Keine Zeit, keine Zeit! – Ticken wir noch richtig?

***Wir arbeiten schnell, lesen schnell, essen schnell, fahren schnell und sprechen schnell. Tick tack. Wir gießen noch schnell die Blumen, machen noch schnell die Wäsche, holen noch schnell die Kinder aus der Schule ab und gehen noch schnell einkaufen. Tick tack. Nebenbei lesen wir noch schnell die Nachrichten auf Spiegel Online und Botschaften auf Facebook oder Twitter. Tick tack. Alles muss immer schneller in immer kürzerer Zeit erledigt oder erreicht werden – weil wir Zeit sparen wollen. Tick tack. Wer schneller lebt, ist eher fertig.***

 

„Er handelte mit höchst wirksamen, durststillenden Pillen. Man schluckt jede Woche eine und spürt überhaupt kein Bedürfnis mehr zu trinken. ‚Warum verkaufst du das?‘, sagte der kleine Prinz. ‚Das ist eine große Zeitersparnis‘, sagte der Händler. ‚Die Sachverständigen haben Berechnungen angestellt. Man erspart dreiundfünfzig Minuten in der Woche.‘“[i] Viele von uns würden diese Pillen kaufen, die Antoine de Saint-Exupéry in „Der kleine Prinz“ beschreibt. Allein Amazon bietet mehr als 1600 Produkte zum Thema Zeitmanagement an. Hier findet man Material für alle Methoden und Techniken, um Zeit zu sparen: von der ALPEN-Methode über das Eisenhower-Prinzip und die ABC-Analyse bis hin zu Tipps zur Abschaffung hausgemachter Zeitdiebe. Zeitmanagement ist Selbstmanagement. Alles eine Frage der Organisation und Koordination, der Kontrolle und Disziplin sowie eines effektiven und effizienten Umgangs mit der wertvollen Ressource Zeit. Leider erinnern wir uns nicht mehr an die grauen Herren mit ihren dicken Zigarren in ihren dicken Autos, die in Michael Endes „Momo“ den Menschen die Lebenszeit stehlen – unter dem Vorwand, die Zeit für sie zu sparen.[ii] Der Blickwinkel auf die Einordnung und Erledigung von Aufgaben in der zur Verfügung stehenden Zeit ist genauso eindimensional wie der Versuch, Zeit zu sparen.

Der Wunsch nach mehr verfügbarer Zeit ist verständlich, da heutzutage kaum jemand mehr genug davon zu haben scheint. Zeit ist zu einem kostbaren Gut geworden. Es gibt kaum ein Gespräch unter Freunden, Bekannten und Kollegen, in dem nicht irgendwann die Rede von Stress und Zeitdruck ist. Der Soziologe und Zeitforscher Helmut Rosa erklärt, dass wir heute eine dreifache Beschleunigung erleben würden: die des technischen Fortschritts, des sozialen Wandels und des Lebenstempos.[iii] Vor allem in den Bereichen der Information und Kommunikation haben die neuen technologischen Entwicklungen unser Verhalten verändert. Eine riesige Datenflut erreicht uns tagtäglich über verschiedenste Kommunikationskanäle. Neue Software ermöglicht die digitale Echtzeitkommunikation. Was eben noch der heißeste Trend war, ist im nächsten Moment schon Schnee von gestern. Das Filtern von Informationen aus dem ewigen digitalen Rauschen ist für nicht wenige die letzte Tätigkeit vor dem Einschlafen und häufig die erste Aktivität am Morgen. Nach ein paar Stunden Schlaf können viele gar nicht anders, als wieder in den endlosen Strom aus Informationen einzutauchen. Wir können jede freie Minute in unserem Leben mithilfe eines kleinen Telefons in unserer Hosentasche verplanen. Über soziale Netzwerke wie Facebook stehen wir täglich mit durchschnittlich 180 Menschen in Kontakt, die uns während wir fernsehen, U-Bahn fahren, Sport treiben, essen oder spazieren gehen an ihrem Alltag teilhaben lassen. Wir geben unsere Meinung ab, leiten interessante Artikel weiter, schreiben selbst kleine Texte, dokumentieren unser Leben in Bildern und teilen wichtige Ereignisse mit unseren digitalen Bekannten und Freunden. Der neue Job, der neue Freund, das neue T-Shirt, die Hochzeit, die Schwangerschaft, die Geburt, der erste Kindergeburtstag und der letzte Urlaub.

Wenn wir uns mit dem digitalen Treiben unserer Freunde beschäftigen, stiftet das zwar ein wenig Ablenkung und Abwechslung, aber die Zeit, auf diese Ereignisse angemessen zu reagieren, nehmen wir uns meistens nicht. Dadurch nehmen wir nicht wirklich am Leben der anderen teil. Bei Geburtstagsmeldungen gratulieren wir nicht ausführlich, greifen nicht zum Telefon. Wir klicken schnell den „Like“-Button und reagieren in manchen Fällen noch zusätzlich flüchtig über die Kommentarfunktion. Aber damit ist auch schon das Zeitkonto erschöpft, das wir unserer streunenden Aufmerksamkeit für den Einzelfall einräumen können. Noch etliche andere Nachrichten buhlen um unsere Aufmerksamkeit. Und das ist nur eines von vielen Beispielen, auf welche Art und Weise wir unsere Zeit nutzen – oder eben nicht nutzen?

