Was ist Post-Physikalismus?

Auch wenn ich als harter Naturwissenschaftler mehr auf den Wissens- und Brainlogs zuhause bin, sehe ich mir gerne die Beiträge der Kollegen von den Chronologs an. Besonders von Michael Blumes Natur des Glaubens bin ich ein heimlicher Fan. Dort weckte vor einiger Zeit die Erwähnung eines Sammelbandes meine Aufmerksamkeit. Post-Physikalismus heißt das Werk. Und nachdem der Verlag so freundlich war, mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung zu stellen, möchte ich gerne meine Gedanken zu diesem Buch zur Diskussion stellen.

Physikalismus? Materialismus!

Physikalismus ist meines Erachtens ein ungewöhnliches Wort für einen philosophischen Standpunkt, den ich als Materialismus kenne. (Und so auch im Lexikon gefunden habe.) Materialisten sind überzeugt, dass sich alle Vorgänge der Welt letztlich auf die Wechselwirkung von wägbaren, körperhaften Objekten der physikalischen Welt zurückführen lassen. Alle Vorgänge der Welt schließen das bewusste Denken und Handeln von Menschen ein. Mentale Vorgänge sind deshalb für einen Materialisten keine von Materie unabhängigen Aktionen einer geistlichen Seele, sondern Ergebnisse biologischer Vorgänge im menschlichen Körper.

Der Begriff Physikalismus spielt nun darauf an, dass die biologischen Prozesse letztlich auf chemische und physikalische Gesetze über die Bindungen von Atomen und den Transport von chemischen Botenstoffen durch die Neuronen zurückgeführt werden kann. Auch das Wort Neuralismus kommt in dem Sammelband vor und macht deutlich, dass es um die Frage geht, ob die Nervenzellen des Gehirns bewusste Empfindungen hervorbringen können.

KKW Stade

Das Buch

Der Sammelband Post-Physikalismus erklärt nun bereits im Titel den Physikalismus für gescheitert und trägt Aufsätze von Philosophen zusammen, die im Wesentlichen eines gemeinsam haben. Sie halten den materialistischen Standpunkt für unhaltbar. Im Geleitwort  stellt Robert Spaemann fest, dass es eine neue “Offensive des szientistischen Materialismus” gebe und dass sich die “antiphysikalischen Argumente” in dem einig seien, was sie verneinen. Nicht in den Alternativen. Entsprechend stark unterscheiden sich die einzelnen Beiträge dieses Sammelbands inhaltlich und stilistisch.

Meine Rezension bezieht sich auf die ersten knapp zweihundertsiebzig Seiten des dreihundertachtzigseitigen Buchs. Nicht, weil mich das letzte Drittel nicht interessiert, sondern weil sich das Buch in drei Abschnitte unterteilt, von denen sich die ersten beiden direkt mit der Frage “Ist alles physikalisierbar?” (Abschnitt I) und mit der Gehirn-Geist-Debatte (Abschnitt II) beschäftigen. Den dritten Abschnitt zum Thema “Physikalismus, Natur und Ethik” spare ich mir für ein anderes Mal auf.

Nun aber zur Sache. Ist der Materialismus tatsächlich am Ende? Gibt es in dem Sammelband schlagende Argumente dafür, dass es nicht möglich ist, mentale Phänomene auf körperliche zurückzuführen? Argumente dafür, dass ein Dualismus von Geist und Seele oder ein Zwischending zwischen Materialismus und Dualismus notwendig ist? Ich habe, obwohl ich mit großer Neugier gerade danach gesucht habe, keine zwingenden Argumente gefunden.

Der Zirkelschluss

Im ersten Beitrag schreibt Uwe Meixner vom “Elend des Physikalismus in der Philosophie des Geistes”. Er erklärt dort den Materialismus für dermaßen schlecht begründet, dass er nach psychologischen Gründen dafür sucht, warum jemand dem Materialismus anhängen könne. Sein Gegenargument ist in etwa, dass der Materialismus falsch sei, weil es offensichtlich mentale Prozesse gebe, die sich nicht auf physische Vorgänge zurückführen lassen. Warum das offensichtlich ist, erklärt er nicht. Statt dessen formuliert er eine Theorie, nach der “mentale Ereignisse” nicht mit physischen Prozessen im Gehirn identisch oder durch diese Verursacht seien. Sie sollen statt dessen parallel zu diesen Auftreten und dabei die selben Ursachen und Wirkungen haben. Mentale Prozesse sollen also unabhängig aber parallel zu biologischen auftreten. Es geht mir nicht auf, inwiefern dieser Ansatz sinnvoll ist.

In eine ganz ähnliche Kerbe schlägt Franz von Kutschera im zweiten Teil des Buches. Im Aufsatz “Das Leibniz-Gesetz” erklärt er die Argumente gegen den Materialismus für so zwingend, dass dessen Verfechter entweder zu dogmatisch oder schlicht zu dumm sind, um den Gegenargumenten folgen zu können. Er erklärt es einfach zum Gesetz: “Aus physikalischen Aussagen folgen logisch keine Aussagen über Mentales.” Zur Begründung schlägt er ein Gedankenexeriment vor: Man denke sich ein Gehirn stark vergrößert, so dass man in ihm Spazieren gehen kann. Auf dem Spaziergang wird man dann angeregte Nervenzellen und den Austausch von Botenstoffen beobachten, aber nirgends wäre ein Bewusstsein sichtbar. Ergo kann ein Bewusstsein nicht aus dem Zusammenspiel von Nervenzellen hervorgehen. Mir leuchtet diese Begründung nicht ein. Und das obwohl ich sicher nicht dogmatisch an einem materialistischen Weltbild festhalte. Ich hätte gern eine unsterbliche Seele. Auch in einem Computer, der ein Bildbearbeitungsprogramm abarbeitet, wird man schließlich nirgends ein Bild finden.

Die Komplexität mentaler Prozesse

Sehr gut gefallen hat mir der Aufsatz von Regine Kather zum Thema “Sinn im Sinnlichen – oder: Wie weit ist das Physische physikalisierbar”. Mit zahlreichen klugen Argumenten zeigt sie, warum die materialistische Erklärung von Bewusstsein kompliziert und praktisch kaum durchführbar ist. Das Bewusstsein bildet sich nicht in und durch ein isoliertes Gehirn. Vielmehr gibt es ein kompliziertes Wechselspiel von Gehirn, Körper und Umwelt, in dem sich das Bewusstsein eines Individuum formt und entwickelt. In diesen Ausführungen begründet sie auch, warum nicht nur der Mensch sondern auch Tiere vermutlich einen Grad von Bewusstsein und damit eine Würde haben. Diesen Artikel aus dem ersten Teil des Buchs lohnt es sich wirklich zu lesen. Ein Argument gegen den Materialismus habe ich aber nicht gefunden. Übrigens argumentiert Thomas Fuchs im zweiten Teil ganz ähnlich.

