hauptaufgabe. Zumindest meiner Ansicht nach nicht.

Wer die Universität als einen Ausbildungsbetrieb ansieht, hat sie nämlich mißverstanden. Wer die Universität als einen Scheinvergabeapparat mit titulativer Qualifikationszertifikation – BätschelorMaasterDocPerfesser – wer sie als das ansieht, hat sie mißverstanden.

Wer die Studentenschaft als eine mit dem Nürnberger Trichter zu traktierende und mit dem damokleischen Schwert der Examinierung zu bedrohende und endlich zu richtende Masse ansieht, hat sie mißverstanden. Wer die Dozentenschaft für den malignen Hüter des Grales der Bescheinigungen und berufsqualifizierenden Titulaturen hält, hat sie mißverstanden. Und eigentlich hat der, der von "hibb" und "tribb de Bach" redet, die ganze Angelegenheit auch mißverstanden.

Wir sitzen nämlich – nein ich sollte an dieser Stelle sagen: wir sassen nämlich zusammen an einem Ufer, stießen in einem Boot von ihm ab und ruderten gemeinsam in eine Richtung, jeder nach Maßgabe seiner Kräfte.

Idealerweise jedenfalls.

Sie merken schon: mir guckt ein Ideal der Universität aus jedem Knopfloch, das wahrscheinlich nie ganz Wirklichkeit war und es nie werden wird. Aber wenn man seine Utopien nicht verfolgt, sie nicht wenigsten ausspricht, wie sollten sie je wahr werden, wie sollte man sich Ihnen je nähern? Und meine Utopie hat einen Namen, sie heißt: "Alma mater"  nein, hat nix mit Hirnhäuten zu tun. Aber mit Hirn und Herz.

Alma mater …

Ja, ich weiß, das klingt in Ihren Ohren, die von den Begriffen der Betriebswirtschaftler und Nationalökonomen klingeln (Kosten, Nutzen, Effizienz, Produktivität, Konkurrenz) wie das sonntagsredende Pathos eines halbsenilen Ordinarius, der schon lange in Sphären jenseits der Wirklichkeit schwebt. "It’s the economy, stupid!" Das ist aber ein grobes, ein bösartiges Mißverständnis, und die Folgen dieses Mißverständnisses haben wir gemeinsam ausgebadet.

Alma mater…

Das ist die "nährende Mutter". Verzeihen Sie, sofern sie eine Frau sein sollten, den Sexismus der Metapher, die sicherlich einem Männerhirn entsprang: Sie stammt aus Zeiten, als die Universität ein Männerbetrieb war. Den wünsch’ ich mir nicht zurück. Wohl aber das, was der Begriff bezeichnet, auch wenn’s schon damals, im Mittelalter, als er geprägt wurde, ein Desiderat, ein Wunschtraum war. Die Alma mater: das ist ein behüteter Ort, ein umwallter Ort, ein freundlicher Ort – ja, stimmt: der Begriff hat was von einer "regressio ad uterum", "back to the whomb", heim in den Mutterschoß. Die Alma mater ist ein freundlicher, wärmender Ort der Sicherheit.

Die Universität ist nicht die Welt, soll sie nicht sein. Um zu einem etwas zynischen Bild zu greifen: ja, sie ist eine Art von "behüteter Werkstätte", in der die ökonomischen Regeln nicht gelten, die draußen zur Anwendung kommen. Nur ist sie eben eine Werkstätte nicht für die Debilen, sondern für die Klugen — wobei halt in Kauf genommen werden muß, daß das Treiben manches Klugen an der Uni auf den ersten Blick nur schwer von dem eines Minderbemittelten in der behüteten Werkstätte zu unterscheiden ist. Die Alma mater ist aber auch ein Ort unerhörter Freiheiten. Um nichts geht es in ihr als um die Reifung, die Reifung einer Person, eines Gedankens, einer Theorie, einer experimentellen Praxis, die irgendwann einmal alltäglich werden mag. Oder eben auch nicht, denn die Alma mater ist ebenso ein Ort des Scheiterns von Personen und Ideen. Ihre Spielwiese gewesen zu sein: Auch das ist ihre Freiheit. Sie haben’s gepackt, sind nicht gescheitert: Glückwunsch!

