Krieger-Gene und wie man Verbrechern das Fürchten lehrt

Aminosäuren der DNATrotz rückläufiger Verbrechensquoten ist Kriminalität ein viel diskutiertes Thema. Insbesondere Mordfälle und Sexualverbrechen erfahren viel mediale Aufmerksamkeit. Wissenschaftler stehen bereit, das Problem mit den gefährlichen Personen zu lösen.

Wie wäre eine Welt ohne Verbrechen? Eine Freundin und akademische Kollegin ist nach einem mehrjährigen Forschungsaufenthalt in den Niederlanden in ihre Heimat Australien zurückgekehrt. Bei einem Besuch spazierten wir vor Kurzem durch Groningen, im Norden der Niederlande, wo ich wohne. Sie erzählt mir, sie vermisse in Australien dieses Gefühl, als Frau auch nachts ohne Angst durch die Straßen laufen zu können – wobei man in den Niederlanden natürlich üblicherweise mit dem Fahrrad fährt und nicht läuft.

Diese Angst hatte ich noch nicht oft und eigentlich nur im Ausland, beispielsweise in Kalifornien, wo ich 2005 für ein paar Monate wohnte. Man warnte mich davor, bestimmte Stadtviertel zu betreten und keinesfalls auf der Autobahn die falsche Ausfahrt zu nehmen. Wenn ich dann doch überfallen würde? Kein Problem, auch dafür wusste man den passenden Rat: Just get them more money, besorg ihnen einfach mehr Geld! Davon abgesehen ist ein Fahrrad, das man mir während der Promotionszeit in Bonn aus dem Fahrradkeller gestohlen hat, mein einziger Kontakt mit Kriminalität. Das Verfahren wurde wegen mangelnder Anhaltspunkte eingestellt.

Die Fahndung nach Krieger-Genen

Ich schreibe hier also über ein Gebiet, über das ich nicht viel weiß; oder wenn doch, dann nur aus der theoretischen Perspektive. Wenn es um die Übersetzung empirischer Forschung, vor allem mit Verfahren der Hirnforschung, in praktische Bereiche geht, dann kenne ich mich jedoch etwas besser aus. Entsprechend war ich auch an einer Doppelsendung „Die Neuvermessung des Bösen“ über das sogenannte Verbrechergehirn und die sogenannte Verbrecherpsyche interessiert, die am Pfingstwochenende im Deutschlandfunk gesendet wurde.

Natürlich hat jeder Verbrecher ein Gehirn, darum gibt es aber noch lange kein „Verbrechergehirn“, also etwas im Gehirn eines Menschen, das ihn zum Verbrecher macht; schon gar nicht „das“ Verbrechergehirn. Das ist eigentlich auch das Fazit der Sendung. Warum dann aber dieser Titel und warum meine Reflexion? Der Beitrag enthielt ein paar Aspekte, auf die ich gerne reagieren möchte. Beim ersten geht es um die Idee von Verbrechergenen (siehe auch Gen vor Gericht?), die zurzeit auch in der Forschung wieder eine große Rolle spielt:

Jungen, die in einem gewalttätigen Umfeld aufwachsen, neigen als Erwachsene ebenfalls dazu, Gewalt anzuwenden. Das ist das Ergebnis einer Langzeitstudie aus Neuseeland, die mehr als 1000 Kinder seit den 1970er-Jahren begleitet hat. Die Frage ist: Welche Kinder werden gewalttätig? Im Jahr 2002 haben sich britische Genetiker das Erbgut von einigen Studienteilnehmern vorgenommen. Bei den gewalttätigen Männern waren eine Handvoll Gene verändert – Gene, die in den Stoffwechsel des Gehirns eingreifen. Wenn sie nicht richtig funktionieren, können sie das Gehirn indirekt verändern und so möglicherweise zu aggressivem Verhalten führen. Warrior genes heißen sie im Fachjargon: Krieger-Gene. (Deutschlandfunk am 12. Juni 2011, Marieke Degen, ca. neunte Minute)

Dabei handelt es sich zweifellos um einen Verweis auf die Studie von Avshalom Caspi und Kollegen aus dem Jahr 2002 (Quellen s.u.), die einen wahren Durchbruch für das Feld der biologischen Psychiatrie darstellte. Nachdem die erhofften Erfolge ausgeblieben waren und die Idee von Verbrecher- oder Krankheitsgenen (siehe auch Doch kein Depressions-Gen) längst wieder in der Mottenkiste wissenschaftlicher Ideen verschwunden war, löste die Erforschung sogenannter Gen-Umwelt-Interaktionen einen neuen Hype aus.

Was ist ein Interaktionseffekt?

Es ist schon eine gewisse Herausforderung, einem breiten Publikum einen Interaktionseffekt erklären zu wollen – auch unsere Psychologiestudierenden in Groningen bekommen das erst im zweiten Jahr beigebracht, nachdem sie bereits statistische Grundlagen gelernt haben. Nehmen wir einmal an, Sie wollen den Zusammenhang von Sonnenstrahlen und Gesundheit untersuchen: Hat Sonnenlicht einen positiven oder negativen Einfluss? Das ist eine sehr allgemeine und wissenschaftlich debattierte Frage. Als Sozialforscher können Sie Menschen zu ihrem „Sonnenkonsumverhalten“ sowie ihrer Gesundheit befragen. In unserem fiktiven Fall lässt das Ergebnis nach einer statistischen Prüfung aber keine klare Aussage zu.

Durch ein Gespräch mit einem Hautarzt kommen Sie auf die Idee, zu den beiden bisherigen Variablen (Sonnenkonsum, Gesundheit) noch eine dritte hinzuzufügen, nämlich den Hauttyp. Belassen wir es der Einfachheit halber bei einem dunklen und hellen Hauttyp. Zum Glück haben Sie diese Information bei der Befragung gleich mit erhoben und können sich ihre Daten jetzt noch einmal anschauen. Sie suchen erst nach einem allgemeinen Zusammenhang zwischen heller und dunkler Haut und der Gesundheit – und werden auch hier nicht fündig.

Jetzt kommt aber die Interaktion ins Spiel. Nachdem weder der Sonnenkonsum, noch der Hauttyp allein eine Verbindung mit der Gesundheit ergab, ändert sich das Bild: Während nämlich (fiktiv) in der Gruppe mit der dunklen Haut kein Unterschied zwischen viel und wenig Sonnenbestrahlung besteht, hatten Befragte mit heller Haut und hohem Sonnenkonsum häufiger eine Hauterkrankung. Die Studie lässt damit keine einfache Antwort auf die Frage zu, ob zwischen Sonnenkonsum oder Hauttyp alleine und Gesundheit ein Zusammenhang besteht. Nur wenn man beide Faktoren zusammen berücksichtigt, lässt sich ein Unterschied bei der Gesundheit feststellen. Man sagt dann wissenschaftlich, dass es keinen signifikanten Haupteffekt gibt, sondern nur einen Interaktionseffekt der Variablen Sonnenbestrahlung und Hauttyp mit Gesundheit.

Gibt es Krieger-Gene?

Kommen wir jetzt zu den sogenannten Krieger-Genen zurück. Wofür dieser Umweg? In der Radiosendung wurden Genveränderungen mit dem Gewaltverhalten von Männern in Zusammenhang gebracht. Das bedeutet, Caspi und Kollegen haben einen signifikanten Haupteffekt zwischen Genotyp und Gewalt gefunden – haben sie aber gerade nicht! Es handelt sich nämlich um einen Interaktionseffekt von erfahrener Misshandlung als Kind, der Ausprägung eines Gens, das mit dem Hirnbotenstoff MAOA in Zusammenhang gebracht wird (für mehr Details, siehe Gen vor Gericht?) und verschiedenen Maßen für Gewaltverhalten.

Ist das nur eine harmlose Verwechslung? Nein, denn das Ergebnis bedeutet tatsächlich nur, dass die untersuchten Menschen mit schlimmen Kindheitserfahrungen etwas häufiger Gewaltverbrechen begehen, wenn sie einen bestimmten Genotyp haben. Die stärkste Beweiskraft hat diese Studie – wie schon viele andere seit Jahrzehnten – gerade nicht für den Effekt der Gene auf das Verhalten, sondern die Erfahrungen eines Menschen. In den Worten von Caspi und Kollegen:

Der Haupteffekt der MAOA-Aktivität auf den zusammengestellten Index für antisoziales Verhalten war nicht signifikant, während der Haupteffekt der Misshandlung signifikant war. Der Test der Interaktion zwischen MAOA-Aktivität und Misshandlung ergab eine signifikante Gen-Umwelt-Interaktion. (2002, S. 852f.; meine Übersetzung, ohne statistische Daten)

Obwohl die Belege für eine „Verbrecherumwelt“ also viel stärker sind, werden die Ergebnisse letztlich als Hinweise auf Verbrecher- oder gar Krieger-Gene verstanden und dargestellt. Das ist ein Faktenfehler, der übrigens auch einigen Wissenschaftlern passiert. Er unterläuft meines Erachtens vor allem Menschen, die ganz fest daran glauben wollen, Kriminalität sei etwas Biologisches, selbst wenn die Daten in eine andere Richtung zeigen.

Die Neuvermessung des Bösen?

Die Sendung enthält durchaus auch vorsichtigere und relativierendere Stellungnahmen, gerade auch gegen Ende. Dennoch bleibt ein komischer Nachgeschmack, dass hier eine Idee erst angepriesen und dann wieder aufgegeben wurde. Bleibt dann unterm Strich nicht doch der Gedanke zurück, es gäbe sie, die Verbrechergehirne und -gene, und man müsste nur lange genug danach suchen. Wie lange suchen Wissenschaftler eigentlich schon nach biologischen Merkmalen des Verbrechens? Und was meinen sie mit „Psychopathie“? Um diese Aspekte geht es hier am Schluss noch kurz.