Schwache Quantentheorie – eine schwache Theorie

Nach dem Höhenflug in “Sinn im Sinnlichen” folgt die Ernüchterung. Zwei Autoren versuchen die Quantenmechanik ins Spiel zu bringen um mentale Prozesse von physischen Vorgängen abzutrennen. Hartmann Römer führt die “schwache Quantentheorie” an, mit der man Mentales und Neuronales als komplementäre Observablen auffassen könne. Das Problem mit dieser Quantentheorie ist, dass es sich um eine Pseudowissenschaft handelt, die sich nicht, wie die wirkliche Quantenmechanik, auf Experimente stützt. Im Gegenteil, diese Theorie ist gegen experimentelle Widerlegung immunisiert, indem sie alles und nichts beweist. Harald Römer widerlegt gleich selbst, dass man mit der schwachen Quantentheoie etwas anfangen könnte. Und zwar behauptet er, man könne mit ihr Homöopathie und Psi-Effekte erklären. Eine Theorie, mit der man nicht existente Phänomene erklären kann, ist wissenschaftlich wertlos.

Die unvergängliche Seele

Ein besonders originelles Argument für die Existenz einer unveränderlichen Seele bringt Josef Quitterer in seinem Aufsatz. Man könne, so Quitterer, ohne Seele keine Identität einer Person über die Zeit behaupten. Denken Sie an ihr Leben: Sie glauben, Sie seien an einem bestimmten Tag geboren, Sie erinnern sich an Erlebnisse ihrer Kindheit, ihrer Jugend und daran, was sie gerade gestern getan haben. Aber war das alles die selbe Person? Nach Quitterer könnte man das nur behaupten, wenn man eine unveränderliche Komponente der Person, die Seele annimmt. Sowohl körperlich als auch mental ändert sich jeder Mensch von Geburt bis zum Tode ständig. Ich bin nicht die selbe Ansammlung von Atomen, die in den Achtzigern zur Schule ging und ich bin auch mental nicht mehr derselbe. Deshalb war das Schulkind Joachim Schulz nur dann die selbe Person, die heute einen Blogbeitrag veröffentlicht, wenn die beiden wenigstens eine identische Seele haben. Ich halte dieses Argument aus zwei Gründen für nicht stichhaltig: Erstens kann man eine Identität der Person durch die Zeit auch durch die kontinuierliche Entwicklung begründen. Zweitens folgt daraus, dass ein Konzept nützlich ist, noch nicht, dass es existiert.

Was habe ich aus diesem Buch mitgenommen?

Interessant zu lesen waren einige der Aufsätze allemal. Man lernt ja gerade dadurch, dass man neues studiert, selbst wenn man es für schlecht begründet hält. Aber großen Nutzen für die Gehirn-Geist-Debatte oder gar für die Konzepte der Naturwissenschaft kann ich in den Aufsätzen dieses Buches nicht erkennen. Tobias Müller schließt seinen Aufsatz mit den Worten ab: “Die Forschungspraxis von Physik und Neurowissenschaften bleibt hiervon unberührt.” Das gilt meines Erachtens für das ganze Buch.

Und der Materialismus?

In der Materialismus-Debatte ist noch immer vieles offen. Die Argumente, die ich in diesem Sammelbild gegen die materialistische Auffassung gelesen habe, sind alle nicht ausreichend, um den Materialismus für tot zu erklären. Dazu müsste ein eindeutiger Beweis für nicht materielle Effekte vorliegen. Bis heute ist mir nicht klar, wie solch ein Beweis aussehen kann. Andererseits konnte meines Wissens noch niemand einen mentalen Vorgang tatsächlich auf neuronale Prozesse zurückführen. Der Beweis, dass unser Bewusstsein aus dem Zusammenspiel der Neuronen erklärbar ist, ist nicht erbracht und es könnte sein, dass er aufgrund der Komplexität dieser Vorgänge nie vollständig erbracht werden wird.

Wenn Markus A. Dahlem nebenan in den Brainlogs nach der Migräneformel sucht, so muss er zumindest als Arbeitshypothese einen Materialismus annehmen. Er wird vermuten, dass sich das Empfinden eines Migränepatienten (also ein mentaler Prozess) auf neuronale Vorgänge zurückführen lässt. Der Sinn solcher materialistischer Forschung lässt sich durch philosophische Konzepte nicht wegdiskutieren. Über dem Schreibtisch eines unserer Ingenieure hängt ein Zettel mit der Aufschrift: “Wer sagt, etwas sei unmöglich, soll nicht denjenigen stören, der es gerade tut.”

Joachim Schulz

Veröffentlicht von

www.quantenwelt.de/

Joachim Schulz ist Gruppenleiter für Probenumgebung an der European XFEL GmbH in Schenefeld bei Hamburg. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann in der Quantenoptik, in der er die Wechselwirkung einzelner Atome mit Laserfeldern untersucht hat. Sie führte ihn unter anderem zur Atomphysik mit Synchrotronstrahlung und Clusterphysik mit Freie-Elektronen Lasern. Vier Jahre hat er am Centre for Free-Electron Laser Science (CFEL) in Hamburg Experimente zur kohärenten Röntgenbeugung an Biomolekülen geplant, aufgebaut und durchgeführt. In seiner Freizeit schreibt er zum Beispiel hier im Blog oder an seiner Homepage "Joachims Quantenwelt".

37 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich denke, es gibt hier ein, nein, zwei Probleme. Das erste ist dem Physiker gut vertraut: Man kann zwar die Ideen der Quantenmechanik ganz hübsch dem interessierten Laien darlegen, allerdings wird seine Einsicht an Grenzen stoßen, so er nicht willens ist, sich mit Hilberträumen und Differentialoperatoren zu beschäftigen. Ich will nicht behaupten, dass beim Versuch die philosophische Debatte zum Leib-Seele-Problem zu verstehen gleichermassen dicke Bretter zu bohren sind, allein dünn sind sie nicht.

    Vielleicht ist die diskutierte Anthologie nicht unbedingt mit dem besten, was das gegenwärtige philosophische Denken hervorgebracht hat bestückt – die Berufung auf eine „Pseudowissenschaft“* legt dies nahe – aber gerade die Leib-Seele-Problematik bringt viele filigrane Argumente hervor, deren Verständnis eine präzise Lektüre erfordert.

    Hier taucht das zweite Problem auf, welches dem Physiker – zumindest vielen – völlig unbekannt ist: Man merkt nicht, das man den Text nicht versteht. Philosophische Texte sind hier von gänzlich anderer Natur als mathematische Gleichungen, denn ob ich letztere verstehe, weiss ich fast unmittelbar.
    Wie gesagt, vielleicht enthält der Band keine schlagenden Argumente – als Anhänger der Identitätstheorie hoffe ich das:) – vielleicht verdienen sie aber auch eine genauere Betrachtung im Kontext der gegenwärtigen philosophischen Forschung.