Wir sollten schauen, dass wir nicht zu vielen kleinen Sandkörnchen zu viel Beachtung schenken, denn sonst passen unsere großen Steine nicht mehr in das Glas. Was es damit auf sich hat? Folgende Geschichte, die sich in einer französischen Schule für Verwaltung zugetragen hat, steckt dahinter:

Ein Professor, der eine Stunde Zeit hatte, um seinem Publikum etwas über den Umgang mit knapper Zeit zu lehren, führte folgendes Experiment vor: Er zog einen großen Glaskrug unter seinem Rednerpult hervor und betrachtete seine Zuhörer, die aufmerksam seinen Handlungen folgten. Der Professor stellte den Glaskrug auf sein Pult und füllte ihn vorsichtig mit etwa einem Dutzend tennisballgroßer Steine, bis der Krug randvoll war und kein weiterer Stein mehr darin Platz hatte. „Ist der Krug voll?“, fragte er sein Publikum. Alle antworteten: „Ja!“ Er wartete und fragte nach: „Tatsächlich?“ Daraufhin bückte er sich, holte ein Gefäß mit kleinen Kieselsteinchen hervor und kippte alle sorgfältig in den Glaskrug. Er bewegte den Krug leicht hin und her, so dass die kleineren Kieselsteine sich zwischen den großen Steinen verteilten, bis alle Lücken gefüllt waren. Der Professor hob den Kopf und fragte erneut: „Ist dieser Krug voll?“ Die Teilnehmer waren verunsichert. Einer antwortete: „Wahrscheinlich nicht.“ – „Gut“, antwortete der Professor. Er neigte sich nach unten und holte diesmal einen Eimer mit Sand. Er goss den Sand in den Glaskrug. Der Sand füllte die Räume zwischen den großen Steinen und den kleineren Kieselsteinen. Noch einmal frage der Professor: „Ist der Krug voll?“ – Ohne zu zögern, entgegneten alle Zuhörer „Nein!“ – „Gut“, sagte der Professor und nahm eine Kanne mit Wasser und goss es in den Krug, bis der Krug randvoll war. Nun erhob sich der Professor und fragte die Gruppe: „Was will uns diese Vorführung sagen?“ Der Mutigste unter den Zuhörern meinte, in Anbetracht des Vortragsthemas: „Es zeigt uns, dass wir sogar dann, wenn wir meinen, dass unser Kalender randvoll ist, noch weitere Termine vereinbaren und Dinge erledigen können, wenn wir es wirklich wollen.“ „Nein“, sagte der Professor, „darum geht es nicht. Was wir wirklich aus diesem kleinen Experiment lernen können, ist Folgendes: Wenn wir nicht als Erstes die großen Steine in den Krug legen, werden sie später niemals alle hineinpassen.“ Es folgte ein Moment des Schweigens. „Was sind die großen Steine in Ihrem Leben?“, fragte der Professor. „Ihre Gesundheit? Ihre Familie? Ihre Freunde? Die Verwirklichung Ihrer Träume? Tun, was Ihnen gefällt? Dazuzulernen? Entspannung? Oder: etwas ganz anders?“

Wenn wir alltäglichen Nebensächlichkeiten Vorrang geben – den Sandkörnchen, den Kieselsteinen und dem Wasser –, dann füllen wir unser Leben damit auf, und am Ende fehlt uns die Zeit, um uns den wirklich wichtigen Dingen zu widmen. Was wenn uns zum Beispiel bewusst wird, dass das ziellose Sich-treiben-Lassen in der digitalen Informationsflut uns die klare Sicht auf Dinge versperrt, die unsere ungeteilte Aufmerksamkeit verdienen? Dann treten wir der Versuchung, jede freie Minute unseres Lebens mit Informationen zu füllen, mit einem größeren Maß an Gelassenheit gegenüber. Jedem von uns stehen jeden Tag 24 Stunden zur Verfügung. Ein großer Teil dieses Zeitreichtums wird von Aktivitäten und Dingen gestohlen, die Sie wahrscheinlich gar nicht wirklich brauchen. Dass ein voller Terminkalender nicht das Gleiche wie ein ausgefülltes Leben ist, hat Kurt Tucholsky schon zur Sprache gebracht. Tun Sie weniger, aber dafür das Richtige. Niemand kann alles leben, alles machen oder alles haben. Was aber wirklich wichtig ist: die großen Steine in unserem Leben an erste Stelle zu setzen.

 

 

[i] de Saint-Exupéry, A. (1986, 10. Aufl.): „Der Kleine Prinz“, Düsseldorf: Karl Rauch Verlag, S. 74.

[ii] Ende, M. (2005): „Momo“, Stuttgart/Wien: Thienemann Verlag.

