Die Spiegelung eines Plagiats in der Erschaffung von Wörtern

Ich wollte nicht noch einmal auf den Fall Hegemann zurückkommen. Die ganze Angelegenheit wirkt mir inzwischen zu inszeniert — die völlige Abwesenheit eines Unrechtsbewusstseins, die die Plagiatorin in jedem Interview demonstriert, die schmunzelnde Komplizenschaft des Feuilletons und das Beharren auf dem literarischen Talent der Plagiatorin mit dem immer gleichen Argument, dass Abschreiben „im Internet“ nun einmal normal und im Falle Hegemann sowieso eine Kunstform sei, das trotzige Festhalten an der Nominierung des Plagiats für den Preis der Leipziger Buchmesse.

Der deutsche Literaturbetrieb demontiert sich damit selbst viel besser als ich es könnte, und es ist ja auch gar nicht meine Aufgabe, das zu tun. Wenn ich trotzdem noch ein Wort dazu sagen darf: Besonders abstoßend wirkte auf mich die Art und Weise, auf die das alles bei Harald Schmidt in der Sendung vom 11. Februar 2010 vorgeführt wurde, der erst unter Lachern und Beifall des Publikums in einem „Sketch“ den geschädigten Autor Airen zum Plagiator machte und dann einer selbstverliebten Helene Hegemann eine seichte Frage nach der anderen zuspielte und ihr auf ihre unbeholfen phrasengedroschenen Antworten hin „Intelligenz“ und „Eloquenz“ attestierte.

Aber meine Aufgabe ist es, über Sprache zu schreiben. Und deshalb muss ich mich doch noch einmal mit dem Fall beschäftigen. Denn ich muss zugeben: Auch ich bin fasziniert von sprachlicher Kreativität. Eine solche hat man der Plagiatorin ja ausgiebig bestätigt:

Die Sprache ist originell und scharf, die Beobachtungsgabe hochtalentiert. [LVZ-ONLINE.de/Bock 2010]

Die noch nicht mündige Autorin liefert eine ernste Wildheit, die in eine expressive Sprachgewalt drängt. [SAARBRUECKER-ZEITUNG.de/Mischke 2010]

Die Autorin ist 17, und natürlich kann dem Publikumsverlag Ullstein bei seiner Kalkulation die Überlegung nicht entgangen sein, dass dieses Erstaunen auslösen würde über einen Menschen, der so jung ist und so gewaltsam und kalkuliert mit Sprache umgehen kann. [STUTTGARTER-ZEITUNG.de/Bauer 2010]

Dabei haben manche Rezensent/innen gezeigt, dass sie bei der Bescheinigung von Sprachgewalt eine sehr niedrige Messlatte anlegen — Dorothea Dieckmann reichte es in der Neuen Zürcher Zeitung schon, dass Hegemann „neben aller akuten Slang-Mündlichkeit nicht von ‚Sinn machen‘, sondern von ‚Sinn ergeben‘ spricht“ [NZZ.ch/Dieckmann 2010], was ich zum Anlass nehme, wieder einmal auf meine Beiträge zum Thema Sinn machen zu verlinken (Max Frisch macht Sinn und Schweizer und Deutsche machen Sinn).

Aber es ist gar nicht Hegemanns sprachliche Kreativität, die mich fasziniert, und auch nicht die der Autor/innen, von denen sie sie abgeschrieben hat. Was mich fasziniert ist die Kreativität ganz normaler — medial nicht gehypter — Mitglieder der Sprachgemeinschaft, die (deutlich klarsichtiger als das versammelte Literaturfeuilleton) den Fall zum Anlass nehmen, die Sprache um neue Wörter und Redewendungen zu bereichern. Und das just im Internet, das doch eigentlich an allem Schuld ist.

Schon am 7. Februar, zwei Tage nach Bekanntwerden des Plagiatsfalles, verwendete ein Twitternutzer namens Matsches das Hashtag Hegemanie [Link] und am nächsten Tag prägte Twitternutzer/in Etkbooks das englische Pendant dazu:

o.k., genug hegemania. man muss das alles nun auch nicht überbewerten … die nächste dorfsau, bitte. [Link]

Das Wort Hegemanie erhielt am 12. Februar duch Twitternutzer Isdjan eine explizite Definition:

"HELENE HEGEMANN – Trotz Plagiatsvorwürfe für Belletristik nominiert." – Dieses Phänomen heißt in Fachkreisen Hegemanie. [Link]

