„Pro Deutschland“: Erfahrungsbericht

Die noch junge Bürgerbewegung "pro Deutschland" (PD) rühmt sich (leider kann ich nicht mehr sagen, wo ich das gelesen habe), eine nicht antisemitische Rechte zu sein. Also bin ich heute Abend zu einer öffentlichen PD-Veranstaltung in Berlin gegangen und habe mich – wie soll ich das sagen? – überraschen lassen.

Anwesend waren, ohne hier Namen zu erwähnen, Anhänger, von denen ich nicht weiß, wie viel sie mit PD selbst zu tun haben; ein Referent, der über deutsche Identität im heutigen Europa gesprochen hat; sowie die höchsten Persönlichkeiten von PD auf Landes- und Bundesebene, zumal PD nun richtig auf die Berliner Abgeordnetenhauswahlen 2011 setzt. Im Vergleich mit anderen, medienrelevanten PD-Veranstaltungen hat sich diese durch eine etwas intime Atmosphäre ausgezeichnet: Man hat sich nicht unbedingt gegenseitig gekannt, dabei aber doch das Gefühl gehabt, "unter sich" zu sein, also ohne Presse u. dgl.

Im ersten Teil des Abends haben wir alle ganz brav dem Referenten zugehört, dessen Vortrag ziemlich verwirrt, eigentlich harmlos, teilweise auch a bissl lächerlich war: Als Eckpfeiler einer positiven deutschen Nationalidentität schlägt der Prof. Dr. etwa die deutsche Pünktlichkeit vor…

Richtig interessant ist es erst im zweiten Teil geworden, bei der Diskussion mit dem Publikum. Da habe ich gelernt, mit der deutschen Nationalidentität steht’s deswegen so mau, weil man "die ganze Zeit mit dem Holocaust beschäftigt ist"; O-Ton Herr Prof. Dr. Referent: "Das wird wohl wahr sein."

Überhaupt könne man nicht frei auf Deutschland stolz sein, solange man "nicht einmal Israel kritisieren darf", meint dann einer der Teilnehmer; dem fügt dann ein anderer hinzu: "Ja, gerade die Juden, die unter den Deutschen gelitten haben, machen jetzt das gleiche und wollen uns noch belehren!" O-Ton PD-Bundesleitung: "So ist es."

(Tja, das ist wohl auch die richtige Beschreibung: Die Juden haben unter den Deutschen "gelitten". Es hat nämlich furchbar gejuckt, in den Vernichtungslagern, und das Gulasch haben die SS-Männer nie richtig warm serviert. Und darum wird man Israel nun erst recht kritisieren dürfen.)

Als der Referent im Gespräch dazu kommt, über die fürchterliche Niederlage im Krieg zu sprechen und über die damit einhergehende "moralische Vernichtung" Deutschlands, höre ich plötzlich eine junge, weibliche Stimme: "Intrigen, alles Intrigen." Die entschlossene Feststellung findet unter den anderen zwar keine ausdrückliche Unterstützung, aber auch keine Zurückweisung.

Erst dann fällt mir auf, dass diejenigen im Raum, die normal angezogen sind, fast nur ältere Herren sind, während unter den jungen Gestalten schwarze Klamotten, Kaskett-Mützen und Militärstiefel zu beobachten sind. Nun, wo bin ich denn gelandet? Vielleicht ist es doch kein Zufall, dass PD ihr Berliner Büro ausgerechnet im berüchtigten Marzahn aufgemacht hat.

Der Höhepunkt des Abends ist indes erst gekommen, als ein junger, dunkler Typ sich erhoben und gesagt hat: "Ich bin Araber, das kann man auch sehen. Aber ich bin auch Deutscher, ich bin genauso deutsch wie Sie. Deutschland ist auch mein Vaterland, wir sollen daher nicht gegeneinander, sondern zusammenarbeiten. Ich liebe mein deutsches Vaterland!". Daraufhin wird ihm versichert, das bisher Gesagte beziehe sich auf die anderen Muslime, bei denen seit langem nur noch vom Amt gelebt wird, gemeint seien also keine "Leute wie Sie".