[iii] DER SPIEGEL (30/2011): „Jetzt mal langsam!“ von Dettmer, M. & Tietz, J., S. 58–68.

Veröffentlicht von

Katja Schwab ist Diplom-Psychologin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, systemische Körperpsychotherapeutin und zur Zeit in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.

12 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Tja, große Steine eben. Was aber werden sie sein (können)?

    Die ewige Frage nach dem Wichtigen. Nach dem Sein – was wirklich wichtig sei.
    Es wird immer Menschen geben, denen diese Frage nie beantwortbar sein wird.
    Da nutzen auch nicht diese vielen Schlagzeilen, das man im Alter mit der Versorgung und so Probleme bekommen wird.
    Die Menschen haben das ursprüngliche Problem noch gar nicht erkannt. Sie haben ihr Seelenheil in Systemen gefunden – und alle müssen jubeln. Die Hospitalisierung des Menschen – unfrei nach System. Hauptsache er kann rechnen.
    Nur das System ist eben genau „Null“ emphatisch. Und so auch bald der „anpassungsfähige“ Mensch. Übrig bleibt die „falsche“ Emphatie. Die Simulation einer solchen. Oder die Verschmelzung des „Ichs“ mit der Mehrheitsgesellschaft.

  2. Wenn ich an die Zeit zurück denke, wie viel Zeit ich früher hatte und was mir bis heute davon übrig geblieben ist. Da kann ich oft nur den Kopf schütteln. Deswegen habe ich mich mal selber an den Kragen gepackt und mich geschüttelt. Man kann sein Leben auch genießen und sollte es so oft es geht auch tun. Denn was haben wir Menschen davon, wenn wir unser eigenes Leben nicht leben !? Für mich geht es auch aus diesem Grund mal auf eine längere Reise, um mal andere Menschen zu sehen und kennenzulernen. Mal das Leben einfach zu genießen 🙂

    LG

  3. Die Quantität von Kommunikation hat wirklich gewaltig zugenommen. Wer hatte im letzten Jahrhundert so viele Freunde wie heute pratkisch jedes facebook-Mitglied hat? Wenn ich heute mit dem Zug zur Arbeit fahre oder über den Mittag durch die Gegend laufe sehe ich überall Menschen, die auf ihre Smartphone-Bildschirme blicken, einige spielen, viele aber kommunizieren.
    Es kann schon sein, dass einige durch diese neuen sozialen Medien überhaupt erst zu sozialen Wesen geworden sind, Andere füllen einfach die Zeit damit aus.

  4. Vielen Dank für den interessanten Artikel. Es finden sich durchaus Ansätze, die den multimedialen Lebensstil heutzutage und unser gehetztes Wesen gut beschreiben. Allerdings fehlt mir in der Betrachtungsweise der Blick auf das Individuelle.

    Jeder von uns hat sein eigenes zeitliches Bezugssystem. Somit unterliegt „Zeit“ einem subjektiven Empfinden, da wir alle Menschen sind und das „Zeitgefühl“ in Teilen unseres Gehirns entsteht. Dies macht es also individuell, zum Glück (sonst wären wir alle ja nichts anderes als etwas bessere Chronographen).

    Insofern stellt sich m. M. vorrangig eher die Frage: wie genau können individuelle Bezugssysteme miteinander verglichen werden? Welche, durch induktive Methoden ermittelte, Faktoren vereinheitlichen unser aller Zeitmaß?

    Ist das Zeitempfinden einer alleinerziehenden Mutter mit zwei kleinen Kindern und zwei Aushilfsjobs nicht ein ganz anderes als das eines Studenten, der vier Mal die Woche in der Kneipe sitzt oder das eines Managers, der „busy“ zwischen zwei Meetings das Brötchen verschlingt um dann spät Abends ins Fitnessstudio zu hetzen? Natürlich sind diese Beispiele pauschalisierend übertrieben, aber doch sinnbildlich für die Unterschiede unserer eigenen „Zeit“.

    Das Resümee des Artikels ist trotz allem die wichtige und richtige Erkenntnis:

    Weniger ist mehr (und heute mehr denn je)!

    MfG

  5. Die Möglichkeit der ständigen Verfügbarkeit durch Smartphones setzt uns alle unter Druck.
    Die Zeit bekommen wir nur wieder, wenn wir lernen das Ding mal wegzulegen.

  6. Eine der exotischsten Inseln dieser Welt trägt den Namen „Muße“. Sie gehört zu einem traumgleichen Archipel, der keine Ländergrenzen kennt. Viele Menschen finden nicht einmal auf Fernreisen den Weg dorthin.

    Wie wäre es damit, am Rand des Alltags hier und jetzt danach zu suchen und Neuland zu betreten? Der Ausflug ist umsonst und gut fürs Herz und reich gefüllt wird sein der Freudenbecher mit Lebenselixier.

    Sich Zeit zu nehmen, wenn Du meinst sie nicht zu haben, geht nicht immer ohne Stress im Nachgang, doch öfters als Du vielleicht denkst.

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