Während die Kontamination (so heißt das in der Sprachwissenschaft tatsächlich, wenn zwei Wörter miteinander verschmolzen werden) aus Hegemann und Manie/Mania außerhalb des aktuellen Falles keinen Anwendungsbereich hat und deshalb wohl nicht dauerhaft in die deutsche Sprache eingehen wird, könnte das mit der Phrase den/die Hegemann machen schon anders aussehen. Die Entstehung dieser Redewendung sah man im Blog der Rechtsanwaltskanzlei Dr. Damm & Partner am Mittag des 11. Februar voraus:

Sollte sich der erneute Vorwurf ebenfalls bestätigen, könnte man durchaus den Eindruck erhalten, dass die Ausbeutung fremder Werke bei Hegemann System hätte. Sodann droht der Spruch “Mach mir hier nicht die Hegemann”. Sollte sich ein solcher erst einmal etabliert haben, dürfte es mit der Autorenkarriere ein jähes Ende haben. [Link]

Am Abend desselben Tages vermutete, vermutlich unabhängig, auch Forennutzerin MelanieL, dass sich diese Redewendung durchsetzen könnte, wobei sie interessanterweise den maskulinen Artikel wählte:

Jetzt warte ich nur noch darauf, dass ihr Vorgehen Eingang in die deutsche Sprachkultur findet. "Den Hegemann machen" analog zum "Effenberg" oder auch "den Möllemann machen" (political correctness lasse ich mal außen vor).[Link]

Und die Redewendung, die hier vorhergesagt wird, gab es tatsächlich längst. Schon zwei Tage früher hatte Twitternutzer On3_suedwild sie ohne Anführungszeichen oder metasprachlichen Kommentar verwendet:

Mach die Hegemann: http://bit.ly/cHo4IG Popliteratur zum Remixen, mit unserem Popliteratur-Remix-Buch als PDF-Download! #AxolotlRoadkill [Link]

Den eigentlich interessanten sprachlichen Schritt aber machte Twitternutzer A_Sevik am 10. Februar 2010. Nachdem er etwas mit dem Namen Hegemann herumgespielt hatte (z.B. „Hege dich nicht mit mir an, Mann! [Link]), wurde er nach meinem aktuellen Kenntnisstand um 23:15 zum ersten Sprecher, der daraus dokumentierterweise ein Verb machte. Um 23:13 twitterte er Folgendes:

Thihihi. Habe ich von @weiszklee geklaut. { http://j.mp/94PjIF } [Link]

Kurz darauf formulierte er das dann auf die entscheidende Weise um:

"Habe ich von @weiszklee hegemannt" wäre cooler gewesen. #Mainstream [Link]

(„Was sind denn das für Hegemanieren hier?“ twitterte Weiszklee daraufhin zurück [Link]).

Am 11. Februar erhielt das Verb hegemannen eine passende Definition von Twitternutzer Stephanschubert:

"Hegemannen" is the new "Schamlos klauen" [Link]

Interessant ist, dass das Verb für A_Sevik offensichtlich ein Präfixverb ist [hege + mannen], denn sonst müsste das Partizip gehegemannt statt nur hegemannt heißen. In dieser Form verwendet es Blogger Lantzschi am sehr frühen morgen des 12. Februar:

im schreiben nutze ich aber binnen-I. ansonsten einfach beide ansprechen, soviel zeit muss sein (gehegemannt bei antje schrupp) [Link]

Und am frühen Nachmittag desselben Tages verwendet ein Twitternutzer mit dem beneidenswerten Nutzernamen Avatar das Partizip als Adjektiv (und erfindet außerdem das Wort helenifiziert):

Platte Plagiate sind in der Wikipedia kein Problem. Schwerer auffindbar sind helenifizierte und gehegemannte Versatzstücke [Link]

Und das Verb hegemannen wird im Laufe des Tages noch drei weitere Male verwendet:

… weil nicht das Video an sich ge-Hegemannt ist … [Blogkommentar (Dierk) auf Stefan Niggemeiers Blog]

@LilithLoveless Also wenn das mal nicht von den Comedian Harmonists geHegemannt ist… [Fettlaus auf Twitter]

http://tr.im/NXUR Die Lovenberg moderiert den Glavinic, der wird doch nicht auch…. äh, wie sagt man da jetzt, gehegemannt sein? [Kurzdielyrik auf Twitter]

Dabei fällt auf, dass das Verb leicht unterschiedliche Bedeutungen annimmt: Während es bei A_Sevik nur „anderer Leute Ideen/Formulierungen verwenden“ hieß, stand bei Avatar klar die Bedeutung „anderer Leute Ideen/Formulierungen ohne Angabe der Quelle verwenden“ im Vordergrund. Bei Dierk kommt eine Bedeutungskomponente „unter Verletzung des Urheberrechts verwenden“ hinzu, und bei Kurzdielyrik heißt das Verb möglicherweise sogar so etwas wie „anderer Leute Formulierungen/Ideen ohne Angabe des Urhebers verwenden und dafür von der Presse gelobt werden“ (und die Tatsache, dass es schon ausreicht, von Hegemann-Apologetin Lovenberg interviewt zu werden, um, wenn auch nur scherzhaft, unter Plagiatsverdacht zu geraten ist außerdem ein schönes Beispiel für die Selbstdemontage der Feuilletonist/innen).