Mich plagt bis jetzt die Frage, was er da wohl zu suchen hatte bzw. was ihn dorthin gezogen haben mag. Vielleicht fühlte er sich in jenem vom "weichen" Antisemitismus erfüllten Raum zuhause; so sehr, dass er sich noch kurz vergewissern wollte, der gemeinsamen Sache stünde nichts Wesentliches im Wege. Schließlich gibt es seit der deutsch-islamischen Kooperation von Hitler und dem Palästinenserführer al-Husseini schon eine historische Basis, an die man nunmehr anknüpfen könnte.

Kurz danach endet die Veranstaltung. Man steht rum und plaudert, will sich auch persönlich kennen lernen. Ich versuche mir mündlich einen Weg zur Tür zu verschaffen, dann fragt mich einer: "Aus welchem Land kommen Sie denn her?"

"Das würden Sie wohl gerne wissen!", antworte ich flüchtig und verschwinde. Anderthalb Stunden später komme ich in Schönberg an, zuhause. Ob es hier wirklich sicherer ist als in Marzahn?

 

 

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www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. So wird es immer laufen…

    Letztlich gibt es nur die Wahl zwischen den Bewegungen, die für eine möglichst freie und damit vielfältige Gesellschaft eintreten und jenen, die Minderheiten ausgrenzen. Diese Minderheitenfeindlichkeit kann sich zuerst gegen Katholiken, Juden, Roma, Muslime, Kommunisten (etc.) richten – sie wird dann auch die anderen Minderheiten umfassen. Ob sich ein Rechtsextremer „zuerst“ mit der einen oder anderen Minderheit verbündet, macht doch keinen Unterschied – Hass und Intoleranz werden nie „satt“.

  2. @ Michael

    Lieber Michael,

    für mich sind solche Verallgemeinerungen wiederum erst recht extremistisch, zumal die Wirklichkeit sich auch unter der Last solcher ideologischen Prinzipien nicht biegt.

    Erstens würde ich von Moslems mit einer starken Präsenz von weltweit ca. anderthalb Milliarden und dem wohl stärksten Bevölkerungswachstum nicht unbedingt als „Minderheit“ sprechen. Die Zukunft gehört offenbar dem Islam (in welcher Ausprägung auch immer) und das wissen sie besser als du und ich. Statistisch gesehen sind sie in vielen Ländern noch eine Minderheit, aber Verhalten und Zielsetzung leiten sich nicht nur vom augenblicklichen Zustand an einem spezifischen Ort, sondern von der allgemeinen Tendenz und dem Rückgrat, das einem die Weltsituation insgesamt bietet. Ich kann dir versichern, dass die jüdische Staatspolitik ganz anders ausschauen würde, wenn außerhalb Israels auf der Welt noch eine Milliarde oder auch nur hundert Millionen Juden lebten. Aber mit insgesamt knapp 12 Millionen Juden können wir überall auf der Welt, auch in Israel, nicht aus der Minderheitenschwäche heraus.

    Zweitens gibt es rationale und irrationale Reaktionen und auch in diesem Punkt muss man schon differenzieren können. Ein Problem mit dem Islam zu haben, weil Koran-Verse, Hadith-Stellen usw. von sehr eifrigen Muslimen in die Tat umgesetzt werden und in explodierenden Flugzeugen, zu Sprengfallen gemachten Personenzügen, Angriffen auf Israel oder in Mordtaten an Kulturschaffenden münden, ist völlig rational. Ein Problem mit dem Judentum zu haben, weil ein paar Hunderttausende bzw. ein halbes Prozent der Reichsbevölkerung zu viel Literatur schreibt, zu viele Theater leitet, zu viele Nobelpreise erhält (bis 1932 insg. ca. 25% der Träger in Deutschland), zu viele Banken oder zu viele Kaufhäuser gründet und die armen Deutschen mit Kredit und Wachstum, Wohlstand und Luxus versorgt, ist irrational.

    Ein wichtiges Gebot des Humanismus ist in meinen Augen von blinden Prinzipien – egal ob diese von links oder von rechts stammen – herabzuklettern und sich mal die harte Wirklichkeit anschauen. Minderheiten können sehr viel Gutes tun oder auch sehr viel Schlimmes verursachen; Mehrheiten können sehr viel Gutes tun oder auch sehr viel Schlimmes verursachen. Mit der statistischen Zahl hat das alles nicht das Geringste zu tun.