  2. Vielleicht

    „vielleicht verdienen sie aber auch eine genauere Betrachtung im Kontext der gegenwärtigen philosophischen Forschung.“

    Möglich. Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden: Lesen Sie das Buch und erklären Sie mir, was ich falsch verstanden habe.

    Was ich bei Philosophen nie verstanden habe ist, warum es ihnen immer so wichtig ist, möglichst unverständliche Texte zu schreiben. Wer anderer Meinung ist, hat halt nicht die nötige Bildung. So einfach kann man sich’s machen.

    Die Annahme, ein Physiker habe grundsätzlich keine Ahnung von Philosophie ist übrigens recht gewagt.

  3. Materialismus gescheitert ?

    Ich denke gerade die Forschung der letzten Jahre hat vielmehr gezeigt wie abhängig der „Geist“ von der Materie ist, d.h. jede Menge psychologische Erkrankungen konnten wenigstens zum Teil auf physikalsiche Prozesse / Störungen zurückgeführt werden.

    Bevor man den Materialismus zum Scheitern verurteilt, sollte man erstmal erklären, warum der „Geist“ dann so abhängig von der Materie ist.

    Bis das nicht gelungen ist, ist der „Geist“ für mich erstmal nur ein weiterer biochemischer Vorgang – also Physik.

    Sollte man sich beim Philosophieren von obigen befreien, so frage ich mich, worüber redet man den dann?

  4. @ Schulz

    Erst schreibst Du

    Zur Begründung schlägt er ein Gedankenexeriment vor: Man denke sich ein Gehirn stark vergrößert, so dass man in ihm Spazieren gehen kann. Auf dem Spaziergang wird man dann angeregte Nervenzellen und den Austausch von Botenstoffen beobachten, aber nirgends wäre ein Bewusstsein sichtbar. Ergo kann ein Bewusstsein nicht aus dem Zusammenspiel von Nervenzellen hervorgehen. Mir leuchtet diese Begründung nicht ein.

    Und dann

    Andererseits konnte meines Wissens noch niemand einen mentalen Vorgang tatsächlich auf neuronale Prozesse zurückführen. Der Beweis, dass unser Bewusstsein aus dem Zusammenspiel der Neuronen erklärbar ist, ist nicht erbracht und es könnte sein, dass er aufgrund der Komplexität dieser Vorgänge nie vollständig erbracht werden wird.

    Da komme ich jetzt nicht ganz mit.

    Naja, und der Spruch der Ingenieure, ich bin ja selbst einer, uns kannst Du doch nicht mit den normalen Menschen vergleichen. 😉

  5. Arnd

    Eine neue wissenschaftliche Hypothese dient dazu, bislang Unerklärliches erklärbar zu machen oder eine bestehende Erklärung zu verbessern.

    Für was ist die Seele eine Hypothese? Einzig für das Wunschdenken dass wir etwas Immaterielles, Unsterbliches in uns haben. Es gibt keine unterstützenden Fakten. Die „Seelen-Hypothese“ macht keine überprüfbaren Vorhersagen. Sie ist schlicht wertlos.

  6. Materialismus oder Kausalismus?

    Ist angesichts der Entwicklung der Theoriebildung in der modernen Physik seit Einstein eine Doktrin wie der Materialismus noch haltbar, wenn er so verstanden wird, wie formuliert:

    Materialisten sind überzeugt, dass sich alle Vorgänge der Welt letztlich auf die Wechselwirkung von wägbaren, körperhaften Objekten der physikalischen Welt zurückführen lassen.

    Schon die fast unscheinbare Änderung des in diesem Zusammenhang sonst üblichen Adjektivs „körperlich“ zu „körperhaft“ in dieser Umschreibung könnte darauf hinweisen: dass der sich auf unserer (sinnliches) „Anschauen“ beziehende Begriff „Körper“ – sc. AUS „Materie“ (von lat. mater für MUTTER!) – physikalisch eigentlich nicht mehr haltbar ist, wenn beides in einem bekannten Verhältnis zu „Energie“ äquvalent ist: was ist dann „grundlegend“?

    Folgt aus der modernen Physik nicht viel eher, dass „Dynamik“ das allgemein Charakteristische unserer „Wirklichkeit“ ist – wie schon dieser Begriff aus unserer Umgangssprache nahelegt?

    Hier liegt m.E. der Schnittpunkt der in den alten Mythen vorherrschenden anthropomorphen Weltdeutung als „gemacht“, während die Weltdeutung in der Physik m.W. auf die These oder Feststellung(?) der Entstehung von „etwas“ aus gegenstandsloser Energie
    hinausläuft.

    Wenn ich so weit richtig informiert bin, müsste die alte und naive (von lat. nativus für ‚geboren‘: wie wir geboren sind oder „von Natur aus sind“: lat. nasci für ‚geboren werden‘ – von einer Mutter: s.o.), weil sich bloßer oder bloß sinnlicher „Anschauung“ verdankende Ideologie des „Materialismus“ schon physikalisch überholt sein.

    Ich meine ja, dass der ganze Streit um Materialismus oder nicht „eigentlich“ ganz anders „begründet“ ist: dass er seinen „Grund“ in einem bestimmten und ziemlich simplen Kausaldenken hat. Nicht ein wie immer verstandener Materialismus scheint mir deswegen unser „Problem“ zu sein, sondern ein nicht weniger naiver „Kausalimus“.

    In den Neurowissenschaften ist er jedenfalls fatal…

  7. @Martin

    Was ich meine ist, dass weder das eine noch das andere bewiesen ist. Dass es noch niemandem gelungen ist, das Bewusstsein tatsächlich auf neuronaler Ebene zu erklären, bedeutet nicht, dass das unmöglich wäre. Dieser Schluss ist verfrüht.

    Es ist ein großer Unterschied, ob die Rückführung mentaler Erlebnisse auf neuronale Vorgänge prinzipiell nicht möglich ist, weil es nicht-materielle Einflüsse gibt, oder ob sie nur praktisch unmöglich ist, weil zum Beispiel die Rechenleistung zur Modellierung (noch) nicht ausreicht.

  8. Woraus besteht die Welt?

    „Materialisten sind überzeugt, dass sich alle Vorgänge der Welt letztlich auf die Wechselwirkung von wägbaren, körperhaften Objekten der physikalischen Welt zurückführen lassen.“

    Genau hier verlässt mich das Verständnis, und ich bitte den Quantenmechaniker um Erklärung. Ist ein Quant, ein String, oder das, woraus auch immer die „fundamentale Ebene“ besteht, ein „wägbares, körperliches Objekt“? Ich habe – eben angesichts der Art und Weise, wie sich diese Dinger benehmen und beschrieben werden – grosse Schwierigkeiten damit, sie mir materialiter als „Objekte“ zu denken.

