Die Energiewende wird nicht teurer als ein Beibehalten des heutigen Strommixes

Satellitenbild von Europa Immer mal wieder habe ich in den letzten zwölf Monaten auf die „Roadmap 2050“ verwiesen, eine Studie, die Machbarkeit und Kosten des europaweiten Umstiegs auf erneuerbare Energien untersucht hat. Ihr Fazit: 90 Prozent erneuerbare Stromerzeugung in Europa ist bis 2050 möglich – und nicht teurer, als wenn wir am heutigen Energiemix festhalten würden. Selbst 100 Prozent erneuerbare Energien sind technisch zu einem mäßigen Aufpreis möglich. Ebenso beachtlich wie dieses Ergebnis ist die Studie selbst: Die technische und wirtschaftliche Analyse geht weitgehend auf Unternehmensberatungen, Energie- und Technologieunternehmen sowie universitäre Forschungsinstitute zurück.

Initiiert und finanziert wurde die Roadmap 2050 von der European Climate Foundation – und da endet der Verdacht einer ökologischen Wunschstudie auch schon. Durchgeführt wurde die Arbeit u.a. von McKinsey, KEMA, Imperial College London und Oxford Economics, die Ausgangsdaten stammen aus der Industrie, darunter auch E.ON, RWE, Vattenfall, Shell und Siemens.

Annahmen

Jetzt aber zum Inhalt. Eine Zielvorgabe lautete, dass – wie auch von der EU gewollt – die Treibhausgasemissionen bis 2050 um 80 Prozent gegenüber 1990 sinken. Dazu muss der Energiesektor zu 95 Prozent ohne CO2-Emissionen arbeiten. Die Studie hat dazu drei Szenarien betrachtet, die sich durch den Anteil der drei CO2-“freien“ Technologien CCS, Kernenergie und erneuerbare Energien (letztere mit 40, 60 und 80 Prozent) im Jahr 2050 unterscheiden. Als viertes Szenario wurde eine rein erneuerbare Energieversorgung untersucht. Gleichzeitig, so eine weitere Zielvorgabe, dürfen weder Nachhaltigkeit, Wohlstand noch Versorgungssicherheit unter das heutige Niveau fallen.

Bei den Annahmen stützt sich die Studie auf die Preisprognosen für fossile Energieträger der IEA (IEA WEO 2009 450 Szenario), rechnet über die nächsten 40 Jahre mit einem Durchschnittspreis je Tonne CO2-Äquivalent von mindestens 20 Euro, und setzt einen massiven Netzausbau innerhalb und zwischen den Regionen Europas voraus. Die Studie geht weiterhin davon aus, dass Technologieführer Europa bis 2020 weltweit die Hälfte aller Clean-Energy-Technologien liefert. Bis 2050 sinkt dieser Anteil auf zehn Prozent.

Ganz wesentlich sind noch die Annahmen, dass der Energiebedarf bis 2050 um zehn Prozent steigt, bei Effizienzgewinnen von 1 bis 1,5 Prozent jährlich. Der reine Strombedarf steigt hingegen um 40 Prozent, die Effizienz verbessert sich jährlich um ein Prozent. Diese Annahmen stützen sich auf detaillierte Prognosen der wirtschaftlichen Entwicklung der einzelnen europäischen Regionen.

Viele weitere Details – beispielsweise zur Entwicklung der Produktionskosten der unterschiedlichen Technologien – finden sich detailliert in der Studie. Wichtig ist festzuhalten, dass weder exorbitante Preis für fossile Energieträger (beispielsweise Öl im Jahr 2030: 115 USD je Barrel), noch massive Kostensenkungen bei erneuerbaren Energietechniken angenommen werden (in der Regel fünf Prozent je Verdoppelung der installierten Leistung).

Ergebnisse

Weil das 80-Prozent-EE-Szenario interessanter ist als 60 oder 40 Prozent, konzentriere ich mich hier darauf. In diesem Szenario stammen je fünf Prozent des Stroms auf CCS-Kohle und CCS-Gas, 10 Prozent aus Nuklearenergie, je 15 Prozent aus Offshore- und Onshore-Wind, 19 Prozent auf Photovoltaik, 5 Prozent aus Solarthermie (CSP), 12 Prozent aus Biomasse, 2 Prozent aus Geothermie und 12 Prozent aus großen Wasserkraftwerken.