Ich räume der Redewendung die Hegemann machen und dem Verb hegemannen durchaus Chanchen ein, dauerhaft (oder für eine gewisse Zeit) in den allgemeinen Sprachgebrauch einzugehen und warte gespannt darauf, wann mir zum ersten Mal ein/e Doktorand/in ihre Dissertation mit den Worten überreicht: „Ein paar Seiten darin habe ich gehegemannt – könnten Sie mich für den Deutschen Studienpreis vorschlagen?“ 

Nachbemerkungen

1.) Der Titel dieses Beitrags ist eine „intertextuelle“ Anspielung auf Helene Hegemanns Kurzgeschichte „Die Spiegelung meines Gesichts in der Erschaffung der Welt“ [Viceland.com], die sie ohne Genehmigung von einem Kurzfilm von Benjamin Teske abgeschrieben hat, der mit Genehmigung auf eine Kurzgeschichte von Martin Page beruht [ZEIT.de 2010].

2.) Wenn jemand weitere Verwendungen der hier diskutierten Wörter findet, vor allem, wenn diese vor den hier genannten Zeitpunkten erfolgt sind, wäre ich für Hinweise dankbar.

3.) Ich verurteile oft „das Feuilleton“. Das ist eine dumme und falsche Pauschalisierung, für die ich mich entschuldigen möchte. Es sind inzwischen im Feuilleton auch vernünftige Beiträge zum Fall Hegemann erschienen. Hier, in keiner besonderen Reihenfolge und ohne Anspruch auf Vollständigkeit, einige Autor/innen, die mir in den letzten Tagen aufgefallen sind: Matthias Ring in der Stuttgarter Zeitung, Martin Oehlen im Kölner Stadt-Anzeiger, Ruth Schneeberger in der Süddeutschen Zeitung.

4.) Wer wirklich etwas über Urheberrecht, Sharing und Remixing lernen möchte, dem sei immer wieder der Film Good Copy Bad Copy (2007) empfohlen.

 

KSTA.de/Oehlen, Martin (2010) Kommentar zu Hegemann: Die falsche Entscheidung, Kölner Stadt-Anzeiger, 11. Februar 2010 [Link]

LVZ-ONLINE.de/Caroline Bock (2010) Gefeiertes Literatur-"Wunderkind" – Helene Hegemann stellt Romandebüt vor. Leipziger Volkszeitung, 25. Januar 2010. [Link]

NZZ.ch/DIECKMANN, Dorothea (2010) Nicht gesellschaftsfähig? Die gemässigte Rebellion von Helene Hegemanns Roman „Axolotl Roadkill“, Neue Zürcher Zeitung, 4. Februar 2010. [Link]

SAARBRUECKER-ZEITUNG.de/Mischke, Roland (2010) Exzesse gegen die Einsamkeit, Saarbrücker Zeitung, 26. Januar 2010. [Link]

STUTTGARTER-ZEITUNG.de/Bauer, Katja (2010) Die Frechheit der anderen, Stuttgarter Zeitung, 5. Februar 2010. [Link]

STUTTGARTER-ZEITUNG.de/Ring, Matthias (2010) Wer googelt, der findet. Stuttgarter Zeitung, 12. Januar 2010 [Link]

SUEDDEUTSCHE.de/Schneeberger, Ruth (2010) Schulmädchen-Report, Heute: Helene, Süddeutsche Zeitung, 12. Februar 2010. [Link]

ZEIT.de (2010) Helene Hegemann: Neue Plagiatsvorwürfe gegen die Autorin, Zeit Online, 11. Februar 2010 [Link]

© 2010, Anatol Stefanowitsch
Dieser Beitrag steht unter einer Creative-Commons BY-NC-SA-3.0-(Deutschland)-Lizenz.