Und so fahnden Neurowissenschaftler nach jeder noch so kleinen Auffälligkeit im Gehirn. Die Suche hat gerade erst begonnen. (Deutschlandfunk über Verbrechergehirne)

Wenn man schon einmal etwas von Cesare Lombroso gehört hat, dann weiß man, dass die Suche nach Verbrechergehirnen schon im 19. Jahrhundert begonnen hat. Seine Idee vom „geborenen Verbrecher“ war selbst in den Niederlanden einflussreich und hat sogar dazu geführt, einige Jugendliche mit verdächtigen Körpermerkmalen präventiv einer psychiatrischen Zwangsbehandlung zu unterziehen (vgl. Draaisma, 2005). Seit den 1970er Jahren suchen klinische Forscher auch mit den neuen bildgebenden Verfahren der Hirnforschung wieder nach neuronalen Grundlagen von Erkrankungen und Verbrechen. In meinem neuen Buch „Die Neurogesellschaft“ verweise ich etwa auf die noch ältere Studie von Daniel Silverman aus dem Jahr 1944 mit dem vielsagenden Titel „The Electroencephalogram of Criminals“, in dem es um die Gehirnabweichungen sogenannter Psychopathen geht – was damals übrigens noch Homosexuelle mit einschloss.

Umerziehung des Psychopathen

Auch wenn sie am Ende wieder das relativiert, was sie am Anfang aufbaut, so reflektiert die Sendung nicht die Frage, warum Kriminalität überhaupt pathologisiert wird, warum Wissenschaftler auch ohne robuste Daten über Jahrzehnte hinweg davon überzeugt sind, Kriminalität sei etwas Biologisches und wer oder was eigentlich mit „Psychopath“ gemeint ist. Dabei ist dies auch unter Wissenschaftlern ein höchst mehrdeutiges und umstrittenes Konstrukt.

Davon abgesehen, dass der Begriff gerade im deutschsprachigen Raum eine traurige Vergangenheit hat und dass er in keines der gängigen psychiatrischen Diagnosemanuale (ICD-10, DSM IV TR) aufgenommen ist, wird er mit der Rückkehr der Idee vom „geborenen Verbrecher“ in Zusammenhang gebracht (Jalava, 2006). Petra Gehring, Professorin für Philosophie an der Universität Darmstadt, kommentierte die neurowissenschaftliche Forschung an Straftätern wie folgt:

Und man möchte hoffen, daß insbesondere die Straftäter – auf die so offenkundig ein merkwürdig ausgeprägtes Interesse der Zunft gerichtet ist – den forschenden Zugriffen von Neurowissenschaftlern entzogen bleiben. Liest man Roth und Singer, fragt man sich immer wieder, was eigentlich deren forensisches Interesse begründet – und deren Plädoyer für eine Strafvollzugsreform zugunsten von Hirndiagnostik und unbefristeter Verwahrung. Sollte es die Forschung am Menschen sein, für die man die Verbrecher haben will? (Gehring, 2004)

Auf der Grundlage der Hypothese, dass Psychopathen nicht über die richtigen Prozesse zur Gefühlsverarbeitung verfügen, geschieht nun tatsächlich diese Forschung. Mithilfe des sogenannten Neurofeedbacks sollen die Verbrecher, die derzeit an einem Pilotprojekt in der JVA Celle teilnehmen, ihr Gehirn so kontrollieren, dass sie die richtigen Gefühle lernen. Für Niels Birbaumer, Professor für Medizinische Psychologie an der Universität Tübingen, sind das vor allem Angst und Furcht vor Konsequenzen. Er selbst über seine Arbeit:

Das einzige Schwierige mit Schwerverbrechern zu arbeiten ist, sie zu motivieren. Natürlich wollen sie wie wir alle Geld und sind sehr scharf auf Geld, und deswegen verwenden wir Geld als den hauptsächlichen Motivator. Das heißt, mit unseren Forschungsmitteln bezahlen wir die Leute extrem gut, wir haben noch nie jemanden so gut bezahlt wie die Schwerverbrecher. (Niels Birbaumer im Deutschlandfunk)

Wer denkt bei diesem Thema eigentlich nicht an „Clockwork Orange“, den von Stanley Kubrick verfilmten Roman von Anthony Burgress?

Postscriptum: Ironischerweise gab es im Deutschlandradio nur wenige Tage nach den Verbrechersendungen ein Live-Interview mit mir über die Ideen meines Buchs, in dem ich auch über die Idee „gefährlicher Gehirne“ spreche.

Quellen:

Caspi, A. et al. (2002). Role of Genotype in the Cycle of Violence in Maltreated Children. Science 297: 851-854.
Draaisma, D. (2005). Ontregelde geesten. Ziektegeschiedenissen. Groningen: Historische Uitgeverij. (Das Kapitel über die Lombroso-Rezeption in den Niederlanden ist leider nicht in die deutsche Übersetzung „Geist auf Abwegen“ aufgenommen worden.)
Gehring, P. (2004). Es blinkt, es denkt. Die bildgebenden und die weltbildgebenden Verfahren der Neurowissenschaft. Philosophische Rundschau 51: 273-293.
Jalava, J. (2006). The Modern Degenerate : Nineteenth-century Degeneration Theory and Modern Psychopathy Research. Theory & Psychology 16: 416-432.
Schleim, S. (2011). Die Neurogesellschaft. Wie die Hirnforschung Recht und Moral herausfordert. Hannover: Heise Verlag.
Silverman, D. (1944). The Electroencephalogram of Criminals. Archives of Neurology and Psychiatry 52: 38-42.

Foto: © Gabi Schoenemann (gabisch) / PIXELIO

Stephan Schleim

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www.schleim.info

Menschen-Bilder: Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft Stephan Schleim blickt über den Tellerrand von Psychologie sowie Hirnforschung und diskutiert, was die Forschungsergebnisse eigentlich bedeuten, wie sich Gesellschaft und Wissenschaft zueinander verhalten. Stephan Schleim hat an den Universitäten Mainz und Frankfurt u.a. Philosophie, Informatik und Psychologie studiert (Magister Artium, 2005). Nach einem Praktikum am Max Planck-Institut für Hirnforschung und einem Forschungsbesuch am California Institute of Technology ging er an die Universitätskliniken Frankfurt und Bonn, wo er mit der funktionellen Magnetresonanztomographie moralische und juristische Entscheidungen untersuchte. Sein ausgeprägtes theoretisches und ethisches Interesse führte zu mehreren Publikationen im Bereich der Neurophilosophie und Neuroethik. Am Institut für Kognitionswissenschaft in Osnabrück wurde er 2009 mit seiner Doktorarbeit "Norms and the Brain" promiviert. Seit Oktober 2009 war er Forscher in der Abteilung für Theorie und Geschichte der Psychologie an der Universität Groningen, seit 2010 als Assistant Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Vom Oktober 2012 bis März 2013 war er Professor für Neurophilosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2015 ist Stephan Schleim Associate Professor in Groningen. Seit 2005 ist Stephan Schleim auch als Wissenschaftsjournalist aktiv, veröffentlicht in verschiedenen deutschprachigen Medien mit Übersetzungen ins Italienische, Niederländische und Portugiesische. 2008 erschien sein erstes Buch "Gedankenlesen – Pionierarbeit der Hirnforschung", 2011 sein Buch "Die Neurogesellschaft – Wie die Hirnforschung Recht und Moral herausfordert."

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  1. Es gibt kein freiwilliges Verbrechen

    …oder doch?

    Ich kann mir jedenfalls nur schwer vorstellen, dass jemand zum Vergewaltiger oder Mörder wird, weil es Spaß macht oder „weil es eben geht“. Insbesondere auf solche Kapitalverbrechen hat das Strafmaß sicher nur einen geringen Einfluss. Ob eine Straftat auf einen (u.U. genetisch bedingten) Hirndefekt oder auf negative Kindheitserfahrungen zurückzuführen sind, spielt dabei doch erst einmal keine Rolle. In beiden Fällen (und es ist ja, wie Sie im Beitrag schreiben, meist die Kombination) sollte umsichtiger mit Straftätern umgegangen werden. Ich denke, darum geht es Birbaumer, Roth und Co. Ihr Vergleich mit Clockwork Orange erscheint mir da sehr holzschnittartig. Es geht ja nicht darum, einen Straftäter „bottom-up“ „zu heilen“ (was ein Hirnchirurg heute im Handumdrehen tun könnte, wie Volker Sturm mit Verweis auf Delgado bemerkt). Stattdessen (und das wird in meinen Augen gefordert) sollten all die Faktoren, die zu einer Straftat geführt haben, berücksichtigt werden, um ein angemesseneres Strafmaß und eine erfolgreichere Rehabilitation zu ermöglichen. Insofern trägt die Forschung dazu bei, dass mit Straftätern differenzierter und gerechter denn je umgegangen wird. Wir entfernen uns also von einem Szenario a la Clockwork Orange.

    Die Neugierde der Hirnforscher gerade an Schwerverbrechern hat sicherlich auch damit zu tun, dass der pathologische Fall (wenn denn eine hirnphysiologische Ursache einer Straftat angenommen werden kann) auch Rückschlüsse auf das „gesunde“ Gehirn zulässt. Das ist eine Standardmethode der Wissenschaft (vergl. Schlaganfall-, Parkinson-Patienten), und ich kann überhaupt nichts Verwerfliches darin erkennen.