    Ich darf mal Jan Fleischhauer zitieren (Notizen von der Islamkonferenz, aus: „Unter Linken“, S. 251-252):

    „In der zweiten Sitzung ging es um die Medien und ihre Verantwortung. […] Dann war ein Professor aus Erfurt an der Reihe […] Er hatte herausgefunden, dass die überwiegende Zahl der Beiträge „Konflikte“ zum Thema [Islam] hatte, zum Teil sogar „ein offen gewaltsames Geschehen“. An sich keine wirkliche Überraschung, schließlich hatten sich in dem Jahr seiner Untersuchung erst vier junge Moslems in der Londoner U-Bahn und einem Doppeldeckerbus in die Luft gesprengt, dann hatte die ganze islamische Welt über ein paar Karikaturen im Feuilleton einer dänischen Zeitung kopfgestanden, und auch in Deutschland musste man mittlerweile beim Zugfahren Kofferbomben im Gepäckteil neben sich befürchten. Es ist schwer, in einem solchen Jahr konfliktfrei zu berichten, schien mir, aber das sah der Professor offenbar anders. Dann wurde beraten, was man tun könne, um das Islambild in den Medien freundlicher zu gestalten.“

    Und an Fleischhauers feinen Humorsinn anknüpfend möchte ich sagen: Es gibt Menschen, die sich Änderungen an den eigentlichen Problemen wünschen, und andere, die von vornherein – vielleicht auch unbewusst – aufgeben und sich schon mit einem schlichtweg „aufgebesserten“ Bild von der Welt zufrieden geben, in dem sie von ihren Träumereien nicht wecken müssten.

  3. Kritisieren dürfen?

    Und darum wird man Israel nun erst recht kritisieren dürfen.

    Es gibt auf der Welt genug Nationen. Ich sehe keinen besonderen Handlungsbedarf, nun gerade aus Deutschland Israel zu kritisieren. Es werden sich schon genug andere irgendwo auf der Welt finden, die ihre Kritik äußern, auch wenn man in Deutschland mal die Klappe hält. Dann sollten wir das doch hierzulande einfach mal tun – die Klappe halten.

  4. @ Michael Khan

    Aber du kennst ja das Totschlagargument: „Gerade wir als Deutsche…“

    Vor ein paar Monaten ging ich in Berlin auf eine Demonstration mit einem großen, mithilfe von Freunden gebastelten Schild, das lautete:

    1,5 Millionen Palästinenser wollen aus dem Gaza-Ghetto.

    Deutschland – öffne deine Pforten!

    Und unten habe ich unterzeichnet:

    Gerade wir als Deutsche e. V.

    Schon nach kurzer Zeit hielt mich die Polizei fest, das Schild beschlagnahmte sie. Ungefähr dreißig Minuten lang wusste ich nicht, was jetzt wohl käme, bis der Ortskommandant (oder wie das auch immer heißt) schließlich feststelle, das Schild ist samt Wortlaut in Ordnung.

    Vielleicht veröffentliche ich hier auch mal Fotos von den Polizisten, die mein Schild tragen und vor den Journalisten damit posieren.

  5. Politik des Ressentiments oder …?

    Lieber Yoav,

    ich lese ja nun schon länger Deinen Blog und habe auch schon früher gelegentlich hier kommentiert. Ich komme gerade von einem Spaziergang zurück, bei dem mir noch einmal manches durch den Kopf ging, insbesondere dieser Blogbeitrag. Ich glaube, wir stehen heute – und in den nächsten Jahren noch stärker als heute – vor der Frage:

    Wollen wir künftig weiter die Politik des Ressentiments oder des Wohlwollens und der Großzügigkeit verfolgen? Sarrazin bedient Ressentiments, ganz klar, Ressentiments der Islamfeindlichkeit insbesondere. Wozu eigentlich Ressentiments?

    Mir scheint folgendes vorzuliegen: Viele Menschen oder auch Gesellschaften spüren nur sich selbst, wenn sie ein Gegenüber haben, ein „Anderes“ als sie selbst haben. Erst wenn man etwas hat, „gegen“ das man ist, meint man sich selbst richtig zu spüren. Das scheint mir der Ursprung der Politik des Ressentiments und all dessen zu sein, was daraus an weiterem Übel folgt. (Die Weltgeschichte ist voll davon, insbesondere das 20. Jahrhunderts.)