Ein Desiderat, wie gesagt, eine Utopie. In Freiheit gemeinsam reifen sollten wir an der Alma mater. Ich will’s Ihnen an einem Beispiel erläutern, denn aneinander und an unseren Fächern bilden sollten wir uns, und nicht nur ausbilden. Sie, die ehemals Studierenden, indem Sie sich nicht nur die unsägliche Mollsche Anatomie in notwendigster Kürze in die Birne hauen, sondern indem Sie sich einlassen auf das Fach und die Attitüden seiner Vertreter. Sie sollten die Welt der Anatomie kennenlernen, und nicht nur die Namensschilder, die in ihr aufgestellt sind. Wir, die Dozenten, indem wir nicht nur als Examinatoren, Nomenklatoren oder reine Erklärbären daherkommen, sondern indem wir auch als Personen mit Attitüden und Meinungen zum Fach auftreten, an denen Sie sich reiben und an denen Sie reifen können.

Ich selbst zum Beispiel will den Freiraum haben, Ihnen meine Schnurren, meine Anekdoten, meine längeratmigen Exkursionen in den Trojanischen Krieg ausgehend von der Achillessehne zu erzählen.

Die Anatomie, ja, das ganze Leben, ist mir nämlich eine primär ästhetische Unternehmung. Ich will, im Sinne meines Ideals von der Alma mater, daß Sie das zur Kenntnis nehmen können. Und wenn Sie meine Ästhetizismen dann zum Davonlaufen finden, dann hab’ ich immerhin meinen Bildungsauftrag erfüllt, indem ich als Negativvorlage diente. Und Sie werden einen anderen Anatomen finden, der Ihnen die Anatomie als Magd der Klinik so zurichtet, dass sie Ihre gehorsame, wenn auch verkrüppelte Sklavin wird.

"Ist das, was Sie da gerade erzählt haben, prüfungsrelevant?", fragt man mich, nachdem ich die Geschichte von Achill und seiner verletzlichen Sehne erzählt habe.

Die Frage ist im Kontext einer vermassten Universität, die sich als Ausbildungsdurchlauferhitzer versteht, berechtigt. In einer Universität, die sich als Alma mater begreift, ist sie eine Beleidigung meiner Person und ein Ausweis der Ignoranz des Fragestellers. Beleidigen tut sie mich, indem sie mich auf die schiere Funktion des Nomenklators, auf einen Pauker reduziert. Ignorant ist sie insofern, als sie den Fragesteller als eine Person mit eng ummauertem Horizont entlarvt.

Nochmal: unter dem Status quo der Universität ist die Frage sehr berechtigt und keineswegs dumm. Denn den Achill, seine Mutter Thetis, das Geheimnis seiner Verletzlichkeit und Hippokrates Übertragung des homerischen Epos auf das Tendo calcanei aufmarschieren zu lassen – dazu braucht’s Freiräume, Zeit, die für anderes fehlt. Und ebenjene Freiräume, ebenjene Zeit, die Ihnen und mir die Alma mater böte, bietet der Ausbildungsbetrieb "Universität" nicht. Eigentlich hat er noch nicht mal den Namen "Universität" verdient. Es ist eine Klippschule, eine Paukanstalt auf quantitativ hohem, qualitativ aber eher mediokrem intellektuellen Niveau. Und ästhetisch ohnehin unter aller Kanone

Notabene ist die Mediokrität ein strukturelles Problem, und kein intellektuelles. Weder Sie, die Studenten, noch wir, die Dozenten, sind von Geburt an blöde. Wir verblöden uns nur gegenseitig an der Massenuniversität, wenn wir das Ideal der Alma mater unkommentiert über Bord werfen und unreflektiert nachbeten, was uns Ökonomen und andere Naturalisten als "wirklich" und "wichtig" verkaufen.

Philosophisch gesprochen: die betriebswirtschaftlich durchorganisierte Massenuniversität ist stets nur Mittel, niemals Zweck, sie kennt sich nur in Bezug auf das Produkt, das sie erst liefern soll: den Bachelor, den Master, den Arzt. Sie ist niemals bei sich, lernt sich nie je kennen, sondern ist immer nur ein Versprechen auf eine berufsqualifizierende Zukunft, ist immer nur Weg, nie Ziel, gelangt nie je in den Besitz ihrer Gegenwart. Sie ist, mit anderen Worten, völlig entfremdet, sich selbst und ihren Angehörigen.