  9. Materialisten

    „Materialisten sind überzeugt, dass sich alle Vorgänge der Welt letztlich auf die Wechselwirkung von wägbaren, körperhaften Objekten der physikalischen Welt zurückführen lassen.“

    … oder viel einfacher .. Materialisten lehnen die Trennung von Körper und Geist ab, da bekommt man dann auch keine Probleme mit Energie / Teilchen Dualismus etc.

  10. „Ist ein Quant, ein String, oder das, woraus auch immer die „fundamentale Ebene“ besteht, ein „wägbares, körperliches Objekt“?“

    Selbstverständlich. Ein Quant, String oder was auch immer wir drunter finden, wird irgendwie Wechselwirkung mit dem Gravitationsfeld und Trägheit gegen Beschleunigung hinbekommen müssen. Diese beiden Eigenschaften, Gewicht und Trägheit, sind es, was Wägbarkeit ausmacht. Und zwar im wörtlichen Sinn: Massive Teilchen können Waagschalen zum Ausschlag bringen. Das gilt sogar für Photonen.

    Körperlichkeit würde mit mit der Eigenschaft Raum einzunehmen definieren. Man könnte dann argumentieren, dass nur Fermionen körperlich seien und Bosonen feldartig. Aber ich bin da großzügig. Auch bosonische Felder sind wägbare Objekte und gehören zur körperlichen Welt. Auch sie nehmen ja Raum ein, wenn auch nicht exklusiv.

  11. @Ingo-Wolf: Dynamik vs. Koerperlichkeit

    „Folgt aus der modernen Physik nicht viel eher, dass „Dynamik“ das allgemein Charakteristische unserer „Wirklichkeit“ ist – wie schon dieser Begriff aus unserer Umgangssprache nahelegt?“

    Das ist eine gute Frage. Ich habe gerade die Wägbarkeit angegeben, weil es ja in den Naturwissenschaften um messbare Effekte geht. Vielleicht hätte ich statt wägbar besser messbar geschrieben, aber wie schon an Helmut schrieb, ist alles wägbar, was Impuls trägt.

    Schreiben wir statt dessen Dynamik, so könnte man auf die Idee kommen, es gäbe feinstoffliche, das heißt nicht wägbare Dynamik. Darauf basieren ja einige esoterische Weltanschauungen, dass man sich Dynamik oder Energie abgetrennt von körperlichen Denkt. Ich bin der Ansicht, dass das nicht geht. Dynamik ist eine Eigenschaft von Materie. Ohne Materie kann sich auch nichts bewegen, kann nichts dynamisch sein.
    Jedenfalls nicht dass wir wüssten.

  12. Physikalismus:Über die Natur der Dinge

    Bunge&Mahner’s exzellentes Buch „Über die Natur der Dinge“, das bereits von zwei Blogautoren auf Scilogs besprochen wurde (siehe http://www.brainlogs.de/…enschaftliches-weltbild ) handelt vom Materialsimus, der im englischen Sprachraum Physikalismus heisst.

    Diese Buch empfinde ich als systematisch, stringent und verständlich geschrieben – vor allem für naturwissenschaftlich orientierte Leser -, was wohl darauf zurückzuführen ist, dass die Autoren Physiker sind.

    Für die Spielart des Materialismus, der auch Physikalismus genannt wird, „ist die reale Welt das Primäre und der Mensch ihr Produkt“ (Zitat Klappentext).
    Die Frage von @Helmut Wicht: Ist ein Quant, ein String, oder das, woraus auch immer die „fundamentale Ebene“ besteht, ein „wägbares, körperliches Objekt“? wird von Bunge&Mahner klar beantwortet mit (sinngemäss): Die Welt besteht aus konkreten/materiellen Gegenständen, die veränderlich sind und eine (physikalische) Energie besitzen. Damit gehören auch Quantenobjekte in diese Kategorie, zumal Bunge&Mahner nicht fordern, dass der Energieinhalt immer scharf bestimmbar ist. Da es auch im Vakuum elektromagnetische Felder mit einer entsprechenden Energie geben kann, sind auch diese Felder real.
    Nicht materiell sind dagegen Konstrukte wie die Zahl Pi, denn man kann ihnen keine physikalische Energie zuordnen und sie sind somit auch nicht veränderbar.

    Der Materialismus/Physikalismus gesteht nun – und das ist der entscheidende Punkt – Konstrukten keine Eigenexistenz zu. Konstrukte sind also immer Produkte des menschlichen Geistes, der wiederum eine materielle Grundlage hat.

    Bemerkung: der folgende Abschnitt ist grösstenteils auf meinem eigenen Mist gewachsen, passt aber zum Geist von Bunge&Mahner:
    Dies widerspricht (scheinbar?) der Annahme von Plato, der Ideen eine Realität zugestand und dies gerade in der universellen Wahrheit von mathematischen Aussagen bestätigt sah. Doch es gibt letztlich keine Mathematik ohne Mathematiker und Mathematiker sind materiell – und wenn extraterrestrische Mathematiker zur gleichen Mathematik wie wir kommen, sagt das vielleicht etwas über unsere Realtität aus, es bedeutet aber nicht, dass mathematische Konstrukte eine Eigenexistenz führen.
    Ende der der auf eigenem Mist gewachsenen Ausführungen

    Wichtig in der Argumentation von Bunge&Mahner ist das Prinzip, unnötige Annahmen zu vermeiden. Wenn das Materielle das Primäre ist und das Universum aus interagierender Materie besteht, so soll man versuchen damit auszukommen und möglichst wenig zusätzliches einzuführen. Es gibt deshalb keinen Grund, den menschlichen Geist aus der Sphäre des materiell basierten auszunehmen, denn ohne Gehirn gibt es keinen Geist (ausser in Schauerromanen).
    Der Physikalismus erkärt Geist und Bewusstsein als emergente Eigenschaften des Hirms/Zentralnervensystems. Er ist aber (Bunge&Mahner) „nicht reduktionistisch in dem Sinne, dass er Psychologie oder Neurobiologie oder beides als auf Physik reduzierbar betrachtet“ Der Grund dafür sind die komplexen Wechselwirkungen zwischen den beteiligten (materiellen) Komponenten, die etwas neues schaffen. Zwar gibt es einen Zusammenhang zwischen dem emergent Neuen und der materiellen Basis, doch es ist ein komplexer Zusammenhang. Im übrigen gilt diese Aussage auch schon für einfache Systeme wie dem Molekül H20, wo alles Wissen über die Komponenten Wasserstoff und Sauerstoff wenig über das zusammengesetzte Gebilde H20 aussagen.

  13. Edison Phonograph

    Trifft Schall auf die Membran eines Edison-Phonographen so gerät diese in Schwingung. Diese Schwingung wird über einen Hebel mit angefügter Nadel auf eine drehende Zinnfolienwalze übertragen und dort als Rille abgespeichert.

    Läßt man aber die gleiche Nadel durch die Rille der drehenden Walze gleiten, so wird der Speicherinhalt über das Hebelsystem auf die Membran übertragen und dort in Schall umgewandelt.