    Wollen wir auf dieser Schiene weitermachen? Willst insbesondere auch Du auf dieser Schiene weitermachen? Ich halte das für ein unglaubliches, ein unglaublich gefährliches Spielen mit dem Feuer – und zwar ganz egal von welcher Seite aus dies geschieht.

    Die weltgeschichtliche „Stunde“ des Spielens mit den Ressentiments der Völker und Menschen ist zu Ende. ENDGÜLTIG. Wer damit jetzt noch weitermacht, wer das Weitermachen fördert – wie auch immer, entweder mit den Methoden von Geheimdiensten, verdeckter oder offener Finanzierung oder auch ganz offen – der versündigt sich an der Weiterentwicklung der Menschheit wie vielleicht niemals zuvor.

    Diese Weiterentwicklung BRAUCHT das Abendland. Du selbst hast es gesagt. Und diese Weiterentwicklung braucht die GENETIK des Abendlandes, ich weiß nicht, wie wichtig Dir das ist, mir ist es wichtig. Es ist substantiell.

    Ich kenne nun Pro Deutschland nicht weiter, vielleicht noch weniger als Du. Ich gehe aber davon aus, daß sich in solchen Sammlungsbewegungen „allerhand Volk“ tummelt. Menschen, mit denen ich evtl. „könnte“ und solche, mit denen es gar nicht geht. Das ist doch überall so.

    Wenn auch solchen Bewegungen gegenber weiter mit dem Ressentiment gearbeitet werden soll – und alles scheint gegenwärtig daraufhinzudeuten, auch Dein Beitrag, dann wird mit dem Feuer gespielt. Mit nichts weniger.

    Das werden sicherlich bald auch noch andere sagen, nicht nur ich. Ich möchte das nur in aller Behutsamkeit vortragen. Völker und Gesellschaften müssen sich auch in ihren genetischen Überlebensinteressen gegenseitig mit Wohlwollen, Respekt und Großzügigkeit gegenüberstehen. Du hast mir nicht widersprochen, als ich sagte, daß von der CDU keine genetischen Überlebensinteressen des deutschen Volkes mehr vertreten werden, keine.

    Jetzt JEDER Bewegung, die solche noch vertreten sollte, von vornherein mit Ressentiment gegenüberzustehen, vertieft nur Gräber und hilft nichts und niemandem.

    Eine Auseinandersetzung wird nur dann sinnvoll, wenn man streng trennt: Wo hat jemand in der Sache recht? Wo vergreift er sich im Ton und in der Tonlage. Wenn jemand irgendwo in der Sache recht hat und es wird ihm in der Sache selbst nicht recht gegeben, sondern ständig nur über seine Tonlage oder über seine Kleidung abgelästert, ressentimenthaft, begibt man sich auf die schiefe Ebene.

    Die Zeit solchen Schürens von Ressentiment ist vorbei. MEINE Meinung. Einfach sachlich die Debatte aufnehmen, auch dann, wenn das Gegenüber nicht immer sachlich sein sollte. Aber die Debatte einfach nur von ihrer Ressentiment-Seite aufnehmen, hilft überhaupt niemandem und nichts.

    Diese Worte auch zu Michael’s kryptischen Allgemeinplätzen. Michael: Man muß schon manchmal etwas konkreter werden. Du weißt selbst, daß Sarrazin in der Sache recht hat. Also SAG es auch. Das gebietet der menschliche Anstand. Anstatt immer nur auf die Ressentiment-Seite einer Debatte einzugehen.

  6. @ Ingo

    Das mit dem Gegenüber ist vollkommen richtig, aber man braucht sich deswegen noch längst nicht alles gefallen zu lassen, was vom Gegenüber so kommt, nur damit man sich „wie sich selbst“ fühlen könnte. Oder?

    Das mit den Ressentiments finde ich allerdings weniger überzeugend. Viele Deutsche, die die Mauer erlebt und daran gelitten haben, haben Ressentiments gegen den Sozialismus und die PDS. Irren sie sich auf diesem Wege, nur weil sie Ressentiments haben? Solcherlei kann wohl auch ganz berechtigt sein, ganz am Platze. Man muss auch schon in der Lage sein zu sein: Das nicht!