Die installierten Kapazitäten betragen 80 GW aus fossilen Quellen, 815 GW aus Photovoltaik, 245 GW aus Onshore-Wind, 190 GW aus Offshore-Wind, 420 GW aus den übrigen Kraftwerkstypen sowie 270 GW Leistung aus Backup-Kraftwerken. Daran zeigt sich beispielsweise, dass der Wind auf See verlässlicher Strom erzeugt als an Land, und dass mit 270 GW die Reservekapazität mehr als doppelt so hoch sein muss wie heute (120 GW), um die Erzeugungsschwankungen auszugleichen. Außerdem ist dieser Mix so ausgelegt, dass problemlos europaweit der Wind sich halbieren und gleichzeitig ein so trockenes Jahr vorliegen kann, wie es nur alle 20 Jahre geschieht. Insgesamt ist die installierte Leistung im 80-Prozent-EE-Szenario um 60 Prozent größer als im 40-Prozent-EE-Szenario.

Ganz wesentlich ist die Erkenntnis, dass bei entsprechend gutem Ausbau der Leitungskapazität die Versorgungsschwankung durch erneuerbare Energien europaweit unter drei Prozent gehalten werden kann! Wer in gute Netze investiert, muss somit nicht gigantische Speicherkapazitäten vorhalten. Auch die installierte Überkapazität könnte um 35 Prozent sinken, verglichen mit einem Szenario, in dem jedes Land Schwankungen lokal kompensieren würde.

Ohne diese europaweiten Netze, das sagt auch die Studie ganz klar, würde es eine enorme Herausforderung, die Klimaziele umzusetzen, sprich: eine stabile Stromversorgung mit hohem erneuerbarem Anteil zu gewährleisten.

Interessant ist auch, was die Studie in diesem Zusammenhang für die Energie aus Sonne und Wind fand: Über das Jahr betrachtet ist die Summe(!) beider Energiequellen relativ konstant, sprich: Wenig Wind geht mit viel Sonne einher und umgekehrt. Mit Blick auf meine Alltagserfahrung ist das gar nicht so überraschend: Regenwetter wird häufig von stärkeren Winden begleitet, während klare, sonnige Tage oft nicht mehr aufweisen als ein laues Lüftchen. Eine weitere Erleichterung hinsichtlich Produktionsschwankungen kann zudem der Studie zufolge aus einer besseren Nachfragesteuerung kommen. Waschmaschine, Elektroauto und so manche Industrieanwendung könnten ihren Strom gezielt dann beziehen, wenn gerade viel Strom ins Netz eingespeist wird.

Der Neubau der nötigen Kraftwerke ist in der gegebenen Zeit möglich. Für fossile Kraftwerke liegt die Rate erwartungsgemäß deutlich unter historischen Zahlen, für Windkraft auf einem ähnlichen Niveau wie zwischen 2000 und 2010. Lediglich die Photovoltaik müsste die Produktion steigern, aber auch hier liegen die relativen Zuwachsraten nicht höher als im letzten Jahrzehnt. Der Ausbau der Netzleitungen erfordert um zwei Drittel höhere Investitionen, als sie dem historischen Trend nach bis 2050 erfolgt wären.

Spannend wird es erneut bei der Prognose der Stromkosten, ermittelt als Industriestandard „Levelized Cost of Electricity“ (LCoE). Hier zeigt sich, dass alle drei Szenarien über den Zeitraum von 2010 bis 2050 etwa ähnliche Gesamtkosten verursachen. Nimmt man keine Kosten für CO2-Emissionen an, läge der heute Strommix in diesem Zeitraum etwa 10 bis 15 Prozent günstiger. Bei einem Preis von 20 bis 30 Euro je Tonne CO2-Äquivalent hingegen, hätte der heutige Strommix in den vier Jahrzehnten identische Kosten wie die drei ökologischeren Szenarien.

Die Gründe für die vergleichbaren Kosten sieht die Studie in höheren Preisen für fossile Rohstoffe, sinkende Kosten für EE-Kraftwerke, mehr echten Wettbewerb auf dem europäischen Strommarkt und eine zeitliche Nachfrageanpassung an das schwankende Stromangebot (Stichwort Waschmaschine und Elektroauto).

