Der Mythos vom Tal zwischen den Brüsten

Vor einiger Zeit habe ich hier im Sprachlog eine Reihe von „Sprachtipps“ von Bild.de diskutiert, unter denen auch diese Perle war:

Busen oder Brüste – wo liegt der feine Unterschied? Antwort: In der Mitte liegt er, genau in der Mitte. Denn der Busen ist in seiner Ursprungsbedeutung nichts anderes als das Tal zwischen den Brüsten. Das Dekolleté, mit anderen Worten. [10 falsch verwendete Wörter, Bild.de, 23. Mai 2011]

Ich habe diese Behauptung seinerzeit umfassend entkräftet und dem Verfasser der Sprachtipps dann vorgeworfen, die Geschichte vom Busen als „Tal zwischen den Brüsten“ von der Rückseite einer Cornflakespackung abgeschrieben zu haben. Ein besorgter Leser hat mich kurz darauf in einem Kommentar zu einem anderen Beitrag ermahnt, ich solle die „Gegenseite“ nicht immer „als nur aus Vollidioten bestehend hinstellen, denen jeglicher Sachverstand abgeht“.

Diese Ermahnung nehme ich natürlich sehr ernst, denn ich will keinesfalls für einen Verfall der hohen Diskussionskultur im Internet verantwortlich sein. Ich möchte mich für meine Gemeinheit deshalb entschuldigen: Verzeihung, liebe Cornflakes-Produzenten, ich weiß natürlich, dass ihr derartigen Unfug niemals auf eure Verpackungen drucken würdet.

Bleibt die Frage, woher die Idee vom Busen als „Tal zwischen den Brüsten“ denn dann kommt.

Wenn eine Sprachgemeinschaft einmütig ein Wort X mit der Bedeutung Y verwendet, und dann ein Sprachnörgler des Weges kommt und mahnend darauf hinweist, dass X „eigentlich“ Z bedeute, steht dahinter in den meisten Fällen der etymologische Fehlschluss: X bedeutete zu irgendeinem früheren Zeitpunkt Z, und diese frühere Bedeutung muss die richtige Bedeutung sein. Warum das ein Fehlschluss ist, darüber habe ich ja schon mehrfach ausführlich geschrieben. Im speziellen Fall von Busen spielt dieser Fehlschluss aber keine Rolle, da Busen ursprünglich ganz allgemein „Brust“ hieß und nicht auf die weiblichen Brüste, geschweige denn auf das Tal zwischen ihnen, beschränkt war.

Ein zweiter, weniger häufiger aber dennoch weit verbreiteter Grund, eine „eigentliche“ Bedeutung zu behaupten, die von der offensichtlichen Bedeutung abweicht, liegt in dem, was man als terminologischen Fehlschluss bezeichnen könnte: X bedeutet in einer bestimmten Fachsprache Z, und der Sprachnörgler geht davon aus, dass diese fachterminologische Bedeutung die „eigentliche“ Bedeutung sein muss — die Fachleute müssen es schließlich am Besten wissen.

Schon in den Kommentaren zum Originalbeitrag gab es einen Hinweis darauf, dass hier der terminologische Fehlschluss am Werk sein könnte: Kommentator „Malus“ verwies dort darauf, dass der Wikipedia-Eintrag zu Weibliche Brust die fragliche Bedeutung mit Verweis auf den Taschenatlas der Anatomie nennt.

Schlägt man dort nach, findet man tatsächlich die folgende Aussage:

Die Rinne zwischen beiden Brüsten heißt Busen, Sinus mammarium sive Sulcus intermammarius. [FRITSCH und KÜHNEL 2009, S. 436, Google Books]

Sive ist lateinisch für „oder“; laut Taschenatlas wird die Rinne zwischen den weiblichen Brüsten also mit den lateinischen Fachbegriffen Sinus mammarium und Sulcus intermammarius oder eben mit dem deutschen Fachbegriff Busen bezeichnet.

Um mehr über diese Verwendung von Busen in der deutschsprachigen Anatomie herauszufinden, habe ich eine Reihe von aktuellen Anatomielehrwerken auf Google Books durchsucht. Dabei ergab sich ein recht klares Bild: das Wort Busen taucht in keinem dieser Bücher auf.

Dafür stieß ich aber eher zufällig in einem Spiegel-Artikel aus dem Jahre 1997 auf die folgenden Absätze:

Auf der bedeutendsten Reformkonferenz seit der Nomina Anatomica von Paris im Jahre 1955, genau 478 Jahre nach Leonardo da Vinci, einem der Urväter der modernen Anatomie, wurde aber auch so Grundlegendes wie der Busen sprachlich erstmals eingefaßt. Den hatten alle Mediziner bislang schlicht übersehen.