    Zu deinen genetikorientierten Gedanken kann ich nur sagen, dass es wohl halbwegs stimmt, halbwegs aber auch nicht. Es kann durchaus sein, dass man sich trotz fehlenden Hintergrunds in eine Kultur integriert, mit der er sonst kaum etwas zu tun hat, ja sie auch mitträgt. Einige der großen Verfechter des Abendländischen in Israel sind Juden, die aus dem islamischen Raum stammen. Das kann jedoch freilich nur erfolgen, wenn die vorherrschende Umgebung doch über die entsprechenden Wurzeln verfügt, stets ein Vorbild gibt und eine Leitkultur erzwingt. Man kann schon so sein „wie“, also wie die anderen, aber wenn alle oder auch einfach viele „wie“ sind, geht das Spiel nicht mehr.

    Deutschlands (und gewissermaßen auch Europas) Problem besteht eben u. a. darin, dass die noch bestehende Mehrheit sich weigert, ein Vorbild zu sein und eine Leitkultur zu erzwingen. Man kann indes freilich nicht wissen, welche Erfolgsaussichten sie sonst hätte, da die guten Voraussetzungen in Israel hierzulande kaum vorhanden sind und viele Fremde grundsätzlich nicht so werden und sein wollen wie die anderen.

  7. Ressentiment nach 1989 – ja!

    Ich habe keine Ressentiments gegenüber der „Linken“. Im Gegenteil, ich bedaure es, daß Oskar Lafontaine sich aus der Politik zurückgezogen hat (und daß sich seine Frau mit ihren Ansichten in ihrer Partei nicht durchgesetzt hat). Auch hier sollte man, denke ich, jederzeit bereit sein es anzuerkennen, wenn jemand in der Sache recht hat. Und was die Mehrwertabschöpfung durch die kapitalistischen Ausbeuter von heute betrifft, HAT sie in der Sache recht.

    Ich habe täglich mit Menschen aus der ehemaligen DDR zu tun und wundere mich (wundere mich ehrlich!), wenn ich erfahre, daß diese Leute – etwa – Hubertus Knabe nicht leiden können. Da ist noch ziemlich vieles nicht zu Ende diskutiert. Insbesondere die Handlungsspielräume, die der einzelne in einer Diktatur hat und wie er mit diesen umgeht, wie er sich also schuldig macht am Fortbestand dieser Diktatur oder nicht. (Oder auch nur … „schuldig“ …)

    Aber hier wäre auch das gleichgültige Verhalten des Westens Diktaturen gegenüber zu thematisieren.

    Jedenfalls würde auch hier billiges Ressentiment gegenüber „der“ DDR den sinnvollen und vernünftigen Austausch von Sachargumenten verhindern. Und das tut es ja offensichtlich auch bis heute in vielen Bereichen. (Kaum ein Lehrer von Schulklassen aus der ehemaligen DDR kommt von selbst auf den Gedanken, mit seiner Klasse mal nach Hohenschönhausen zu fahren und sich selbst und seine Schüler mit gewissen … „Realitäten“ zu konfrontieren.)

    Die Aufarbeitung von Diktaturen ist schwer. Und jede verläuft etwas anders. Zumal wenn wenig thematisierte Ressentiments im Spiel bleiben.

    Viele Bürger der DDR haben 1989 den Zorn – auch über sich selbst und ihr Verhalten und Leben bis zu diesem Zeitpunkt – nicht GENÜGEND (geradezu therapeutisch) herausgeschrieen. Ich kann mich gut erinnern, wie die Kameras und Live-Talkshows im November/Dezember 1989 sich leicht konsterniert abwendeten, wenn schlichte Leute auf der Straße (füllige Frauen) einfach nur noch schrieen, einfach nur noch den ganzen Rotz herausschrien über ein verpfuschtes Leben.

    Aber genau solche Dinge wären eben das Gegenteil von Ressentiment. Ressentiment herrscht dort, wo man sich konsterniert abwendet, wo das Unterdrückte weiter herrscht, wo es ständig irgendwo wirksam bleibt, aber niemals wirklich offen thematisiert oder – besser – herausgeschrien wird.

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