Anatol Stefanowitsch

Nach Umwegen über Politologie und Volkswirtschaftslehre habe ich Englische Sprachwissenschaft und Sprachlehrforschung an der Universität Hamburg studiert und danach an der Rice University in Houston, Texas in Allgemeiner Sprachwissenschaft promoviert. Von 2002 bis 2010 war ich Professor für Englische Sprachwissenschaft an der Universität Bremen, im August 2010 habe ich einen Ruf auf eine Professur für anglistische Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg angenommen. Mein wichtigstes Forschungsgebiet ist die korpuslinguistische Untersuchung der Grammatik des Englischen und Deutschen aus der Perspektive der Konstruktionsgrammatik.

28 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hegebatterie bei der Zeit

    Ein weiteres Wortspiel gleich als zweiten Kommentar bei der Zeit:
    http://www.zeit.de/…0-02/neue-vorwuerfe-hegemann

    Wer denkt die Autorin ist naiv, ist naiv. Die wusste was sie tat und dachte die kommt damit durch.
    Was sie tut, weil die Feuilletons nicht irren. Und weil die dazugehörigen Journalisten, nichts im Internet lesen, denn das ist ja böse…
    Das Verwenden eines passenden Wortes wäre jetzt so etwas wie poetische Gerechtigkeit 🙂

  2. Harald Schmidt

    Argh, das Interview mit Harald Schmidt ist wirklich schlimm, aber zwischendurch scheint ja auch durch, dass er mit dem Vater befreundet ist und er daher auch sowieso auf ihrer Seite ist.

  3. Ein sehr schöner Text. Mir ist auch in den Zeitungs-/Blog-Artikeln zum Thema aufgefallen, daß sich der Name „Hegemann“ sehr für Wortspiele aller Art anbietet, wenn mir auch leider gerade keine Beispiele einfallen wollen.

    Sehr gewagt finde ich allerdings die Prognose, daß sich die Hegemann machen und hegemannen im allgemeinen Sprachgebrauch durchsetzen werden. Bisher haben nur sehr wenige Worte/Wendungen den entscheidenden Schritt vom allgemeinenen Sprachgebrauch im Netz zum generellen allgemeinen Sprachgebrauch außerhalb des Netzes geschafft, und das sind in der Regel Neuschöpfungen, die eine Lücke im Wortschatz füllen (bloggen, twittern, etc.) und keine, die Bestehendes verdrängen. Aber die Zeit wird zeigen, ob AS oder ich hier recht behalten.

    Und noch ein dritter Punkt: Mir ist aufgefallen, daß dieser Artikel und auch der letzte über die Hegemanie unter einer CC-Lizenz stehen. Ist das eine bewußte Entscheidung, um ein Statement bezüglich des Inhalts zu setzen, oder ist geplant, in Zukunft alle Artikel im Sprachlog unter CC BY-NC-SA zu stellen?

  4. Hegemann-Interview

    Vielen Dank für diesen Text! Es lässt mich schmunzeln, dass ich als „Sprachschöpfer“ deklariert werde. Dabei war das für mich nur ein weiteres Twitter-Mem.

    Ich möchte hier noch auf das Küchenradio-Interview mit der Hegemann hinweisen, das im April 2009 aufgenommen wurde. Darin erzählt sie unter anderem, was ihre „Pläne“ für „die Zukunft“ sind.

    Interessant daran finde ich, wie sie sich ausdrückt. Auf mich wirkt sie altklug und selbstverliebt.

    { http://www.kuechenradio.org/wp/?p=379 }

  5. > die völlige Abwesenheit eines Unrechtsbewusstseins

    … findet sich übrigens auch bei manchem universitären Plagiator.

    > Hegemannie
    klingt außerdem noch so schön nach ‚Hegemonie‘, die ihr wohl etwas zu voreilig angetan wurde

  6. Jugend schützt

    Man sollte der Autorin ihr Alter zu Gute halten. Mit 17 kann man eben nicht alle Gesetze und Fallstricke kennen. Das soll keine Entschuldigung sein, aber in diesem Alter ist man einfach noch nicht perfekt – und macht daher Fehler.

    Bedenklicher ist allerdings die Reaktion von ´Profis´, welche sich sehr gut mit dem Urheberrecht auskennen müssten. Wenn hier der Plagiatsvorwurf verharmlost wird, dann habe ich den Eindruck, dass man gezielt einen ´Skandal´ fördert/hoch puscht, um auf diese Weise öffentliches Aufsehen zu erregen => kostenlose Werbung, für die Buchmesse.

    Das ist das Prinzip DSDS, man muss nicht gut sein – sondern man nuss nur für einen kleinen ´Skandal´ gut sein – oder was als solcher hochgepuscht wird: Das bringt Schlagzeilen.

  7. @KRichard
    Aber selbst von einer 17jährigen mit Talent kann man erwrten, dass Sie sich ihre Fehler eingesteht und aus ihnen lernt. Soweit ich das bisher überblicke, gelang ihr soweit keines von beidem.