  2. @ Mortimer

    Ich habe keinen Zweifel daran, dass man einen Menschen durch diverse Eingriffe ins Gehirn „ausschalten“ kann — einschließlich Psychopharmakologie, Hirnchirurgie und eines Hammers. Sie scheinen jedoch anzudeuten, man könnte einen gewissen Hirnbereich entfernen und hätte dann den Rest der Person unangetastet, nur eben keinen Kriminellen mehr.

    Das halte ich für Unsinn. Wenn Sie Delgado einmal primär nachlesen, dann dürften Sie den Eindruck bekommen, dass seine Idee von „Mind Control“ nicht funktioniert hat — außer vielleicht um die Rangordnung in einem Affenkäfig durcheinander zu bringen oder einen Stier zu lähmen. Was dabei wirklich passiert ist, hat doch bis heute niemand genau verstanden.

    Mein Vergleich mit Clockwork Orange ist tatsächlich holzschnittartig. Mehr habe ich aber auch nicht gefragt, als wer bei dieser Forschung nicht daran denkt.

    Wiederholen wir das noch einmal: Gemäß einer Theorie, über deren Bestätigungsgrad wir uns streiten können, denken manche Forscher, dass es psychopathischen Gewalttätern an Emotionen mangele, dass dieser Mangel mit ihren Gewalttaten in ursächlichem Zusammenhang stehe und dass er sich in bestimmten hirnphysiologischen Merkmalen widerspiegele.

    Nun verwendet man Neurofeedback, um Personen Kontrolle über die Aktivierung in diesen Gehirnregionen zu geben, damit sie die „richtigen“ Gefühle empfinden und folglich keine Verbrechen mehr begehen.

    Ich dachte bei Clockwork Orange nicht an die Gewaltszenen der Jugendlichen, sondern an das staatliche Umerziehungsprogramm am Ende. Dabei wird der Versuchsperson, die nicht weiß, worin sie einwilligt, durch die Injektion von Drogen und das Zeigen von Videos ein Ekel vor Gewalttaten antrainiert.

    Ich finde schon, dass mich das eine an das andere erinnert. Sie wirklich nicht?

    Zu Ihrer inhaltlichen Frage bezüglich der Gewalttaten: Ich habe mit Menschen gesprochen, die in Opferschutzverbänden oder im strafrechtlichen Bereich aktiv sind. Dabei hörte ich mehrere Male die Vermutung, dass es bei einer Vergewaltigung beispielsweise um das Auskosten einer Machtposition gehe.

    Es gibt Affekttaten aber es gibt sicher auch Verbrechen, die im Voraus geplant werden und bei denen Erwägungen über die Chancen, erwischt zu werden, und das drohende Strafmaß eine Rolle spielen dürften.

  3. @ Stephan

    „Sie scheinen jedoch anzudeuten, man könnte einen gewissen Hirnbereich entfernen und hätte dann den Rest der Person unangetastet, nur eben keinen Kriminellen mehr.“

    Nein, das geht sicher nicht und das wollte ich auch nicht implizieren. Mit meinem in Anführungsstrichen gesetzten „heilen“ meinte ich es so, wie sie es beschreiben: ein unspezifisches Ausschalten oder Modulieren (etwa mit Hilfe eines Hirnschrittmachers) unter Verlust anderer wichtiger Funktionen.

    Sie haben recht: die Neurofeedback-Versuche Birbaumers erinnern mich auch an Clockwork Orange. Genauso sollten das aber eigentlich auch andere Resozialisierungsmaßnamen wie zum Beispiel Gesprächstherapie tun. In beiden Fällen wird versucht, dem Straftäter ein Feedback über seine Taten, die Gefühle, die zu seinen Taten geführt haben, etc zu geben. In beiden Fällen hat man die Hoffnung, dass der Straftäter einsieht, dass es böse und falsch war, was er tat.

    Damit kommen wir zu der interessanten Frage, wo denn die Grenze einer vertretbaren Beeinflussung zu ziehen wäre. Ein Gespräch über Moral geht sicher in Ordnung, eine Gehirnwäsche (etwa durch Konditionierung) nicht. Mir fällt es ungeheuer schwer, zu beurteilen, ob eine Resozialisierung (wie auch immer umgesetzt) nicht auch eine Form von Gehirnwäsche ist (wie – wenn man es auf die Spitze treibt – jede Form von Erziehung).

    Der Film Clockwork Orange berührt ja diese Fragen. Das Ziel der Wissenschaftler ist ja durchaus ein Gutes; man nimmt ihnen auch ab, dass sie dem Straftäter helfen wollen. Dabei übersehen sie, dass ihre Konditionierung weitreichendere Folgen hat, als nur das Ausschalten krimineller Neigungen.

    Könnte auch Birbaumer zu leichtfertig sein mit seiner Neurofeedback-Methode? Ich glaube, man ist hier sehr vorsichtig, vielleicht sogar vorsichtiger als mit anderen Maßnahmen, die weniger Aufsehen erregen, weil sie „nur“ über Gesprächs- oder Beschäftigungstherapien den Delinquenten verändern wollen.

    „Es gibt Affekttaten aber es gibt sicher auch Verbrechen, die im Voraus geplant werden und bei denen Erwägungen über die Chancen, erwischt zu werden, und das drohende Strafmaß eine Rolle spielen dürften.“

    Auch dem stimme ich natürlich zu. Ich will auf keinen Fall implizieren, dass Strafe abgeschafft werden sollte, weil „der Straftäter ja nichts dafür kann“. Viele Faktoren führen zu oder verhindern eine Straftat, eine davon ist das drohende Strafmaß, übrigens auch bei Affekttaten. Eine zweite Sache ist (die vielleicht schon zu weit führt), dass – auch wenn wir annehmen, dass eine Straftat durch nature und nurture bedingt ist – der Straftäter zur Verantwortung gezogen werden kann – und muss.

  4. Apropos Deutschlandfunk und die Niederlande:

    Arndt Reuning: Ein Gen für das Enzym MAO-A hat bereits öfters für Schlagzeilen gesorgt – als so genanntes „Gewalt-Gen“. Was ist denn da dran?

    Volker Wildermuth: Das war 1993: Damals haben Forscher eine Familie in den Niederlanden beschrieben, in der aggressives Verhalten sozusagen nach den klassischen Mendelschen-Gesetzen vererbt wurde. Die Männer waren gewalttätig, und bei der Untersuchung ihres Erbguts fand sich eine Veränderung im MAO-A-Gen. Es ist eine sehr seltene Veränderung, die es wirklich nur bei dieser einen Familie gibt. Das gab damals einen Riesen-Aufschrei: die einen sagten: „Wunderbar, das ist der genetische Befund – es gibt ein Gewalt-Gen“, die anderen kritisierten dies und meinten: „diese Männer sind gar nicht aggressiv, die sind besonders emotional, und deshalb auch manchmal emotional instabil und kommen eher mit dem Gesetz in Konflikt“. Das war damals eine Riesen-Aufregung. Der Schluss, den man daraus zieht, den muss jeder sich selbst überlegen.

    Wie das Gespräch weitergeht, kann man hier nachlesen:

    http://www.dradio.de/dlf/sendungen/forschak/481849/

    Interessant sind in diesem Zusammenhang sicherlich auch einige Zahlen aus der Zwillings- und Adoptivforschung, die zum Beispiel hier zu finden sind:

    http://www2.jura.uni-hamburg.de/instkrim/kriminologie/Lehre/SS%2011/KriminologieGrundlagen/KVG05.pdf

    Kurz zusammengefasst könnte man sagen: ‚Nature‘ wiegt anscheinend schwerer als ‚Nurture‘.

    (Wobei ich selbst natürlich ohnehin nicht groß zwischen Natur und Kultur unterscheide, it’s all biology, letzten Endes 😉

  5. @ Mortimer: Mensch vs. Maschine

    Interessante Punkte.

    Es gibt tatsächlich auch in der Psychiatrie/Psychologie eine Debatte, inwiefern man Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung überhaupt heilen kann, was manche als eine gezielte Persönlichkeitsänderung ablehnen, oder ob man ihnen nur dabei helfen kann, sich mit ihrer Persönlichkeit besser zurechtzufinden.

    Der entscheidende Unterschied gegenüber einer Gesprächstherapie ist bei Clockwork Orange — abgesehen vom Zwang, sich die Filme anzuschauen, die die Versuchsperson zweifellos furchtbar findet — für mich die biologische Konstitution des Subjekts: Er bekommt Drogen gespritzt, die etwas mit ihm machen, das ihm essenziell verborgen bleibt. Ob die Forscher wissen, was sie mit ihm tun, erfahren wir im Buch nicht.

    Nun ist die Idee beim Neurofeedback gerade, dem Bewusstsein irgendwelche Gehirnprozesse bewusst zu machen und dadurch nicht auf der psychischen, sondern der Gehirnebene das Gehirn zu verändern. Das Gute daran ist, dass dies meines Erachtens ohne die Zusammenarbeit der Versuchsperson nicht funktioniert. Leider können wir das nicht selbst nachlesen, da die Ergebnisse, auf die sich Birbaumer im Interview beruft, nach seinen eigenen Angaben nicht veröffentlicht sind.

    Ich glaube nicht, dass jemand wirklich versteht, was er mit einem Menschen macht, indem er ihm beibringt, beispielsweise seinen insularen Kortex hoch und herunter zu regulieren; und warum überhaupt diese Region und nicht der ventromediale präfrontale Kortex (vielleicht Damasios Vorliebe)? Oder der superiore temporale Sulcus? Warum nicht die Amygdalae (übrigens Delgados Favorit)? Wer die Literatur zu „moralischen“ und „gefährlichen Gehirnen“ kennt, der weiß, dass man beinahe für das gesamte Gehirn argumentieren könnte (vgl. dazu Kap. 2 und 3 von „Die Neurogesellschaft“).