Die Alma mater hingegen ist im Besitz des Jetzt, denn sie verwirklicht sich selbst und Ihre Ziele ständig im Prozeß, der in ihr abläuft. Sie ist immer schon am Ziel, denn ihr Ziel ist der Weg: reden, zuhören, diskutieren, probieren, verwerfen, formen, bilden, Hypothesen und Bilder machen und mitunter sich auch was einbilden und eingebildet sein. Und wenn man, als Examinierter, diesen Prozeß verläßt, dann ist man auch gut ausgebildet. Aber sozusagen als Nebenprodukt. Und manche, die Dozenten zumal, wollen aus diesem Prozeß ein Leben lang nicht hinaus, weil’s so herrlich ist. Und vielleicht findet sich unter Ihnen ja auch der oder die ein oder andere, die an diesem Ideal mitzustricken bereit sind.

Oha. Jetzt bin ich aber endgültig "tribb de Bach" gelandet, am anderen Ufer, im philosophischen "Off" und in der Utopie eines Tagträumers, werden Sie sagen. Die Wirklichkeit sei halt nicht so, werden Sie sagen. Recht haben Sie, die Sie in ein Curriculum eingespannt waren, das Ihnen kaum Zeit zum Luftholen, geschweige denn zur bedächtigen (d.h.: bedenkenden, nicht faulenzenden) Durchbildung Ihrer Person und Ihrer Welt liess. Aber es geht auch anders. Ich habe mein Studium (zugegebenermaßen das der Biologie, und nicht der Medizin) anders erlebt. Und in meinem unmittelbaren Umfeld, in einem kleinen, aber freien Raum, der sich mit einem Radius von etwa 30 Metern um mein Büro spannt, der ein Labor, Kollegen und ein paar Doktoranden umgreift, da lebt sie, meine kleine Alma mater. Und ich bin der großen Alma mater francofortiensis unendlich dankbar, daß sie mir im Kleinen diesen Raum gewährt hat und ihn mich ausstatten ließ.

Und hoffentlich kommt jetzt nicht irgend so ein Rationalisierungsfuzzi von einer externen Wirtschaftsprüfungsanstalt aus "hibb de Bach" und schafft mich ab. Ich fände das schade, vor allem um mich, ein wenig aber auch um den Geist der Universität.

Und ausserdem: all das, was ich Ihnen gerade vortrug, die Sorge um die Alma mater, die Klage über die entfremdete Universität – das sind keine abgehobenen Reflexionen eines verträumten Spinners. Lesen Sie Zeitungen? Haben Sie’s mitbekommen? Eigentlich sind wir in der Medizin sogar noch auf einer Insel der Seligen. In den anderen Fächern, auch in meiner geliebten Biologie, tobt die Bologna-Reform, die die Universitäten endgültig zur Klippschule machen wird, uns jeden Rest von akademischer Freiheit rauben wird, und das mit voller politischer Absicht. Reine Werkzeuge sollen wir sein, wir, die Dozenten, wir sollen nurmehr trichtern, und die Studierenden sollen künftig in Rekordzeit der Wirtschaft zwecks Profitmaximierung und Konkurrenzfähigkeit zur Verfügung gestellt werden. Es brennt wirklich.

(mit der FAZ in der Hand wedeln..) 

Hier in der FAZ war diese Woche der offene Brief eines Professors aus Mainz, der den Kultusminister um seine Entlassung gebeten hat. Wegen Bologna, wegen der Zerstörung der letzten Reste dessen, was mal die Alma mater war. Er erträgt es nicht mehr, kann es nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren. Und nein, er steht nicht kurz vor der Pensionierung, er ist 54. Und wer die Segnungen des deutschen Beamtendaseins, vor allem in seiner Form als Professorendasein kennt, der weiss, dass dieser honorige Herr seinem Gewissen kein ganz kleines Opfer gebracht hat.

An dieser Stelle steht in meinem Manuskript: tiefer Seufzer.

Seufz.. 