Nach alter Sitte bezeichnet „Busen“ den Platz zwischen den Brüsten, ein lateinisches und seziertischtaugliches Wort dafür haben die Römer jedoch mit ins Grab genommen. Nun ist eines gefunden: Sulcus intermammarius heißt die Stelle, zu deren Linker und Rechter jeweils eine Mamma prangt – oder auch nicht, denn den Sulcus (lat. für Furche, Graben) gestehen die Mediziner fortan auch dicken Männern zu. [SPIEGEL 40/1997, S. 277]

Dieses Zitat war für mich ein weiterer Hinweis darauf, dass der Mythos vom Busen als Tal zwischen den Brüsten tatsächlich auf dem terminologischen Fehlschluss beruht. Was aber natürlich gleich eine weitere Frage aufwirft: Wie kam es dazu, dass ein Wort für die Brust im anatomischen Fachgebrauch nicht nur, wie im allgemeinen Sprachgebrauch, auf die weibliche Brust, sondern gleich noch auf einen kleinen Teil derselben eingeschränkt wurde?

An dieser Stelle war ich mit meinem Latein — und vor allem mit meiner Anatomie — am Ende. Glücklicherweise haben wir aber bei den SciLogs mit Helmut Wicht unseren hauseigenen Anatomen und Universalgelehrten. Ein Gespräch mit ihm bestätigte zunächst, dass der moderne Fachbegriff für den Bereich zwischen den Brüsten Sulcus intermammarius ist und dass dieser den älteren, punktuell noch verwendeten Fachbegriff Sinus mammarium abgelöst hat (womit nebenbei klar ist, dass die Mediziner keineswegs, wie im SPIEGEL behauptet, diesen Teil der weiblichen Brust übersehen hatten). Ich erfuhr außerdem, dass das deutsche Wort Busen, zwar kein anatomischer Fachbegriff im engeren Sinne sei, dass er von Anatomiekundigen aber tatsächlich häufig als deutsche Bezeichnung für den Sulcus inntermammarius verwendet würde.

Helmut Wicht wies mich außerdem auf ein Buch des österreichischen Anatomen Josef Hyrtl (1810–1894) mit dem Titel Die alten deutschen Kunstwörter der Anatomie hin. Dort sei häufig die Quelle für solche Eindeutschungen zu finden. Ich bestellte das längst vergriffene Buch also antiquarisch, und als ich es einige Wochen später in den Händen hielt, las ich dort unter Busen folgendes:

Busen ist im deutschen Vesal der Sinus falciformis, fol. LXXI, welcher im deutschen Realdus Columbus, pag. 54, als Durchzug gleich einer Ader auftritt. [HYRTL 1884, S. 29]

Das war unerwartet — Sinus falciformis ist, wenn ich das richtig sehe, eine alte Bezeichnung für den Sinus sagittalis inferior, eine der Blutleitungen des Gehirns, die mit weiblichen Brüsten und dem Tal zwischen ihnen nun wirklich nichts zu tun hat.

Trotzdem war diese Passage der entscheidende Hinweis: das Wort Sinus taucht sowohl in Sinus falciformis als auch im alten Fachbegriff Sinus mammarius auf. Wenn Busen als Übersetzung für sinus herhalten musste, wäre das die Erklärung für die Entstehung der anatomisch spezialisierten Bedeutung von Busen. Sinus bedeutet „Kurve, Falte, Tasche, Bucht“, und einige dieser Bedeutungen werden ja auch außerhalb der Beschreibung menschlicher Körperteile durch Busen wiedergegeben. Zum Beispiel die Meeresbucht, die auch als Meerbusen bezeichnet wird. Und veraltet, bzw. dialektal, konnte auch der Teil eines Kleidungsstücks, der die Brust bedeckt, als Busen bezeichnet werden — im Bairischen war (oder ist?) Hemdbusen/Hemdbüsen ein anderes Wort für „Hemdkragen“ (man vergleiche auch die Redensart (jmd.) etwas in den Busen stecken.  Diese Verwendung könnte mit der Bezeichnung die Falte einer römischen Toga unter dem linken Arm zusammenhängen, die ebenfalls sinus war. In einem früheren Werk von Josef Hyrtl, der Onomatologia anatomica, habe ich auch tatsächlich eine Randbemerkung zu dieser Verbindung und zur Übersetzung von Fachbegriffen mit sinus durch Busen gefunden.