    Mir gefällt im Wesentlichen diese Versuch-und-Irrtum-Mentalität nicht. Vielleicht hat Gehring wirklich Recht und man interessiert sich für die Verbrecher so sehr, um seine Ideen über das Gehirn am Menschen zu testen. Ich habe jedenfalls Zweifel daran, dass man unter diesen Umständen eine informierte Einwilligung in die Teilnahme an dem Experiment abgeben kann.

    Verbrecher haben in unserer Gesellschaft vielleicht keine starke Lobby aber ich denke, dass sich gerade auch im Umgang mit ihnen unser Verständnis von der Menschenwürde ausdrückt.

  6. Balanisierung der Kriminalität

    Es war ja nur eine Frage der Zeit, bis diese ernsthafte Diskussion balanisiert wird. Gut, dass du eben mit einem Link die ganze Debatte geklärt hast, Balanus, mein deus ex machina:

    Kurz zusammengefasst könnte man sagen: ‚Nature‘ wiegt anscheinend schwerer als ‚Nurture‘.

    Das erspart uns viel Denkarbeit; z.B. uns die viel zitierten Caspi-Daten genauer anzuschauen; uns zu fragen, welche Gene das denn sind und warum man sie noch nicht gefunden hat; oder uns mit der Evidenz zu beschäftigen, auf die sich Wilhelm Heitmeyer, Professor an der Universität Bielfeld und Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung, im Interview in dem Teil über die „Verbrecherpsyche“ beruft: Nämlich die Arbeit von Richard Wilkinson über den weltweiten Zusammenhang zwischen sozialer Gerechtigkeit und Kriminalität (2009, mit Kate Pickett).

    Weißt du, ich habe deine Art der Argumentation schon oft genug erlebt und mich ihr gestellt. Eines ist jedenfalls sicher: Ließen sich wissenschaftliche Probleme so einfach lösen, wie du manchmal tust, wir wären beide arbeitslos. Daraus, dass zumindest einer von uns nicht arbeitslos ist, und dem modus tollens kannst du sogar logisch schlussfolgern, was ich von deiner Problemlösungsstrategie halte. 😉

    Wilkinson, R. G. & Pickett, K. (2009). The Spirit Level: Why More Equal Societies Almost Always Do Better. Allen Lane. Dt. Gleichheit ist Glück. Frankfurt.

  7. @Mortimer

    » Damit kommen wir zu der interessanten Frage, wo denn die Grenze einer vertretbaren Beeinflussung zu ziehen wäre. Ein Gespräch über Moral geht sicher in Ordnung, eine Gehirnwäsche (etwa durch Konditionierung) nicht. Mir fällt es ungeheuer schwer, zu beurteilen, ob eine Resozialisierung (wie auch immer umgesetzt) nicht auch eine Form von Gehirnwäsche ist (wie – wenn man es auf die Spitze treibt – jede Form von Erziehung). «

    Das sehe ich auch so.

    Nicht vertretbar wäre sicherlich, wenn man dabei jemandes Persönlichkeitsrechte verletzt (wie etwa bei einer Zwangs-Gehirnwäsche). Aber letztlich ist auch eine Verhaltenstherapie nichts anderes als eine (milde) Form von Konditionierung.

  8. @Stephan Schleim:

    Obwohl die Belege für eine „Verbrecherumwelt“ also viel stärker sind,…

    Die Vorstellung, dass die Umwelt im Allgemeinen (also statistisch gesehen) einen größeren Einfluss auf die kriminelle Karriere eines Menschen hat als die genetische Veranlagung, hat meines Erachtens einen logischen Fehler. Diese „Verbrecherumwelt“ müsste ja ihrerseits von einer Verbrecherumwelt geprägt worden sein, und diese ebenfalls von einer Verbrecherumwelt und so fort, ad infinitum, bis wir so irgendwann bei den Vormenschen landen, bei denen die Rede von einer „Verbrecherumwelt“ eigentlich keinen Sinn mehr macht.

    Sehe ich hingegen die genetische Veranlagung als den bedeutenderen Faktor an, entsteht dieses logische Problem nicht. Es sei denn, mir ist hier ein Denkfehler unterlaufen.

  9. Evolutionstheorien erklären das nicht

    Erstens bezog ich mich mit dieser Aussage auf die Studie von Caspi und Kollegen im Speziellen. Müsste es dich nicht auch wundern, Balanus, wenn eine empirische Arbeit viel mehr empirische Evidenz für B liefert, sie aber mit Blick auf A interpretiert und dargestellt wird, obwohl sie gar keine unabhängige Evidenz für A liefert, sondern allenfalls für eine A x B Interaktion? (Man kann sich immer noch fragen: Wurde das überhaupt hinreichend repliziert?) Warum machen wir dann noch Wissenschaft, wenn die Ergebnisse so beliebig werden?

    Zweitens führt dein Argument der zeitlichen Abfolge — ich nenne das mal Zeitchauvinismus: Wer zuerst da war, der hat das alleinige und vollständige Recht der Erklärung — im wahrsten Sinne des Wortes ins Leere. Denn wenn wir mal echte Zeitchauvinisten sein wollen, dann bitte richtig und wieso sollten wir erst mit der Entstehung und Entwicklung des Lebens anfangen? Davor gab es schon eine Menge anorganischer Abläufe, ein paar läppische Jahrmilliarden, und davor gab es vielleicht einen Urknall und davor, ja was? Sollen wir vielleicht von Verbrecheratomen oder einem Verbrecherurknall reden? Das eröffnet dann zumindest interessante religiöse Domänen.

    Drittens wissen wir doch längst, dass die mainstream Evolutionstheorien die kulturelle Evolution nicht erklären können. Das Genom von Mensch und Schimpanse ist quasi austauschbar; und keine genischen Variationen können die kulturellen Variationen der letzten 100.000 Jahre erklären. Deine rein genische Theorie des Menschen ist empirisch wie theoretisch gescheitert.

  10. @Stephan Schleim

    ad „Balanisierung“:

    Ich verstehe nicht, wie Du darauf kommst, dass meine kurze Zusammenfassung der von mir gebrachten Links die Denkarbeit erspart, das genaue Gegenteil ist der Fall. Es stellt sich nämlich die Frage, wie die von mir verlinkten Ergebnisse aus der Zwillings- und Adoptivforschung zu erklären sind, wenn der Einfluss der Umwelt tatsächlich überwiegt.

    Dass es einen Zusammenhang zwischen sozialer Gerechtigkeit und Kriminalität gibt, bestreite ich doch gar nicht, wäre doch auch absurd.

    Ad „Studie von Caspi und Kollegen im Speziellen“:

    Ja, Deine Aussage vom Primat der Umwelt bezog sich auf diese Studie, aber mein Eindruck ist, dass Du das auch generell so siehst. Ich werde das Paper (wenn möglich) morgen lesen, mal schauen, ob Deine Kritik berechtigt ist.

    Ad „Zeitchauvinismus“:

    Hast Du mein Argument nun entkräftet oder gar widerlegt?
    Ich sage ja nicht, dass wer zuerst da war, der habe „das alleinige und vollständige Recht der Erklärung“, sondern dass menschliche Kultur zunächst das Ergebnis menschlichen Verhaltens ist, und nicht umgekehrt. Dass in der Folge die Kultur das Verhalten mit beeinflusst, ist unbestritten.

    Ad Schimpansengenom:

    » Das Genom von Mensch und Schimpanse ist quasi austauschbar; und keine genischen Variationen können die kulturellen Variationen der letzten 100.000 Jahre erklären. «

    Hmm… ein menschlicher Zellkern in einer entkernten Schimpanseneizelle… was daraus wohl entstehen würde, wenn sich diese Zygote entwickeln könnte?

    Wenn sich ein Mensch entwickeln würde, wäre dieser vermutlich voll zur Kultur befähigt. Einfach deshalb, weil im Humangenom sozusagen die Instruktionen für die Entwicklung eines menschlichen Gehirns enthalten sind.

  11. Balanisierung, Teil 2

    Du hast hier einen Vortrag von irgendwem zitiert (Name steht nicht dabei, nur ein Uni Hamburg Logo), um zu dem Fazit zu kommen: Die Natur wiege anscheinend schwerer als die Erziehung. (Banalus, 3. Juli, 17:43 Uhr)

    Also schaue ich mir die Vortragsfolien an und sehe z.B. auf S. 1 unten die Zusammenfassung aus Zwillingsforschung, bei der noch nicht mal eine Quelle angegeben ist. Ferner wird dort überhaupt nicht beschrieben, wie „Kriminalität“ operationalisiert ist. Methodische Probleme von Adoptions- und Zwillingsstudien, die beispielsweise mit Verzerrungen bei der Auswahl der Zielfamilien oder der geteilten Umwelt im Mutterleib zusammenhängen, werden auch nicht erwähnt; und so weiter, und so fort.

    Auf S. 3 oben wird dann eine Studie zitiert, in der es heißt: „Quantitative genetic data from our group indicates that antisocial behaviour (AB) is strongly heritable when coupled with psychopathic, callous-unemotional (CU) personality traits.“ (Viding et al., 2010). Okay, denke ich mir, sie haben also die These, dass kriminelles Verhalten (bzw. ist hier jetzt plötzlich von antisozialem die Rede) vererbt wird, nicht allgemein stützen können, sondern nur für eine Untergruppe von Menschen mit hohen CU-Werten. Für alle anderen Menschen stimmt die These von der Erblichkeit also nicht?