Um die Zahlen noch einmal einzuordnen: Der nötige Netzausbau für 80 Prozent Erneuerbare wird zwar 200 Milliarden Euro über 40 Jahre kosten, damit aber nur zehn Prozent der Investitionen im Energiesektor ausmachen. Die liegen damit etwas mehr als doppelt so hoch, wie sie zum Erhalt des heutigen Energiemixes nötig wären. Das bedeutet aber auch, dass die Kosten deutlich sinken könnten, wenn die Preise für EE-Technologien schneller sinken als die eher konservativen Annahmen der Studie vorsehen. Sollte sich der Ausbau der Erneuerbare hingegen um zehn Jahre nach hinten verschieben, hätte das zur Folge, dass die Investitionen mit in der Spitze jährlich 90 Milliarden Euro deutlich höher ausfallen müssten, um die Klimaziele zu erreichen.

Auf der Seite der Betriebskosten hingegen würde das 80-Prozent-EE-Szenario mit 5,7 Billionen Euro über 40 Jahre um 1,5 Billionen günstiger abschneiden als das Beibehalten des heutigen Energiemixes. Das ist wenig überraschend, schließlich sind Sonne, Wind und Wasser umsonst. Aber es erklärt eindrucksvoll, weshalb der massive Ausbau der Erneuerbaren Energien eben auf mittlere Sicht nicht teurer ist, obwohl die Technologie heute noch hohe Investitionskosten hat.

Natürlich haben die Autoren der Studie auch geschaut, was wäre, wenn sich einige Parameter der Annahmen anders entwickeln würden, als erwartet. Das Fazit in knappen Worten: Status Quo und 80-Prozent-EE unterscheiden sich den Kosten pro Haushalt um maximal 250 Euro pro Jahr. Steigen beispielsweise die Ressourcenpreise schneller, profitiert das EE-Szenario, sinken die Technologiekosten langsamer, profitiert das veränderungslose Szenario in ähnlichem Umfang.

Ein paar Sätze noch zum Szenario mit 100 Prozent Erneuerbaren Energien: Damit das zu vernünftigen Kosten bis 2050 möglich würde, müssten solarthermische Großkraftwerke in Nordafrika mit in der europäische Netz eingebunden werden. Solarthermie würde so 15 Prozent der fehlenden Energieerzeugung liefern. Weite fünf Prozent sollte die tiefe Geothermie erzeugen. Die Investitionskosten in den Netzausbau würden sich allerdings um weitere 225 Milliarden Euro fast verdoppeln. Da die Betriebskosten aber geringer ausfielen, läge dieses Szenario bei den Gesamtkosten nur fünf bis zehn Prozent höher als das 80-Prozent-EE-Szenario.

Zusammenfassung

80 Prozent erneuerbare Energien bis 2050 sind ohne Mehrkosten möglich. Das gilt jedoch nur, wenn der politische Wille da ist, ein modernes, europaweites Stromnetz zu bauen. Das scheint im heutigen Europa durchaus fraglich. Jede Verzögerung allerdings macht das Projekt teurer und den Kampf gegen den Klimawandel knapper.

Video

Wer das Ganze noch mal komprimiert vorgestellt haben möchte, kann sich mit diesem Video einen zusätzlichen Eindruck verschaffen:

Björn Lohmann

Veröffentlicht von

www.buero32.de

Björn Lohmann ist freier Wissenschaftsjournalist und Trainer für Onlineredakteure. Sein Anliegen ist es, die wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen zu hinterfragen, die unser aller Leben maßgeblich beeinflussen - denn nicht immer sind die Prioritäten von Forschern, Unternehmern und Politikern die besten im Interesse der Gesellschaft. In seiner Freizeit rettet Björn Lohmann die Welt, weil er findet, dass es sich mit ihr einfach netter lebt.