    Beim Menschen geschieht im Prinzip das gleiche, wobei die vibrierende Membran unserem bewussten Erleben entsprechen würde.
    Für dieses streng materialistische Erklärungsmodell braucht es keinerlei Seele und trotzdem sind bewusste Erlebnisse möglich.

  14. (Post-) Phys. heißt nun Neo-Physkalismus

    Schade das die Wissenschaft ungern Wissen schaft.
    Bedenke.

    Das Photon hat Masse !

    Es lebe der Neo-Physikalismus,
    und alle weiteren richtigen Schlußfolgerungen des Materialismus.

  15. Migräneformel und Halluzination

    Natürlich nehme ich einen Materialismus an. Wo kommen wir den sonst hin?

    In meinen mathematischen Modellen, also in der „Migräneformel“ (das ist ja ein Ausdruck einer Moderatorin bei nano3Sat; ich bin durch den F.A.Z. Blog zur Weltformel wieder darauf gekommen und habe das gerne aufgegriffen), geht es nicht um mentale Prozesse.

    Auf den Kopfschmerz und dessen „Empfinden“ sind wir (zum Glück) gar nicht mehr allein angewiesen. Die Vorgänge bei einer Migräne lassen sich auch durch Messverfahren bestätigen. Kopfschmerzen sind Symptome, die wir als Außenstehende nicht sehen. Das trägt leider viel zum schlechten Ruf dieser Krankheit bei (vgl Epilepsie und Krampfanfälle).

    Kurzum, es geht mir um eine mathematische Formel der raum-zeitlichen Erregungsmuster in der Hirnrinde. Das ist alles wohl-definiert (für die Physiker: angefangen vom elektrischen Ersatzschaltbild biologischer Membrane, chemisches Massenwirkungsgesetz, Fick’sche Diffusion, Nernst-Planck-Gleichung und und und – keine fremden Sachen).

    Etwas näher an mentale Zustände komme ich eventuell mit der Simulation der Sehstörungen bei Migräne (s. Ich sehe was, was du nicht siehst). Hier wird eine Halluzination modelliert, die als Muster sich nicht direkt materialisieren lässt. Das Muster steckt in den Verschaltungen doppelt indirekt drin. Zum einen werden Muster schon bei normalem Sehen schon in der Netzhaut kodiert und mehrfach weiter umkodiert (indirekt 1). Zum andern ist die Halluzination eine fälschliche Interpretation (indirekt 2) neuronaler Aktivität (Annahme: sie sei von der Netzhaut gekommen), tatsächlich aber ist es endogene Aktivität in der Hirnrinde.

    Das wahrgenommene Muster (Ziackzack-Muster) existiert nur in der Wahrnehmung, könnte man (überspitzt?) formulieren. Und doch kann es durch Vergleichsmuster – eben meine Simulation – objektiviert werden.

  16. Das Photon hat Masse ?

    „Das Photon hat Masse !“

    Sorry, da habe ich mich unklar ausgedrückt. Mein „Das gilt auch für das Photon“ bezieht sich auf die Fähigkeit, eine Waage zum Ausschlag zu bringen, nicht auf die Eigenschaft der (Ruhe-)Masse. Ein Photon trägt Energie und Impuls und übt daher bei Absorption einen Rückstoß aus.

    Die Einschätzung, bei den Post-Physikalisten handle es sich tatsächlich um Neo-Physikalisten, kann ich nicht nachvollziehen.

  17. @Markus: objektivierte Wahrnehmung

    „Das wahrgenommene Muster (Ziackzack-Muster) existiert nur in der Wahrnehmung, könnte man (überspitzt?) formulieren. Und doch kann es durch Vergleichsmuster – eben meine Simulation – objektiviert werden.“

    Das ist es genau, worum es mir geht. Wenn wir das Leibniz-Gesetz wörtlich nehmen: „Aus Physischem folgt nichts Mentales“, dann könnten wir aus der Veränderung der neuronalen Aktivitäten nicht schließen, dass sich auch die Wahrnehmung des Patienten ändert. Genau diese Annahme braucht deine Forschung aber, wenn ich dich recht verstehe.

    Vielleicht hat Ingo-Wolf Kittel hier einen Punkt. Man sollte vielleicht lieber über Kausalität sprechen.

  18. @Ingo-Wolf K.: Lesen sie Bunge&Mahner

    Ingo-Wolf Kittel schreibt: Folgt aus der modernen Physik nicht viel eher, dass „Dynamik“ das allgemein Charakteristische unserer „Wirklichkeit“ ist – wie schon dieser Begriff aus unserer Umgangssprache nahelegt?

    Schon vormoderne Materialisten/Physikalisten sehen die „Dynamik“ als etwas wesentliches (Zitat Bunge&Mahner):Ein wichtiges Postulat des Materialismus muss also lauten: Alle Dinge sind veränderbar und verändern sich..

    Sie schreiben Nicht ein wie immer verstandener Materialismus scheint mir deswegen unser „Problem“ zu sein, sondern ein nicht weniger naiver „Kausalimus“.

    Auch der naive Kausalismus wird von Bunge&Mahner verworfen (Zitat): „Entsprechend ist das Prinzip, wonach Ursachen ihren Wirkungen vorausgehen bzw. wonach die Gegenwart durch die Vergangenheit bestimmt wird, kein Kausalprinzip, sondern ein Antezedenzprinzip. Das Kauslaprinzip hingegen sagt, dass jedes Ereignis eine Ursache hat. Und im Gegensatz zum Antezedenzprinzip ist es falsch, weil es spontane (unverursachte) Ereignisse gibt“

    Im übrigen scheinen sie – Herr Ingo-Wolf Kittel – den Begriff Materialismus negativ zu verorten, vielleicht weil dieser Begriff mehrere Bedeutungen hat und die meisten davon negativ assoziert werden. Wegen diesem Problem – der negativen Assoziation – wird von einigen Philosophen eben der im englischen Sprachraum übliche Begriff Physikalismus auch im Deutschen verwendet. Die Grundidee des Physikalismus, nämlich: Es gibt eine Wirklichkeit und diese wurzelt in der materiellen Welt scheint mir so überzeugend, weil eine Ablehnung sofort zu grossen Problemen führt. Letztlich bedeutet das Grundpostulat des Physikalismus, dass es nur ein von uns allen geteiltes Universum gibt und dass alles was in diesem Universum geschieht dieses materielle, physikalische Universum voraussetzt. Und das gilt auch für abstruse, geniale und hirnrissige Ideen und beliebige Konstrukte. Wer seinen Spinat nicht mehr isst(Popeye) und nur noch von Lichtnahrung lebt, wird als Ideenschöpfer bald ausfallen, denn ein Leben neben unserer materiellen Welt gibt es nicht. Wer in der Welt der Ideen lebt, lebt nicht in einer anderen Welt und wenn er es täte, wäre er nicht mehr von dieser Welt und könnte sich mit niemandem austauschen.