    BTW.
    Ich würde „(ich habe) hegemannt“ als he-ge-mannt segmentieren, in Analogie zu aus-ge-rechnet. Das ganze ist natürlich ein starkes Verb -> hemannen, hemint, hegemannen und ist etymologisch aus dem Wort Häme (Spott mit starkem Anteil an Schadenfreude; zynische Polemik, cf) abgelitten 😉

  8. Und was bleibt?

    Vor allem bleibt, egal wie man an das Thema rangeht, etwas hängen. Und das ist der Name. Schon Microsoft setzt seit etlichen erfolgreich auf die profane Marketingweisheit „only no news is bad news“. Von daher: Mission accomplished.

  9. Hype des Hypes

    Spontan fällt mir die Wortschöpfung „verhiped“ ein, mit einer pasenden Ähnlichkeit zu „verheizt“.

    In der Hitze der Hegemann- Verhipung scheint den Erregten entgangen zu sein, dass in der Literaturgeschichte etliche Plagiate zu finden sind. Nur nennt man das, wenn es angesehene Autoren betrifft etwas vornehmer.

    Ich gehe mal davon aus, dass nur wenige Hegemann-Verhiper beide Bücher kennen. Bis auf zwei identische Sätze, existieren lediglich einige Sätze mit ungewöhnlicher identischer Wortschöpfung, die man mit einiger Phantasie zu Plagiaten deklarieren kann, aber nicht muss. Die vollständiger Liste plagiierter Wort- und Satzschöpfungen dürfte knapp eine Buchseite füllen.

    Wer Harald Schmidts angeblich devote Lobhudelei kritisiert, hat vor lauter Hegemann- Erregung offensichtlich die Zwischentöne verpasst, beispielsweise wie Schmidt es schaffte, der Protagonistin den Satz zu entlocken, die Sprache ihres „Romans“ entspräche gar nicht ihrer Ausdrucksweise.

    Die nonverbale Kommunikation beider Gesprächspartner war köstlich!

    In diesem Gespräch lief Schmidt endlich mal wieder zur Höchstform auf und entlarvte Beckmann, Kerner und andere Buch- und CD- Verkäufer, schliesslich sich selbst mit der Tatsache, dass sich im TV wirklich jeder Mist verhipen lässt. Eine der witzigsten Sendungen, die mich mit dem sonst so teutonisch platten Erklärfernsehen einigermaßen versöhnte.

    Natürlich lese ich Hegemann. Die Frau steckt voller wilder Ideen, die sie im Namen der Freiheit der Kunst gefälligst ausleben und produzieren soll. Nach dem heftigen Gezeter von dort, möglichst fern der ausgetretenen Pfade des Kunst- und Literaturbetriebes.

  10. @Wolf:

    In der Hitze der Hegemann- Verhipung scheint den Erregten entgangen zu sein, dass in der Literaturgeschichte etliche Plagiate zu finden sind. Nur nennt man das, wenn es angesehene Autoren betrifft etwas vornehmer.

    Durch ständige Wiederholung wird das nicht zu einer Entschuldigung. Der Siebzehnjährige, der sich Musik aus dem Internet herunterläd, darf das vor Gericht auch nicht damit rechtfertigen, dass das andere auch getan haben.

    Ich gehe mal davon aus, dass nur wenige Hegemann-Verhiper beide Bücher kennen. Bis auf zwei identische Sätze, existieren lediglich einige Sätze mit ungewöhnlicher identischer Wortschöpfung, die man mit einiger Phantasie zu Plagiaten deklarieren kann, aber nicht muss.

    Das stimmt nicht. Die Listen, die es jetzt gibt, zeigen nur die Ähnlichkeiten zwischen Hegemanns Plagiat und Airens Original, und das sind deutlich mehr als zwei Sätze und ein paar Wortschöpfungen. Phantasie braucht man nicht, um das zu erkennen.

    Die vollständiger Liste plagiierter Wort- und Satzschöpfungen dürfte knapp eine Buchseite füllen.

    Das stimmt schon jetzt nicht, und das volle Ausmaß des Plagiats wird erst deutlich werden, wenn die nächste Auflage des Buches erscheint. Denn bislang sind auf der Liste der plagiierten (Ab-)Sätze ausschließlich die, die Hegemann von Airen abgeschrieben hat, Ullstein hat sich aber nach eigener Aussage mit den Urhebern (Mehrzahl) geeinigt.