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. „Stromversorger“ spricht Klartext

    Zitat aus der Überschrift: „Die Energiewende wird nicht teurer als …“

    Die Wahrheit, „Energiewende“ lässt die Preise galoppieren. Mein „Stromlieferant“ schreibt:
    Neue Energiepreise
    ….
    „Das schlägt sich in der EEG-Umlage nieder, … Allein diese Umlage stieg bereits am 01.01.2011 von 2,44 auf nun 4,20 Cent/kWh (brutto).“

  2. Gute Zusammenfassung

    Obwohl ich schon des öfteren nicht ganz Ihrer Meinung war, hier muss ich sagen: großes Lob für diesen Artikel, ist schön zusammengefasst.
    Vor allem der letzte Absatz macht es mehr als deutlich: die Wende ist schaffbar, wir müssen nur alle zusammen an einem Strang ziehen und endlich mal losmachen.

    Ein Problem was auch damals rot-grün schlicht verschlafen hatte: den Ausstieg bis 2022 beschließen und sich auf die Schulter klopfen wie toll man ist, aber danach ist nicht viel passiert was wirklich produktiv in diese Richtung gedeutet hätte.

  3. RoadMap 2050: Eine Vision für Europa

    Es gibt mindestens zwei wichtige deutsche Energieszenarien (vom UBA und dem Sachverständigenrat) für die Zeit bis 2050 und es gibt die europäische Studie Roadmap 2050, die hier von Björn Lohmann vorgestellt wird. Ich möchte im folgenden darstellen, was das europäische an der Roadmap 2050-Studie ist und warum sie ein hohes Vertrauen in Europa voraussetzt.

    Roadmap 2050: Ein im Energiesektor geeintes, stark integriertes Europa

    Die EU-Studie roadmap 2050 hat als Kernelement ein stark ausgebautes gesamteuropäisches Stromnetz (Grid,Supergrid?). Einen guten Eindruck vom Charakter einer solchen Lösung gibt der Blogbeitrag von Klaus Ragaller Erneuerbare Energien für Europa: eine ökonomisch zwingende Option (Roadmap 2050).
    Die europäischen Energieziele im Jahre 2050 sind laut roadmap 2050:
    – Stromversorgung 100% dekarbonisiert, insgesamt 80% dekarbonisiert
    – Hauptstromerzeuger sind Wind+Sonnenkraftwerke
    – Überschüssiger Windstrom wird von der Atlantik-/Nordsee mittels Hochspannungstrassen in den Süden geleitet. Umgekehrt wird überschüssiger Photovoltaikstrom, der vorwiegend im Mittelmeerraum produziert wird, über Hochspannungstrassen in den Norden geleitet

    Roadmap 2050: Fahrplan/Leitplan oder Vision?

    Den Charakter der Studie kann man auch gut dem Executive Summary der roadmap 2050 entnehmen. Die Autoren berücksichtigen viele mögliche technologische Entwicklungen und räumen wahrscheinlich gerade deshalb ein, dass es viele Unbekannte in dieser Vision gibt. Doch auch bestehende Technologie sollte nach der Studie zu einem ökonomisch vertretbarem Ziel führen – vorausgesetzt administrative und regulatorische Hindernisse werden aus dem Weg geräumt, das Projekt wird nicht verzögert und stösst nich auf massiven Widerstand von Protestgruppen (Mögliche Stolpersteine sind: CCS,Hochspannungstrasses, Widerstand gegen OnShore-Windkraftwerke ).

    Roadmap 2050: Eingeräumte Problemfelder

    Die Tabelle mit 10 potentiellen Problemen am Schluss des Executive Summary ist ebenfalls aufschlussreich, zum Beispiel:
    – Extreme Wetterbedinungen könnten zu starken Jahr zu Jahr und saisonalen Stromproduktionsschwankungen führen
    – Von Protestgruppen geforderte Untergrundkabel,verhinderte On-Shore Windkraftwerke und verhinderte/verteuerte CO2-Speicherung könnten die Kosten erhöhen. Das gleiche gilt für verteuernde staatliche Regulierungen/Zulassungseinschränkungen
    – Weder die Kosten für den eventuell nötigen Ausbau der lokalen/regionalen Stromverteilung noch die Kosten für den nötigen Ausbau der Gasinfrastruktur (Pipelines, Gasspeicher) sind berücksichtigt.
    – Die Hochspannungstrassen durch Frankreich (Verbindung nach Spanien) müssten massiv ausgebaut werden. Eventuell ist Frankreich nicht dazu bereit. Zitat:„in Iberia to France, where capacity is currently less than 1 GW and the required increase would range from 15 to 40 GW“

    Roadmap 2050: Beurteilung der technischen und politischen Machbarkeit

    Die Autoren der Studie betrachten ihre Studie als ambitioniert, vor allem was den nötigen Grad an politischer und öffentlicher Unterstützung angeht und was den Zeitplan betrifft:

    Dramatic changes are required to implement this new energy system, including shifts in regulation (e.g., to provide effective investments incentives for capital-intensive generation and transmission capacity), funding mechanisms and public support.