  19. Bügeleisen

    Aus Physischem folgt nichts Mentales

    Wie darf ich dies, d.h. Leiniz, verstehen?

    Wen ich mir ein Bügeleisen an die Schläfe halte, schmerz der Kopf. Oder soll nun qua prästabiler Harmonie der Kopf schmerzen? Ich dachte das Konzept sei überwunden …

  20. @M. Holzherr: unverursachte Ereignisse

    Welche Beispiele liefern denn Bunge & Mahner für solche Ereignisse?

    Ich habe das Kausalprinzip immer so verstanden, dass man dabei von der prinzipiellen Erklärbarkeit aller Phänomene aus Ursachen und Motiven ausgeht, wobei deren Gesetzmäßigkeiten auch durch Wahrscheinlichkeitsbeziehungen ausgedrückt sein können. Quantenphänomene würden demnach das Kausalprinzip nicht verletzen.

  21. @Balanus: Gesetz umfasst Kausalität

    Welche Beispiele liefern denn Bunge & Mahner für solche [unverursachte] Ereignisse?

    Bunge&Mahner unterscheiden zwischen Kausalität und Gesetzmässigkeit (bei B&M Determinismus genannt).
    Kausalität (Verursachung) liegt für Bunge&Mahner dann vor, wenn ein Ereignis in Objekt A eine Zustandsänderung von Objekt B bewirkt.Eine solche Kausalrelation zwischen A und B überträgt zudem Energie oder ein Signal von A nach B.
    Gesetzmässigkeiten können kausal sein, sind es oft aber nicht. E=mc^2 beispielsweise ist ein Gesetz, aber kein kausales. Zufall wie er in der Quantentheorie auftritt folgt probalisitischen (und nicht-kausalen) Gesetzen.

    Damit wird klar, dass es nach Bunge&Mahner viele unverursachte Ereignisse gibt. Zum einen sind es spontan auftretende Quantenphänomene wie der radioaktive Zerfall, zum anderen aber auch Phänomene die durch nicht-kausale Gestzmässigkeiten bestimmt werden wie das Vorbeiziehen eines kräftefreien Körpers mit konstanter Geschwindikgeit (dazu braucht es kein anderes verursachendes Objekt, denn entgegen der Annahme früherer Philosophen ist Bewegung auch ohne Ursache möglich).

    Fazit: Kausalität ist für Bunge&Mahner nur eine Relation zwischen verschiedenen Objekten. Kausalität gehorcht Kausalgesetzen, aber viele Gesetzmässikeiten sind nicht kausal.

    Wenn sie schreiben

    Ich habe das Kausalprinzip immer so verstanden, dass man dabei von der prinzipiellen Erklärbarkeit aller Phänomene aus Ursachen und Motiven ausgeht, wobei deren Gesetzmäßigkeiten auch durch Wahrscheinlichkeitsbeziehungen ausgedrückt sein können.

    so finden sie bei Bunge&Mahner dafür den Begriff Gesetzmässigkeit und der ist für Bunge&Mahner zentral:

    Wissenschaft ist in einem weiten Sinne deterministisch: Sie fordert die Existenz von Gesetzmässigkeit – wozu auch probalistische Gesetze gehören – und lehnt Magie ab. Dieser Detrminismus im weiten Sinne geht davon aus, das es Gestze gibt und dass Dinge nicht aus dem Nichts kommen oder sich in nichts auflösen: Ex nihilo nihil fit

  22. @Martin Holzherr

    Besten Dank für die ausführliche Auskunft 🙂

    Wenn ich also Bunge & Mahner folge, dann verabschiede ich mich vom allgemeingültigen Kausalprinzip und vertrete fürderhin nur noch einen durchgängigen Determinismus.

    Allerdings muss ich gestehen, dass ich nicht wirklich verstehe, dass es für den atomaren Zerfall keine intrinsische Ursache geben soll. Und hat die Bewegung (kräftefreier?) Körper nicht ihre letzte Ursache im „Big Bang“?

    (Könnte es helfen, wenn ich als Nichtphysiker und Nichtphilosoph Bunge & Mahner mal lese?)

  23. @Balanus:Philosophie ist Begriffsklärung

    Ich kann ihnen Bunge&Mahner’s Buch „Über die Natur der Dinge“ nur empfehlen. Es handelt sich um einen originären philosophischen Text und ein grosser Teil der philosophischen Arbeit ist die Begriffsklärung und die Auseinandersetzung mit dem, was andere schon gedacht haben, wobei man oft die Begrifflichkeit der Anderen ins eigene System übersetzen muss.

    Bunge ist nicht nur Philosoph, sondern zudem theoretischer Physiker und vereint die Denkweisen von Philosophie und Physik.

    Zur Begriffsklärung und zur Ausbildung eines Begriffsgerüsts gehört es eben auch, Dinge wie das Kausalprinzip in die richtige Beziehung zum Determinismus, also der Regelhaftigkeit und Gesetzmässigkeit unserer Welt zu setzen.
    Auch in der neueren Physik hat hier eine Akzentverschiebung stattgefunden. Heute sind Erhaltungssätze und Symmetrieüberlegungen in der Physik sehr wichtig geworden, wichtiger als Kausalbeziehungen. Die Energie- oder Impulserhaltung und viele andere Erhaltungsgrössen haben mit dem Kausalitätsprinzip zunächst nur indirekt etwas zu tun.

    Um ein Beispiel zur Begrifflichkeit zu geben:
    Ihre Aussage „Allerdings muss ich gestehen, dass ich nicht wirklich verstehe, dass es für den atomaren Zerfall keine intrinsische Ursache geben soll.“ macht für einen Philosophen nur dann Sinn, wenn geklärt ist, was mit Ursache gemeint ist, ansonsten besteht die Gefahr, dass man aneinander vorbeiredet. Bunge&Mahner sehen hinter einer Ursache einen Verursacher: ein anderes Objekt, das auf dasjenige im Fokus einwirkt. Der spontane Zerfall von Atomkernen hat aber kein anderes Objekt als Verursacher.

    Das Buch ist übrigens gut verständlich. Einiges was abgehandelt wird, erscheint einem zuerst trivial. Doch gerade im scheinbar Selbstverständlichen öffnen sich Tür und Tor für Missverständnisse und für ein ungenaues Denken, welchem die Unterscheidungs- und Ordnungskraft fehlt. Bunge&Mahner klären das materialistische/physikalistische Weltbild und befragen es anhand der wichtigsten Konkurrenztheorien. Dabei stossen sie immer wieder auf Denkfehler, nicht nur von Philosophen, sondern auch von Physikern. Die „Kopenhagener Deutung“ (Beobachtung schafft erst Realität) beispielsweise entlarven sie als zeittypischen Phänomalismus/Postivismus, der aber überhaupt keine Grundlage in der zugrundeliegenden Physik (der Schrödinger Gleichung) hat.