    In der Schlussfolgerung dieser Studie, die der anonyme Vortragende sehr emphatisch (mit rot, fett und Unterstreichung) zitiert, heißt es dann: „Our data are in line with the notion that genetic vulnerability to psychopathic tendencies is conferred by multiple genes of small effect size that probabilistically increase the risk for poor behavioural outcome.“ Das beantwortet nicht die Frage — die wissenschaftliche Frage ist, ob die Modellannahme, dass kriminelles Verhalten erblich ist, die Daten besser erklärt als alle anderen Modellannahmen. Die Forscher ziehen aber nur den Schluss, dass ihre Daten mit dieser Modellannahme vereinbar sind („in line“). Das heißt nichts anderes als: Das ist unsere Meinung aber wahrscheinlich gibt es auch hundert andere Erklärungen, die mit diesen Beobachtungen vereinbar sind.

    Def. Balanisierung, die = sich an einer ernsthaften wissenschaftlichen Diskussion beteiligen und dabei ohne Rücksicht auf grundlegende theoretische, konzeptuelle und methodische Probleme ein vorschnelles Fazit ziehen

  12. P.S.

    Die Arbeit von Caspi und Kollegen ist in Science erschienen; es würde mich wundern, wenn du darauf keinen Zugriff hättest.

    Bitte lies sie und solltest du einen Fehler in meiner Argumenation finden, dann würde ich das natürlich gerne erfahren. Das wäre dann auch ein Beitrag zur Entbalanisierung dieser Diskussion. 😉

  13. Der Dativ – stets eine Verlockung

    Nichts für ungut, aber Sie meinten wahrscheinlich: „Wie man Verbrecher das Fürchten lehrt“. Akkusativ, wen oder was etwas lehren.

    Falls es sich aber – denn immerhin hat niemand freundlich darauf hingewiesen – um eine Blüte der neuen Rechtschreibregel handelt, bitte ich es mir nachzusehen.

  14. Condicio-sine-qua-non-Formel

    Erstmal Danke für den ausführlichen und interessanten Artikel!

    Nur wenn man beide Faktoren zusammen berücksichtigt, lässt sich ein Unterschied bei der Gesundheit feststellen. Man sagt dann wissenschaftlich, dass es keinen signifikanten Haupteffekt gibt, sondern nur einen Interaktionseffekt der Variablen Sonnenbestrahlung und Hauttyp mit Gesundheit.

    Der Begriff Interaktionseffekt war mir nicht geläufig, find ihn auch etwas unglücklich, weil er suggeriert, dass ein Effekt den anderen ändern kann oder sein Auftreten bestimmt. Aber kausale Effekte sind das ja eigentlich dann nicht mehr, bestenfalls Korrelationen. In der Physik ist es zumindest geläufig von notwendigen und hinreichenden Bedingungen zu sprechen, und das trifft es hier m.M. sehr gut. Mich wundert auch immer, dass man diese beiden Begriffe in Human und Sozialwissenschaften (wo es meistens multifaktorielle Zusammenhänge sind) nicht liest und man nach einfachen A B Zusammenhängen scheinbar sucht bzw. darüber berichtet
    Das Phänomen des Magnetismus ist z.B. ein typisches Beispiel für dieses Verhalten der Natur, nur unter ganz bestimmten notwendigen Bedingungen bildet ein Festkörper magnetishce Eigenschaften aus. Oder die Anomalie des Wassers, Phasenübergänge in komplexen Systemen allgemein.

    In den Sozialwissenschaften wäre m.M. die soziale Dichte bei vielen Fragestellungen eine notwendige Bedingung. Auch die These des Youth Bulge beruht im Grunde darauf, um Terrorismus zu erklären. Aber der Behaviourist versucht natürlich Verhalten von Personen in der Natur der Person zu finden (Genen). Wenn man nur einen Hammer hat, sieht alles wie ein Nagel aus 😉 Ich fürchte, von diesen Wahrnehmungsfehlern wird man aber nicht so leicht loskommen in den Humanwissenschaften, in der Physik ist es einfach, weil alle Faktoren eben oft in ein paar Gleichungen gepackt werden können und dann experimentell oder in der Simulation geprüft werden. Das geht hier leider nicht, daher lassen sich manche Publibizierende scheinbar zu solchen zu einfahcen Schnellschüssen verleiten. Die Religionssoziologie verfährt ähnlich und versucht aufgrund von Genen soziale Effekte wie Religion abzuleiten, wo sicherlich eine Menge notwendiger Bedinungen mit hineinspielen, die aber nicht genannt, geschweige denn anscheinend richtig gesucht werden. Einfache Zusammenhänge lassen sich eben auch besser publizieren und werden öfter zitiert. Eine Folge des Publish & Perish

    (Wobei ich selbst natürlich ohnehin nicht groß zwischen Natur und Kultur unterscheide, it’s all biology, letzten Endes 😉

    Merkwürdige Ansicht, ebenso könnte man sagen, wir können das Gehirn verstehen, wenn wir nur die Bewegungslgleichungen aller Atome darin lösen und die Entwicklung vorhersagen können. Damit erklärt man eben nichts. Herr Honerkamp hat darüber gerade einen schönen Artikel verfasst. Der Sinn steckt letztendlich im Menschen, im Subjekt, aber nicht im Objekt, das wir untersuchen. Menschliches Verhalten kann man nicht biologistisch untersuchen und verstehen, das war auch der Grund für den Untergang des Behaviourismus vom Menschen als biologische Maschine.

  15. @ Casus: Wemfall geht auch

    Danke für den Hinweis. Ich hatte tatsächlich erst die Form des Wenfalls gewählt aber mich nach langem Überlegen für den Wemfall entschieden. Wahrscheinlich hat mein Niederländisch dabei eine Rolle gespielt, denn hier lehrt man jemandem etwas, beispielsweise die lateinische Sprache (so wie man auch jemandem etwas beibringt).

    Ich habe es eben im DWB nachgeschlagen und es geht beides: lehren, B.10:

    neuerer brauch ist es, statt des persönlichen accusativs (oben no. 4) den dativ zu verwenden … gewöhnlich erscheint der dativ der person zu einem sächlichen object (wo sonst die fügung oben 8 gebräuchlich ist): einem die gottesfurcht lehren, erudire praeceptis ad pietatem. Stieler 1127; einem lateinisch lehren, aliquem latine docere. Steinbach 1, 1039; einem künste und handwerke anfangs lehren, tradere operum atque artium initia. ebenda; ein philosoph glaubt selten die moralischen wahrheiten, die er andern lehrt. Rabener 4, 128; [usw. usf.]

    P.S. Mit „neuerem Brauch“ meinen die Autoren hier übrigens nicht die neue Rechtschreibreform, sondern ab dem siebzehnten Jahrhundert, haha.

  16. @ M. Ruttor: Gemeinsam einander

    Hmm, das ist mir wieder zu unidirektional gedacht. In meinem Beispiel ist es ja nicht so, dass das Sonnenkonsumverhalten den Hauttyp beeinflusst und dieser wiederum die Gesundheit. Nein, beide Faktoren zusammen beeinflussen den dritten, die Gesundheit. Interaktion kann tatsächlich bedeuten, dass beide einander beeinflussen aber es kann auch sein, dass einer der Faktoren wiederum nur mit einem vierten Korreliert, den man noch nicht kennt.

    Über Kausalität sollte man tatsächlich nur mit allergrößter Vorsicht sprechen — ein sehr verführerischer Begriff. Ich bezweifle aber, dass Sie in der Physik mit den notwendigen und hinreichenden Bedingungen sehr weit kommen, denn schließlich haben die Physiker uns die Verwendung der statistischen Methoden doch mit großem Erfolg vorgemacht.

    Zwar gibt es auch probabilistische Kausalitätsbegriffe, doch wie will man noch von notwendigen oder hinreichenden Bedingungen sprechen, wenn ein Faktor oder beide Zusammen einen anderen nur etwas wahrscheinlicher machen? Dass scheint mir weder hinreichend, noch andere notwendige auszuschließen.

    Als Angestellter in einer Abteilung für Theorie und Geschichte der Psychologie scheint es mir aber noch erforderlich, Sie auf einen Irrtum über den Behaviorismus aufzuklären: Für ihn ist es gerade nicht die physiologische Konstitution eines Organismus, die sein Verhalten bestimmt, sondern die Situation! Skinner, Watson usw. wollten die Menschen nicht über physiologische Eingriffe verändern, sondern über Reiz-Reaktion-Konditionierungen, wobei Reize eben nicht Hirnstimulationen waren, sondern Umweltreize (denken Sie z.B. an den Pavlovschen Hund).

  17. @ Casus: und wenn Sie’s einfacher wollen

    Auch im Duden heißt es zur Beugung von „lehren“:

    * jemanden, auch jemandem etwas lehren
    * er lehrt sie, auch ihr das Lesen

    (duden.de)

  18. @Stephan Schleim

    „Wahrscheinlich hat mein Niederländisch dabei eine Rolle gespielt, denn hier lehrt man jemandem etwas, beispielsweise die lateinische Sprache (so wie man auch jemandem etwas beibringt).“

    Das ist interessant. Und es ist sicher nicht „falsch“, im Niederländischen, durch Gebrauch des Dativs, „lehren“ gleichzusetzen mit „beibringen“. „Beibringen“ erscheint ja zunächst als Qualität einer Dressur, während „lehren“ auf folgerichtige Einsicht begründet zu sein für sich in Anspruch nimmt.