Die „Ursprungsbedeutung“ von Busen ist einfach nur „Brust“, aber der Weg, auf dem das Wort in der Allgemeinsprache zu einem Wort für die weiblichen Brüste und in der Anatomie zu einem Fachbegriff für den Bereich zwischen den Brüsten geworden ist, wäre allemal spannend genug für die Rückseite einer Cornflakespackung.

 

FRITSCH Helga und Wolfgang KÜHNEL (2009) Taschenatlas Anatomie. Band 2, Innere Organe. Georg Thieme Verlag. [Google Books Vorschau]

HYRTL, Josef (1880) Onomatologia anatomica. Geschichte und Kritik der anatomischen Sprache der Gegenwart. Wien: Braumüller.

HYRTL, Josef (1884) Die alten deutschen Kunstworte der Anatomie. Wien, Braumüller.

SPIEGEL (1997) Furche neben Mamma. Der Spiegel, 40/1997, S. 277. [Volltext]

©2011, Anatol Stefanowitsch

Nach Umwegen über Politologie und Volkswirtschaftslehre habe ich Englische Sprachwissenschaft und Sprachlehrforschung an der Universität Hamburg studiert und danach an der Rice University in Houston, Texas in Allgemeiner Sprachwissenschaft promoviert. Von 2002 bis 2010 war ich Professor für Englische Sprachwissenschaft an der Universität Bremen, im August 2010 habe ich einen Ruf auf eine Professur für anglistische Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg angenommen. Mein wichtigstes Forschungsgebiet ist die korpuslinguistische Untersuchung der Grammatik des Englischen und Deutschen aus der Perspektive der Konstruktionsgrammatik.

12 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Die Nörgler nehmen wohl den Terminus ‚Etymologie‘ selbst zu wörtlich als die Lehre von den „richtigen“ Bedeutungen.

  2. Voll zustimmen…

    …kann ich Ihnen dieses Mal. Hätten die Sprachnörgler recht, dann wären so sinnreiche Begriffe wie „Busen-Beichte“, „Busen-Quiz“, „Busen-Star“ „Busen-Skandal“ etc. alle irgendwie sinnlos.

    Wer beichtet oder rätselt schon über das Tal zwischen den Brüsten?

  3. Männerphantasien

    „Die „Ursprungsbedeutung“ von Busen ist einfach nur „Brust“, aber der Weg, auf dem das Wort in der Allgemeinsprache zu einem Wort für die weiblichen Brüste und in der Anatomie zu einem Fachbegriff für den Bereich zwischen den Brüsten geworden ist, wäre allemal spannend genug für die Rückseite einer Cornflakespackung.“

    Sagen wir einmal so: Das Spannende am Busen, hier verstanden als der Bereich zwischen den Brüsten, ist nicht der Busen, sondern sind die beiden Brüste. Kein Wunder also, wenn gierige Männerblicke, schier irre geworden vom Hin- und Hergucken vom einem zum anderen Fleischberg, die im Gehirn ankommenden Signale zu einem und demselben Ding verarbeitet haben…

  4. Busenfreund

    Was mir nach Lektuere des Artikel allerdings noch unklar ist, ist die Herkunft des Wortes „Busenfreund“.
    [Nicht zu verwechseln mit dem Phaenomen auftretend bei der maennlicher Spezies, die Klausi beschreibt, wonach ein Grossteil dieser sowieso irgendwie Freunde eines bestimmten oder aller Busen dieser Welt sind… 😉 ]

    Bezieht sich „Busenfreund“ nun auf Brust (welchen Geschlechts auch immer), das Tal zwischen den Brustbestandteilen oder auf „Bucht, Kurve, Falte, Tasche“ zurueckfuehrbar oder kommt es ganz woanders her?

    Wer benutzt dieses Wort heutzutage eigentlich noch? Ich kenne es aus nicht mehr ganz taufrischen Trickfilmen/Comics.

  5. @Tobi

    „An meine Brust, mein Freund!“
    Jemand, den man herzt, denn hinter der Brust (dem Busen) schlägt das Herz, der Ort der Liebe, der Freundschaft. Ein ganz besonderer Freund also, einer den man an sich ranlässt.
    Heutzutage: „Homie“.
    (mal so hingefühlt…)

  6. Von der Größe, einen Fehler zuzugeben

    Ihr geschätzter Blog lässt mich heute etwas ratlos zurück. In dem Vorgängerartikel bezeichneten Sie es als „(…) äußerst unwahrscheinlich, dass es (sc. das Wort Busen) zu irgendeinem Zeitpunkt ‚das Tal zwischen den Brüsten’ bezeichnet hat, und tatsächlich hat es das auch nie.“

    Diese Behauptung hielt ich nach der Diskussion in den Kommentaren des Vorgängerartikels für widerlegt.

