Kopf oder Bauch?

Psychologie der Entscheidung

"Unser Leben ist offenbar viel komplizierter, als unser Verstand mit seiner Ausstattung und ganz sicher mit seinem gegenwärtigen Informationsstand zu begreifen vermag." J. G. Venter

Dass Gefühle wichtig für den Menschen sind, wird sicher kaum jemand bestreiten. Trotzdem definiert sich der Mensch gern über den Verstand. Jede wichtige Entscheidung sollte mit durchdachten Argumenten unterlegt sein, sonst hat man kaum Chancen andere zu überzeugen.

Eine Freundin quält sich mit der dringend anstehenden Entscheidung, wie es in ihrem beruflichen Leben weitergehen soll: das Aufbaustudium, welches sie sehr interessiert, dass aber auch mit finanzieller Abhängigkeit einhergeht oder die langweilige Stelle antreten, mit der sie ihre Miete bestreiten kann. Trotz verschiedener eindeutiger Pro- und Contralisten steht die Entscheidung aus und die Zeit drängt.

Geh, wohin dein Herz dich trägt

Die Wissenschaft konzentriert sich zunehmend auf den Einfluss von Emotionen auf Entscheidungsprozesse. Ein interessantes Experiment von dem Neurologen Antonio Damasio von der Universität Iowa verschafft den oft belächelten Bauchentscheidungen mehr Geltung.

Versuchspersonen wurden vier Kartenstapel vorgelegt. Stapel A und B warfen zwar große Gewinne ab, waren aber auch mit erheblichen Risiken in Form von Strafkarten mit empfindlichen Geldbußen verbunden. Während Stapel C und D weniger Gewinn versprachen, aber auch nicht mit solch enormen Verlusten zu rechnen war. Langfristig gesehen war der Griff zu Stapel C und D günstiger.

Die Probanden wurden mit Elektroden verkabelt, welche die Hautleitfähigkeit messen und damit anzeigen, wenn jemand zu schwitzen beginnt und nervös wird. Die Teilnehmer wurden nicht informiert, welcher Griff zu den Karten der vier Stapel den meisten Gewinn versprach und die Ersten äußerten erst nach der fünzigsten Runde „den Verdacht, Stapel A und B seien irgendwie riskant“.

Interessant ist, dass die Elektroden bereits beim zehnten Kartengriff Anzeichen von Nervosität maßen, woraus Damasio schlussfolgert, dass der Bauch bereits lange vor dem Kopf die Gefahr der beiden riskanten Stapel erkannte.

Entscheiden durch Intuition

Malcolm Goldwell, der Autor des erfolgreichen Buches „Blink“, ist überzeugt, dass intuitive Entscheidungen schneller gefällt werden können und deshalb auch keinen Deut schlechter seien, als lang durchdachte Entscheidungen. "Unser Gehirn arbeitet in diesen Augenblicken auf Hochtouren, um uns die bestmöglichen Entscheidungen zu liefern – ohne dass wir uns dafür anstrengen müssen" (Gladwell).

Die Kapazität unseres Verstandes ist begrenzt. Wir können nicht die vielfältigen Informationen, die tagtäglich auf uns einströmen bewusst und rational verarbeiten.

Der Homo oeconomicus, der die Alternativen rein rational abwägt, erweist sich als Fiktion der klassischen Wirtschaftstheorie.

Schlussendlich kann man sich guten Gewissens auf seinen Bauch verlassen, wenn man auf einem Gebiet bereits viel Erfahrung gesammelt hat. Als blutiger Anfänger ist man besser beraten, wenn sich umfassend mit der Situation auseinandersetzt und die Möglichkeiten abwägt.

Quelle: Gladwell, M. (2005) Blink! Die Macht des Moments. Frankfurt/New York: Campus Verlag. – Empfehlenswert
Zeit, Ich fühle, also bin ich

Veröffentlicht von

Katja Schwab ist Diplom-Psychologin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, systemische Körperpsychotherapeutin und zur Zeit in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.

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