    „Über die Natur der Dinge“ ist gerade deshalb ein gutes Buch, weil es sich mit soviel schon Gedachtem, Populären und scheinbar Selbstverständlichen auseinandersetzt und es die Auseinandersetzung mit konkurrierenden Theorien wie dem Idealismus oder Poppers Dreiweltenlehre nicht scheut.

    Zudem entwickeln Bunge&Mahner die innere Struktur eins materialistischen Weltbilds und verwahren es auch gegen eine allzu platte physikalistische Deutung: Die Realität gründet zwar in materiellen Objekten, letzlich sogar in Elementarteilchen, aber sie ist nicht ohne weiteres reduzibel auf diese Grundelemente, denn die Interaktion dieser Grundelemente kann etwas verblüffend neues schaffen.

  24. Freut mich sehr!

    Dass mein Blog hier eine Rezension und Diskussion angestoßen hat, freut und ehrt mich sehr! Danke, lieber Joachim! 🙂

    Der Empfehlung für Bunge und Mahner sowie die aktuelle Diskussion des Materialismus kann ich mich nur anschließen. Ich habe ihr Buch im Rahmen des Denkanstöße-Bloggewitters hier rezensiert:
    http://www.chronologs.de/…kung-des-materialismus

    Und vielleicht wäre es ja mal eine Idee, zum Materie- bzw. Materialismus-Begriff ein Bloggewitter zu schalten, das die verschiedenen Bereiche der Scilogs übergreift? Ich kann mir vorstellen, dass das spannend wäre.

  25. @Martin Holzherr /Begriffsklärung

    Sicher, die Begriffe müssen annähernd klar sein, wenn man sinnvoll über etwas reden will. Dieses philosophische Projekt der Begriffsklärung wird aber sicherlich niemals zu einem Abschluss kommen.

    Ihre Aussage […] macht für einen Philosophen nur dann Sinn, wenn geklärt ist, was mit Ursache gemeint ist, […]. Bunge&Mahner sehen hinter einer Ursache einen Verursacher: ein anderes Objekt, das auf dasjenige im Fokus einwirkt. Der spontane Zerfall von Atomkernen hat aber kein anderes Objekt als Verursacher.

    Nach dieser Logik muss die Ursache für ein Ereignis (oder einer Zustandsänderung) also immer außerhalb des betrachteten Objekts liegen, damit von einem kausalen Zusammenhang von Ereignissen gesprochen werden kann. Innere Ursachen oder „Verursacher“ wären damit per Definition ausgeschlossen.

    Wenn ich das nun richtig verstehe, dann gäbe es somit für die Zellteilung eines Einzellers in einem homogenen Nährmedium keine Ursache, weil kein äußeres Objekt diese Zellteilung bewirkt. Damit hätten wir die Situation, dass es für diesen Vorgang zwar keine Ursache gibt, wohl aber eine (vielleicht noch unvollständige, ursächliche) Erklärung.

    Einen Atomkern würde ich (als Laie) auch nicht als ein Objekt betrachten, für dessen Zerfall es eines anderen Objektes bedürfte, sondern als ein zusammengesetztes Gebilde aus mehreren wechselwirkenden Objekten (Elementarteilchen, Felder).

    Ich meine, wenn es für ein bestimmtes Ereignis mindestens eine physikalische/quantenmechanische (ursächliche) Erklärung gibt, gibt es notwendigerweise auch eine „Ursache“. Außerdem denke ich, dass das ganze Universum ein zusammenhängendes Wirkgefüge ist, in dem nichts einfach so, also ohne Bezug zu mindestens einem anderen (Elementar)Teilchen, passiert.

    (Bin mal gespannt, ob ich meine Meinung nach der Lektüre von Bunge u. Mahner ändere ;-))

  26. Kausalismus

    Man kann es drehen und wenden wie man will, ein Wille ist mit dem Kausalismus unvertraäglich. Was eine kausale Ursache hat, kann nicht Wille sein. Das aber hat im kausalistischen Paradigma keinen Platz.

  27. @Georg

    Danke für den Link zu deinem Blog.

    Ich sehe das ganz ähnlich. Wie ich unter „Zufall ist kein freier Wille“ schrieb, braucht es für die Begründung von freiem Willen neben Kausalität und blindem Zufall etwas drittes.

    Es ist nicht einfach, sich dieses Dritte vorzustellen. Vor allem aber hat der Dualismus das Problem, dass man dann wieder fragen könnte, ob denn die nicht körperliche Seele deterministisch, zufällig oder sonstwie handelt. Man hat also das philosophische Problem, woher freie Entscheidungen kommen können, nur verlagert. Nicht gelöst.

  28. @Balanus: Philosophie+Definitionen

    Die Wörter in philosophischen Texten sind oft Alltagswörter – wie eben „Ursache“. Verschiedene Personen meinen nicht genau das gleiche damit, deshalb sind Feslegungen (durch Definitionen) notwendig.
    Bunge&Mahner sehen bei einer Kaualbeziehung die Wirkung eines Objekts auf ein anderes. Wenn ein Objekt zusammengesetzt ist, können natürlich die Unterobjekte in an einem Kausalprozess teilnehmen. Bunge&Mahner unterscheiden Antezedenz von kausal verursacht:

    Ein früherer Zustanda ist aber nicht die Ursache eines späteren Zustandes. Der Bewegungszustand eines Körpers, z.B. Verursacht keinen späteren Bewegungszustand – schon allein deswegen, weil Bewegungszustände ein Kontinuum bilden und es in einem Kontinuum keinen Punkt gibt, der neben einem anderen liegt. Somit ist die Bewegung eines Körpers entlang einer Bahn kein kausaler Prozess. Wir sprechen nur dann von einer Ursache, wenn eine Zustandsänderung in einem Ding eine Zustandsveränderung in einem anderen Ding hervorbringt.

  29. Bloggewitter „Was die Welt zusammenhält“

    @Michael Blume,Joachim Schulz und alle Autoren diesjeits und jenseits des Naturwissenschaft/Geisteswissenchafts-Grabens.

    Den Vorschlag von Michael Blume möchte ich hier aufnehmen und zu einem Bloggewitter „Was die Welt im Innersten zusammenhält“ anregen.

    Physiker und die meisten Naturwissenschaftler (die ja Physik und Mathematik als Grundlagenfächer haben) werden wohl zustimmen, wenn ich sage: „Was die Welt im Innersten zusammenhält“ damit beschäftigen sich die Physiker.
    Doch viele Geisteswissenschaftler sehen das wohl ganz anders. Das kam schon mehrmals zum Vorschein bei Beiträgen hier auf scilogs.

    Eine gute Idee wäre ein 2-phasiges Bloggewitter:
    1. Phase: Alle Autoren notieren ihre eigenen Gedanken zum Thema „Was die Welt im Innersten zusammenhält“
    2. Phase: Alle Autoren verfassen einen Text, der die Gedanken der jeweils anderen aufgreift und in die richtige Beziehung zu den eigenen Gedanken setzt.