    Wer Harald Schmidts angeblich devote Lobhudelei kritisiert, hat vor lauter Hegemann- Erregung offensichtlich die Zwischentöne verpasst … Die nonverbale Kommunikation beider Gesprächspartner war köstlich … In diesem Gespräch lief Schmidt endlich mal wieder zur Höchstform auf

    Dann haben Sie nihct dieselbe Sendung gesehen wie ich.

    Natürlich lese ich Hegemann.

    Natürlich.

    Viel Spaß dabei.

    Die Frau steckt voller wilder Ideen,

    Ersetzten Sie „wilder“ durch „wirrer“, dann kommen Sie der Sache näher.

    die sie im Namen der Freiheit der Kunst gefälligst ausleben und produzieren soll. Nach dem heftigen Gezeter von dort, möglichst fern der ausgetretenen Pfade des Kunst- und Literaturbetriebes.

    Da stimme ich Ihnen zu. Ab besten ganz, ganz fern. Möglichst so fern, dass es niemand mitbekommt.

  11. Methodik

    Sehr interessante Beobachtungen. Darf ich fragen, ob Sie zufällig über die Wortformen gestolpert sind und diese dann recherchiert haben? Das heißt, was ich mich frage, ist, wie Sie diese Wortneuschöpfungen gefunden haben. Denn Twitter ist ja nun doch … groß.

  12. Lizenzen, Etymologie, Methodik

    @kreetrapper: Die CC-BY-NC-SA-Lizenz ist zunächst ein bewusstes Statement bezüglich des Inhaltes, aber auch ein Experiment; ob ich das in Zukunft durchgängig mache, weiß ich noch nicht, aber auf jeden Fall werde ich mit den unterschiedlichen Lizenzen herumspielen. Auf Anfrage habe ich übrigens schon immer Beiträge unter CC-Lizenzen freigegeben (z.B. zur Übersetzung).

    @Patrick Schulz: Die Formen überzeugen mich, aber etymologisch muss doch auch Proto-Germ. *khamjanan „einfangen, anbinden“ eine Rolle spielen — beim Hemannen fängt man ja frei im Internet lebende Formulierungen ein und führt sie einer kommerziellen Verwertung zu.

    @Stefan: Ich habe die Formulierung „ge-Hegemannt“ in dem zitierten Kommentar im Blog von Stefan Niggemeier gelesen und dann Hypothesen über weitere mögliche Wortschöpfungen aufgestellt. Über Google habe ich dann hauptsächlich Treffer in Twitter gefunden und daraufhin auch noch die Twitter-Suche bemüht.

  13. Werter Frank Oswalt,

    Sie haben die Möglichkeit bis Donnerstag dieser Woche die Sendung nachzusehen: Harald Schmidt – letzte Sendung

    Darin entdecken Sie auch den schönen, von mir bereits erwähnten Hegemann-Satz.
    Vielleicht achten Sie auch mal, jenseits aller Erregung auf die nonverbalen Feinheiten dieses Gesprächs und die Lust des Meisters an intelligenter Provokation, die nicht nur der Autorin gewidmet war („Sie sollten Ihr Buch mal lesen“), sondern insbesondere der eifersüchtigen Literatengemeinde.
    Jedenfalls empfinde ich das so. Zumal er offensichtlich ins Schwarze traf.

    Hegemann oder deren Ghostwriter sammelten sicher einige bunte Bausteine, die unbeachtet am Wegesrand einíger Blogs liegen und kreierten daraus ein literarisches Gericht, dass natürlich nicht jedem schmecken muss.

    Diese Vorgehensweise zieht sich jedoch durch die gesamte Kunstgeschichte und wird bei genehmen oder erst, in späteren Jahren erfolgreichen Künstlern gern als Inspiration, Interpretation oder Variation gesehen. Die ‚Plagiatoren‘ wandeln sich dann nicht selten in „Schüler von xyz“ oder generieren sogar eigene Interpreten.

    Ich vertrete die Auffassung, dass wir Frau Hegemann nicht ablehnen, sondern ihr gestatten sollten, ihren Weg zu finden. Jung ist sie ja, unverschämt genug, sich dem saturierten Weg zu verweigern auch. Das bewies sie schon mit ihrem schrägen Kinofilm.

    Allein die Tatsache, dass das „Phänomen Hegemann“ jetzt den Staub des gesamten Literaturbetriebs aufwirbelt, beweist doch schon dessen Existenz und die Notwendigkeit, dieses Experimensts.

  14. @Michael Khan

    „den Möllemann“ machen heisst, dass man sich feige aus dem Staub macht und den finalen Ausweg benutzt, wenn einem der Boden zu heiß wird, anstatt für seine Fehler gradezustehen.