    Realistically, the 2050 goals will be hard to realize if the transition is not started in earnest within the next five years.

    Roadmap 2050 ist für mich eine Vision vergleichbar mit Desertec (Solarenergie aus der Wüste). Wenn ich die Graphik mit dem vom Norden in den Süden geleiteten Windstrom und dem vom Süden in den Norden transportierten Sonnenstrom betrachte, kommt mir die europäische Schuldenkrise in den Sinn, wo Finanzströme vom Norden in den Süden flossen und die Abzahlungen vom Süden in den Norden. Ein solches System der extremen gegenseitigen Abhängigkeit setzt sehr viel Vertrauen in Europa und jedes seiner Mitglieder voraus. Ich kann mir gut vorstellen, dass dieselben Autoren – meistens Engländer – die dieses Projekt propagieren beim Gedanken an die britische Abhängigkeit von spanischen Stromlieferungen zurückschrecken würden.

    Ein technologisches Problem, das selbst von den Autoren eingestanden wird, halte ich zudem für einen Showstopper. Bei extremen Wetterverhältnissen mit einer langen Periode von wenig Sonne und Wind kann es in ganz Europa zum Blackout kommen. Es stimmt zwar, was Björn Lohmann schreibt: „Über das Jahr betrachtet ist die Summe(!) beider Energiequellen relativ konstant, sprich: Wenig Wind geht mit viel Sonne einher und umgekehrt.“. Doch das gilt nur für das durchschnittliche Jahr, nicht für Ausreisser – genau so wie Atomkraftwerke im durchschnittlichen Fall keine Kühlprobleme haben. Anmerkung: Eine mögliche Lösung wären grosse Wasserstoffspeicher in deutschen Salzstöcken, doch die Kosten dafür werden in dieser Studie nicht berücksichtigt.

    Die Aussage des Titels dieses Beitrags: Die Energiewende wird nicht teurer als ein Beibehalten des heutigen Strommixes
    , die tatsächlich so in der roadmap zu finden ist, halte ich nach gründlichem Lesen des Executive Summary der roadmap für äusserst gewagt. Bei soviel Ungewissheiten nur schon im technischen Bereich, vor allem aber im politisch/konsensuellen Bereich sind ökonomische Aussagen kaum machbar oder sie kümmern sich nur um den Schönwetterfall (die EU ist doch ein Schönwetterfall, oder?).

    Empfehlung: Deutschland ist gut beraten, bei ihren Energiezielen nicht zu stark auf Europa und die Einigkeit seiner Mitgliedländer zu vertrauen. Nicht die Roadmap 2050, sondern die entsprechenden Studien des Umweltbundesamtes und des Sachverständigenrates sollten als Leitlinien dienen. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen arbeitet übrigens ein mehr Deutschland-autarkes Szenario und ein kostengünstigeres mit Anbindung an die grossen skandinavischen Staudämme aus und kommt zum Schluss, dass die Stromgestehungskosten im günstigsten Fall unter 7 cent pro Kilowattstunde zu liegen kommen.

  4. Wie teuer wird die Energiewende?

    Antwort: Wenn alles ideal läuft „nicht teurer als bei Beibehalten des heutigen Strommixes“. Doch es wird nicht alles ideal laufen.
    Das verhält sich wie bei anderen Energiefragen, wo äussere Umstände, Regulierungen und technische Komplexität eine so grosse Rolle spielen, dass Abschätzungen schwierig sind. Die Kosten für das AKW Okiluoto 3 wurde 2005 auf 3 Milliarden angesetzt; sie lagen 2009 bei 5.4 Milliarden und werden 6 Milliarden sicher noch übersteigen.