    Als sei dieses weniger invasiv als jenes. Nicht wenige Studenten verlassen die Universität als durchaus begabte dressierte Pudelhündchen.
    Der Dativ ist ein zeitloses Kulturmerkmal.

  19. @ Casus

    … während „lehren“ auf folgerichtige Einsicht begründet zu sein für sich in Anspruch nimmt.

    Sind Sie sich sicher? Vielleicht scheint „lehren“ auch nur für sich in Anspruch zu nehmen, auf folgerichtiger Einsicht begründet zu sein.

    Ich kannte mal jemanden, der dachte und schrieb so ähnlich wie Sie; der hätte aber wahrscheinlich auch gesagt, dass nur Personen und nicht Wörter etwas für sich in Anspruch nehmen können.

    Hmm, war ein Philosoph.

    P.S. So mancher, der dem Wenfall eine Lanze bricht, der kennt den Wemfall scheinbar nicht.

  20. @stephan

    Ich stimme zu, dass hinreichend und notwendig auch Grenzen haben was den exp. Nutzen angeht. Die Begriffe stammen ja aus der Logiktheorie und nicht der exp. Datenstatistik. Für Konzeption/Erklärung von Theorien find ich sie aber sprachlich exakter und v.a. weniger irreführend und sie werden in der emp. Sozialforschung auch gelehrt. Der Interaktionsfaktor im Rahmen von multivariaten statist. Verfahren macht natürlich Sinn, um in redundanten Daten per Regressionsanlayse die wichtigen interdependenten Faktoren herauszusieben. Das stell ich nicht in Frage. Die Physik zeigt nur, dass sich in komplexen Systemen die strukturellen systembestimmenden Grössen oft nicht so herausfiltern lassen, als Faktoren eines Polynoms das eine abhängige Grösse beschreiben soll. Man spricht von Ordnungsparametern, krit. Exponenten in der statist. Physik, welche z.B. Phasenübergänge theoretisch erklären. Eine Regressionsanalyse von Variablen macht ja keine Theorie, sie liefert Indizien zum Suchen.

    Um auf Kriminalität zurückzukommen. Michael Moores Bowling for Columbine zeigte ja, dass die Waffendichte in USA wesentlich grösser ist als in anderen Ländern, Waffendichte ist die notwendige Bedingung für Bandenkriege, Ghettoisierung. Erreicht die Waffendichte eine krit. Grösse ähnlich der Temperatur im Magnetismus kommt es zu sprungartigen Systemveränderungen. Ein InteraktionsFAKTOR impliziert mathematisch, dass es kontinuierliche Übergänge und Wechselwirkungen gibt, dass ist m.M. ein konzeptuelles Defizit. Man kann die oft charakt. sprunghaften Änderungen, die typisch sind für komplexe Systeme damit nicht erklären. Waffendichte und soziale Dichte (Wohndichte, Rassendichte…) sind naheliegender Weise notwendige aber nicht für sich hinreichende Bedingungen für soziale Gewaltphänomene. Ob Waffendichte und soziale Dichte in Bezug auf das Ausmass von Gewaltphänomenen interagieren ist sicher eine spannende Frage. Aber in komplexen Systemen ist eine korrel. Abhängigkeit von Grössen andererseits auch meist vorhanden, mir scheint der Informationsgewinn für die Theoriebildung nicht so gross. In der Physik ist es ja deshalb so fruchtbar, nicht nur Objekte und sie beschreibende Variablen, sondern Systeme und Systemgrössen(Energie, Entropie…) zu betrachten. Synonym verhalten sich Systemgrössen wie soziale Dichte, Kriegergene scheint mir da gerade dieser falschen selektiven Wahrnehmung vom Kriminellen als Einzelperson unter Laborbedinungen zu sein die zu kurz greift für eine vollständige Theorie. Dabei fällt mir Harald Welzers (Sozialpyschologe) Buch „Soldaten“ ein, dass aufzeigt, wie selbst Ottonormal im 2 WK zu bestialischen Mordorgien verleitet wurde. Auch hier sind es gruppen-/systemparamter die dieses Verhalten bedingt haben.

    zum Behaviourismus: Stimmt, haben sie Recht. Ich denke aber dieses veraltete behaviouristische Denken spielt in dieses Konzept von Kriegergenen hinein. Der Mensch als Black Box, die konditioniert werden kann, deren Hardware aber nicht veränderbar ist von aussen. Der Interaktionsbegriff impliziert ja gerade, dass Umwelt und Gene interagieren können über z.B. Epigenetik. Die Black Box wird also kontinuierlich umgebaut. Ich denke Forscher die Konzepten von Kriegergenen und Religiösitätgenen anhängen sind dann doch zu reduktionstisch und objektbasiert und vernachlässigen gerade die Unterscheidung in notwendige und hinreichende Bedingungen und Faktoren. Es liegt in der Natur des Mensche von Koinzidenz von zwei Ereignnissen allzu leicht auf Kausalität zu schliessen. Wir unterliegen da oft unserer eigenen operativen Konditionierbarkeit 🙂

  21. @ M. Ruttor

    Ich hätte vielleicht ein paar andere Begriffe gewählt aber im Wesentlichen stimme ich Ihnen zu. 🙂

    Ja, was den Behaviorismus mit neueren, biologischen Sichtweisen verknüpft, ist tatsächlich die Idee der Machbarkeit des gewünschten Verhaltens — nur setzte der Behaviorist eben an der externen Konditionierung an, der Neurokrimonologe am Gehirn.

  22. @Stephan Schleim

    Ich habe das Caspi-Paper mittlerweile gelesen und kann bestätigen, dass Du alles korrekt wiedergibst ;-).

    Dennoch kann ich Deinen Einwand gegen die Sendung nur zum Teil nachvollziehen.

    Die Frage (Deutschlandfunk und Caspi-Studie) war ja, warum erfahrene Gewalt nicht bei allen Kindern zu Verhaltensstörungen (wie etwa Kriminalität) im Erwachsenenalter führt. Und hier hat man nun in der Studie einen Zusammenhang mit der MAOA-Aktivität gefunden.

    Anderes wurde in der Radiosendung im Grunde doch auch nicht behauptet. Aber es stimmt schon, man hätte hier und da präziser formulieren können, damit ganz deutlich wird, dass es bei dem MAOA-Effekt nur um die unterschiedliche weitere Entwicklung misshandelter Jungen geht. Begriffe wie „Krieger-Gene“ sind da kaum hilfreich.

    Das mit der (statistischen) Interaktion (Sonne, Hauttyp, Gesundheit) hast Du übrigens schön erklärt.

    In Deinem Haut-Beispiel hängt — bei andauernd hoher Sonnenexposition — die Hautgesundheit vom Genotyp ab. Oder anders formuliert: Wie die Haut auf die Umwelt (UV-Strahlung) reagiert, bestimmen letztlich die Gene (in diesem Falle über den Grad der Pigmentierung).

    Ganz ähnlich ist es offenbar auch bei den Folgen von Misshandlungen: Wie sich das kindliche Gehirn nach Misshandlungen weiterentwickelt, hängt (unter anderem) letztlich von der Aktivität bestimmter Gene ab (in diesem Falle also die MAOA-Produktion).

    Man kann es drehen und wenden wie man will, der Genotyp bestimmt den Phänotyp, und der Phänotyp interagiert mit, oder besser: reagiert gemäß seinen Eigenschaften und Fähigkeiten auf die gegebene Umwelt. Nicht umsonst dauert es rund zwanzig Jahre, bis alle gröberen Strukturen des Gehirns ausgereift sind.

    Noch kurz eine Anmerkung zum Uni-Hamburg-Vortrag:

    Du hast hier einen Vortrag von irgendwem zitiert (Name steht nicht dabei, nur ein Uni Hamburg Logo), um zu dem Fazit zu kommen: Die Natur wiege anscheinend schwerer als die Erziehung.

    Nein, ich habe nur die im Vortrag zitierten Tabellen zusammengefasst. Dass keine ordentlichen Quellenangaben geliefert wurden, ist natürlich unverzeihlich, und fast hätte ich dieses PDF auch nicht verlinkt.

    Deine berechtigten methodischen Einwände gelten natürlich auch, wenn die Ergebnisse solcher Studien für eine Dominanz der Umwelt sprechen. Einen umfassenden Überblick über diesbezügliche Zwillings- und Adoptivstudien (vor 2002) liefert die Meta-Analyse von Soo Hyun Rhee und Irwin D. Waldman im Psychological Bulletin 2002, Vol. 128, 490-529, aber die kennst Du ja sicherlich.

    Für interessierte Mitleser, hier das Abstract:

    A meta-analysis of 51 twin and adoption studies was conducted to estimate the magnitude of genetic and environmental influences on antisocial behavior. The best fitting model included moderate proportions of variance due to additive genetic influences (.32), nonadditive genetic influences (.09), shared environmental influences (.16), and nonshared environmental influences (.43). The magnitude of familial influences (i.e., both genetic and shared environmental influences) was lower in parent– offspring adoption studies than in both twin studies and sibling adoption studies. Operationalization, assessment method, zygosity determination method, and age were significant moderators of the magnitude of genetic and environmental influences on antisocial behavior, but there were no significant differences in the magnitude of genetic and environmental influences for males and females.

  23. @ Balanus: subtile Selektivität

    Danke für die Information. Im Prinzip kann ich vielem zustimmen; und da, wo es nicht der Fall ist, könnte ich mich nur wiederholen und darauf habe ich jetzt keine Lust.