    Wobei, nicht, dass ich Möllemann posthum Unrecht tue, ich auch aus eigener Erfahrung weiß, wie schwierig handfeste Depressionen in den Griff zu bekommen sind…

  15. Wolf:

    Diese Vorgehensweise zieht sich jedoch durch die gesamte Kunstgeschichte

    Wenn ich dieses Pseudo-Argument noch häufiger lesen muss, werde ich womöglich wahnsinnig. Ich habe ja schon an anderer Stelle auf diesem Blog versucht, mit möglichst abstrusen Beispielen zu zeigen, dass Tradition nichts legitimiert. Ich wiederhole mich gerne, damit auch Sie es verstehen: Jahrhundertelange Tradition macht Sachen nicht besser oder schlechter. Sie ist ein Fakt, aber kein Argument. Seit Jahrhunderten werden Juden in Europa verfolgt, was diese Tradition nicht löblich macht. Seit Jahrtausenden wird Akupunktur in Asien betrieben, was ihre Wirksamkeit nicht wissenschaftlich nachweisbar macht usw. Ich lasse mich gerne auf eine Diskussion ein, unter der Voraussetzung, dass der Hegemann-Fanclub auch mal ein Argument auf Lager hat.

    Ich vertrete die Auffassung, dass wir Frau Hegemann nicht ablehnen, sondern ihr gestatten sollten, ihren Weg zu finden. Jung ist sie ja, unverschämt genug, sich dem saturierten Weg zu verweigern auch.

    So oder so ähnlich klänge dann sicher auch die Laudatio in Leipzig. Frau Hegemann hat sich ihr Buch also nicht bei anderen Autoren zusammengeklaut, sondern sich lediglich in ihrer jugendlichen Unverschämtheit dem ’saturierten‘ Weg verweigert. Dass ich nicht lache. Eine romantisierende Verklärung des Tatbestandes.

    die Lust des Meisters an intelligenter Provokation

    Ihre Analyse der Harald-Schmidt-Sendung basiert in nahezu bestechendem Maße auf unleugbaren Fakten.


  16. @Wolf

    Sie haben die Möglichkeit bis Donnerstag dieser Woche die Sendung nachzusehen

    Danke, einmal reicht mir völlig.

    Hegemann oder deren Ghostwriter sammelten sicher einige bunte Bausteine, die unbeachtet am Wegesrand einíger Blogs liegen

    Erstens: Blogtexte sind kein Freibier.

    Da Sie das offensichtlich glauben, vermute ich mal: Sie sind Journalist.

    Zweitens: Die „bunten Bausteine“ stammen aus einem veröffentlichten Buch.

    Und dann noch:

    Diese Vorgehensweise zieht sich jedoch durch die gesamte Kunstgeschichte

    und:

    Jung ist sie ja, unverschämt genug, sich dem saturierten Weg zu verweigern auch.

    Logic: ur doing it wrong.

    Entweder Hegemanns Vorgehensweise „zieht sich durch die gesamte Kunstgeschichte“ oder sie „verweigert sich dem saturierten Weg“ — beides geht wohl nicht.

    Ich vermute mal: Sie sind Journalist.

    (Hatte ich das schon gesagt?)

  17. wenn – dann

    WENN
    – „hegemannen“: „dreist abpinnen“

    DANN
    – „möllemannen“, „barscheln“, „lafontainisieren“: „sich aus dem Staub machen“
    – „merkeln“: „aussitzen“, „keine Entscheidungen treffen“
    – „westerwellern“: „permanent Blödsinn absondern“
    – „fdplern“: „heute so, morgen so“
    – „spdlern“: „schwächeln“
    – „oettingieren“: „schwäbeln“

  18. geht weiter

    1. steht nebenan bei Sören Schewe:

    Damit Ihr, liebe Leser, nicht glaubt, ich hätte beim obigen Zitat die Hegemann gemacht

    (Fipptehler korrigiert).

    2.
    genschern = gehört in den Kontext „Doppelkopf“ und bezeichnet die Regelvariante, dass der Spieler mit den beiden Karo-Zehnen auf der Hand sich bei der Abrechnung aussuchen darf, wer denn der Partner ist.

  19. @Wolf

    „Bis auf zwei identische Sätze, existieren lediglich einige Sätze mit ungewöhnlicher identischer Wortschöpfung, die man mit einiger Phantasie zu Plagiaten deklarieren kann, aber nicht muss. Die vollständiger Liste plagiierter Wort- und Satzschöpfungen dürfte knapp eine Buchseite füllen.“
    Zum Glück kann man solche Behauptungen ja jetzt im Internet überprüfen. Da stellt man fest: Es war deutlich mehr! Ich vermute mal Journalisten haben deshalb was gegens Internet, weil man deren Unsinn jetzt besser überprüfen kann (siehe Bildblog)…

    Plagiate kann man dank Internet jedenfalls deutlich besser überführen als früher. Pech für Frau Hegemann, aber Glück für die Geschädigten.