    Sie entschuldigen sich im neuen Artikel wortreich und ironisch für alles Mögliche, aber diesen Fehler räumen Sie nicht ein. Sie sprechen vom „Mythos vom Busen als Tal zwischen den Brüsten“ als entspräche es nicht der Realität, dass „Busen“ – nota bene: auch und nicht etwa ausschließlich oder „eigentlich“ – den Brustzwischenraum bezeichnet. Man könnte bei der Lektüre Ihres Folgeartikels den Eindruck bekommen, als bedürfte es akribischer Forschung in Anatomieatlanten und uralten Fachbüchern um Nachweise für die Verwendung des Wortes Busen im Sinne von „Vertiefung zwischen den Brüsten“ zu finden. Es reicht aber eine gute Allgemein-Enzyklopädie.

    Über den etwas abseitigen „Sinus falciformis“ gelangen Sie zu der Lösung des Rätsels: „Wenn Busen als Übersetzung für sinus herhalten musste, wäre das die Erklärung für die Entstehung der anatomisch spezialisierten Bedeutung von Busen.“ Ich verstehe nicht, warum Sie von „herhalten müssen“ sprechen. Busen IST eine Übersetzung für „sinus“, so haben ich und Myriaden mit mit in der Schule gelernt (und bevorzugten schamesrot dann immer die Wortbedeutung „Gewandbausch“).

    Busen ist schlicht und einfach ein Wort mit (mindestens) zwei Bedeutungen. Wer meint, dass die eine die „eigentliche“ sei, irrt. Wer meint, dass die eine ein Mythos sei, tut dies in meinen Augen ebenso.

  7. Duden Herkunftswörterbuch

    Laut Duden Herkunftswörterbuch gehört Busen „weibliche Brust“ zur idg. Wurzel Beule. Und Meerbusen ist eine Lehnbildung nach lat. sinus aus dem 17. Jahrhundert.

  8. Und das ist alles?

    Ich darf Sie zitieren:

    „Das allein macht es schon äußerst unwahrscheinlich, dass es zu irgendeinem Zeitpunkt „das Tal zwischen den Brüsten“ bezeichnet hat, und tatsächlich hat es das auch nie. Ich weiß nicht, woher Busch diese Fehlinformation hat, aber wenn man den etymologischen Fehlschluss schon in spracherzieherische Vorschriften ummünzen will, dann sollte man sich die Etymologie der betreffenden Wörter vorher kurz ansehen. Der etymologische Fehlschluss lässt Sprachnörgler schon für sich genommen eher verstaubt als gelehrt wirken, aber wenn man ihn mit falschen Etymologien vermischt, die man auf der Rückseite einer Cornflakespackung oder in einem Glückskeks gefunden hat, ist man, um es mit einem Fachbegriff der Sprachnörglerforschung zu sagen, ein Vollpfosten.“

    Immerhin wirken Sie durch ihre pointierte Ausdrucksweise eher gelehrt als verstaubt. Größe hätten Sie dazu gezeigt, wenn Sie sich bei Busch für den Vollpfosten schlicht entschuldigt hätten. Jeder macht Fehler.

  9. Bekleidungs- und Ansichtssache

    Als Frau sieht es so aus: Blicken wir kurz zurück in die Mode früherer Zeiten, als das Dekolleté frei war und alles recht schön nach oben geschnürt wurde, sodass Dekolleté, Brustansätze und die Furche gut zu sehen waren. Meiner Meinung nach bezeichnet Busen den Gesamteindruck aller vier Merkmale. An die Brust nimmt man ein Kleinkind, jeweils an die eine oder andere. Der Mann hingegen kann seinen Kopf auf den Busen legen. So ist eher das obere Dreieck vom Hals zur Furche als Busen gemeint, denn der Kopf auf nur einer Brust, oder gar direkt dazwischen ist, egal bei welcher Brustgröße schon nach ein paar Minuten unangenehm. Der BH oder auch Busenhalter/Büstenhalter bezeichnet doch genau das. Beide Brüste zusammengehalten und oder hochgeschnürt, sodass wir wieder beim Dekolleté mit seinen 4 Elementen sind.
    Ich gehe weniger von der Anatomie aus, sondern vom bildlichen Eindruck, den der Busen hat, mit all seinen Rundungen, Furchen, Größen. Als Pendant zum weiblichen Hinterteil erfüllt er ja nicht nur die natürliche Funktion des Stillens, sondern in irgend einer Art und Weise die Verlagerung des Hinterns nach vorn. Zusammengeschnürt sieht ein Busen nun mal aus wie ein nach vorne gesetzter Hintern… wie herrl – fraulich. 😉