Sie hingegen  können erleichtert aufatmen, denn ich bin mit meiner Rede gleich fertig.

Die allermeisten von Ihnen werden uns den Rücken kehren, vielleicht irgendwann mal für ein paar Fortbildungspunkte wiederkommen, aber ansonsten vermutlich wenig sentimentale Gefühle für ihre Ex-Alma mater entwickeln – oder doch? Wie sagt doch der Lateiner: "major e longinquo reverentia" – die Wertschätzung steigt mit zunehmender Entfernung. Probier’n Sie’s doch mal aus, jetzt, wo Sie sich von uns entfernen: werden Sie das, was sie eigentlich schon sind: sie sind Alumni – Schüler also – unserer Alma mater, auch wenn sie mitunter dura war: da wäre es schön, wenn Sie auch Mitglied in unserem Alumni-Verein würden

Und endlich: selbst wenn Ihre Ideale von Universität nicht die meinen sein sollten, so wünsch’ ich Ihnen und mir doch, dass unsere Uni Ihnen Ihre Ideale nicht verdorben hat. Und ich hoffe und wünsche, dass Sie jetzt, wo Sie hinausgehen, Ihre Ideale verwirklichen können.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg!

Helmut Wicht

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

5 Kommentare

  1. Och, fürs Wochenende ist so ein langer Text genazu das richtige. Ich konnte ihn mir in aller Ruhe zu Gemüte führen. Unter der Woche hätte das wohl nicht geklappt.

  2. unberechtigtes Vertrauen

    Hallo,
    für mich ist das nur eine der Folgen, die von einer gesellschaftlichen Veränderung herrühren.
    Der Mensch wird zunehmend rein von bewirtschaftbaren Seite betrachtet. Es scheint sich ein ähnlicher umbahnender Prozess auszubilden, wie in der Industriellenrevelution. (Neoindustrierevulution?)
    Wir wollen den Behauptungen glauben, dass sich internationalle Wirtschaft, mit buchhalterischer
    Präzision erledigen lässt, nur mit mehr und entwickelterer, aber gerade die jetzt vorherschende Wirtschaftskriese zeigt, wie sehr
    Markt Mensch heißt.
    Das sich diese Haltung nun leider auch auf Universitäten anwenden läst und angewendet wird,
    ist nur eines von vielen, wohl noch auf uns zukommenden Verelendungen, im Namen einer Lebenslogik, die mit Wirtschaftlichkeit alles rechtfertigt.
    Leider werde ich wohl kaum die Erkenntnisse der zukünftigen Historiker geniesen können.
    Ist schon doof, dieser Termin mit Herr Wichts Zulieferer.