    7 Cent Grundkosten mit EE im Idealfall können 21 Cent pro kWh im Realfall bedeuten

    Auch eine Entwicklung gemäss Roadmap 2050 oder entlang des Entwicklungspfades des Sachverständigenrates für Umweltfragen (SRU) kann schliesslich 2 bis 3 Mal mehr kosten als geplant. Der Stromgestehungspreis kann also im Jahr 2050 bei 14 bis 21 Cents pro Kilowattstunde liegen anstatt bei den 7 Cents, die der SRU für möglich hält. Hier ein paar Faktoren, die das beeinflussen:
    – Photovoltaikanlagen können sich standort- und anlageabhängig – im Preis um den Faktor zwei unterscheiden, denn die Sonne scheint nicht überall gleich viel und Grossanlagen haben niedrigere Installationskosten. Mit sinkenden Preisen verstärkt sich dieser Unterschied, denn die Installationskosten (heute schon 1/2 der Gesamtkosten) spielen eine immer grössere Rolle. Fördert die Politik aber ungeachtet dessen weiterhin die Installation auf dem Hausdach, so kann sich das in den Gestehungskosten für Strom deutlich niederschlagen, denn beispielsweise in der Roadmap 2050-Studie wird 20% des Stroms photovoltaisch erzeugt.
    – Vieles bei den erneuerbaren Energien ist auch noch höchst ungewiss, wird von verschiedenen Autoren verschieden eingeschätzt oder konkurriert um verschiedene Nutzungen:
    a) Wie teuer Offshore-Kraftwerke werden hängt beispielsweise von der Reparaturanfälligkeit, den Kosten für die Unterseeverkabelung und von vielen anderen Faktoren ab und kann heute nur grob geschätzt werden. b) 12% des Stroms wird in der Roadmap 2050 aus Biomasse erzeugt, gemäss dem Artikel E10: Biosprit-Ziel ist in Europa nicht zu erreichen genügt aber alle Biomasse Europas nicht einmal um die EU-Ziele für E10-Biosprit zu erreichen. Hier wird nicht-existierende Biomasse also gerade zweimal verwendet: einmal für die Stromerzeugung, das andere Mal als Treibstoff.
    c) Björn Lohmann beziffert die Kosten für den für die Roadmap 2050 nötigen Netzausbau in Europa auf 200 Milliarden Euro über die nächsten 40 Jahren, doch der deutsche EU-Energiekommissar Günther Oettinger forderte allein schon bis 2020 1000 Milliarden Investitionen in EU-Energienetze (allerdings nicht nur Strom sondern auch Erdgas)

    Liest man die Roadmap 2050 aufmerksam, wird einem klar, dass es die Autoren für unwahrscheinlich halten, dass eine Umstellung auf eine vorwiegend erneuerbare Stromversorgung kosten-neutral ist. Die Autoren schliessen das nur nicht aus – und Björn Lohmann möchte das einfach glauben.

    Fazit EE-Kosten: Ein Energiesystem basierend auf EE muss nicht viel teurer sein als ein heutiges, allerdings nur dann, wenn die kostengünstigen Technologien auch bevorzugt werden (also z.B: PV von Freiflächen anstatt von Hausdächern) und politische und administrativen Hindernisse abgeräumt werden.

    Erneuerbare Energien ohne Black-Out

    Die Roadmap 2050 schliesst einen Black-Out in ganz Europa nicht aus -sie macht ihn nur nicht so wahrscheinlich – denn die geplanten Reservekraftwerke und Speicher würden bei gleichzeitig wenig Sonne und wenig Wind nicht ausreichen. Die Schlussfolgerung von Björn Lohmann „Ganz wesentlich ist die Erkenntnis, dass bei entsprechend gutem Ausbau der Leitungskapazität die Versorgungsschwankung durch erneuerbare Energien europaweit unter drei Prozent gehalten werden kann! Wer in gute Netze investiert, muss somit nicht gigantische Speicherkapazitäten vorhalten.“ ist nicht haltbar, denn die 3% Versorgungsschwankungen im langjährigen Mittel sagen nichts über Extremsituationen aus, wie sie im Executive Summary der roadmap 2050 erwähnt werden: „wind lulls during winter when demand is high, potentially combined with cloudy skies“.