  30. „Innerstes der Welt“?

    Was soll denn das „Innerste der Welt“ sein? Hat überhaupt schon mal jemand definiert, was der umgangssprachlich am ehesten auf die Umwelt bezogene Begriff „die Welt“ denn alles umfassen soll?

  31. Zu früh

    Für den Post-Physikalismus ist es noch ein wenig zu früh.

    Schliesslich können wir uns derzeit erst 4 % des Universums erklären.

    Die Zusammensetzung der dunklen Materie und der dunklen Energie ist derzeit noch unbekannt.

    Für die Teilchen der dunklen Materie und der dunklen Energie wird man noch ein paar Standardmodelle erweitern müssen.

    Allerdings sind die restlichen 96 % des Universums eine tolle Spielwiese für die Esoteriker.

    Die dunklen Mächte im Hintergrund, whoaa!

  32. Was die Welt im Innersten zusammenhält

    @Ingo-Wolf Kittel

    Ihre Frage: Hat überhaupt schon mal jemand definiert, was der umgangssprachlich am ehesten auf die Umwelt bezogene Begriff „die Welt“ denn alles umfassen soll?
    ist meiner Ansicht nach zu ambitioniert. Bei ihrer Beantwortung besteht die ( deutschen Denkern ja nachgesagte) Gefahr, zu tief zu schürfen.

    Die Frage wie man die Bedeutung eines Satzes/Begriffes erschliesst, wäre ein gutes Thema für Anatol Stefanowitsch’s Sprachlog (ein heikles Thema).

    Mein Ansatz für die Interpretation ist der Kontext: Der Satz „Was die Welt im Innersten zusammenhält“ stammt aus dem Faust. Faust wollte den Dingen auf Grund gehen, war von der Wissenschaft enttäuscht (in diesem Zusammenhang fiel der Satz) und verfiel dann auf Magie und den Teufel(denn auch Theologie brachte nichts).
    Die Suche nach der letzten Erkenntnis – der Erkenntnis, die alles umfasst, das ist also die Suche nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält.

    Dazu passt in hohem Mass: Die Suche nach der Weltformel (also Theorien wie die Stringtheorie aus der Physik)

    Dazu passt in mittlerem Ausmass: Die Überzeugung, dass alles zusammenhängt aufeinander einwirkt und eine gemeinsame Basis hat.

    Dazu passt weniger: Die Überzeugung von Robert Laughlin (siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_B._Laughlin ) „, dass alle – und nicht nur einige – der uns bekannten Naturgesetze aus kollektivem Geschehen durch Emergenz hervorgehen“

    Dazu passt nicht: Es gibt verschiedene Realitäten, die parallel existieren und wenig miteinander zu tun haben.

    Dazu passt nicht: Es gibt keine letzte Erkenntnis und alle vorläufigen Erkenntnisse machen nur Sinn innerhalb ihres (vielleicht sehr engen) Bezugsrahmens.

    Bedeutung für das vorgeschlagene Blogggewitter „Was die Welt im Innersten zusammenhält“: Hier sollen die Autoren die Grundstrukturen unserer Welt (physischen, psychischen, sozialen ) benennen/herausarbeiten oder begründen, warum es keine solchen gibt.

  33. @Ingo-Wolf Kittel

    Hat überhaupt schon mal jemand definiert, was der umgangssprachlich am ehesten auf die Umwelt bezogene Begriff „die Welt“ denn alles umfassen soll?

    Ja sicher, Ludwig Wittgenstein. (Im Tractatus, ganz vorne.)

  34. Wittgensteins „Welt“

    Chrys, meinen Sie Wittgensteins Eröffnungssatz zu seinem „Tractatus logico-philosophicus„, über den er 16 Jahre später im Vorwort zu seinen „Philosophischen Untersuchungen“ feststellte, dass er „schwere Irrtümer“ enthalte? Der lautet bekanntlich:

    1. Die Welt ist alles, was der Fall ist

    Der Volksmund kann’s noch kürzer: alles ist, wie es ist – auch wenn es uns nicht auf den Kopf fällt… – oder ganz kurz es ist, was ist.

    Übrigens scheint er seinen darauf folgenden Satz 1.1 speziell auf Materialisten gemünzt zu haben, wenn der da statuiert:

    Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.

  35. @Ingo-Wolf Kittel

    Exakt diesen Satz 1 hatte ich im Sinn.

    Dass Wittgenstein auch schwere Irrtümer begangen hat ist in mancherlei Hinsicht recht offensichtlich. Seine Vorstellung von Naturgesetzlichkeiten ist sehr mechanistisch geprägt, was aber für seine Generation nur allzu begreiflich ist. Das war dann rasch obsolet. Wo er selbst überall Fehler erkannt haben will ist mir im einzelnen nicht bekannt. Satz 7 bleibt aber uneingeschränkt gültig.

    In Satz 6.41 sagt er übrigens wörtlich, in der Welt „ist alles wie es ist„. Na ja, es existieren auch volksmundliche Fassungen des kategorischen Imperativs. Über geistige Urheberrechte liesse sich lange streiten, das wäre dann eher etwas für die Welt der Juristen.

    Im Vorwort zu seinen „Philosphischen Untersuchungen“ formuliert Wittgenstein auch, dass er Anderen das Denken nicht ersparen sondern, wenn möglich, jemanden zu eigenen Gedanken anregen möchte. Ich denke, das lässt sich insgesamt als gute Gebrauchsanweisung zum Umgang mit philosophischen Texten übernehmen.

  36. materielle geistige Basis

    „Andererseits konnte meines Wissens noch niemand einen mentalen Vorgang tatsächlich auf neuronale Prozesse zurückführen.“

    Dank hochauflösender computertomographischer Verfahren und sehr sensibler Apparaturen zur Messung von Hirnströmen mit supraleitenden Detektoren werden auf diesem Gebiet inzwischen mehr und mehr Fortschritte gemacht. Allerdings haben wir es im Falle des menschlichen Gehirns mit einem der komplexesten, hochparallel verarbeitenden Systeme, das dazuhin auch noch redundant ausgelegt ist, überhaupt zu tun.

  37. Ich kenne weder den Sammelband noch Regine Kather, aber die Zusammenfassung klingt interessant.

    Das Bewusstsein bildet sich nicht in und durch ein isoliertes Gehirn. Vielmehr gibt es ein kompliziertes Wechselspiel von Gehirn, Körper und Umwelt, in dem sich das Bewusstsein eines Individuum formt und entwickelt.

    Dabei musste ich an Daniel Dennets philosophisches Kurzstück „Where Am I“ denken – wo er auch so ein Wechselspiel beschreibt und auf die Spitze treibt:

    http://www.inf.fu-berlin.de/…ennett-WhereAmI.pdf

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