    Gruß Uwe Kauffmann

  3. Qualität…

    Lieber Helmut Wicht,

    das angesprochene Problem, nämlich dass man für die wirklich wichtigen Dinge keine Zeit mehr zu haben glaubt, oder meint, sie nicht mehr haben zu dürfen, zieht sich durch die ganze Gesellschaft. (Um im Bild zu bleiben: Lieber Instant statt Lavazza.) Und auch wenn es an Universitäten natürlich besonders daneben ist, ALLES einem reinen Nützlichkeitsdenken zu unterwerfen -wie auch immer man nützlich definiert (das ist ein Thema für sich)- so ist es doch weit verbreitet. Aber Wirtschaftlichkeit heißt eigentlich nicht schnell, schnell. Wirtschaftlich ist es, wenn es unterm Strich funktioniert und wenn’s nur schnell ist, dann geht’s eher in die Hecke, als dass es langfristig funktioniert. Das wird aber meist nicht gesehen, sondern nur das “schnell, schnell” durchgepaukt. Das ist nämlich einfacher zu realisieren.
    Leider gehen Quantität und Schnelligkeit oft vor Qualität. Immer nach dem Motto, wir müssen was verändern und jetzt probieren wir’s eben mal aus, wenn’s schief geht, ändern wir’s wieder. Statt etwas von Grund auf aufzubereiten und erst mal das Problem sauber zu definieren, wird einfach mal verändert. Etwas ist nicht optimal, also Änderung. Aber was genau schief läuft – das zu eruieren wäre viel zu anstrengend, wenn man überhaupt auf die Idee kommt, dass das der richtige Weg ist.
    Also verhalten wir uns wie die Evolution und würfeln mal ein bisschen. Dummer Weise verschwinden nur die fehlgegangenen “Lösungen”, nicht aber deren Urheber, die i.d.R. nicht lernfähig sind.
    Das ist in der Politik, in Betrieben und in der Verwaltung so. Und solange nicht mal an Universitäten mehr die Möglichkeit besteht, Problemstellungen umfassend zu untersuchen, weil man Dozenten, Studenten und Wissenschaftler nur zu reiner Wissensvermittlung und zweckgerichteter Forschung verdonnert, weil ja alles schnell gehen muss, solange wird sich daran auch nichts ändern. Idealer Weise sollte an der Uni das Denken gelehrt werden, nicht die reine Wissensvermittlung im Vordergrund stehen. (Es schadet auch durchaus nicht, Bildung zu vermitteln oder die Möglichkeit/Zeit zu geben sich dieselbe anzueignen, sonst wird das auch nichts mit der Qualität.) So schnell wie sich heute neues Wissen ergibt, ist das völlig sinnlos. Grundlagen müssen natürlich vermittelt werden, aber lieber eine breite Grundlage und in angemessener Zeit als wenig Spezialwissen, das im Zweifel mit Abschluss des Studiums, zumindest in Teilen der Naturwissenschaften, schon wieder veraltet ist.
    Manchmal hat man den Eindruck, dass die Menschheit in toto immer dümmer, statt schlauer wird. Ist aber kein Wunder, wenn Qualität so klein geschreiben wird und Wissen nichts mehr mit Weisheit zu tun hat.
    Grüße Monika Georges

  4. Lebensweisheit

    Hallo, Herr Wicht.
    Zum einen erstmal: schön geschrieben und schön beschrieben.
    Leider leider haben Sie nur allzu Recht. Und wie Frau Georges und Herr Kauffmann schon anmerkten: diese Haltung ist mittlerweile leider überall so zu finden. Das wird sogar ganz unverblümt auch so genannt (nur von wenigen verstanden). Die frühere Personalabteilung heißt heute “Human Ressources”. Eigentlich sagt das schon alles.
    Auch haben viele Firmen damit zu kämpfen, dass Ihre Mitarbeiter nicht die Leistung erbringen, die man gerne sehen würde. Was dabei übersehen wird ist die Tatsache, dass zufriedene Mitarbeiter besser (weil motivierter und mit mehr Freiheiten) arbeiten als Mitarbeiter unter Druck, ständiger un-konstruktiver Kritik und einem wachsamen Dauerbeobachter.
    Ich habe mal in einer Firma gearbeiteet, wo sich kaum jemand beschwert hat. Nicht alles lief optimal, aber das kann es auch nicht. Aber die meisten Mitarbeiter waren zufrieden. Sie bekamen von der Firma einen Sportraum gestellt, O-Saft, Wasser und Kaffee für alle und alle zwei Wochen wurde der Kekse-Schrank aufgefüllt. Man durfte Pausen machen, wie es beliebte solange es nicht zu viee wurden.
    Das Resultat war weniger Zeit, die bei der Arbeit verbracht wurde, dafür aber eine effizienter genutzte Arbeitszeit und qualitativ bessere Ergebnisse.
    Das ist genau das Prinzip von Alma mater: man sorge dafür, dass das zu Erreichende so viel Spass macht, dass der Student oder Mitarbeiter es gerne erreicht, den Weg dorthin gerne geht und dabei noch seinen Horizont erweitert, weil er sich auch – aus reiner Freunde daran – mit Dingen beschäftigt, die ein wenig Abseits des geraden Weges zum Ziel liegen.
    So entstehen neue Ideen, Innovationen und Lösungen für lange im Raum stehende Probleme.
    Die Psychologie weiß schon länger, dass Brainstorming-Meetings *nicht* der Schlüssel zu neuen Ideen ist, sondern interdisziplinärer Austausch. Abseits des eigenen Weges halt.

    In diesem Sinne wünsche ich weiter viel Erfolg mit Ihrer Enklave im 30m-Radium um Ihr Büro. Möge Sie sich zum Wohle aller ausbreiten.

    Viele Grüße,
    David Sallge

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