    Es gibt 3 Möglichkeiten um bei unsicheren Energiequellen Black-Outs auszuschliessen:
    1) Reservekraftwerke haben die gleiche Kapazität wie die Sonnen-und Windkraftwerke für die sie als Schattenkraftwerke fungieren.
    2) Das Netz erstreckt sich über ein geographisch sehr grosses Gebiet (zum Beispiel Eurasien,Europa und Nordafrika)
    3) Grosse Speicher garantierter Kapazität springen ein. Kandidaten sind
    a)die grossen skandinavischen Staudämme, aber nur wenn Skandinavier sie nicht mehr für die Normalversorgung benutzen
    b) grosse Wasserstoffspeicher in Salzkavernen. Diese müssten eventuell nur selten einspringen (eben bei einer Kombination von Flaute und wenig Sonne). Wasserstoff als Stromspeicher hat einen schlechten Wirkungsgrad, doch dies spielt keine Rolle, wenn er nur in Notfällen eingesetzt wird.

    Auch eine Kombination der obigen Sicherheitsmassnahmen ist möglich. Ein Netz, das nur Westeuropa abdeckt genügt aber nicht um Black-Outs auszuschliessen, das zeigt gut der Artikel „The Fake Fire Brigade Revisited #4 – Delivering Stable Electricity“, der einen Wind-Energieverbund von Spanien, Grossbritannien und Dänemark simuliert und der für diesen Verbund die folgenden Mythen widerlegt: 1) Der Wind bläst immer irgendwo (stimmt für die Atlantikküste nicht) 2) Hochspannungs-Gleichstromübertragung löst das Problem (stimmt nicht wegen Synchronizität von Windstärken in diesen Ländern 3) Speicher füllen die Lücken (Problem: Es braucht Speicher gigantischer Kapazität) 4) Smart grids springen ein (diese können Stromlücken über grössere Zeiträume nicht ausgleichen). Dieser Artikel gesteht ein, dass mit einem grösseren geographischen Gebiet und Einbezug der Sonne die Situation etwas besser wird, hält aber fest, dass auch dann keine sichere Versorgung gewährleistet ist.

    Fazit EE und Blackout: Bei Energiesystemen mit viel Wind+Sonne Blackouts völlig auszuschliessen ist sehr schwierig oder potentiell teuer. Die Roadmap 2050 schliesst Blackouts für ganz Europa nicht aus, sie berechnet nur eine kleine Wahrscheinlichkeit dafür, dass sie eintreten.

  5. @Martin Holzherr: Kosten und Sicherheit

    Zu den Kosten: Wir sprechen über Prognosen über einen Zeitraum von 40 Jahren. Dass es darin Unsicherheiten gibt, muss man wohl nicht diskutieren. Auch in der Roadmap 2050 ist der Kostenkorridor ziemlich breit – aber für alle Szenarien. Ebenso wie die EE oder das Stromnetz sich als teurer erweisen könnten, könnten fossile Rohstoffe im Preis explodieren. Es könnten aber auch Effizienzverbesserungen stärker ausfallen, was die benötigte installierte Kapazität senken und alle Szenarien günstiger machen würde. Die entscheidende Erkenntnis ist hier m.E., dass inklusive Unsicherheit und Durchschnittswert alle Szenarien sehr ähnlich verlaufen – und dann wähle ich doch das attraktivere.

    Im übrigen darf man nicht vergessen, dass wir hier von Investitionskosten sprechen. Über den Endverbraucherpreis sagt das nichts aus. Der hängt stark von der Politik der großen Energiekonzerne ab (Stichwort Preisverdoppelung in den letzten zehn Jahren, und daran hatte die EE-Vergütung nur einen Anteil von 30 Prozent; oder Stichwort Billigtarife für energieintensive Branchen).