    Dennoch eine kleine Analyse der Sprache und Schlussfolgerung des Dr. Balanus:

    Wie sich das kindliche Gehirn nach Misshandlungen weiterentwickelt, hängt (unter anderem) letztlich von der Aktivität bestimmter Gene ab … Man kann es drehen und wenden wie man will, der Genotyp bestimmt den Phänotyp …

    Davon abgesehen, dass hier die epigenitische Regulation vergessen hast, ist das schon ein interessanter Schritt: Daraus, dass die Entwicklung unter anderem von Genen abhängt, ziehst du den Schluss, dass der Genotyp (und zwar nicht nur „unter anderem“) den Phänotyp bestimmt.

    Das ist nicht nur logisch falsch, sondern verrät meines Erachtens deine Voreingenommenheit zur Rolle der Gene, die sich hier schon mehrmals in der Diskussion geäußert hat. Sorry. 😉

  24. Unter anderem

    @Stephan

    » Das ist nicht nur logisch falsch, …«

    Ach wo, das passt schon.

    Bei der Hirnentwicklung hängt die Genaktivität natürlich stark vom sensorischen Input ab. Deshalb passt hier das eingeschobene „unter anderem“ ganz gut. Beim Merkspruch: „Der Genotyp bestimmt den Phänotyp“ ist dieser Einschub aber entbehrlich. „Der Genotyp bestimmt ‚unter anderem‘ den Phänotyp“ geht schon mal gar nicht, und „Unter anderem bestimmt der Genotyp den Phänotyp“ klingt nicht besonders gut.

    » ….sondern verrät meines Erachtens deine Voreingenommenheit zur Rolle der Gene, die sich hier schon mehrmals in der Diskussion geäußert hat. Sorry. 😉 «

    Nun ja, man wird ja auch ständig in seiner Voreingenommenheit bestärkt. Das fängt mit den gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln an, geht mit der Präimplantationsdiagnostik (Gentest an Embryonen) weiter und endet heute mit der Meldung von der Entdeckung des „Angst-Gens“ 😉

  25. alte Fronten

    Vielen Dank für die anschauliche Erklärung einer Interaktion und die Kritik an Roth, Singer & Co. Schade nur, dass das Pendel durch das Gehring-Zitat und die Mutmaßung, einige Neurowissenschaftler plädierten für die lebenslange Verwahrung von Schwerverbrechern, um besser über interessante Forschungsobjekte verfügen zu können, ins andere Extrem ausschlägt. Angesichts Ihres sonst so angenehm zurückgenommenen Tonfalls überrascht mich das. Ich hatte gehofft, die Debatte käme allmählich weg von solchen ritual- und reflexhaften Verdächtigungen.

  26. @ Kamphuis: missverstanden

    Wie kommen Sie zu dieser Schlussfolgerung der Thesen im Text?

    …einige Neurowissenschaftler plädierten für die lebenslange Verwahrung von Schwerverbrechern, um besser über interessante Forschungsobjekte verfügen zu können…

    Meines Wissens steht das nirgends, auch nicht zwischen den Zeilen. Der zitierte Abschnitt von Gehring besagt etwas anderes, nämlich dass manche Hirnforscher vielleicht deshalb so ein großes Interesse an Schwerverbrechern haben, um an diesen ihre Ideen testen zu können.

    Ihre Idee mit der lebenslangen Verwahrung passt auch nicht zum Beispiel, denn laut der Darstellung Birbaumers im Radio handelt es sich um „normale“ Gefangene in einer JVA, die ihre Strafe absitzen, nicht um „gefährliche“ Menschen in einer Sicherungsverwahrung.

  27. @Schleim unbefristete Verwahrung

    Lieber Herr Schleim,
    ich zitiere aus Ihren Zitat:

    „… Plädoyer für eine Strafvollzugsreform zugunsten von Hirndiagnostik und unbefristeter Verwahrung. Sollte es die Forschung am Menschen sein, für die man die Verbrecher haben will? (Gehring, 2004)“

    Es war sicher unpräzise von mir, statt unbefristet lebenslang zu schreiben. Aber ich glaube nicht, dass ich bei Gehring eine Unterstellung hineinlese, die da nicht ist. Forscher wie Roth oder Singer lassen sich fundiert kritisieren, ohne ihnen zutiefst unlautere Motive zuzuschreiben. Eine solche Unterstellung verhindert m. E. jede zivilisierte Auseinandersetzung.

  28. @ Kamphuis: Griff der Forensik

    Nachdem ich den Abschnitt in Frau Gehrings Aufsatz noch einige Male gelesen habe, glaube ich eine Ahnung zu haben, warum Sie ihn so verstehen.

    In Ihrem Kommentar vom 11.07. stellten Sie einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Wunsch zur Forschung am Menschen und lebenslanger Verwahrung her. Sie schreiben ja selbst, dass „unbefristet“ nicht gleich „lebenslang“ ist. Unabhängig von diesem semantischen Punkt denke ich aber, dass Sie den letzten Satz zu eng lesen, wenn Sie ihn nur auf den Aspekt der Verwahrung beziehen, wie Sie es in dem Kommentar taten.

    Meines Erachtens geht es doch um die allgemeine Frage, warum sich manche Hirnforscher so intensiv in die strafrechtsdogmatische Diskussion einschalten — Beispiele dafür sind eben Gehirndiagnostik und Sicherungsverwahrung, denn wenn niemand mehr schuldig sei, dann könne man ja nur noch gefährliche Menschen (die anhand ihrer Gehirnaktivierung und/oder -struktur zu identifizieren seien) wegschließen. So habe ich jedenfalls den Abschnitt gelesen.

    Als Antwort auf diese Frage stellt Frau Gehring meines Erachtens die (rhetorische?) Frage in den Raum, ob es die Forschung am Menschen ist, die Straftäter (neben Kranken) so attraktiv für manche Hirnforscher macht.

    Das Thema ist sehr komplex und beinhaltet u.a. die schwierige Frage, wo Verbrechen aufhört und Krankheit anfängt. Ich könnte mir vorstellen, dass es vielleicht auch eine Deutungsmacht und normative Autorität ist, die Straftaten für manche Forensiker so attraktiv macht. Lese ich beispielsweise die Texte Hans Markowitschs, dann bekomme ich den Eindruck, dass er in Wirklichkeit der Richter ist und in dieser Richtung, dass Psychiater/Forensiker einmal Richter ersetzen könnten, hat er sich ja bereits öffentlich geäußert.

    Selbst wenn Frau Gehring mit ihrer Befürchtung zu weit ginge, bliebe doch die Frage im Raum stehen: Warum sind Straftäter für manche Hirnforscher so interessant? Wissen Sie dafür eine bessere Antwort?

    Natürlich kann man auch ein positiveres Bild zeichnen und sagen, diese Forscher wollen eben der Gesellschaft helfen — den möglichen Opfern ebenso wie den Tätern (die oft ja auch ihr eigenes Leben ruinieren).

    Um die gute Seite plausibler zu finden, bräuchte ich aber zum einen eine ausgeprägtere Bewusstheit ihrer eigenen Geschichte und früheren Fehlgänge Seitens der neuen Neuroforensiker, und zum anderen eine solidere theoretische Basis; und die sehe ich bei der im Radio dargestellten Forschung nicht, genauso wenig wie bei Kent Kiehl oder Adrian Raine, den wohl führenden Neuroforensikern aus den USA.

  29. Grammatik

    „Wie man Verbrechern das Fürchten lehrt“ ist falsch, es heißt „Verbrecher“! Genitiv!! Und das in einer Zeitschrift die sich Gehirn & Geist nennt… 😀

  30. @ K.P.: Nachhilfe

    Erstens ist dies hier nicht Gehirn&Geist, sondern mein von der Spektrum-Redaktion nicht betreuter Blog „Menschen-Bilder“, und zweitens kann „lehren“ sowohl mit einem Objekt im Wemfall als auch mit einem Objekt im Wenfall verbunden werden.

    Entsprechendes finden Sie in einem guten Wörterbuch; Sie können aber einfach hier nach „Casus“ suchen und dann auf meine Diskussion mit gleichnamigem Leser stoßen, in der dazu alles schon gesagt ist.

  31. Tellerrand

    Ich halte die ganze Krieger-Gen Diskussion für problematisch, weil sie zu einfach gestrickt ist.
    Man findet ein bestimmtes Gen in einer bestimmten Gewaltproblematik und schon werden Schlussfolgerungen hergestellt.

    Es lohnt sich daher, mal über den Tellerrand zu blicken.
    Unser Immunsystem ist eigentlich eine gute Einrichtung – sollte man meinen -, weil es hilft, unser Überleben zu sichern.
    Aber bei Menschen, wo es zu wenig zu tun hat, richtet es seine Aktivität gegen den eigenen Körper (Autoimmunerkrankungen, Allergien).
    D.h. hier sind es die äußeren Umstände, durch welche das Immunsystem plötzlich lebensbedrohend wird.