  20. Hegemanie

    „Während die Kontamination (…) aus Hegemann und Manie/Mania außerhalb des aktuellen Falles keinen Anwendungsbereich hat …“

    Hegemanie: geistige Kleptomanie

    Die Wikipedia schreibt 2012 dazu:
    „Aufgrund dieses nur scheinbaren Widerspruchs (Vermögenslage des Plagiators – geringer Wert des geistigen Diebesgutes) wird immer wieder argumentiert, es könne (es müsse) doch eine Art von psychischer Störung zugrunde liegen. Nahezu unvermeidlich wird dann der Begriff Hegemanie ins Spiel gebracht. Gerichte und die forensische Psychiatrie fordern jedoch den expliziten Nachweis anerkannter psychischer Störungen, um bei geistigen Diebstählen (wie bei allen anderen Straftaten auch) die strafrechtliche Schuldfähigkeit als gemindert oder aufgehoben einzustufen.“

  21. he(ge)mannen

    Ich schließe mich der Auffassung von Patrick Schulz an, was die Form des Verbs mit dem Partizip „hegemannt“ anbelangt. Dafür spricht, daß es im Deutschen allgemein nicht die Anwesenheit eines Präfix zu sein scheint, die das Ausbleiben des „ge-“ am Partizip hervorruft, sondern die Unbetontheit der ersten Silbe des Stammes. Das zeigt sich daran, daß das „ge-“ auch bei Verben wie „studieren“, „spazieren“, „genieren“ ausbleibt, die keine Präfixverben sind. Daß „ge-“ bei Präfixverben ausbleibt ergibt sich dann allgemein aus der Unbetontheit von Präfixen.
    Da man „hegemannen“ und „hegemannt“ „hégemannen“ bzw. „hégemannt“ ausspricht, müßte das „ge-“ am Partizip bei diesen Verben auftreten (Falls die Regel stimmt, natürlich; aber meine Intuition, und wohl auch die von P. Schulz, stützt die Regel hier voll und ganz). Systematisch ließe sich sein Ausbleiben nur erklären, indem man wie Patrick Schulz die Infinitivform „hemannen“, mit „he“ als Verbzusatz annimmt.

    Vermutlich, weil der vollständige Name somit in den Nicht-Partzipformen gar nicht mehr aufträte, wurde von dieser Variante ja auch anscheinend schnell Abstand genommen.

  22. „Mach mir nicht die Hegemann!“

    – schon deshalb nicht, weil der Vergleich mit Brecht, der sich ja auch des öfteren mit fremden Federn geschmückt, sprich, textlich bei anderen bedient habe, bei dieser rotzfrechen jungen Dame gewollt in die Irre führt.
    Doch das Geschäft will sich Ullstein offenbar nicht mehr aus der Hand schlagen lassen, und die Leipziger Buchmesse, Wiege des deutschen Urheberrechts, soll dazu auch noch Schützenhilfe leisten. Geistiges Eigentum nur noch ein Treppenwitz? Wo leben wir eigentlich?

  23. Präfix- und andere Verben

    …reichlich spät, aber trotzdem:

    Es ist bei den genannten Verben nicht die unbetonte erste Silbe, die das „ge-„Flexiv unterdrückt, sondern das „-ieren“-Suffix. Es gibt keine Verben, die auf „-ieren“ enden und ein Partizip mit „ge-“ bilden. Das ist die Regel. Das Missverständnis setzt aber schon im Blog-Text an:

    „Interessant ist, dass das Verb für A_Sevik offensichtlich ein Präfixverb ist [hege + mannen], denn sonst müsste das Partizip gehegemannt statt nur hegemannt heißen.“

    Als Partikelverb müsste es „hege-ge-mannt“ heißen, wie „ab-ge-schossen“ oder „fahrrad-ge-fahren“. Nur als Simplex(= nicht segmentierbares)verb wäre das Partizip „ge-hegemannt“.

  24. doch.

    @gareth:
    wenn „an“ in „anbauen“ beispielsweise eine Verbpartikel präpositionalen Ursprungs ist, dann ist „fahrrad“ in „fahrradfahren“ eine denominale Verbpartikel.
    Ein Nomen ist „rad“ in „radfahren“ jedenfalls nicht. Aber ich streite mich da gerne!