    Zur Blackoutsicherheit: Die haben Sie nirgendwo auf der Welt. Klappt man eine Brücke hoch, um ein Kreuzfahrtschiff durchzulassen, ist halb Deutschland ohne Strom. Brennt ein Transformator an der richtigen Stelle durch, sind Großstädte stundenlang ohne Strom. Mit EE muss der Blackout also auch kein unmögliches, sondern nur ein unwahrscheinliches, sehr seltenes Ereignis sein. Dass sechs Stunden lang (diese Speicherdauer wird momentan für viele Anlagen bereits erprobt) europaweit kaum Sonne scheint und nirgendwo Wind weht, hat es im Zeitraum 2006 bis 2009 (den hat die Studie analysiert) nicht gegeben, genauer gesagt, allein aufgrund der Art der Energiegewinnung hätte es mit den Roadmap-2050-Szenarien keinen Stromausfall in diesen drei Jahren gegeben. Mir ist das hinreichend selten.

    Um Missverständnisse zu vermeiden, möchte ich aber noch einmal betonen, dass dieser Aspekt natürlich wichtig ist, und auf allen drei Wegen, die Sie benannt haben, effektiv berücksichtigt werden muss. Und auch die Relation sollte man nicht vergessen: Wenn uns heute Russland im Winter das Gas abdrehen würde, hätten wir Probleme ganz anderer Dimension.

  6. Energiewende ist machbar und ökonomisch!

    Die Energiewende ist machbar! Oder wie Dr. Franz Alt es treffend formuliert hat: „Klimaschutz kostet! Kein Klimaschutz kostet die Zukunft!“. Das trifft den Nagel auf den Kopf.

    Und in punkto EEG-Umlage wird doch immer wieder ausschließlich die Kostenseite betrachtet. Das ist nicht nur unfair, sondern auch eine extrem verkürzte Sichtweise. Unterm Strich überwiegt der ökonomische Nutzen – dazu gibt es zahlreiche Studien.

    Wir setzen da übrigens aus tiefster Überzeugung auf zwei Stellschrauben für eine nachhaltige Zukunft: Energieeffizienz / Energieeinsparung & Erneuerbare Energien.

    In diesem Sinne beste Grüße von der Bremer Energieberatung enerpremium

    Besuchen Sie gerne auch mal unseren Blog, der über http://www.enerpremium.de erreichbar ist.

  7. Einigkeit ist nicht immer einfach..

    würde aber vieles einfacher machen.
    Wenn alle der Vernunft nachhingen und nicht immer als erstes an das schnelle Geld denken würden, wäre man auch in Sachen EE schon um vielfaches weiter.
    Aber warum in etwas investieren, was eine Geldmaschine ablösen soll?

    Wie schnell es ginge, zeigt doch aktuell das Moratorium.
    Traurig genug, dass für sowas erst einige Katastrophen notwendig sind.

  8. Hallo,

    inzwischen gehen ja nicht einmal mehr hoffnungslose Optimisten davon aus, dass die Energiewende keinen Einfluss auf die Stromkosten haben wird.
    Sicherlich ist der Atomausstieg zu begrüßen, aber dass die entstehenden Kosten hauptsächlich auf die Verbraucher abgewälzt werden, finde ich eine Frechheit! Dabei ist der Strom, der in Deutschland aus der Steckdose kommt, fast nirgends in Europa teurer!

  9. Auch hier möchte ich – arg verspätet – noch einen Punkt aufnehmen, nämlich den von G. F.:
    Wenn sich Forscher damit auseinander setzen, wie sich der Strompreis durch den Ausbau der EE verändern wird, geht es ja eigentlich immer um den Erzeugerpreis. Die Aussage, dass die EE hier nicht teurer werden als der heutige Mix bedeutet weder, dass der Erzeugerpreis stabil bleibt (im Gegenteil, fossile Rohstoffe werden immer teurer und gerade deshalb rechnen sich die hohen Investitionen in EE ja), noch bedeutet es, dass die Erzeuger ihr Vorteile an den Endpreis und damit den Verbraucher weitergeben. Man muss sich nur vor Augen führen, dass auch Ökostromer profitabel arbeiten, obwohl sie Entgelte an die Netzbetreiber entrichten müssen (die bis vor kurzem noch mit den großen Energiekonzernen identisch waren) und keine abgeschriebenen (Atom-)Kraftwerke besitzen. Der deutsche Verbraucher zahlt deutlich mehr für den Strom als nötig – aber das hat immerhin einen positiven Lenkungseffekt in Sachen Energiesparen. 😉

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