  32. Strickmuster /@KRichard

    » Ich halte die ganze Krieger-Gen Diskussion für problematisch, weil sie zu einfach gestrickt ist. «

    Das trifft vielleicht auf die „Krieger-Gen Diskussion“ zu, aber sicher nicht auf die Diskussion um Gene, die bei (krankhaften) Ängsten eine Rolle spielen dürften:

    Deutsche Wissenschaftler haben eines der Hauptgene ausfindig gemacht, die beim Menschen die Anfälligkeit für Ängste steuern. „Wir haben jetzt ein Gen gefunden, das ausgesprochen spannend ist, weil es sowohl bei Tieren als auch bei Menschen für Angst eine Rolle zu spielen scheint“, sagte die Psychiaterin Katharina Domschke, Professorin am Universitätsklinikum Münster (UKM). Zwar gehe die Forschung von insgesamt 30 bis 100 Genen aus, die zusammenspielen müssen, um das genetische Risiko zu bedingen. „Aber dieses scheint eines der Gene zu sein, die eine wesentliche Rolle spielen.“

    Quelle: http://www.ftd.de/wissen/leben/:nerven-botenstoffe-wissenschaftler-entdecken-angst-gen/60073303.html

  33. @ Banalus

    Gähn, Meldungen wie diese gibt es doch seit Jahrzehnten. Würdest du bitte mal die Effektstärke nachschlagen? Ist dir nicht das PR-Sprech aufgefallen, „eine Rolle zu spielen scheint“? So bewerben Pharmafirmen ihre Medikamente.

  34. @Stephan Schleim

    » Gähn,… «

    Na, schönes Nickerchen gemacht? Warst beim Schreiben wohl noch nicht ganz wach 😉

    Mag ja sein, dass Prof. Dr. Dr. Katharina Domschke in Münster banale Angst-Gen-Forschung betreibt. Aber „simple gestrickt“ (KRichard) scheint mir die Vorstellung, dass bis zu 100 Gene bei der pathologischen Angst ein Rolle spielen könnten, nicht zu sein. Ich finde ja schon das Zusammenspiel von nur einer Handvoll Gene reichlich kompliziert…

  35. @ Balanus: Welche neue Erkenntnis?

    Ich saß heute in einem Park in Utrecht und las ein Stück aus den 1970er Jahren über die Möglichkeit einer (natur)wissenschaftlichen Psychiatrie; schon darin stand, dass es genetisch-molekulär wahrscheinlich komplexer ist, als sich manche das vorstellen.

    Also doch wieder gähnen. Gute Nacht!

    P.S. Und wissenschaftstheoretisch: Ohne Angaben von Effektgrößen oder kausalen Pfaden sind solche Statements wirklich nicht mehr als PR-Arbeit.

  36. Neue Erkenntnis? @Stephan Schleim

    Wer redet denn von neuen Erkenntnissen? Ich habe ‚KRichard‘ lediglich darauf hingewiesen, dass es Genforschung gibt, die – nach meinem Dafürhalten – wohl nicht so „simple gestrickt“ ist, wie von der Krieger-Gen-Forschung behauptet. That’s all.

    (Was es mit der Pressemeldung auf sich hat, spielt in diesem Zusammenhang doch gar keine Rolle. Wenn wir die Forschungsarbeit dieser Arbeitsgruppen beurteilen wollen, müssen wir deren Papers lesen. Wobei ich mir gar mal nicht anmaße, das wirklich beurteilen zu können (sofern nicht ganz offensichtliche und grundlegende Mängel erkennbar sind).

    (Was den PR-Vorwurf betrifft: Auf dem Gebiet hast Du mit Sicherheit mehr Erfahrung als ich … 😉

  37. EineKausalität oder Henne-Ei-Prinzip

    Balanus o5.07.2011 schrieb:
    „Man kann es drehen und wenden wie man will, der Genotyp bestimmt den Phänotyp, und der Phänotyp interagiert mit, oder besser: reagiert gemäß seinen Eigenschaften und Fähigkeiten auf die gegebene Umwelt. Nicht umsonst dauert es rund zwanzig Jahre, bis alle gröberen Strukturen des Gehirns ausgereift sind. „
    Wie ich von anderen Ihren Äußerungen verstanden habe, sehen Sie in einem Phänotyp eine vorbestimmte Entwicklung des genetischen Erbguts, das auf dessen Grundlage reagiert auf die Umwelteinflüsse. Die Reife des Gehirns sehen Sie in der Entwicklung der Schaltkreise des Gehirns, nicht in der Bildung des Phänotyps, da er – nach Ihnen – schon vorgegeben ist?
    Ich frage es, weil das Zitat auch anders interpretiert werden kann. Ein Genotyp bestimmt den Phänotyp wie eine vererbte Sprache. Was mit dieser Sprache ausgedruckt wird, wird es in dem Verlauf individueller Entwicklung entschieden und zwar durch Interaktionen mit der Umwelt. Daher brauchen wir diese 20 Jahren, damit „die Redewendungen“, die öfter benutz werden, werden automatisiert, um uns weitere intellektuelle Entwicklung erleichtern. Diese Automatisierung bedeutet, dass es in epigenetischen Veränderungen festgehalten wird.
    Ich könnte mir vorstellen, dass eine Veranlagung für einen bestimmten epigenetischen Verlauf vererbbar sein könnte, wie etwa die Veranlagung zur bestimmten Krankheiten. Die gleiche Veranlagung kann zur verschieden Resultaten führen. Z.B. ein Mensch, der Adrenalin-Ausschüttung genießt (nehmen wir an, es ist eine genetische Veranlagung), kann ein Extrem-sportler, ein Testpilot werden oder er kann seine Sucht durch kriminelle Handlungen befriedi-gen. Auch hier, wie mit der Krankheit, hängt es von der Umwelt ab.
    Es müsste nicht auf negative Bewertung einer Veranlagung führen. Auch eine Veranlagung für bestimmte Krankheiten bedeutet nicht zwangsläufig „schlecht“. So sterben die Menschen mit Familiäre Hypercholesterinämie im Durchschnitt etwas früher als andere Menschen (Udo Pollmer), doch bis zum Anfang des 20. Jh., der mit der verstärkten Einzug der Hygiene ein-herging, lebten sie länger, weil höher Cholesterin von der Infektionen schützt

    Ich hoffe, Sie werden mir verzeihen für mein fehlerhaftes Deutsch. Es sit nicht meine Muttersprache.

  38. @ Irena Pottel

    » Die Reife des Gehirns sehen Sie in der Entwicklung der Schaltkreise des Gehirns, nicht in der Bildung des Phänotyps, da er – nach Ihnen – schon vorgegeben ist? «

    Bei der (gengesteuerten) Reifung des Gehirns geht es primär um Verbindungen zwischen verschiedenen Bereichen (für Details müsste ich jetzt nachschauen) und nicht um feinstrukturelle (synaptische) Veränderungen von „Schaltkreisen“, wie sie durch Lernprozesse entstehen.

    Gene „steuern“ das Erwachsenwerden. Dass während dessen auch gelernt wird, ist offensichtlich. Die beim Lernen entstehenden synaptischen Verbindungen (Schaltkreise) sind wohl das, was Sie „epigenetische Veränderungen“ nennen. Aber ohne Genaktivierung bilden sich auch keine neuen Synapsen. Epigenetische Prozesse sorgen dafür, dass nur jene Gene aktiviert werden können, die lokal gebraucht werden.

  39. @Balanus Epigenetik

    Nein, epigenetische Veränderungen betreffen eben die Gene. Väterliche und mütterli-che Generbe ist „die Sprache“ – „ein Wortschatz“. Die Bildung der Bedeutungstra-genden Sätze erfolgt durch das Ausschalten(!) bestimmte Gensequenzen. Dies be-stimmt die Funktionalität der einzelnen Zelle. Da gibt es viele Ebenen der Ausschal-tung. Z.B. die, die bestimmen das Gewebetyp sind die fundamentalen. Sie einmal ent-standen, lassen sich nicht ohne weiteres zurückmachen. Andere aber funktionieren wie die Tasten des Piano. In einer W-Wirkung mit der nächsten zellularen Umwelt werden einige aktiviert, andere wieder ausgeschaltet.
    Was ich meine in Bezug auf das Gehirn, dass ,wenn in Kindheit jemand öfter die glei-chen Einflüssen ausgesetzt würde, z.B. einer Gewalt, die Biochemie des Neurons er-kennt ein Muster, das dem Kind dieser Erfahrung überhaupt überstehen hilft (z.B. den Hass) und macht es zu ihren fundamentalen „Wortschätzen“. Dann genug schon klei-nere Wirkung, dass der Mechanismus (bestimmte Neurotransmitter) ausgelöst wird. Es ist die epigenetische Entwicklung, die in anderer Umwelt anders gelaufen wurde.
    Da ich keine Biologin bin, frage ich auch, was meinen die Wissenschaftler, wenn sie über die Auffälligkeit in Gene berichten. Meinen sie gesamten Erbgut, also einen Wortschatz? Ich denke, es geht schon um die fertige, differenzierte Zellen des Er-wachsenen. Daher ist es für mich eigentlich logisch, dass die soziokulturellen Wirkung spiegelt sich in (epi)genetischen Veränderungen.
    „ Epigenetische Prozesse sorgen dafür, dass nur jene Gene aktiviert werden können, die lokal gebraucht werden.“ Na ja, ich denke hier logisch wäre zu sagen, dass epigenetische Prozesse sind Prozesse, in denen jene Gene aktiviert werden, die lokal gebraucht werden. Sie sorgen nicht dafür, sie sind es. Sorgt dafür eine Koordination zwischen dem Erhaltungstrieb einer Zelle, die in einer bestimmten Umwelt sich be-findet, und dem Erhaltungstrieb des Individuums (sein Mentales), der in einem be-stimmten Umwelt sich befindet.
    Ich möchte hier auch aufmerksam machen, dass ein speiegelähnliches Mechanismus betrifft das Gehirn. Man wird geboren mit einem „Wortschatz“, einer ungeheure Men-ge der Verbindungen. Sie werden – mit der Entwicklung des Mentalen (ich meide die Begriffe wie Bewusstsein oder Geist) – aufgelöst und nur weniger, wenn überhaupt entstehen neu.

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